BMCR 2022.02.35

I prefetti dell’annona da Augusto a Costantino

, I prefetti dell’annona da Augusto a Costantino. Collection de l'École française de Rome, 577. Rome: École française de Rome, 2020. Pp. 155. ISBN 9782728314584 €25,00.

Open access

Mit der Monographie über die praefecti annonae verfolgt Maria Letizia Caldelli (Sapienza Università di Roma) eine besondere Agenda: Im Jahr 1976 erschien die große Studie zur Verwaltung der Annona aus der Feder der französischen Althistorikerin Henriette Pavis d’Escurac.[1] Das Werk stellt noch heute eine wichtige Referenz und den Ausgangspunkt für eine jede Beschäftigung mit der Entwicklung der Lebensmittelversorgung Roms dar, wenngleich mehrere spätere Arbeiten das Thema aufgegriffen und fortgeführt haben.[2] Die von Pavis d’Escurac erarbeitete Prosopographie der bekannten Funktionsträger der Annona war allerdings nach so langer Zeit überarbeitungsbedürftig. Genau dieser Aufgabe der Aktualisierung stellt sich Caldelli, indem sie neue Fasten der praefecti annonae vorlegt.[3]

Caldellis Buch gehört also thematisch in den weiteren Bereich der Annona-Administration, ist aber rein prosopographisch ausgerichtet. Es ist außerdem von vornherein nicht als eine autonome Studie konzipiert, denn es soll die Prosopographie von Pavis d’Escurac nicht ganz ersetzen. Es kann vielleicht besser als ein teils zusammenfassendes, teils ergänzendes Nachschlagewerk verstanden werden – zu konsultieren am besten in Verbund mit seinem Vorgänger. Das ältere Werk ist als Grundlage entsprechend stets präsent: Wie schon Pavis d’Escurac entschied sich auch Caldelli für den zeitlichen Rahmen von Augustus bis Konstantin; neu entdeckte Funktionsträger werden mit *, eine alternative Datierung der Amtszeit mit ** gekennzeichnet. Die Abhängigkeit zeigt sich auch darin, dass unverändert übernommene Schlussfolgerungen nicht noch einmal wiederholt oder erneut diskutiert werden. Eine Neuerung stellt allerdings der Umstand dar, dass Caldelli zumindest die Quellen, die für die Datierung respektive Einordnung der Amtszeit relevant sind, jeweils in Wortlaut zitiert. Ja, überhaupt werden die Quellen nun geordnet aufgelistet, wo sie vorher nur als Belege in den Fußnoten der Diskussion einer Laufbahn angegeben wurden. Die Forschungsliteratur erscheint aktualisiert, dabei werden die schon von Pavis’Escurac genutzten Werke übernommen, wenn sie unmittelbar prosopographischen Charakter haben. Anzumerken ist ebenfalls, dass sich Caldelli ausschließlich auf die praefecti konzentriert, während weiteres Personal rund um die Annona, das in den Anhängen von Pavis d’Escurac aufgelistet wird, hier kaum Berücksichtigung erfährt. Eine kleine Ausnahme bildet die Tab. I auf S. 10, in der die bekannten adiutores praefecti annonae aktualisiert werden.

Neu und benutzerfreundlich ist sicher das Layout der Studie: Insgesamt führen die Fasten 48 (durchnummerierte) Amtsträger auf, jeder Eintrag teilt sich in die eigentlichen testimonia (im Wortlaut), weitere Quellen zur Person, die Bibliographie und Bemerkungen zur Herkunft, Amtszeit und Karriere auf. Es folgen eine alphabetische Auflistung der praefecti (nach Gentiliz geordnet), eine Liste mit ausgeschlossenen praefecti(inklusive Erläuterungen), die tabellarische Visualisierung der Fasten und eine ebenfalls tabellarische Gegenüberstellung der alten und der neuen Fasten. Zwischen den letzten beiden wichtigen Tabellen (Appendix A und B) ist eine Zusammenfassung eingefügt; dort finden sich Bemerkungen zum aktuellen Wissensstand, der Bezeichnung des Amtes, der Titulatur, der Amtsdauer, der Herkunft der Inhaber, der Position im Karriereverlauf sowie zum Sitz und Aktionsradius der praefecti. Die Studie schließt mit einer Bibliographie, einem Namen- und Quellenregister.

Das neue Erscheinungsbild und die gut sortierten Tabellen vereinfachen die Nutzung der Amtsfasten sicherlich, wichtiger jedoch erscheint die Frage, was an ihnen inhaltlich neu und anders ist.

Caldelli fügt erstens insgesamt 7 Personen in die bestehende Liste ein:
– C. Valerius Paullinus (Nr. 6), nach 70–vor 73/74
– C. Poppaeus Sabinianus (Nr. 10), 82/83–?
– T. Statilius Optatus (Nr. 16), hadrianisch
– Sex. Tigidius Perennis (Nr. 24), 177
– [— Ae]lius vel [— Iu]lius Iulia[nus] (Nr. 29), Ende des 2. / Anfang des 3. Jh.
– Anonymus 1 EDR081535 (Nr. 34), unter Macrinus oder Elagabal
– Anonymus 3 in EDR111448/EDR111449 (Nr. 39), Mitte / 2. Hälfte des 3. Jh.

Die Ergänzungen der Fasten sind dabei unterschiedlich zu bewerten. Während inschriftliche Funde die Amtszeit des C. Valerius Paullinus (EDR105751) und des C. Poppaeus Sabinianus (EDR031449) klar bezeugen, wurden T. Statilius Optatus und Sex. Tigidius Perennis vielmehr von Pavis d’Escurac aufgrund unsicherer Quellenlage ausgeschlossen und erscheinen nun gewissermaßen wiedereingefügt. Von den drei Präfekten mit unbekannten und unsicheren Namen ist immerhin bei Nr. 34 die Amtsangabe praef. ann. in EDR081535 deutlich zu lesen; bei Nr. 29 beruht sie auf einer einleuchtenden Ergänzung von Giuseppe Camodeca[4]; bei Nr. 39 ist die Bezeichnung komplett ergänzt.

Gleich fünfzehn behauptete Präfekten werden wiederum von Caldelli aus der Liste ausgeschlossen, darunter allerdings nur vier, die Pavis d’Escurac in den alten Fasten als Amtsträger vermutete. Die Gründe für die Ausschlüsse sind unterschiedlich gelagert und werden in drei Gruppen gebündelt: Die Zuweisung des Amtes an Flavius Arabianus (E1) durch HA v. Aurel. 47,2-4 wird als Fälschung verworfen; bei T. Furius Victorinus (E2) und [Cae]cina Largus (E3) wird die Evidenz als zu unsicher beurteilt. Die meisten Ausschlüsse erklären sich jedoch dadurch, dass Caldelli nicht glaubt, ein praefectus Aegypti sei fast zwingend zuvor praefectus annonaegewesen. Hier wendet sich die Autorin gegen die Annahme von Andreina Magioncalda.[5]  Die Reihenfolge praefectus annonae – praefectus Aegypti kam zwar im ersten und zweiten Jahrhundert häufig vor, wie die Fasten zeigen, doch ist Caldellis vorsichtige Haltung gegenüber solchen Automatismen, wenn keine weitere Evidenz vorliegt, verständlich.

Drittens identifiziert Caldelli den Anonymus in EDR074243 und EDR074244 mit Q. Marcius Dioga (hier: 213? –215, Nr. 33), wobei sie einem Vorschlag von Michel Christol folgt.[6] Auf diese Weise werden aus den 46 Amtsträgern in den alten Fasten 48 praefecti in den neuen Fasten.

Viertens gibt es in den Fasten einige Präzisierungen und Änderungen hinsichtlich der Datierung der Amtszeit, auf die hier nur exemplarisch verwiesen werden kann. Die Korrekturen sind dabei meist geringfügig, wenngleich dennoch wichtig. Zu den größeren Abweichungen gehört Q. Baienus Blassianus (Nr. 23), dessen Amtszeit nun auf 166–167 (statt: „Antérieurement à 133“) datiert werden kann, da ihn P. Berl. 16036 = SB XIV 11374 im Februar 168 als praefectus Aegypti ausweist, die Amtszeit seines dortigen Vorgängers aber aufgrund einer Neulesung von P.Oxy. 2413[7] bis 167 dauerte. Parallel dazu kann die Ehrung des Blassianus aus Ostia (in der er ebenfalls schon als praefectus Aegypti bezeichnet wird) durch das collegium der fabri tignuarii in EDR110159 zwischen 164/5–168/9 datiert werden. Deutlich präziser kann außerdem die Amtszeit des Hostilius Antipater in die Jahre 288–293 eingeordnet werden (statt: „Dans la période 268–328, peut-être sous l’Empereur Maximien?“), da eine ihn als praefectus annonae bezeugende Inschrift (EDR106401) die tribunicia potestas Diokletians nennt und dabei eine Zahl zwischen V und VIIII angibt. Nicht alle Veränderungen werden dabei wie angekündigt gekennzeichnet. So wird aus dem „… ATUS / Règne d’Elagabal“ T. Messius Extricatus (Nr. 32), praefectus annonae im Jahr 210, ohne dass die doch erhebliche Änderung mit ** sichtbar gemacht wird.[8]

Durch die Korrekturen (klein wie groß) kommt es insgesamt auch zu Verschiebungen innerhalb der Reihenfolge. Am stärksten fällt es für die neronische bis domitianische Zeit auf, wo die Reihenfolge der Präfekten für die Jahre 62–88 nun lautet: Claudius Athenodorus (Nr. 4) – Arrius Varus (Nr. 5) – C. Valerius Paullinus (Nr. 6) – L. Iulius Ursus (Nr. 7) – C. Tettius Africanus Cassianus Priscus (Nr. 8) – L. Laberius Maximus (Nr. 9) – C. Poppaeus Sabinianus (Nr. 10) – M. Mettius Rufus (Nr. 11), während Pavis d’Escurac noch von der Reihenfolge (die Nummern folgen Caldellis Zählung): Arrius Varus (Nr. 5) – C. Tettius Africanus Cassianus Priscus (Nr. 8) – L. Laberius Maximus (Nr. 9) – L. Iulius Ursus (Nr. 7) – M. Mettius Rufus (Nr. 11) – Claudius Athenodorus (Nr. 4), ausging.

In der Zusammenfassung stellt Caldelli selbst fest, dass das Corpus im Vergleich zu unserem Wissensstand über die praefecti Aegypti oder praetorio immer noch eingeschränkt sei. Das aktuell sicher Bekannte ist entsprechend schnell zusammengefasst: Was die Herkunft anbelangt, sei Italien die stärkste Region, gefolgt von Africa, Narbonensis, Baetica und dem hellenistischen Osten (hier ist es wichtig, dass Pavis d’Escurac noch 7 Präfekten aus dem Osten vermutete, während er durch die Ausschlüsse als Herkunftsregion deutlich an Bedeutung verliert). Die Fasten blieben hinsichtlich der Anzahl der Amtsträger und ihrer Karrieren lückenhaft. Erst mit C. Minicius Italus (Nr. 12) unter Traian sei die Laufbahn eines praefectus annonae vollständig rekonstruierbar. Aus den bekannten Fakten lasse sich kein allgemeintypischer Verlauf, der auf die Präfektur hinführen würde, feststellen. Vorsichtig formuliert Caldelli, dass die Posten vor der Annona-Präfektur einen eher finanziellen und juristischen denn militärischen Einschlag gehabt zu haben scheinen. Generell stimmt sie aber Robert Sablayrolles[9] zu, dass Faktoren wie Herkunft, Familie etc. immer wichtig blieben, jedoch auch Kompetenz bei der Wahl des Amtsträgers eine Rolle gespielt habe. Nach der Präfektur sei es relativ üblich gewesen, noch weitere hohe ritterliche Präfekturen zu bekleiden; bis in die severische Zeit habe sich meist die Statthalterschaft in Ägypten und/oder manchmal noch die Prätorianerpräfektur angeschlossen, einmal die Vigilenpräfektur (Q. Marcius Dioga, Nr. 33). Die Reihenfolge praefectus annonae – praefectus Aegypti lasse sich jedoch ab der spätseverischen Zeit nicht mehr nachweisen. Hier sieht Caldelli einen Grund darin, dass die Bedeutung Ägyptens für die Versorgung Roms gegenüber anderen Regionen wie Africa abgenommen habe, wie bereits Elio Lo Cascio bemerkte.[10] In seltenen Fällen sei den früheren praefecti später sogar die Promotion in den ordo senatorius gelungen, so L. Iulius Ursus (Nr. 7), L. Volusius Maecianus (Nr. 21), T. Messius Extricatus (Nr. 32). Charakteristisch für die Zeit der Tetrarchie sei es weiterhin, dass die praefecti auch curatores rei publicae Ostiensium gewesen seien. Unter Konstantin dann ändere sich bekanntlich die Laufbahn grundlegend, da der praefectus annonae senatorischen Rang erlange.

Die Rekonstruktionen, Datierungen, Kommentare und Schlussfolgerungen beruhen größtenteils auf Erkenntnissen der Publikationen der Jahre 1976–2019, die Caldelli zusammenträgt, mit großer Sorgfalt auswertet und anschaulich präsentiert. Dabei lässt sich gar nicht vermeiden, dass manches unsicher bleibt. Es liegt im Ermessen des jeweiligen Rezipienten/der jeweiligen Rezipientin, welche Entscheidungen der Autorin er/sie nachvollzieht und bei welchen er/sie skeptisch bleibt. Das minimiert den Wert der Studie jedoch in keiner Weise, sondern macht die Lektüre vor allem für Experten (an prosopographischen und epigraphischen Problemen interessierte Leser und Leserinnen) gewinnbringend und sinnvoll.

Notes

[1] Henriette Pavis d’Escurac, La Préfecture de l’annone. Service administratif et impérial d’Auguste à Constantin, Paris 1976.

[2] Vgl. etwa Peter Herz, Studien zur römischen Wirtschaftsgesetzgebung. Die Lebensmittelversorgung, Stuttgart 1988; Boudewijn Sirks, Food for Rome, Amsterdam 1991; Evelyn Höbenreich, Annona. Juristische Aspekte der stadtrömischen Lebensmittelversorgung im Prinzipat, Graz 1997.

[3] Der neue Wissenstand verdankt sich einerseits neuer, vorwiegend epigraphischer Evidenz sowie umfangreichen prosopographischen Arbeiten, darunter Hans-Georg Pflaum, Les carrières procuratoriennes équestres sous le Haut-Empire romain, Suppl., Paris 1982; Hubert Devijver, Prosopographia militiarum equestrium quae fuerunt ab Augusto ad Gallienum, VI Bde., Louvain 1976–2001; Ségolène Demougin, L’ordre équestre sous les Julio-Claudiens, Rom 1988; wichtig war ebenfalls die Vollendung der zweiten Auflage der Prosopographia Imperii Romani (Berlin 1933–2015).

[4] Giuseppe Camodeca, „Puteoli porto annonario e il commercio del grano in età imperiale“, in: Le ravitaillement en blé de Rome et des centres urbains des débuts de la République jusqu’au Haut-Empire. Actes du coll. Intern. Naples 14-16 févr. 1991, Neapel/Rom 1994, 103–128, hier: 114 ; Giuseppe Camodeca, „La carriera di un nuovo praefectus annonae in un’inedita iscrizione puteolana“, in: Colons et colonies dans le monde romain. Actes de la XVe Rencontre franco-italienne d’épigraphie du monde romaine, Paris, 4–6 octobre 2008, Rom 2012, 305–321.

[5] Andreina Magioncalda, „L. Baebius Aurelius Iuncinus e i fasti dei prefetti dell’annona“, in: A. Corda (Hg.): Cultus splendore. Studi in onore di Giovanna Sotgiu, Sernobi 2003, 589–612.

[6] Michel Christol, „Un fidèle de Caracalla : Q. Marcius Dioga“, CCG 2, 1991, 165–188.

[7] Vgl. Anna Świderek, „The Prefecture of Baienus Blassianus“, in: Proceedings of XII International Congress of Papyrology, Toronto 1970, 461–463.

[8] Er ist durch EDR076710 als praefectus bezeugt; zusätzlich konnten zwei schon bekannte, sehr fragmentarische Inschriften (EDR093454 und EDR093455) von Mireille Cébeillac-Gervasoni aufeinander bezogen und dem Amtsträger zugeordnet werden, vgl. Mireille Cébeillac-Gervasoni, „Apostilles à une inscription de Portus. T. Messius Extricatus et les saborrarii“, PP 187, 1979, 267–277.

[9] Robert Sablayrolles, „Fastigium equestre. Les grandes prefectures équestres“, in: L’ordre équestre. Histoire d’une aristocratie (IIe siècle av. J.-C.–IIIe Siècle ap. J.-C.), Rom 1999, 351–389, hier: 377, 386.

[10] Elio Lo Cascio, „Ancora sugli «Ostia’s services to Rome». Collegi e corporazioni annonarie a Ostia“, MEFRA 114, 2002, 87–110, hier: 94–95, 100.