BMCR 2020.05.32

The emergence of the lyric canon

Theodora A. Hadjimichael, The emergence of the lyric canon. . Oxford; New York: Oxford University Press, 2019. xviii, 333 p.. ISBN 9780198810865 $100.00.

Preview

Bereits die Gestaltung des Buchcovers spiegelt in raffinierter Weise den Fokus dieser hier zu rezensierenden Untersuchung: Über Dalis „Femmes aux têtes de fleur retrouvant sur la plage la dépouille d’un piano à queue“ von 1936 ist in zwei Zeilen der Titel gedruckt, wobei auf die Kursivstellung der ersten Worte die beiden letzten „Lyric Canon“ sowohl in Großdruck als auch recte gesetzt erscheinen. Denn gerade das schrittweise Entstehen des stabilen Kanons von neun (seltener zehn) altgriechischen Lyrikern aus einer fluiden Tradition wird von Theodora A. Hadjimichael in den Blick genommen. Insofern stehen Kontinuitäten und frühe Weichenstellungen bis hin zum lyrischen Kanon alexandrinischer Zeit im Mittelpunkt. Die Leistung alexandrinischer Literarkritik und Philologie wird dabei zurecht nicht als Kontrast zu früherer Beschäftigung mit Literatur gesehen, sondern bei aller wahrzunehmenden Eigenart als dennoch geprägt von Vorläufern des 5. und 4. Jahrhunderts.

Ganz dem Ziel einer Entstehungsgeschichte des lyrischen Kanons entsprechend ist das Buch chronologisch aufgebaut. Auf eine Einleitung, die nach einem Überblick über die Belege für den lyrischen Kanon Grundlagen in Terminologie („Kanon“ und „Kanonisierung“) und Methodik (insbes. Rezeptionsästhetik nach Jauss und Klassik-Begriff nach Gadamer) legt, folgen sechs Kapitel von der archaischen bis zur hellenistischen Epoche und ein abschließendes siebentes über Bakchylides als Sonderfall. Eine Zusammenfassung beschließt den Textteil, den eine umfangreiche Bibliographie sowie zwei Indizes (Stellen; Personen und Sachen) ergänzen.

Ihre Hauptthese stellt Hadjimichael an den Schluss der Einleitung: „The Lyric Canon […] was the product of an ‚elitist‘ and conservative perspective that connected the musical and poetic developments in the late fifth and early fourth centuries with the ideological and political changes in Athens.“ (p. 21) Das erste Kapitel stellt die originalen Rezeptionsbedingungen der neun kanonischen Lyriker im archaischen Griechenland in einem präzisen und dichten Überblick, der nach den einzelnen Dichtern gegliedert ist, zusammen (23-45). Im zweiten Teil dieses Kapitels erfolgt bereits der Übergang zu Aufführungen und Rezeption von Lyrik im Athen des 5. Jh. (45-58). Dabei stellt Hadjimichael das wichtige Paradox heraus (p. 52), dass Athen in dieser Zeit aufgrund seiner öffentlichen Feste einen großen Bedarf an Lyrik hatte, während zugleich attische Dichter nur in dramatischen Agonen auftauchen und die attischen Phylen stets von nicht-attischen Chorlyrikern für ihre Wettbewerbsauftritte versorgt werden. In diesem Paradox liegt gewissermaßen ein erster Ansatzpunkt für Hadjimichaels Nostalgie-These hinsichtlich von Athens Weichenstellung bei der Kanonisierung.

Das zweite Kapitel ist der Rezeption der Lyrik in der Komödie, besonders der des Aristophanes gewidmet (59-94). Alle neun kanonischen Lyriker (bis auf Bakchylides, vgl. Kapitel 7) werden namentlich bei Aristophanes erwähnt und auf sie wird in einer Weise angespielt, die nahelegt, dass das Publikum eine gewisse Vertrautheit mit ihnen besessen haben muss, was Hadjimichael als ersten Hinweis auf eine beginnende Kanonisierung deutet (p. 94).

Im dritten Kapitel steht Platons Sicht auf die Dichtung und die Lyrik bzw. Lyriker im Mittelpunkt (95-131). Erfreulicherweise vermeidet Hadjimichael in der Nachfolge neuerer Forschung eine zu einseitige Deutung von Platons Dichtungskritik, die gerade nicht auf eine vollständige Ablehnung aller Dichtung hinausläuft, sondern auf bestimmte Formen von dieser. Lyrikerzitate dienen bei Platon allerdings, wie Hadjimichael herausstellt, (mit der Ausnahme des Protagoras) nicht als Startpunkt, sondern vornehmlich zur Unterstützung philosophischer Argumentationen (S. 117). Dabei können Lyriker, insbesondere Pindar und Simonides, als ethische Autoritäten fungieren (S. 126), denen er einen gewissen didaktischen Wert beimisst (S. 130). Trotz also der Dichtungskritik in der Politeia erscheinen die lyrischen Dichter der Vergangenheit als „authoritative educators“ (S. 131).

Das vierte Kapitel nimmt Aristoteles und die peripatetische Beschäftigung mit Literatur bzw. Lyrik in den Blick (133-170). Wichtige Aspekte, die Hadjimichael dabei herausarbeitet, betreffen das generelle antiquarische Interesse des Peripatos, die dazu passende Ausblendung zeitgenössischer musikalischer Entwicklungen (sog. ‚Neue Musik‘), die Arbeit mit schriftlichen Texten und das Hauptinteresse an dem Dichter eher als an der Dichtung selbst. Hadjimichael betont ganz zurecht die Kontinuität zu Platon (S. 165) und die Vorreiterrolle für die hellenistischen Philologen: Auch wenn die Peripatetiker wohl keine textkritische Arbeit geleistet haben (S. 168), so wirkt sich ihre textuelle Art des Arbeitens vorbildhaft für die nachfolgenden Philologen aus (S. 169).

Gerade die Frage nach der Schriftlichkeit, die am Übergang von Peripatos zum Hellenismus mit besonderer Prägnanz auftaucht, nimmt das ganze fünfte Kapitel ein (171-211). Dafür zieht Hadjimichael auch archäologische Zeugnisse heran (i.e. Vasenbilder auf den S. 186-190, die in nicht optimaler, aber akzeptabler Qualität reproduziert worden sind). Auch wenn das 5. Jh. selbst noch keine Buchkultur gewesen sei (S. 176), so zeigten doch schon Platons Beschäftigungen mit den Lyrikern das Ausgehen von einem Text (S. 171). Wohltuend nimmt der Leser Hadjimichaels Vorsicht (basierend auf Gregory Nagy) vor einer allzu starken Dichotomie zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit wahr (S. 193). Für die Lyrikertexte geht Hadjimichael von lokalen Archiven in den Heimatstädten der Dichter bzw. der Adressaten (inkl. Fürstenhöfe und Heiligtümer) aus (S. 202f.). Wie die Lyrikertexte nach Athen gelangt seien und ob sie alle erst den Weg über Athen nach Alexandrien genommen haben, sei nicht zu ermitteln. Allerdings sei anzunehmen, dass bereits der Peripatos Sammlungen von lyrischen Texten angefertigt habe (S. 206). Entscheidende soziologische Überlegungen beschließen dieses Kapitel, die zugleich direkt zu Hadjimichaels Hauptthese führen (S. 207-211): Während der ‚Massengeschmack‘ mehr der ‚Neuen Musik‘ zuneigte, habe sich in elitäreren, intellektuellen Zirkeln eine Hochschätzung der ‚Alten Lyrik‘ bewahrt, die sich auch im Sammeln von Texten wie im Peripatos manifestiert und schließlich zu einer immer stärkeren nur textuellen Rezeption dieser Dichtung geführt habe.

Das sechste Kapitel richtet das Augenmerk auf die hellenistische Zeit (213-253) und kann nach den vorangegangen fünf Kapiteln die Kanonisierung der neun Lyriker in der hellenistischen Philologie als Konsequenz aus den Entwicklungen im Athen des 5. und 4. Jh. erscheinen lassen. Jeweiliges Sondergut der peripatetischen bzw. alexandrinischen Bibliothek sei Beleg, dass erstere nicht vollständig in letzterer aufgegangen sei (S. 223); dennoch sei Athen das große Vorbild Alexandriens gewesen (S. 224). Die Pinakes des Kallimachos belegen ein Vorhandensein einer größeren Menge an lyrischen Dichtern (S. 233), so dass letztlich, wie Hadjimichael zeigen kann, der Kanon wirklich eine Auswahl nach ästhetischen Gesichtspunkten darstelle und nicht eine Sammlung alles Erhaltenen (S. 249). Überzeugend ist auch Hadjimichaels Verknüpfung von alexandrinischem Konservatismus mit den Ansichten Platons und des Peripatos (S. 252). Gerade auch in der Stabilität des Kanons (vgl. auch S. 1-13) sieht Hadjimichael ein Anzeichen für die prähellenistische Formung im Unterschied zu anderen Kanones (S. 251).

Das siebente und letzte Kapitel schließlich nimmt den Sonderfall Bakchylides in den Blick (S. 255-280). Es handelt sich dabei insofern um einen Sonderfall, als sein Name nur in den Auflistungen kanonischer Lyriker erscheint, nicht aber bei den anderen von Hadjimichael behandelten früheren Autoren wie Aristophanes und Platon (von 452 v. Chr. bis zur hellenistischen Zeit verliert sich Bakchylides’ Spur, S. 255). Richtigerweise betont Hadjimichael, dass dieser Sonderfall die Gefahr von Generalisierungen und die Notwendigkeit der Einzelfallbetrachtungen demonstriere (S. 256). Hadjimichael untersucht im Folgenden eingehender die erhaltenen Zeugnisse der philologischen Beschäftigung mit Bakchylides in Alexandrien ebenso wie mögliche implizite, z.T. eher spekulative Verweise auf Bakchylides in der zeugnislosen Zeit (Herodot und Aristophanes), ohne letztlich jedoch das Paradox vollständig auflösen zu können (vgl. S. 280; auf S. 272 spricht sie allerdings von einem Zufall der Überlieferung). Immerhin gelingt ihr aber gewissermaßen en passant die sehr treffende Beschreibung der alexandrinischen Philologie als „paradoxical combination of scholarly energy and critical passivity“ (S. 263).

Die Zusammenfassung (281-289) bringt in chronologischer Form eine Wiederholung der Ergebnisse der einzelnen Kapitel (natürlicherweise nicht ohne Überschneidungen mit dem Überblick in der Einleitung S. 13-17 und den Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels) und schließt mit einem Ausblick auf zukünftige Forschungsfelder (u.a. lyrischer Kanon nach Alexandria, Rezeption der Lyriker in der prähellenistischen Literatur).

Hier ist kritisch anzumerken, dass Hadjimichael sehr, für den Geschmack des Rezensenten etwas zu sehr, darauf bedacht ist, ihre jeweiligen Zwischenergebnisse zusammenzufassen und zusammenfassend später wieder aufzugreifen, so dass recht viele Redundanzen entstehen. Gleiches gilt für ihre Hauptthese, die vielfach im Laufe des Buches als Teil eines Zwischenergebnisses wiederholt wird. Eine gewisse (vielleicht unvermeidliche) Monotonie erzeugt auch der oft gleiche Aufbau der Kapitel, in denen die einzelnen Lyriker jeweils mit Blick auf das vorliegende Corpus bzw. den behandelten Autor, sei es Aristophanes oder Platon etc., sukzessive durchgegangen werden. Bedingt durch die Quellenlage kann Hadjimichael nicht immer dem eigenen Anspruch gerecht werden, gerade den Prozess der Kanonisierung untersuchen zu wollen, so dass zuweilen nur eine Reihung von Schlaglichtern, aber kein wirklicher Prozess bzw. eine Geschichte der Kanonwerdung entstehen kann, wenn für wichtige Zwischenstadien wie den Übergang von Athen nach Alexandrien schlicht die Quellen fehlen bzw. nicht ausreichen. Hadjimichaels eigene Behandlung des Sonderfalls Bakchylides zeigt ja die Problematik, auf die Hadjimichael selbst auch reflektiert.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Hadjimichael mit ihrer Untersuchung eine große Spannweite von Gattungen, Autoren und Texten abdeckt und sie darum in außerordentlichem Maße für ihre kluge und aktuelle Auswahl aus der immensen Forschungsliteratur, die für jeden einzelnen der behandelten Bereiche zur Verfügung steht, zu beglückwünschen ist. Ihre Grundthese eines lyrischen Kanons der Nostalgie, der seine wesentliche Formung im Athen des 5. und 4. Jh. erhält, kann Hadjimichael überzeugend darlegen, womit sie noch deutlicher ein wichtiges geistesgeschichtliches Fundament der hellenistischen bzw. alexandrinischen Philologie und Literatur aufgezeigt hat. Ihre Arbeit weist keine nennenswerten Irrtümer oder Druckfehler auf und empfiehlt sich auch in dieser Hinsicht jedem an antiker Lyrik bzw. Philologie interessierten Leser. Und dass es davon möglichst viele gebe, sei diesem Buch abschließend gewünscht.