BMCR 2020.05.29

Cassius Dio and the late Roman Republic

Josiah Osgood, Christopher A. Baron, Cassius Dio and the late Roman Republic. Historiography of Rome and its Empire, 4. Leiden; Boston: Brill, 2019. xii, 303 p.. ISBN 9789004405158 €116,00.

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Die besondere Rolle des severischen Historikers Cassius Dio für unser Verständnis des Übergangs von der römischen Republik zur römischen Kaiserzeit muss eigentlich nicht extra unterstrichen werden. Für viele Aspekte der Zeit des zweiten Triumvirats sowie der augusteischen Epoche stellt Dio unsere zentrale, wenn nicht gar einzige Quelle dar. Es nimmt daher keine Wunder, dass gerade diesen Büchern des besagten Werks seit langem die besondere Aufmerksamkeit der Forschung gilt. Für die letzten zwei Jahrzehnte der späten Republik hingegen besitzen wir bekanntlich wesentlich zahlreichere Parallelquellen. Zwar wurden auch hier durchaus einige umfangreichere Arbeiten zu Dios Darstellung vorgelegt (zu denken wäre etwa an die in den 1980er Jahren erschienenen Beiträge von Fechner und Reinhold sowie jene aus den 1990ern von Gowing und Lintott)[1], doch im direkten Vergleich kam dieser lange nicht dieselbe Aufmerksamkeit zu. Seit dem Beginn des neuen Jahrtausends aber ist ganz generell ein neues Interesse an Dios Werk zu vermerken, wovon auch die Behandlung der besagten Epoche deutlich profitierte und weiterhin profitiert. Neben den Neueditionen der Bücher 36-40 und 45-47 durch Fromentin und Bertrand[2] sowie Lachenaud und Coudry,[3] müssen hier auch die Arbeiten von Simons und Urso hervorgehoben werden.[4] Weiterhin darf ein Verweis auf das 2016 ebenfalls von Fromentin (et al.) herausgegebene, zweibändige Werk Cassius Dion: nouvelles lectures selbstverständlich nicht fehlen, auch wenn dessen Rahmen weit mehr als die Behandlung der späten Republik des Historikers einschließt.[5] Es ist dieser Kontext, in den sich der vorliegende, von Osgood und Baron herausgegebene Band einordnet.

Dieser ist das Ergebnis einer Konferenz, welche im Mai 2017 im italienischen Fiesole stattfand, genauer gesagt in der dortigen Villa Le Balze, die sich heute im Besitz der Georgetown University befindet. Bei der Konferenz handelte es sich um einen Teil einer Reihe vergleichbarer, von dem „Cassius Dio Research Network” geförderter Veranstaltungen. Dieses sehr begrüßenswerte Projekt ist ein gemeinsames Unternehmen der Universitäten Syddansk, Aalborg, Aarhus, Alberta und Georgetown. In der bei Brill erscheinenden Reihe Historiography of Rome and Its Empire, welcher auch der vorliegende Band angehört, wurden bereits in den Jahren 2016 und 2018 zwei vergleichbare Vorgängertitel herausgebracht. Während sich deren erster vor allem Cassius Dio als Person und Autor widmete,[6] lag der Fokus des zweiten auf dessen nur sehr fragmentarisch erhaltener Darstellung der Geschichte des frühen Rom.[7] Ein weiterer Band, welcher der Frage nach der methodischen Annäherung an Dio als Historiker gewidmet ist, befindet sich in Vorbereitung.[8]

Der vorliegende Band startet wie üblich mit einer Einführung, verfasst von Osgood und Baron, welche das Werk in der bisherigen Forschung verortet und seine einzelnen Beiträge vorstellt. Hierauf folgen drei thematisch eher grob umrissene Hauptteile. Der erste (Narrative Themes and Texture) ist dabei einer eher theoretischen Herangehensweise an Cassius Dios Werk gewidmet. Die hier enthaltenen Beiträge von Bertrand, Coudry, Baron, Lindholmer und Welch haben gemeinsam, dass sie sich dem Werk weniger als einer historischen Quelle denn als einem literarischen Produkt nähern und nach den diesem zugrundeliegenden Strukturen fragen – ein Prinzip, das allerdings in gewisser Weise, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung, auf die meisten Beiträge des Bandes übertragen werden kann. Im Rahmen von Teil zwei (Characters, Institutions, and Episodes) treten dann wiederum spezifischere, historische Themen in den Fokus. Das Spektrum der Beträge von Burden-Strevens, Carlsen, Urso und Osgood reicht dabei von der republikanischen Diktatur über die Rolle von Spielen und die Catilinarische Verschwörung bis hin zu einem Sibyllenorakel, welches in den 50erJahren einen starken Einfluss auf die römische Politik ausübte. Der dritte Teil (Civil War and the Victory of Augustus) schließlich nimmt jene Epoche näher in den Blick, für welche Cassius Dio, wie eingangs erwähnt, als historische Quelle eine besonders zentrale Rolle zukommt. Die hier zusammengefassten Beiträge von Scott, Lange, Madsen und Markov sind hinsichtlich ihrer Fragestellung und Methodologie allerdings recht heterogen. Besonders hierdurch, aber auch schon mit Blick auf die eher allgemein formulierten Oberthemen der ersten zwei Abschnitte, ergibt sich für den Leser die Frage, ob es einer solch groben Untergliederung der insgesamt 13 Beiträge überhaupt bedurft hätte, da ihr Mehrwert für den vorliegenden Band zumindest nicht unmittelbar offensichtlich wird.

Da es in dem gegebenen Rahmen nicht einmal annähernd möglich ist, allen Aufsätzen die gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, soll sich auf einige wenige, notwendigerweise stark subjektiv ausgewählte Titel beschränkt werden. Am Beginn steht dabei Barons Beitrag (Wrinkles in Time: Chronological Ruptures in Cassius Dio’s Narrative of the Late Republic), dessen Ziel es ist, Dios Verwendung der annalistischen Struktur näher zu untersuchen. In der Vergangenheit stand diese aufgrund zahlreicher Unstimmigkeiten immer wieder in der Kritik der Forschung, weshalb dem Historiker nicht selten eine gewisse Nachlässigkeit zugeschrieben wurde. Baron gelingt es dagegen, aufzuzeigen, dass Dio Zeit tatsächlich ganz bewusst als ein Mittel einsetzt, um auch inhaltliche Akzente zu setzen. Von einer Nachlässigkeit des Historikers Dio kann demzufolge keine Rede sein, sondern eher von einer bewussten Adaption der Fakten bzw. der Aussagen seiner eigenen Quellen an die Absichten des Schriftstellers Dio. Hiermit aber unterstreicht Baron einen dem gesamten Band zugrundeliegenden Konsens, demzufolge Dio in schriftstellerischer Hinsicht sehr viel Mühe darauf verwendete, sein Werk in eben genau der uns heute vorliegenden Weise zu strukturieren oder besser zu komponieren. Dies aber bringt uns direkt zu dem Beitrag von Osgood (Dio and the Voice of the Sibyl). Das Sibyllenorakel, welches im Fokus dieses Aufsatzes steht, wurde im Jahr 56 v. Chr. von dem damaligen Volkstribun C. Cato, veröffentlicht und zwar entgegen der eigentlichen Vorgaben des mit den sibyllinischen Büchern beauftragten Kollegiums der quindecimviri, denen zufolge die Bücher einer absoluten Geheimhaltung unterlagen.[9] Während die Episode in der Vergangenheit von der Forschung eher wenig Aufmerksamkeit erfahren hat, ist erst kürzlich ein Beitrag von Morrell erschienen, welcher der Wirkung gewidmet ist, die dieses Orakel auf die öffentliche Meinung hatte.[10] Osgoods Fokus liegt hingegen vor allem auf der Frage, wie Dio das Orakel als historiographisches Mittel verwendet. Besonders interessant ist, gerade mit Blick auf den zuvor erwähnten Beitrag Barons, wie es Osgood gelingt, eine zuerst Shakleton Bailey aufgefallene Unstimmigkeit in der Chronologie von Dios Bericht auf eine bewusste gestalterische Entscheidung zurückzuführen.[11] Ergänzt werden soll hier allerdings ein Verweis auf einen 1997 erschienenen Beitrag von Maurizio, in dem sie verdeutlicht, wie literarisch überlieferte Orakel der Pythia aus unserer modernen Forschungsperspektive zu bewerten sind und welch große Rolle der zeitgenössischen audience bei der Beurteilung der Authentizität eines Orakels zukommt.[12] Da auch in Osgoods Beitrag naturgemäß des Öfteren die Frage nach der Authentizität des Sibyllenorakels thematisiert wird, wären Maurizios Gedanken sicher in interessanter Weise, wenn auch selbstverständlich nicht eins zu eins, auf Dios Bericht zu übertragen. Doch auch ohne diesen Querverweis leistet Osgood mit der von ihm neu gebotenen Perspektive einen wertvollen Beitrag zu unserem Verständnis der gesamten Episode.

Kommen wir schließlich zu den beiden den Band abschließenden Aufsätzen von Madsen (Like Father Like Son: the Differences in How Dio Tells the Story of Julius Caesar and His More Successful Son) und Markov (Towards the Conceptualization of Cassius Dio’s Narration of the Early Career of Octavian), welche gerade im Hinblick auf die eingangs erwähnte Tatsache, dass Dios Werk eine zentrale Rolle für unser Verständnis der augusteischen Epoche zukommt, von besonderem Interesse sind. Mit den Beiträgen von Baron und Osgood haben diese zwei Aufsätze dabei vor allem gemeinsam, dass eben auch sie nach den narrativen Konzepten fragen, welche Dios Entscheidungen zugrunde lagen, Octavian und den Beginn der augusteischen Epoche exakt so darzustellen, wie es uns vorliegt. Madson widmet sich dabei vor allem den entscheidenden Unterschieden zwischen Dios Darstellung der Rolle Caesars und jener Octavians während der jeweiligen Bürgerkriege und interpretiert sie als deutlich aufeinander bezogene Gegenteile. Die so offensichtlich unterschiedliche Bewertung der zwei Charaktere erklärt sich anhand dieser Interpretation weniger durch die tatsächlichen zeitgenössischen Begebenheiten als durch die Retrospektive des Historikers, welcher das Bild der von Augustus begründeten kaiserzeitlichen Epoche vor Augen hatte. Markov beschäftigt sich mit durchaus vergleichbaren Gegensätzen in Dios Bericht, allerdings jenen, welche sich zwischen der Charakterzeichnung Octavians während der Zeit der Bürgerkriege und jener während seiner darauffolgenden Alleinherrschaft ergeben. Ganz ähnlich wie Madsen kommt dabei auch Markov zu dem Schluss, dass sich die vermeintlich schwer miteinander zu vereinbarenden Unterschiede vor allem aus einer bewertenden Rückschau ergeben. Aus Dios Perspektive rechtfertigten sich Octavians Handlungen während der Bürgerkriegszeit sozusagen durch ihr Ergebnis. Besonders in Kombination unterstreichen die beiden Beträge sehr deutlich, wie auch Dios Bild des späteren Augustus zu einem nicht zu unterschätzenden Teil als ein Produkt konzeptueller Entscheidungen des severischen Historikers anzusehen ist.

Wie erwähnt, kann die grundsätzliche Tendenz dieser vier Beiträge im Wesentlichen auf den gesamten Band übertragen werden, weshalb sie durchaus als repräsentativ gelten können. Abschließend verbleibt lediglich, zu betonen, dass es sich um einen gelungenen, vielseitigen Beitrag zur Forschung zu Cassius Dios Werk handelt, der sowohl neue Perspektiven bietet als auch ältere Thesen erweitert und vertieft und in Zukunft zu einem wichtigen Anlaufpunkt der einschlägigen Forschung werden wird. Es soll daher der Hoffnung Ausdruck verliehen werden, dass das offensichtlich sehr fruchtbare Forschungsprojekt, dem der Band sein Entstehen verdankt, auch in Zukunft weiterhin vergleichbare Beiträge produzieren wird.

 

Table of Contents

1.”Cassius Dio and the Late Roman Republic” – Josiah Osgood and Christopher Baron (pp. 1-15)
Part 1: Narrative Themes and Texture
2. “Imperialism and the Crisis of the Roman Republic: Dio’s View on Late Republican Conquests (Books 36-40)” – Estelle Bertrand (pp. 19-35)
3. “Electoral Bribery and the Challenge to the Authority of the Senate: Two Aspects of Dio’s
View of the Late Roman Republic (Books 36-40)” – Marianne Coudry (pp. 36-49)
4. “Wrinkles in Time: Chronological Ruptures in Cassius Dio’s Narrative of the Late Republic” – Christopher Baron (pp. 50-71)
5. “Dio the Deviant: Comparing Dio’s Late Republic and the Parallel Sources” – Mads Ortving Lindholmer (pp. 72-96)
6. “Cassius Dio and the Virtuous Roman” – Kathryn Welch (pp. 97-128)
Part 2: Characters, Institutions, and Episodes
7. “The Republican Dictatorship: An Imperial Perspective” – Christopher Burden-Strevens (pp. 131-157)
8. “Spectacle Entertainments in the Late Republican Books of Cassius Dio’s Roman History” – Jesper Carlsen (pp. 158-175)
9. “Cassius Dio’s Catiline: ‘A Name Greater Than His Deeds Deserved'” – Gianpaolo Urso (pp. 176-196)
10. “Dio and the Voice of the Sibyl” – Josiah Osgood (pp. 197-214)
Part 3: Civil War and the Victory of Augustus
11. “Responding to Civil War: M. Claudius Marcellus Aeserninus and M. Caelius Rufus in Cassius Dio, Book 42” – Andrew G. Scott (pp. 217-235)
12. “Cassius Dio on Sextus Pompeius and Late Republican Civil War” – Carsten Hjort Lange (pp. 236-258)
13. “Like Father Like Son: The Differences in How Dio Tells the Story of Julius Caesar and His More Successful Son” – Jesper Majbom Madsen (pp. 259-281)
14. “Towards the Conceptualization of Cassius Dio’s Narration of the Early Career of Octavian” – Konstantin V. Markov (pp. 282-298)

Notes

[1] D. Fechner, Untersuchungen zu Cassius Dios Sicht der römischen Republik, Hildesheim 1986; M. Reinhold, From Republic to Principate. An Historical Commentary on Cassius Dio’s Roman History Books 49-52 (36-29 BC), Atlanta 1988; A. M. Gowing, The Triumviral Narratives of Appian and Cassius Dio, Ann Arbor 1992; A. W. Lintott, Cassius Dio and the History of the Late Roman Republic, ANRW II 34, 3 (1997) 2497-2523.

[2] V. Fromentin, E. Bertrand, Dion Cassius: Histoire romaine. Livres 45 & 46, Paris 2008; V. Fromentin, E. Bertrand, Dion Cassius: Histoire romaine. Livre 47, Paris 2014.

[3] G. Lachenaud, M. Coudry, Dion Cassius: Histoire romaine, Livres 38, 39 & 40, Paris 2011; G. Lachenaud, M. Coudry, Dion Cassius: Histoire romaine, Livres 36 & 37, Paris 2014.

[4] B. Simons, Cassius Dio und die Römische Republik. Untersuchungen zum Bild des römischen Gemeinwesens in den Büchern 3-35 der Romaika, Berlin 2009; G. Urso, Cassio Dione e I sovversivi. La crisi della repubblica nei frammenti della ‘Storia romana’ (XXI-XXX), Mailand 2013.

[5] V. Fromentin et al. (Hrsg.), Cassius Dion: nouvelles lectures, Bordeuaux 2016.

[6] C. H. Lange, J. M. Madsen (Hrsgg.), Cassius Dio: Greek Intellectual and Roman Politician, Leiden / Boston 2016.

[7] C. Burden-Strevens, M. Lindholmer (Hrsgg.), Cassius Dio’s Forgotten History of Early Rome, Leiden / Boston 2018.

[8] C. H. Lange, J. M. Madsen (Hrsgg.), Cassius Dio the Historian. Methods and Approaches, Leiden / Boston (in Vorbereitung).

[9] Cass. Dio 39, 15.

[10] K. Morrell, “Who wants to go to Alexandria?” Pompey, Ptolemy and Public Opinion, in: C. Rosillo-López (Hrsg.), Communicating Public Opinion in the Roman Republic (Historia Einzelschriften 256), Stuttgart 2019, 151-174.

[11] D. R. Shackleton Bailey, Epistulae ad Quintum fratrem et M Brutum, Cambridge 1980, 220.

[12] L. Maurizio, Delphic Oracles as Oral Performances. Authenticity and Historical Evidence, ClAnt 16 (1997) 308-334.