BMCR 2020.05.27

Antike Interpretationen zur aristotelischen Lehre vom Geist: Texte von Theophrast, Alexander von Aphrodisias, Themistios, Johannes Philoponos, Priskian (bzw. “Simplikios”) und Stephanos (“Philoponos”)

Hubertus Busche, Matthias Perkams, Antike Interpretationen zur aristotelischen Lehre vom Geist: Texte von Theophrast, Alexander von Aphrodisias, Themistios, Johannes Philoponos, Priskian (bzw. "Simplikios") und Stephanos ("Philoponos"). Philosophische Bibliothek, 694. Hamburg: Meiner, 2018. 954. ISBN 9783787329946 €136,00.

Im dritten Buch seines Werkes De anima skizziert Aristoteles seine Lehre vom Geist. Kernpunkt seiner Ausführungen sind das Verhältnis zwischen dem wirkenden (oder aktiven) Geist bzw. Verstand (nous poietikós) und dem leidenden (oder passiven) Geist bzw. Verstand (nous pathetikós), die in sich jedoch schwer verständlich bleiben und so einen anhaltenden Punkt der Interpretation der folgenden Jahrhunderte bis zum Ausgang des Mittelalters und teilweise darüber hinaus bilden. Der vorliegende Band sammelt alle überlieferten antiken Interpretationen bis zum Ausgang des 6. Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung, wenngleich einzelne Texte wegen des Umfangs nur in Auswahl Eingang in die Sammlung fanden. Diese Texte sind chronologisch nach der Entstehungszeit angeordnet; dabei wird der jeweiligen originalsprachlichen Textfassung, die auf der linken, gerade paginierten Seite abgedruckt wird, eine deutsche Übersetzung auf der rechten, ungerade paginierten Seite gegenübergestellt. Eine Vereinheitlichung der Übertragungen und philosophischer Fachtermini wurde nur teilweise angestrebt und erreicht; lediglich der griechische Begriff nous wird grundsätzlich mit „Geist“ wiedergegeben.

Der Band wird mit einer umfangreichen und umfassenden Einleitung von Matthias Perkams eröffnet (S. 13-54), der eine Kontextualisierung der antiken Texte vornimmt. Seine Grundannahme ist dabei: „Antike Autoren, Aristoteliker bzw. Peripatetiker, interessierten sich für Aristoteles deswegen, weil er Ideen entwickelt hatte, die ihr eigenes Denken befruchten konnten.“ (S. 16) Infolgedessen steht weniger der Charakter einer Sammlung an Kommentaren zu Aristoteles im Fokus als vielmehr ein Durchgang durch acht Jahrhunderte Philosophiegeschichte, der den Wandel des philosophischen Interesses und auch des Blickwinkels dokumentiert. Auf einige einleitende Gedanken folgt eine Skizze der „Probleme der Lehre vom Geist nach dem dritten Buch von Aristoteles’ De anima“. Perkams stellt dabei heraus, dass die aristotelische Darstellung in sich Spannungen aufweist, die den Weg für die kontroversen Diskussionen der nachfolgenden Jahrhunderte bereiten. So besteht beispielsweise ein Widerspruch darin, dass Aristoteles einerseits von einer Einheit von Körper und Seele ausgeht, er andererseits aber annimmt, dass Geist und Körper unvermischt sind und der Geist vom Körper abgetrennt sein kann. Eine andere Schwierigkeit besteht in der Frage, inwieweit der Geist materielle Eindrücke in sich aufnehmen kann und wo die Aktivität des Geistes zu verorten sei, ob er für sich steht oder Anteil an einem universellen Geist hat. Auf den knappen Durchgang durch diese und weitere Problemstellungen durch Aristoteles folgt ein skizzenhafter Durchgang durch die antike Philosophiegeschichte mit Blick auf die Interpretation des Geistes. Der Fokus bei Theophrast (371- 270 v. Chr.) liege auf der Frage, wie der von außen kommende Geist mit dem Körper in Verbindung trete. Eine Schwierigkeit der Darstellung liegt jedoch in der fragmentarischen Überlieferung. Auch aus den folgenden Jahrhunderten gibt es nur verstreute Nachrichten über eine Beschäftigung mit dem Geist, die bei Cicero, den Pseudoklementinen und bei Hippolyt von Rom sowie bei Philo von Alexandrien, der seine Überlegungen jedoch nicht auf Aristoteles zurückführt, Widerhall finden. Mit Andronikos von Rhodos beginne im ersten vorchristlichen Jahrhundert dann ein intensives Studium der aristotelischen Schrift; wiederum ist hier Philo eine wichtige Quelle. Daneben gibt es Hinweise bei Alkinous und Aristoteles von Mytilene. Des Letzteren Schüler Alexander von Aphrodisias wendete die Form eines fortlaufenden Kommentars auf die Werke des Aristoteles an und machte sie so „zur typischen Form der Erklärung“ (S. 37). Seine Kommentare wurden kulturübergreifend für die nachfolgenden Generationen wegweisend, indem er in Kontinuität zu Aristoteles eine Verbindung der Seelenvermögen mit dem Körper lehrte, dabei aber die Entwicklungsfähigkeit des Geistes herausstellte. In scheinbarem Widerspruch dazu steht seine Theorie vom von außen kommenden aktiven Geist. Von Bedeutung ist dabei seine Einbindung in mittelplatonische Konzeptionen. Bei Plotin (ca. 205-270 n. Chr.), dem Begründer des Neuplatonismus, wird das Programm Alexanders fortgeführt und die Eigenständigkeit des Geistes gegenüber der Seele betont: Im Akt des Denkens selbst werden Subjekt und Objekt, Denkendes und Gedachtes miteinander identisch. Damit wird einer Lehre von einer unabhängigen Einzelseele der nachfolgenden Denkergenerationen der Weg bereitet. Themistios (ca. 317-388) denkt dabei den aktiven und den potentiellen Geist die im individuellen, allgemeinen oder auch passiven, Geist verbunden werden, als überindividuell; der aktive Intellekt wird dabei in der menschlichen Seele verortet. Während Themistios damit eine Einzelposition innerhalb des Neuplatonismus einnimmt, führen Porphyrios von Tyros (233-301/5) und Jamblich von Chalkis (240/5-320/5) die Verbindung von Neuplatonismus und Aristoteles fort und nehmen die Schriften des Stagiriten in das Schullehrprogramm auf. Der Kommentar Plutarchs von Athen (gest. 432) ist jedoch ebenso weitgehend verloren wie die Noetik des Ammonios (ca. 435-517). Anders steht es um den Christen Johannes Philoponos (ca. 500-573), der in seinem frühen De anima-Kommentar versucht, sein proklisch geprägtes Seelenverständnis mit Aristoteles in Einklang zu bringen. Sein Zeitgenosse Priskian von Lydien (um 530) versuchte Gleiches mit den Ansichten Jamblichs, indem er zum einen die Wandelbarkeit des Geistes als Ganzem, zum anderen einen dauernden Anteil des Geistes an der Seele betonte. Im Kommentar von Stephanos (um 600) wird eine Theorie von einem „Aufmerksamkeitsvermögen“ der Seele entwickelt, das eine Zusammenführung der Erkenntnisse aller Vermögen ermöglicht. Aus dem 7. oder 8. Jahrhundert stammt schließlich eine nur in einer Übertragung ins Arabische aus dem 9. Jahrhundert erhaltene Paraphrase, die die Gedanken des Philoponos und des Stephanos fortführt.

Auf Perkams Einleitung folgen die Einzeleditionen und Übersetzungen der in der Titelei angekündigten Texte, denen jeweils eine eigene Einleitung mit Bibliografie vorangestellt ist.

Irmgard Männlein-Robert sammelt und übersetzt die erhaltenen Fragmente und Testimonien Theophrasts (S. 55-113), die häufig in mehrfacher sprachlicher Brechung u. a. in den lateinischen Übertragungen der Werke Ibn Rushds (Averroes) und denen Alberts des Großen überliefert sind. Gelegentliche arabisch überlieferte Texte übersetzt der Herausgeber Perkams. Hubertus Busche übersetzt den Traktat „Über die Seele“ des Alexander von Aphrodisias (S. 116-187), Joachim Söder „Über den Geist“ desselben Autors (S. 189-235).  Aus der Feder von Frank-Joachim Simon stammt die Übertragung der Paraphrase zu De anima III, 4-6 von Themistios (S. 237-349); der Kommentar des Johannes Philoponos aus der Feder Michael Schramms (S. 351-487). Die Metaphrase zu Theophrasts Physik von Priskian von Lydien übersetzt Jörn Müller (S. 489-545), den Kommentar zu De anima III desselben Autors Michael Perkams (S. 547-675). Christian Tornau verantwortet die Auswahlausgabe des Kommentars zu De anima von Stephanos von Alexandria (auch Philoponos genannt) (S. 677-795).

Auf die einzelnen Textausgaben folgt eine systematische Skizze des zweiten Herausgebers Hubertus Busche zum „Geist bei Aristoteles“ (S. 797-833). In diesem Aufsatz, der sich nicht so recht in die sonstige Anlage des Bandes einfügt, möchte der Verfasser ein neues Verständnis der aristotelischen Geistlehre entwickeln, das im Gegensatz zu den zuvor präsentierten antiken und frühmittelalterlichen Interpretationen steht. Für Busche „liegt also nahe – anders als die meisten in diesem Band abgedruckten Kommentatoren – anzunehmen, dass der leidende oder rezeptive Geist mit jener Komponente zusammenfällt, die im Kapitel [De] an[ima] III 4, d.h. noch vor Aristoteles’ Aufteilung der beiden Komponenten des Geistes, scheinbar dem ganzen Geist zugeschrieben wurde.“ (S. 811f.). Zudem sei zu fragen, „ob der wirkende Geist […] tatsächlich, wie von den meisten in diesem Band abgedruckten Kommentatoren und auch den modernen Interpreten angenommen, von Aristoteles als eine immaterielle Entität verstanden wurde oder ob er nicht doch eher als eine materielle (bzw. materiegebundene) Entität vom Stagiriten konzipiert wurde.“ (S. 816). Diese Hypothese hätte es verdient, nicht im Nachwort einer Textedition versteckt zu werden, sondern in eigenständiger Form zur Diskussion gestellt zu werden.

Der Band wird beschlossen durch kommentierende Anmerkungen zu den Texteditionen (S. 835-954).

Die vorliegende Textausgabe, deren Einzeleditionen jeweils auch eigenständig hätten publiziert werden können, ist ein außerordentlich verdienstvolles Unternehmen. Gerade in der Zusammenstellung ist ein Grundlagenwerk für Unterrichts- und Forschungszwecke erstellt worden, dem eine breite Benutzung zu wünschen ist – auch wenn zu befürchten steht, dass die heutigen Studierendengenerationen mit einem derart umfangreichen Band überfordert sind. Die Einleitung ist sehr nützlich und ermöglicht einen schnellen Überblick über die komplexe Materie. Verbesserungsbedarf wäre allenfalls an Äußerlichkeiten anzumelden: Es wäre schön, wenn die Bibliografien nicht zwischen den einzelnen Beiträgen versteckt würden, sondern in einer Gesamtbibliografie gesammelt würden. Und ein Register der Namen und systematischen Begriffe wäre eine hilfreiche Ergänzung.