BMCR 2015.04.19

Xenophon The Socratic Prince: The Argument of the Anabasis of Cyrus. Recovering Political Philosophy

, Xenophon The Socratic Prince: The Argument of the Anabasis of Cyrus. Recovering Political Philosophy. New York: Palgrave Macmillan, 2014. xii, 337. ISBN 9781137333308. $110.00.

Preview

Xenophon als Philosophen in allen seinen Schriften wiederzuentdecken hat Konjunktur.1 Nach dem langen und nachwirkenden Verdikt, gerade auch der philologischen Forschung, wird das ‘Sokratische’ in Xenophons Schaffen, in Form des xenophontischen Sokrates, aber auch darüber hinaus, mittlerweile munter analysiert und an einem Gesamtmodell gearbeitet, dessen Konturen und Schwerpunkte – beispielsweise die Verteilung von didaktischem Anspruch, politisch-moralischer Führungsrolle und philosophischer Basis – jedoch noch ganz unterschiedlich gesetzt werden.

Ein Stück auf diesem Weg zurückzulegen hat sich Eric Buzzetti mit seiner Analyse der Anabasis vorgenommen. Gegenüber der bahnbrechenden neueren Analyse von M. A. Flower2 konzentriert sich Buzzetti auf die sokratischen Elemente wie die religiöse Dimension der Anabasis. Er nutzt hierbei explizit die „esoterische“ Methode des Philosophen Leo Strauss (vgl. S. 7-10), der hinter und zwischen dem xenophontischen Text die eigentlich wahren Aussagen Xenophons versteckt sah, die man nur mithilfe einer genauen Analyse beispielsweise der Komposition oder der (ironischen) Wortwahl hervorkehren könne.3 Auch wenn er bei Straussens Schülern und Anhängern manche Übertreibung dieses Auslegungsprinzips konzediert (S. 8), schließt er sich dennoch dieser Methode an, was er in der Einleitung sogleich an drei „case-studies“ exemplifiziert (S. 10-19). Durch seine gesamte Studie hindurch werden diesbezüglich vor allem sprechende Namen, Weggelassenes, zusätzlich Erwähntes oder auch intra- wie intertextuelle Bezüge (ersteres oft auch über weite Lesestrecken hinweg) immer wieder als Argumentationsbasis herangezogen – etwas, was sicherlich bei Philologen die meiste kritische Betrachung hervorrufen dürfte. Allerdings ist das Unterscheiden von „exoterischen“ und „esoterischen“ Zielrichtungen respektive Zielgruppen momentan in Mode,4 so daß Buzzetti mit seinem „dark reading“ nicht nur auf Ablehnung stoßen sollte.

Der Argumentationsstrang an und für sich zeigt sich, von diesen grundsätzlich möglichen methodischen Monita abgesehen, als durchaus plausibel: So sieht Buzzetti auch in der Anabasis eine dahinterliegende philosophische Konzeption verborgen, die sowohl die politisch-moralische Ebene in Form der tugendgeleiteten Führungsverantwortung als auch den erzieherischen Aspekt hin zu einer sokratischen Lebensweise umfaßt.5 Dabei hat die (sokratische) Philosophie als Lehrmeisterin der Kenntnis von Tugend und der Verbindung vom Edlen und Guten stets die Oberhand, ist sogar notwendige Voraussetzung für wahrhaftes politisches Agieren.

Diese Konzeption mit der Philosophie als Mittlerin zwischen transzendenten Werten und der Umsetzung dieser in der Realität, etwas, was beispielsweise auch Isokrates für sich in Anspruch nimmt,6 sieht Buzzetti nun in der Anabasis dem Leser schrittweise nähergebracht, woraus sich für ihn der Aufbau erklärt (vgl. insbesondere den Überblick S. 2-7): Im ersten Buch, in dem überhaupt nur der jüngere Kyros vorkommt, gehe es um die Verbindung von Noblem und Gutem in einem König, der sich selbst als gottgleich geriere und daher scheitere; umgekehrt sei das allzu fromme Verhalten des nachfolgenden Anführers Klearchos im zweiten Buch ebenfalls zum Scheitern verurteilt; erst im dritten Buch manifestiere sich eine dauerhafte und erfolgreiche Führung mit Xenophon, der mit seiner auf Praxis adaptierten sokratischen Lebensweise die transzendenten Tugenden auf die Erde und damit in die Realität hole. Die einzelnen Tugenden (Frömmigkeit, Mut, Gerechtigkeit, Dank(barkeit), Liebe) seien dann jeweils in den Büchern drei bis sieben des Werkes schwerpunktmäßig behandelt.

Unter dieser Prämisse ackert Buzzetti dann im folgenden die einzelnen Bücher durch, gibt dabei nicht nur den Erzählstrang wieder, sondern bezieht die einzelnen Episoden immer wieder auf das von ihm postulierte Grundthema des jeweiligen Buches zurück. Das ist einerseits faszinierend zu lesen, macht einem andererseits aber auch bewußt, wie nahe ein solches selektives Lesen immer wieder am Grat zum Zirkelschluß operiert; ein Beispiel sind seine Überlegungen zur Kapitel- und Bucheinteilung der Anabasis (Appendix 2, S. 313-315), die er für ursprünglich antik und an antiker Zahlensymbolik orientiert hält und die dann natürlich seine Argumentation (ein bewußtes Setzen von Themen von Xenophon zwischen den Zeilen in einzelnen Kapiteln) unterstützt.

So sehr man sich daher mit der Grundthese von Buzzetti anfreunden kann und sicherlich die Anabasis wie die anderen Werke Xenophons auch nicht allein als prosaische Beschäftigung eines alternden Militärs, sondern als ernsthafte Versuche der Fruchtbarmachung von Philosophie für die Praxis wahrzunehmen hat, so sehr wird man sich mit der Fülle von Detailvorschlägen, insbesondere der Etymologie von sprechenden Namen oder auch der Frage nach dem Erkennen von intra- wie intertextuellen Verweisen seitens der Leserschaft, kritisch auseinandersetzen müssen. Der Weg zu einer kohärenten Lektüre von Xenophons Werk ist also gerade erst eingeschlagen und bei weitem noch nicht vollendet.

Notes

1. Vgl. beispielsweise H. Lu, Xenophon’s Theory of Moral Education, Diss. Cambridge 2015; diverse Aufsätze aus: F. Hobden and Chr. Tuplin (eds.), Xenophon: Ethical Principles and Historical Enquiry, Leiden; Boston 2012 (Mnemosyne Supplements; 348); V. Gray, Xenophon’s Mirror of Princes: Reading the Reflections, Oxford 2011; S. Schorn, “Xenophons Poroi als philosophische Schrift”, Historia 60,1 (2011), S. 65-93; O. Stoll, Zum Ruhme Athens. Wissen zum Wohl der Polis. Xenophons Ideal einer Führungspersönlichkeit und Athens Reiterei im Hipparchikos “Logos”, Berlin 2010 (Altertumswissenschaften/Archäologie; 3).

2. M. A. Flower, Xenophon’s Anabasis or the Expedition of Cyrus, Oxford; New York 2012 (Oxford Approaches to Classical Literature); vgl. dazu die Rezension des Xenophon-Experten J. Dillery in BMCR 2014.03.54.

3. Obschon L. Strauss von den Altertumswissenschaften lange mehr mißachtet denn (kritisch) rezipiert worden ist, wurde eine (posthume) Auseinandersetzung in den letzten Jahren verstärkt gesucht. Vgl. nur den die Methode nicht grundsätzlich ablehnenden, aber aufgrund der falschen Kontextualisierung seitens Strauss modifizierenden Ansatz von D. M. Johnson, Strauss on Xenophon, in: Hobden; Tuplin (wie Anm. 1), S. 123-159.

4. Vgl. Th. Blank, Logos und Praxis: Sparta als politisches Exemplum in den Schriften des Isokrates, Berlin; Boston 2014 (Klio-Beihefte N.F.; 23); vgl. auch die Rezension von S. Zajonz in BMCR 2014.12.15.

5. Vgl. dazu auch S. Günther, “Zwischen Theorie und Praxis. Der Perserkönig als idealer Ökonom in Xenophons Schriften”, in: ders. (Hrsg.), Ordnungsrahmen antiker Ökonomien. Ordnungskonzepte und Steuermechanismen antiker Wirtschaftssysteme im Vergleich, Wiesbaden 2012 (Philippika; 53), S. 83-96.

6. Th. Blank, Philosophy as Leitourgia. “Sophists, Fees, and the Civic Role of paideia“, in: F. Carlà and M. Gori (eds.), Gift Giving and the ‘Embedded’ Economy in the Ancient World, Heidelberg 2014 (Akademiekonferenzen), S. 377-402.