BMCR 2020.03.16

Die Karische Chersones vom Chalkolithikum bis in die byzantinische Zeit: Beiträge zu den Surveys in Loryma und Bybassos

Winfried Held, Die Karische Chersones vom Chalkolithikum bis in die byzantinische Zeit: Beiträge zu den Surveys in Loryma und Bybassos. Forschungen auf der Karischen Cherones, 1. Marburg: Eigenverlag des Archäologischen Seminars der Philipps-Universität, 2019. v, 431 p.. ISBN 9783818505370 €119,00.

[Inhaltsverzeichnis am Ende der Besprechung.]

Im Südwesten von Karien ragen zwei langgezogene Halbinseln mit einer kleineren Halbinsel in der Mitte in den Golf von Syme, im Norden die Halbinsel von Knidos (ἡ κατὰ Κνίδον Χερρόνησος), in der Mitte die Halbinsel von Bybassos (Χερσόνησος τῆς Βuβασσίης) und im Süden die Halbinsel Tracheia, deren Name in der Antike so nicht bezeugt ist, aber durch das Mittelalter hindurch bis in das 20. Jh. bestand (Daracya Yarımadası in älteren türkischen Karten). Gemeinsam wurden alle drei Halbinseln entsprechend ihrer geographischen Erscheinung als Chersonesos Karias bezeichnet und noch im 8. Jh. n. Chr. wird neben den Provinzen Asia und Karia Chersonesos auf byzantinischen Bleisiegeln als eigener Steuerbezirk genannt.[1]

Das von Winfried Held (1) untersuchte Gebiet von Loryma und Bybassos umfasste nicht das Gesamtgebiet der Chersonesos Karias, sondern nur das Gebiet des Koinon der Chersonasioi mit den Bundesheiligtümern am Kıran Gölü auf der Halbinsel Tracheia und dem Heiligtum der Hemithea in Kastabos auf der Halbinsel von Bybassos. Dieses Koinon führte mangels eines städtischen Zentrums nur den Namen der Einwohner, der Chersonasioi. Da die Stadt Amos auf der Tracheia und die Stadt Tymnos auf der Halbinsel von Bybassos aufgrund inschriftlicher Zeugnisse eigene Koina hatten, gehörten sie wohl nicht mehr zum Koinon der Chersonasioi, aber dennoch zum mehrfach bezeugten Gebiet Chersonesos, dem Gebiet der beiden Halbinseln Tracheia und von Bybassos, die nun gemeinsam in der modernen türkischen Topographie Bozburun Yarımadası genannt werden, dem Usus folgend, alte, untürkische Namen wie Tracheia (Daracya) aus der Toponymie zu entfernen. Die Region der hier behandelten „karischen Chersones“ gehörte zum Festlandbesitz der Insel Rhodos, der rhodischen Peraia, die Bewohner waren also sowohl rhodische Bürger als auch Mitglieder des Koinons der Chersonasioi.

Die Forschungen von Held und seiner Equipe sind ein großer Fortschritt in der sorgfältigen und detaillierten Erforschung dieser bisher in der archäologischen Forschung vernachlässigten Region und der vorliegende Sammelband von umfangreichen Surveys – nicht von Grabungen, die in diesem Gebiet bisher nicht erfolgten – ein erster bedeutender Schritt zur Publikation der vielfältigen Ergebnisse. Von den bedeutendsten bisherigen allgemeinen Regionalforschungen zu nennen sind vor allem Demosthenes Chabiaras, Περίπλους τοῦ Συμαϊκοῦ κόλπου, Parnassos 14 (1891) 533–541 und Vincenzo Ruggieri S.J., Rilievi di architettura bizantina nel golfo di Simi, OCP 55 (1989) 75–100, 345–373. Die Beiträge sind etwa chronologisch gegliedert und reichen von der prähistorischen Zeit (2–3) bis in die frühbyzantinische Zeit (12–14). Einen eindrucksvollen Überblick über die 151 Fundstellen im Gebiet von Bybassos bietet in (1) die Fundstellenkarte S. 8–9, Abb. 3. Hier wird auch die Geschichte und Wirtschaftsgeschichte, vor allem Weinbau und Weintransport (Amphoren) verfolgt.

Christoph Gerber (2) behandelt in einem spezifisch gegliederten Überblick die prähistorischen Funde aus spätneolithischer und chalkolithischer Zeit in der karischen Chersones (Keramik, Obsidian und Silex, vor allem für Klingen, Felsgestein und Marmor) und deren Fundplätze im Gebiet von Loryma und Bybassos. Beim Vergleich mit anderen Fundplätzen in der karischen Küstenregion und mit der Dodekanes zeigt sich eine große Nähe zur Dodekanes. Auffällig ist jedoch das Fehlen von bronzezeitlichen Funden, wie Held auch in (1) vermerkt.

Ulrich Schüssler – Kirstin Kasper – Helene Brätz – Christoph Gerber (3) widmen den Obsidianfunden in Karien, vor allem aus Loryma und dem Latmos-Gebiet, und ihrer Herkunft von der Insel Melos bzw. aus Kappadokien eine Spezialuntersuchung mit Materialanalyse.

Im folgenden Kapitel (4) verfolgt Held die Entwicklung der Siedlungen auf der karischen Chersones in drei Beispielen, der Fluchtburg auf dem Eren Dağ bei Bybassos, der Fluchtburg bei Turgut und der Fluchtburg bei Loryma. Hier zeigt sich eine Entwicklung von den beiden Fluchtburgen bei Bybassos und Turgut, die noch keine Innenbebauung hatten, zur Fluchtburg bei Loryma mit sechs Häusern, darunter ein Oval-, ein Apsiden- und ein Antenhaus, im Inneren. Während die beiden Fluchtburgen ohne Innenbauten noch zur Geometrischen Epoche gehören dürften, steht die Fluchtburg von Loryma wohl an der Wende zur Archaischen Zeit und zugleich am Übergang von der Fluchtburg zur festen Siedlung. Anstelle einer früheren Fluchtburg entstand, wie die Mauertechnik zeigt, die archaische Siedlung auf dem Köklü Dağ bei Bybassos mit teils dichter Innenverbauung, aber auch einem unverbauten Areal aus früherer Zeit. Einen ähnlichen Befund weist die Siedlung auf dem Asar Dağ bei Loryma auf, wo eine spätklassische Mauer die frühere Bruchsteinmauer ersetzte. Im 2. Band der vorliegenden Reihe wird Matthias Nöth alle Befestigungsanlagen der karischen Chersones behandeln.

Ahmet Kaan Şenol widmet seinen Beitrag der Keramikproduktion für Weinbau und Weinexport in hellenistischer Zeit (5), vor allem in den Werkstätten von Çubucak und Limanbaşı bei Bybassos. Angebaut wurde der Wein auf künstlich gemauerten Terrassen (93, Fig. 1a, 1b, 95, Fig. 3a, 3b) und in Weinpressen gekeltert, deren Überreste vielfach gefunden wurden (94, Fig. 2 mit acht Weinpressen).

Die zahlreichen für die Wirtschaftsgeschichte bedeutsamen Stempel auf den Henkeln von Amphoren für Weinlagerung und -export mit den Namen von Beamten und Fabrikanten wurden von Gonca Cankardeş Şenol gesammelt und interpretiert (6). Viele Stempel aus Rhodos, der rhodischen Peraia, Knidos, Thasos und Kos bezeugen in Loryma Weinkonsum und –handel, nicht jedoch wie in Bybassos auch die Herstellung von Amphoren.

Ayşe Devrim Atauz widmete schon 1997 ihre Dissertation an der Bilkent Universität in Ankara dem Hafen von Kasara. Dieser erhielt von der alten Siedlung Kasara in den Asardibi genannten Stadtruinen südlich des Hafens den Namen Asardibi Limanı. Die Siedlung zog sich mit zahlreichen Grabbauten, darunter den für diesen Landstrich typischen Stufenpyramiden und einer frühbyzantinischen Kirche, bis weit in den Süden nach Serçe Limanı (Κρῆσσα Λιμήν), wo Kasara wie das nahe Phoinix einen weiteren Hafen hatte. Im Beitrag (7) stellt sie die bei Unterwasserforschungen gesammelte Keramik, wie Henkelschalen, Henkeltöpfe, Amphorisken und Öllampen vor und analysiert sie in einem Katalog. Sie sind ein Zeugnis des regen Handels auch in dieser entlegenen Bucht der karischen Chersones.

Eine gewaltige hellenistische Festungsanlage beherrscht im Westen den 500 m breiten Eingang in die 1,18 km tiefe Bucht Bozukkale, früher Oplasikabükü, antik Loryma, im Mittelalter porto amalfetano, und sicherte das für Rhodos wichtige Arsenal (ὁπλοθήκη) in der Peraia. Dieser Hafenfestung von Loryma widmet Matthias Nöth einen umfangreichen Beitrag (8) mit Baubeschreibung, Rekonstruktion und Datierung. Die beträchtlichen Ausmaße zeigt der geschlossen erhaltene, durchschnittlich 2,45 m breite Mauerring des 334 m langen und bis zu 36,5 m breiten Bauwerks. Elf Türme, davon 9 Rechtecktürme an den Seiten und zwei Rundtürme an den Spitzen der Anlage, waren gleichmäßig verteilt. Ins 3. bis 2. Jh. v. Chr. weist das pseudoisodome Mauerwerk, Inschriften im Inneren auf das 3. Jh. Ende des 2. Jhs. v. Chr. wurde sie aufgegeben, was mit der Aufgabe der chersonesischen Siedlungen und Gehöfte an der Wende vom 2. zum 1. Jh. zusammenfällt. Die Festungsmauer hatte einen Wehrgang, die Besatzung war in drei Gebäuden untergebracht, neben anderen Bauten gab es ein Dionysos-Heiligtum und ein Zeus Atabyrios-Heiligtum. In frühbyzantinischer Zeit wurde zwischen den Flanken der Mauern hinter dem runden Westturm eine dreischiffige Basilika eines Klosters eingebaut.

Sophia Şener beschäftigt sich im Beitrag (9) mit den Dächern der Hafenfestung, Winfried Held im Beitrag (10) mit einer Gebäudegruppe im Südwesten der Hafenfestung, die möglicherweise als Wohnungen für die Besatzung der Festung dienten, da in deren sehr schmalem Innenraum der Platz dafür fehlte. Wirtschaftliche Zwecke sind auszuschließen, da in dem engen und vom Inneren der Halbinsel völlig isolierten Hafenbecken alle Grundlagen für Acker- oder Weinbau fehlten.

Christian Hübner – Ralph K. Pedersen – Birthe Hemeier zeigen in Beitrag (11) auf, dass Bybassos, heute zwar in der Nähe des Meeres gelegen, aber durch die Anschwemmungen des von Hisarönü kommenden Wildbaches nicht mehr vom Meer umgeben, ehemals auf einer Halbinsel lag und einen Nord- und Südhafen hatte, wobei der Südhafen vermutlich als Kriegshafen diente.

Die karische Chersones ist nicht nur reich an antiken Siedlungen, Festungen und Heiligtümern, sondern auch an christlichen Denkmälern, von denen die Kirche in der Martı Marina in Keçibükü nordwestlich von Orhaniye die größte und bedeutendste ist. Die aus grobem Bruchstein mit wenig Ziegelbruch meistenteils in durchgehenden Lagen dicht vermörtelten Mauern der Kirche sind gelegentlich durch antike Spolien, darunter auch eine Inschrift mit dem Ortsnamen Aulai, angereichert. Ihnen widmet Camilla S. Lundgren den Beitrag (12).

Carola Jäggi – Ute Verstegen bieten in ihrem Beitrag (13) eine detaillierte Beschreibung dieser Kirche, die mit einer Gesamtlänge von 41 m (inklusive Atrium) alle anderen Kirchen der karischen Chersones übertrifft. Die Kirchen von Değirmenyanı und Ördekbakacak Tepesi in der Umgebung des nahen Bybassos, die in einem eigenen Band der vorliegenden Reihe von Jasmin Peschke behandelt werden sollen, sind jedenfalls wesentlich kleiner. Der Bau der frühchristlichen (ca. 6. Jh.) dreischiffigen Basilika erfolgte in drei Phasen: An den Naos wurden Narthex und Atrium etwas später angebaut. Ungewöhnlich sind die zweigeschossigen rechteckigen Pastophorien, die über die halbrunde Apsis hinausragten, und der ebenfalls zweigeschossige Narthex. Von der Kirchenausstattung sind noch Fragmente von Schrankenplatten und –pfosten sowie ein Ambofragment erhalten. Ein Vergleichsbeispiel bietet die Kirche von Adaboğazı/Göl südlich von Bozburun. Anders als diese in einem dicht verbauten Ruinenfeld einer städtischen Siedlung stehende Kirche, die im späteren Mittelalter in fast allen Portulanen und Portulankarten mit dem Namen „Mesi“ genannt ist, einmal sogar als einziger karischer Hafen in roter Schrift und somit als bedeutendster Hafen Kariens, wurde die Kirche von Keçibükü an einer völlig abgelegenen Stelle außerhalb jeder Siedlung errichtet. Somit ist der Zweck der Kirche völlig unklar, jedenfalls war sie keine Orts-oder Bischofskirche, da es in der gesamten Region kein Bistum gab. Missionskirche ist reine Spekulation, eine Pilgerkirche wäre möglich, hätte aber mit einer in Portulankarten des 14. Jhs. genannten möglichen Pauluskirche in einer San Polo genannten Ortslage der spätmittelalterlichen Portulankarten nichts zu tun, da damit Klippeninseln im Südwesten von Samos gemeint sind.[2] Als beliebte Schiffsanlegestelle zur Wasserversorgung aus dem später angebauten Brunnenhaus im Atrium der Kirche und zugleich Pilgerstation wäre die Kirche also denkbar. Leider fehlt aber jegliches Zeugnis einer mittelalterlichen Nutzung der Kirche; ein Follis Konstans’ II. (641–668), der bei der Reinigung des Stylobats gefunden wurde, ist sowohl Terminus ante quem für die Bebauung als auch letztes Zeugnis für die Nutzung der Kirche.

Schließlich folgt ein Beitrag von Iris Engelmann (14) zum Sanierungskonzept der Kirche, die vorläufig gut geschützt im abgesperrten Gebiet der Marina liegt und somit vor Raubgrabungen bewahrt wird. Sie ist jedoch an verschiedenen Stellen durch üppigen Pflanzenwuchs gefährdet und der Witterung ausgesetzt, die ohne entsprechende Maßnahmen zur Zerstörung der Mauern führen wird.

Das Gebiet der Chersonesos Karias hieß nach den beiden Städten Stadia (Datça) auf der Halbinsel Knidos und Tracheia (Gerbekse) auf der Halbinsel Tracheia im Spätmittelalter Stadiotrachia und wurde speziell im Golf von Syme zu einem Rückzugsgebiet der einheimisch griechischen Bevölkerung. Nach der Zerstörung von Knidos durch die Araber im 7. Jh. verlegte der Bischof seinen Sitz nach Stadia und wanderte nach der Eroberung von Stadia durch die Menteşe vielleicht in den Golf von Syme weiter, wo die mit einer Wehrmauer befestigte Siedlung auf der Müsgebi (= episkopē, Bischofssitz) Adası vor Bozburun seine neue Residenz geworden sein könnte. Das vorläufig vom Tourismus noch ungestörte Ruinengebiet in der Badalena Bucht südlich von Bozburun in der karischen Chersones verdient ebenfalls einen so vorbildhaften Survey, wie ihn Held in Bybassos und Loryma durchführte.

Inhaltsverzeichnis

1. Winfried Held, Die Surveys Loryma und Bybassos. Ein Überblick über die Ergebnisse, 5–10.
2. Christoph Gerber, Die Karische Chersones in prähistorischer Zeit. Ergebnisse der Begehungen in Loryma 2001 und Bybassos 2006 11–65.
3. Ulrich Schüssler – Kirstin Kasper – Helene Brätz – Christoph Gerber, Obsidian Artefacts from the Prehistoric Caria, West Anatolia, 66–80.
4. Winfried Held, Karische Fluchtburgen und die Entstehung der Siedlungen auf der Karischen Chersones, 81–92.
5. Ahmet Kaan Şenol, Ceramic Production on the Karian Chersonesos, 93–117.
6. Gonca Cankardeş Şenol, Stamped Amphora Handles from the Karian Chersonesos: Loryma and Bybassos, 119–153.
7. Ayşe Devrim Atauz, Ceramic Assemblage from the Harbor of Kasara on the Carian Chersonesos, 155–174.
8. Matthias Nöth, Die Hafenfestung von Loryma, 175–295.
9. Sophia Şener, Die Dächer der Hafenfestung von Loryma 297–324.
10. Winfried Held, Die Gebäudegruppe bei der Hafenfestung von Loryma 325–331.
11. Christian Hübner – Ralph K. Pedersen – Birthe Hemeier, Geophysical and Theoretical Considerations on the Harbors of Bybassos in the Hellenistic Period, 333–344.
12. Camilla S. Lundgren, Die antiken Spolien der Kirche in der Martı Marina von Orhaniye, 345–378.
13. Carola Jäggi – Ute Verstegen, Die Kirche in der Martı Marina in Orhaniye. Ein Beitrag zur frühbyzantinischen Sakralarchitektur in der Südwesttürkei, 379–418.
14. Iris Engelmann, Sanierungskonzept Kirchenruine Orhaniye – Empfehlungen zum denkmalpflegerischen Umgang 419–426.

[1] Friedrich Hild, Karien in den Portulanen und Portulankarten (Veröffentlichungen zur Byzanzforschung 43 = Denkschr. ÖAW, phil.-hist. Kl. 514), Wien 2019, 73, 79–80.

[2] Hild, a. O. 86.