Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2019.09.46 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2019.09.46

Tine Scheijnen, Quintus of Smyrna's 'Posthomerica': A Study of Heroic Characterization and Heroism. Mnemosyne. Supplements, volume 421.   Leiden:  Brill, 2018.  Pp. xv, 393.  ISBN 9789004373433.  €138.00.  ISBN 9789004380974.  ebook.  


Reviewed by Thomas Gärtner, Universität zu Köln (th-gaertner@gmx.de)

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Bei dem hier zu rezensierenden Buch handelt es sich um die Druckfassung einer Ghenter Dissertation aus dem Jahr 2016.

Im einleitenden Kapitel werden allgemeinere Themen der Quintus-Forschung behandelt: Die Ortsangabe „Smyrna“ in der Musenweihe wird nicht notwendig als Herkunftsort des Autors, sondern eher als Symbol seiner „literary ancestry“ (Homer) betrachtet (2). Mit der communis opinio wird Quintus zwischen Oppian und Nonnos datiert (3), und zwar in das dritte Jahrhundert und damit in die Nähe der Zweiten Sophistik (4). Vieldiskutierte Probleme, wie die Kyklos Frage (5 – Hatte Quintus Zugang zu den Kyklischen Epen ?) und die Latein Frage (13 – Rezipierte Quintus vorgängige lateinische Dichtung ?) werden nur berührt. Im Anschluß an Vian wird ein grundsätzlicher Quelleneklektizismus angenommen (13), wobei aber auch modernere Forschungstendenzen berücksichtigt werden, die sich besonders an die Namen Bär und Baumbach knüpfen (14), welche Quintus – vielleicht gelegentlich allzu weitgehend – in den Kontext alexandrinischen Künstlertums rücken (S.15 zur Zweiten Sophistik als „Rezeptionshorizont“ des Quintus). Auch die historische Entwicklung der Quintus-Forschung wird berücksichtigt (S.12 zur Hochschätzung des Quintus als Ebenbild Homers in der frühen Neuzeit, dagegen S.12f. zu seiner Abwertung im 20. Jahrhundert).

Nach allgemeinen Ausführungen über das homerische Heldenbild (Hektor im Gegensatz zu Achill auch durch die soziale αἰδώς gegenüber seiner Familie bestimmt, S.24f.) kommt die Verf. zum Aufbau der Posthomerica: Sie votiert gegen Appels wenig überzeugende These beziehungsloser Einzelrhapsodien und schließt sich Schenks erhellenden Ausführungen an (33f.), wonach die Posthomerica durch große Versammlungsszenen im Wesentlichen in drei Abschnitte gegliedert werden (PHI–V mit Achill im Mittelpunkt; VI–XI mit Neoptolemos im Mittelpunkt; XII–XIV die eigentliche Iliupersis). Schon das Hinzukommen neuer Charaktere wie des Neoptolemos in den Posthomerica verbürgt, daß sich Quintus nicht einfach in der Charakterzeichnung an Homer anschließt, wie gelegentlich angenommen (37).

Im ersten Hauptabschnitt wird Penthesilea als erste „Nachfolgerin“ Hektors behandelt; sie wird in vielerlei Hinsicht als minderwertig gegenüber dem zweiten „Nachfolger“ Memnon ausgemacht, was sich durch auffällige strukturelle Parallelen zwischen PHI und PHII zeigt. Mehrfach wird sie als νηπίη bezeichnet, und diverse Kommentare lassen schon vor dem entscheidenden Kampf keinen Zweifel, daß sie keine Chance gegen Achill haben wird (wohingegen Memnon der Prahlerei abgeneigt ist und von seinen Gegnern vergleichsweise wesentlich ernster genommen wird). In den Ausführungen der Verf. zeigt sich die Tendenz, die Bedeutung der Weiblichkeit Penthesileas zu minimalisieren: Sie will in PHI nicht primär „a clash of genders“ (70) sehen und deutet Penthesileas Äußerung in PHI562 (S.62) so, daß sie nicht Männern, sondern Sterblichen überlegen sein will. Aber man wird doch konstatieren müssen, daß die breit geschilderte Diskussion unter den Trojanerinnen, ob man wie Penthesilea in den Kampf eingreifen soll, eine ungünstige Schattierung erhält durch die Chancenlosigkeit, welche Penthesilea bereits vor ihrem Kampf nachgesagt wird (und welche vielfach richtig von der Verf. herausgearbeitet wird).

In einem Exkurs wird auf die Abstrafung des Thersites durch Achill vor dem intertextuellen Hintergrund seiner Züchtigung durch Odysseus im zweiten Ilias-Buch eingegangen. Die Verf. kommt zu dem Ergebnis, daß Thersites bei Quintus in seiner Schmährede wichtige Aspekte des epischen Heldenbilds ausspricht und somit – trotz seiner schließlichen Tötung durch Achill – Wahres ausspricht und in einigen Punkten recht behält (76f.). Dabei scheint mir jedoch nicht berücksichtigt zu sein, daß Thersites bei Quintus Achill so kritisiert, als hätte dieser sein Heldentum zugunsten einer erotischen Neigung zu Penthesilea vernachlässigt (nur so funktioniert die Parallelisierung mit Paris) – in Wirklichkeit hat Achill aber mit der Erlegung der Penthesilea seine Pflicht getan und läßt sich nur nach ihrem Tod von ihrer durch Aphrodite gemehrten Schönheit beeindrucken. Wenn also Thersites auch an sich Wahres ausspricht, so stellt er doch Achills heroisches Handeln zu Unrecht in Frage. Dem Tod Achills, welcher das nächste große Thema bildet, geht ein hybrishaftes Fehlverhalten des Helden gegen Apoll voraus (100f.); Achill eignet eine übermenschliche Kraft, die nur durch Götter zu bezwingen ist; im ganzen liegt bei Quintus´ Achill-Bild „a clear focus on his rigorous, even harsh side“ (101). Aias ist laut der Verf. bei Quintus differenzierter gezeichnet als der vergleichsweise tumbe homerische Aias (111). Die Auseinandersetzung zwischen Aias und Odysseus um die Waffen Achills, bei der es eigentlich um den „besten“ unter den Griechen, also um das wahre Heldentum geht (136), wird bereits in den Leichenspielen antizipiert, wo Odysseus, der wegen einer Verwundung nicht teilnehmen kann (131), durch Diomedes als Antagonisten des Aias ersetzt wird (128). Aias und Odysseus sind gewissermaßen komplementäre Hälften des Idealhelden (137). Das recht lehrhaft ausfallende Resüme des Odysseus über seinen toten Antagonisten zeigt, daß Odysseus „advocate of a new heroic tendency“ ist (151f.). In PHIII–V wird das klassische iliadische Heldentum destruiert, einerseits Achill durch seine Hybris gegen Apoll, andererseits Aias durch seinen Wahnsinn (153).

Bezüglich Neoptolemos wird zunächst die sukzessive literaturgeschichtliche Verschlechterung seines Persönlichkeitsbildes konstatiert; nach seinem Auftritt im zweiten Aeneis Buch als Mörder des Priamos wird er, zumal in lateinischer Literatur, kaum noch neutral oder gar positiv gezeichnet (157f.). Bei Quintus, der von dieser Depravierung des Neoptolemos Bildes nicht betroffen ist (ohne daß bei dieser Gelegenheit von der Verf. Stellung zur Vergil Frage bezogen würde), versteht sich Neoptolemos sogleich als legitimer Nachkomme und Nachfolger Achills (188). In der Auseinandersetzung mit Eurypylos (der gewissermaßen das trojanische Pendant der neuen Heldengeneration bildet) zeigt er sich darüber verärgert, daß er nicht sogleich als der Sohn Achills erkannt wird (201f.), und seine Erlegung des Eurypylos kommentiert er mit den Worten „Der Speer meines Vaters tötet Dich“ (PHVIII214f., S.204). Er heißt bei Quintus wesentlich öfter „Achills Sohn“ als „Neoptolemos“ (210) und spricht relativ wenig (212). Philoktet nimmt – als ebenfalls nachträglich eingeholter Held – seinen Platz neben Neoptolemos ein (222f.).

Dann wendet sich die Aufmerksamkeit dem Odysseus zu, der in der Ilias ein Mann sowohl der Tat als auch des Wortes ist, dessen Wirkungsfeld sich in der Odyssee jedoch entscheidend verändert (236): Seine sich im griechischen Kriegsrat durchsetzende Kriegslist, das Trojanische Pferd (PHXII), reproduziert gewissermaßen seinen rhetorischen Sieg gegen Aias in PHV (237), und der Widerspruch des Neoptolemos gegen diesen Kriegsplan entspricht dem Widerstand des Aias (238f.) im Sinne des klassischen iliadischen Heldentums; dabei wird aber in dem „Richtungsstreit“ zwischen Odysseus und Neoptolemos auch ein Einfluß des sophokleischen Philoktet für wahrscheinlich gehalten (238f.). Nestor muß vermittelnd eingreifen und dem Neoptolemos zeigen, daß seine βίη bei dem Unternehmen erfordert ist und auch die Nyktomachie Raum zur Entfaltung des klassischen Heldentums bietet (251). Trotzdem bleibt Neoptolemos dem δόλος abgeneigt (252). Dagegen bei Triphiodor findet sich kaum ein solcher Gegensatz zwischen Odysseus´ Plan und Neoptolemos´ Heldentum (254f. – auch hier geht die Verf. auf das Problem des zeitlichen Verhältnisses nicht näher ein). Das gewandelte Heldenbild zeigt sich darin, daß mehrfach gesagt wird, daß es die ἀριστῆες sind (einschließlich des Odysseus), welche das Trojanische Pferd besteigen (258), von welchen wiederum die ἄνακτες (Agamemnon und Nestor) unterschieden werden (wie ja Agamenon schon im Ilias-Prooemium als ἄναξ ἀνδρῶν dem δῖος Ἀχιλλεύς entgegengestellt wird). Sinon ist bei Quintus im Vergleich zur vergilischen Gestaltung nicht nur verschlagener Rhetoriker, sondern auch Tatmensch, der durch seine freiwillige Selbstverstümmelung und seine Standhaftigkeit gegen die trojanische Folter Standhaftigkeit auch im herkömmlichen heroischen Sinne beweist und somit zu den ἀριστῆες gehört (262ff.) – hier wäre jedoch methodisch zu berücksichtigen, daß bei Vergil Sinon ja den Prototyp der griechischen Verschlagenheit repräsentiert, also kaum Held im herkömmlichen Sinne ist, und somit die Aeneis nicht einfach als Vergleichsgegenstand zum epischen Heldenbild des Quintus herangezogen werden kann.

Zur eigentlichen Iliupersis: Die offenkundigen Bezüge des Schweinegleichnisses, mit welchem der Tod der hilflosen Trojaner illustriert wird, auf ein Gleichnis, welches der Totenschatten Agamemnons in der Nekyia von seinem eigenen Untergang verwendet (277f.), könnte man vielleicht mit einem Talionsgedanken verbinden, wie ihn Kassandra in den euripideischen Troerinnen äußert (der Untergang Agamemnons als Ausgleich für die Zerstörung Trojas). Neoptolemos erfüllt bei Quintus dem Priamos mit seiner Ermordung geradezu ein eigenes Begehren, insofern dieser sich wünscht, schon bei seinem Bittgang zu Achill in Il.XXIV von diesem getötet worden zu sein (295f.), wohingegen Priamos bei Vergil Neoptolemos in einen sehr unvorteilhaften Gegensatz zum damaligen Achill bringt. Wenn die Verf. hieraus folgert (299f.), daß „Quintus´ Neoptolemus does not behave too badly during the Sack“, so zeigt sich hierin vielleicht ein allgemeines Problem ihrer Interpretationen: Neoptolemos verhält sich bei Quintus faktisch kaum anders als bei Vergil (eine Schonung des hilflosen Greises am Altar kommt für ihn nicht in Betracht), nur wird das intertextuelle Verhältnis zum Bittgang des Priamos zu Achill in Il.XXIV in der Rede des Priamos weniger unvorteilhaft für ihn ausgedeutet; der Priamos des Quintus wünscht sich, schon damals umgekommen zu sein, während sein vergilisches Pendant Neoptolemos als „entarteten Sohn Achills“ beschimpft (eigentlich ist also eher Priamos in beiden Fassungen verschieden charakterisiert).

In PHXIV ist dann Achill postmortal wieder präsent, zunächst in einem Festgesang, dann durch seine Traumerscheinung vor Neoptolemos (320f.). Die Verf. betont die werkschließende Bedeutung der heroischen Unterweisung des Neoptolemos durch Achill (325). Das gelegentlich monierte Mißverhältnis zwischen der Anleitung des Neoptolemos zu Wohlverhalten und der eigenen Forderung Achills nach Schlachtung eines unschuldigen Mädchens wird aufgelöst durch den göttlichen Status Achills, der nunmehr Opfer fordern darf (332ff.). Der gigantenhafte Kampf des kleineren Aias gegen die ihn bestrafende Pallas wird im Sinne einer Destruktion des alten Heldenideals zusammengestellt mit der ὕβρις Achills und dem Wahnsinn des Aias (351), was ein wenig fragwürdig erscheint, da der Bestrafung des kleineren Aias ja ein objektives, nicht unmittelbar aus seinem Heldentum hervorgehendes Fehlverhalten zugrundeliegt, und die Verf. tut gut daran, einzuschränken: „it would be too rash to place the three heroes on exactly the same footing“ (352). Die Vergöttlichung Achills ist der finale Höhepunkt des „Iliadic heroic belief“ (357f. – dieser ist doch eigentlich schon durch den Tod von Aias und Achill überwunden und von Odysseus durch ein neuartiges Heldentum ersetzt worden, dem sich auch Neoptolemos anbequemt), und der Seesturm, in dem Aias umkommt, bildet den Übergang zur Odyssee (was unbezweifelbar richtig ist, aber auch ein wenig trivial, da es sich hier ja um den Nostos der übrigen Griechen, in der Odyssee aber um denjenigen des Odysseus handelt). Den Abschluß der Untersuchung (364f.) macht eine metaliterarische Ausdeutung des Verhältnisses zwischen Neoptolemos und seinem Vater im Sinne des Verhältnisses von Quintus zu seinem literarischen Vorbild Homer (wenn man sich vor solchen Subtilitäten nicht scheut, könnte man dann in dem „neuen Helden“ Odysseus ein Symbol der neuen verkünstelnden alexandrinischen Dichtungsrichtung sehen, an dem die Deszendenz Achill – Neoptolemos vorbeiläuft).

Es bleibt zu resümieren: Die Studie weckt durch den Begriff „characterization“ im Titel möglicherweise die Erwartung, daß auf Probleme eingegangen wird, die in Studien zur Figurencharakterisierung öfter thematisiert werden, etwa das aristotelische Postulat der Unterordnung des ἦθος unter den μῦθος, oder die Frage, ob ein Autor charakterliche Veränderungen oder gar Entwicklungen darstellt, oder ob sich verschiedene Charaktere in verschiedener sprachlicher Gestaltung niederschlagen. All diese Fragen spielen in der hier besprochenen Studie allenfalls am äußersten Rand eine Rolle. Im Mittelpunkt stehen Betrachtungen über das episch- heroische Heldenbild, und diese werden durchgehend mit der Methodik des intertextuellen bzw. intratextuellen Vergleichs durchgeführt: intertextuell, wenn Stellen der Posthomerica mit solchen aus der Ilias, Odyssee oder gelegentlich anderen möglichen Vorbildtexten über denselben Helden zusammengestellt werden; intratextuell, wenn die Ereignisfolgen um bestimmte verschiedene Helden innerhalb der Posthomerica verglichen werden (so etwa die Auftritte der Penthesilea in PHI und Memnon in PHII). Damit soll nicht angedeutet werden, daß diese Methodik des Textvergleiches nicht an sich angemessen wäre und fruchtbar durchgeführt würde, aber durch den Begriff „characterization“ werden möglicherweise falsche Erwartungen geweckt. Vielleicht hätte man als Titel des Buches besser z.B. „Heroes and heroism in Quintus of Smyrna’s Posthomerica“ verwendet (wie in der Internetpräsenz der Verf. ihr Dissertationsprojekt überschrieben ist).

Die auf dem Wege des Textvergleichs erzielten Ergebnisse sind weitgehend unanfechtbar. Gelegentlich (etwa im Falle von Triphidor und Vergil) wären die Ergebnisse vielleicht doch anschaulicher, wenn man zumindest eine begründete Hypothese über das Zeitverhältnis bzw. die Abhängigkeitsfrage wagen würde. Speziell bezüglich Vergils wäre der methodische Vorbehalt zu berücksichtigen, daß im Rahmen der vergilischen Gesamtkonzeption die Griechen von vorneherein weniger als epische Helden denn als Vertreter der Troja (und Rom) feindlichen griechischen Heimtücke dargestellt werden (insbesondere Odysseus und Sinon). Die vielfach hervorgehobene Auffassung, daß Quintus ein flexibles Heldentum zwischen Ilias und Odyssee darstellt, ist natürlich richtig, aber führt teilweise auch zu gewissen Trivialitäten, da es Quintus ja durch den Mythos vorgegeben war, Achill und Aias zu Tode zu bringen, Neoptolemos in den Krieg holen und die Odyssee durch die Nostoi der übrigen Griechen präparieren zu müssen.

Sprachlich ist das Buch mit einer Sorgfalt gestaltet, die man selten in Werken mit so umfangreichen griechischen Zitaten findet; kleinere Versehen S.62 γένος ἄρήιον (richtig ἀρήιον); S.67 ὄφρά τι (richtig ὄφρα τι); S.239 ἀμύμονι φωτὶ καὶ ἐσθλῇ (richtig ἐσθλῷ).

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