BMCR 2019.07.59

Gewalt und Unmaking in Lucans Bellum Civile: Textanalysen aus narratologischer, wirkungsasthetischer und gewaltsoziologischer Perspektive. Amsterdam studies in classical philology 27

, Gewalt und Unmaking in Lucans Bellum Civile: Textanalysen aus narratologischer, wirkungsasthetischer und gewaltsoziologischer Perspektive. Amsterdam studies in classical philology 27. Leiden: Brill, 2018. viii, 404. ISBN 9789004379442. $148.00.

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Lucans Bellum Ciuile ( BC) ist zwar vor allem für die Scheußlichkeit der in ihm dargestellten Gewalttaten berüchtigt, allerdings gehören die Verwundungen und Verletzungen zu den durchaus unpopulären Teilen des Gedichts. Weit mehr Aufmerksamkeit haben etwa die politische, die formale, die philosophische und die literarhistorische Dimension des Gedichts erfahren. Hans-Peter Nill erkennt darin ein Desiderat und bekräftigt somit das Interesse, der Gewalt in der römischen Epik eigene Studien zu widmen.1 In seiner Tübinger Dissertation unternimmt Nill also den Versuch, die Gewaltdarstellungen des Gedichts systematisch zu betrachten und hierfür literaturwissenschaftliche, soziologische und narratologische Methoden miteinander zu verbinden. Er selbst spricht diesbezüglich von einer Probebohrung (S. 3). Was hier zutage gefördert wird, ist in der Tat vielversprechendes Material: In fünf aufeinanderfolgenden Analysen (zu Marius Gratidianus, zum Massensterben und der Tiberflut, zur Seeschlacht von Massilia, zum Kampf zwischen Hercules und Antaeus und zur Schlacht bei Pharsalus) zeigt der Autor, wie die lucanische Gewalt literarisch dargestellt ist, und skizziert, wie sie aufgefasst werden kann. Aussagen wie die, dass die Gewalt des BC letztlich als bloßes Ornament die Schrecken des Krieges illustriere, sind damit ein für alle Mal als unzureichend erwiesen.

Das Hauptverdienst der Untersuchung besteht darin, im Anschluss vor allem an das von A. J. Greimas entwickelte strukturalistische Konzept literarischer Aktanten ein theoretisch fundiertes Modell zur Beschreibung der relevanten Passagen entwickelt zu haben.2 Nills umfangreiche Einleitung (1–86) dient im Wesentlichen der Darlegung dieses Modells; es umfasst etwa 20 verschiedene Gesichtspunkte, darunter Täter (in Nills Terminologie agens) und Opfer ( patiens), aber auch Dritte (u.a. Helfer, Zuschauer, Auftraggeber), Waffen, Verwundung, Sterben usw. (S. 54–59, eine instruktive Grafik auf S. 56 bzw. 350 dient der Veranschaulichung). Überdies wird die Analyse des Erzählraums als wichtiger Schlüssel zur Untersuchung der Gewaltdarstellungen erwiesen (59–66). All das trägt Nill mit großer Sorgfalt vor, und viele der allgemeinen Ausführungen zur Gewaltsoziologie (30–47) sind interessant und lehrreich. Jedoch: So wichtig bei einem interdisziplinären Zugang die Darlegung der gewählten Methodik auch ist, sie erscheint zuweilen etwas unhandlich. Eine gewisse Straffung (etwa bei den Ausführungen zur Postmoderne, S. 80-83) hätte hier nützlich sein können, ebenso ein etwas ausführlicheres Inhaltsverzeichnis, um die Argumentationsstruktur zu veranschaulichen und damit einige Redundanzen (etwa S. 49f.) zu vermeiden

Zu loben ist indessen Nills Systematik und, damit verbunden, die klare Gliederung der Arbeit. Alle diskutierten Passagen werden nach demselben Muster behandelt: Auf eine Übersetzung folgen Ausführungen zu Kontext, Inhalt und Aufbau,3 dann ein Referat zum Forschungsstand und schließlich, unter Anwendung des entwickelten Modells, die Interpretation. Dem Autor geht es hierbei dezidiert nicht um das Werk als Ganzes oder gar die Intentionen seines Autors, sondern um die exemplarische Betrachtung der Einzelszene (die zwar durchaus nicht problemlose kinematographische Metapher erweist sich für den Autor oft als erkenntnisleitend) und deren Bedeutung für die Gewalterfahrung der Leser, wobei hier nicht notwendig zwischen antikem und modernem Publikum unterschieden werden muss. Diese Beschränkung auf das Mikroskopische ist—jedenfalls für den Moment—sinnvoll, denn Nill macht viele wichtige Beobachtungen, die nicht ohne weiteres interpretativ vereinbar erscheinen. Das betrifft ebenso sehr einzelne Details der Komposition (etwa S. 282 zur Semantisierung des Raums in der Antaeusepisode) wie auch insgesamt den Deutungsrahmen der betrachteten Passagen. Zwei der von Nill erhobenen Befunde sind besonders hervorzuheben, weil sie auch über die Gewaltdarstellungen hinaus für das BC aussagekräftig sind:

Unschärfe und Illusionsdurchbrechung. Die grausame Hinrichtung des Marius Gratidianus ist zwar ästhetisch eindrucksvoll, in ihrem Verlauf ist sie jedoch nicht vollständig nachzuvollziehen. Die einzelnen Gewalttaten werden unanschaulich erzählt oder ostentativ verschwiegen; die insofern namenlose Gewalt symbolisiert innerhalb und außerhalb der Fiktion einen vollständigen Sinnverlust (S. 117–119). Die Verwundung des Catus dagegen ist bereits an sich auffällig unwahrscheinlich (er wird von vorn und von hinten von Pfeilen getroffen, so dass das Blut zunächst ‘nicht sicher ist’, wohin es fließen soll). Die Unschärfe zwischen Schrecken, Befremden und dem Unterhaltungswert des Spektakulären reflektiert hintersinnig die Fiktionalität der Darstellung (S. 177–179).

Die Ästhetik der Abwesenheit. Lucan reflektiert Abwesenheit nicht nur dadurch, dass er immer wieder erzählt, wie die Überlebenden den Verlust ihrer Angehörigen erfahren (S. 233–235), sondern, auf anderen diegetischen Ebenen, auch dadurch, dass alternative Handlungsverläufe angedeutet, narrative Strukturen durchbrochen oder literarische Referenzen anders als erwartet ausgeführt werden; dies wird vor allem deutlich mit Blick auf die Archetypen epischer Verwundungen bei Homer (S. 314–318).

Nicht alle dieser Beobachtungen mögen angesichts der Diskussion um Lucans Antiphrasen überraschend scheinen, aber ihre systematische Darbietung ist sehr nützlich. Ausgehend alsovon der solchermaßen dokumentierten Vielfältigkeit und Subtilität der Gewaltdarstellungen—oder vielleicht sogar Gewaltanwendungen—Lucans gelangt der Autor zu der These, dass der Gewalt im BC eine widersprüchliche, Strukturen auflösende Wirkung zukomme, die den Rezipienten in herausfordernder Weise daran beteilige, dem Gedicht (und seinem Thema) einen Sinn abzugewinnen. Nill spricht diesbezüglich von „Unmaking“. Der neue, in seiner Kürze attraktive Terminus, mit dem sich Phänomene wie Unanschaulichkeit, Realismus, Fiktionalität und Referentialität gleichzeitig fassen lassen, erscheint insofern zu Recht im Buchtitel. Dort ist er allerdings nicht unmittelbar verständlich, so dass es bequemer wäre, ihn gleich zu Anfang und nicht erst auf S. 83 ausführlicher erklärt zu finden. Entsprechend willkommen ist das übersichtliche Schlusskapitel („Narrative Gewalt als Unmaking“, S. 337–349).

Im Fazit der Arbeit konstatiert der Autor mit Bezug auf Eco: „Infolge der vielfältigen, mehrdimensionalen und fragmentarischen werkimmanenten Strukturen kann das Bürgerkriegsepos vom Leser aus verschiedenen, auch widersprüchlichen Perspektiven betrachtet und konkretisiert werden, ‚ohne jemals aufzuhören (es) selbst zu sein.‘“ (S. 348). Dem ist absolut zuzustimmen. Nicht alle Mehrdimensionalitätsdiagnosen des Autors sind jedoch in gleicher Weise überzeugend. Hier geht es womöglich um etwas Grundsätzliches: Die jüngere Forschung zu Lucan hat gezeigt, wie unbedingt nötig es ist, die zahlreichen Schwierigkeiten des BC, die zu so erstaunlich gegensätzlichen Interpretationen geführt haben, im Blick zu behalten. Insofern ist es zwar legitim, wenn Nill mit postmodernen Ansätzen konsequent das Dekonstruktive im BC offenzulegen versucht. Allerdings ist das Gedicht selbst, um es provozierend simpel zu sagen, nicht postmodern. Im Ganzen scheint mir daher doch die Frage unumgänglich, in welchem Verhältnis das BC Auflösung bzw. Verunklärung und Bekräftigung von Strukturen bewirkt und ob es womöglich auch ein Antonym zu „Unmaking“ gibt, sozusagen das Heile im Fragmentarischen. Diese Frage steht, eingestandenermaßen, nicht im Fokus von Nills Untersuchung, sie ist aber hinsichtlich der von ihm angestoßenen Methodendiskussion wichtig. Ich möchte daher mit Blick auf die Weiterbeschäftigung mit der lucanischen Gewalt auf zwei Stellen näher eingehen, wo aus meiner Sicht keine Uneindeutigkeit und Absurdität festzustellen sind bzw. wo das Werkganze etwas mehr in Betracht kommen sollte.

1. Lucan. 2, 203–206. Der Kontext ist, dass sich die Soldaten Sullas bei der Massenhinrichtung auf dem Marsfeld im Gedränge kaum mehr bewegen können (bzw. müssen?):

[ sc. uix] uictores mouere manus; uix caede peracta
procumbunt, dubiaque labant ceruice; sed illos
magna premit strages peraguntque cadauera partem
caedis: uiua graues elidunt corpora trunci.

Die Bezüge sind hier nicht unmittelbar deutlich; man hat aber, unter anderem ausgehend von einer Bemerkung in den adnotationes angenommen,4 dass die schon getöteten Delinquenten die noch lebenden erdrücken.5 Dieser Ansicht sind—meines Erachtens zu Recht—fast alle modernen Interpreten gefolgt. Nill sieht das anders,6 verzichtet jedoch auf eine Auswertung der Kommentartradition und erklärt: „Die Getöteten … erdrücken ihre Mörder durch ihr Gewicht“ (S. 135 u.ö.), um hier „Unmaking“ am Werk zu sehen: „Verdichtung zeigt sich bei der Ausführung der Gewalt selbst: aus patientes werden agentes und in verkehrter Richtung aus agentes patientes. Die Distanz zwischen Getötetwerden und Töten verringert sich auf ein Minimum … [ sc. so konstituiert sich] das Unmaking Lucanischer Gewalt, das nicht auf räumliche Entitäten begrenzt ist, sondern auch in der Transformation semantischer Codes, wie beispielsweise in der Verdichtung semantischer Oppositionen wie Gewalttat— Gewalterleiden oder Leben—Tod zum Ausdruck kommt.“ (S. 152). Sind die Grenzen hier aber wirklich so unklar, gewinnt die Passage an Eindringlichkeit, wenn wir Sullas Schergen ihrerseits als Opfer auffassen? Eine ausführliche Diskussion des Textes und Überlegungen dazu, wie Ambivalenzen auf der Ebene des Textes sich zu bestimmten Erwartungen an die Narration verhalten, wäre gerade hier wünschenswert gewesen.

2. Lucan. 4, 593–653. In der Erzählung von Hercules und Antaeus, die ein libyscher Einwohner dem neugierigen Curio vorträgt, erkennt Nill eine besondere Spannung („suspense“): Den Lesern, die sich mit Hercules identifizieren, müsse ein Sieg des Helden immer unwahrscheinlicher vorkommen (S. 295), bis die Spannung durch „Unmaking“ abrupt aufgelöst werde (S. 303). Die Argumente, die Nill hierzu anführt (das Spannungspotential der story, S. 291, der Verlauf des Kampfes, S. 295, die scheinbar suggestive Rede von den regna Antaei, S. 296), sind für sich genommen überzeugend—wären da nicht die populären Namen, also der Mythos. Obschon Nill sowohl die intertextuelle Dimension der Passage als auch ihre diegetische Einbettung tadellos darstellt (S. 260–266), äußert er sich kaum zum Verhältnis von Spannung und Intertextualität: Kann man wirklich für einen Moment an Hercules’ Sieg zweifeln? Hier müsste wohl eine Untersuchung des narrativen Arrangements anknüpfen: Was bedeutet es, dass der Adressat dieser Mythenparaphrase gerade Curio ist, der sich mehr für Scipio als für Sagenhelden zu interessieren scheint?

Wie gesagt: Ob die angedeuteten Arbeitsschritte auch noch zur „Probebohrung“ gehören, kann man wohl unterschiedlich beurteilen. Eine solche hat ja ihren Zweck auch dann erfüllt, wenn sie Ergebnisse liefert, die künftig noch weiter aufbereitet werden müssen. Und gut gesichert sind Nills Proben in jedem Fall: Das Buch ist sorgfältig redigiert, sehr hilfreich sind die Indizes zu Stellen, Namen und verwendeten Begriffen (lediglich einen Eintrag zu „Dynamik“ habe ich vermisst), unbedingt erwähnenswert ist die vorbildhafte Typografie.

Notes

1. Cf. Franchet d’Espèrey, Sylvie (1999). Conflit, violence et non-violence dans la Thébaïde de Stace, Paris: Les belles lettres. Syré, Evelyn (2017). Gewalt und soziale Bindung in Silius Italicus’ Punica, Rahden: Marie Leidorf.

2. Greimas, Algirdas Julien (1966). Sémantique structurale. Paris: Larousse [dt. (1971): Strukturale Semantik. Braunschweig: Vieweg].

3. Angesichts der Fragestellung ist es nicht nur berechtigt, sondern sinnvoll, nicht systematisch die Textkritik der behandelten Passagen zu behandeln; an einigen Stellen (etwa Lucan. 2, 213; 7, 627) hätte eine entsprechende Diskussion Nills Thesen aber vielleicht noch weiter bekräftigen können.

4. Endt, Johannes (ed. 1909). Adnotationes super Lucanum, Leipzig: Teubner.

5. Siehe etwa Housmans Bemerkung zur Stelle: „multitudo locique angustiae faciunt ut uix procumbant etiam quorum caedes peracta est, tantum labent ac nutent …; alios uero non uictorum manus sed caesorum corporum pondus interimit.“

6. Eine ähnliche Übersetzung findet sich auch bei Hoffmann, D.; Schliebitz, C.; Stocker, H. (2011). Lucan, Der Bürgerkrieg, eingeleitet, übersetzt und kommentiert, Darmstadt: WBG.