Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2018.10.56 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2018.10.56

Judith Hagen, Die Tränen der Mächtigen und die Macht der Tränen. Eine emotionsgeschichtliche Untersuchung des Weinens in der kaiserzeitlichen Historiographie. Altertumswissenschaftliches Kolloquium 25.   Stuttgart:  Franz Steiner, 2017.  Pp. 356.  ISBN 9783515118521.  €59.00.  


Reviewed by Christopher Degelmann, Humboldt University of Berlin (christopher.degelmann@hu-berlin.de)

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Mit der Publikation ihrer 2016 an der Universität Bayreuth abgeschlossenen Dissertation schließt Judith Hagen an eine Diskussion an, die in den letzten Jahren immer intensiver in den Altertumswissenschaften geführt wurde: die Rolle der Emotionen in der Antike und die zahlreichen methodischen Hürden bei ihrer Untersuchung.1 Dabei nimmt sie eine scheinbar unauffällige Eigenart antiker Texte zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchung, indem sie sich der Allgegenwart von Tränen und Weinen in der Historiographie der römischen Kaiserzeit widmet. Tatsächlich dürften alle Altertumsforscher wiederholt auf tränenreiche Szenen gestoßen sein, was eine umfassende Studie mehr als rechtfertigt.

Gegliedert ist die Studie in drei unterschiedlich umfangreiche Kapitel. Nach einer prägnanten Einleitung (S. 12) fasst Hagen im ersten Teil der Arbeit (S. 14-66) zunächst die emotionshistorischen Ansätze verschiedener Disziplinen zusammen, die neben der Trias aus Alter Geschichte, Klassischer Philologie und Archäologie auch Philosophie, Patristik, Mediävistik, Psychologie und Anthropologie umfassen. Dabei geht sie nicht nur gezielt auf Vor- und Nachteile einzelner Modelle ein, sondern weiß auch ihre eigene Position pointiert anzubringen. Hier kann Hagen aufgrund der breit angelegten Thematik verständlicherweise nur selektive Einblicke in die Forschung anbieten. Jedoch wäre interessant zu wissen, nach welchen Kriterien ihre Auswahl erfolgte. Vor dem Hintergrund der theoretischen Überlegungen an dieser Stelle vermisst man konzeptionelle Äußerungen zu mehrfach verwendeten Begrifflichkeiten wie „Emotion“, „Performanz“ oder auch „Ritual“, wie sie erst sehr viel später oder gar nicht zu finden sind (zum Ritual etwa erst auf S. 272-273).

Insgesamt gibt Hagen einem gemäßigten Konstruktivismus gegenüber einem Universalismus, der die Unveränderlichkeit von Emotionen über Jahrhunderte postuliert, den Vorzug. Demnach ist es kein Zufall, dass heutige Leser durchaus Empfindungen wie Trauer in antiken Texten identifizieren könnten, aber immer wieder von deren Auftreten und Ausdrucksformen irritiert seien, weil sich sowohl Signifikant als auch Signifikat der Zeichen für bestimmte Emotionen durch gesellschaftlichen und kulturellen Wandel verschoben haben. Wenn etwa vom luctus die Rede ist, so deckt sich die römische Vorstellung von Trauer weder im Empfinden noch im Ausdruck der Emotion vollständig mit postmodernen Vorstellungen; so ist der autoaggressive planctus als Teil der Trauer in den westlichen Industriekulturen mit wenigen Ausnahmen aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden, während er in der Antike genau dorthin gehörte.

Darüber hinaus finden am Ende des Kapitels problemorientierte Fragen ihren Platz, wenn Hagen zum Beispiel dem Zusammenhang von Historizität und Authentizität oder von Tränen und Weinen nachgeht. Besonders wichtig ist dabei Hagens Hinweis, dass Emotionen nur gebrochen im Lichte der Texte auf uns kommen. Ein unmittelbarer Zugang zu den Gefühlen und Vorstellungen historischer Akteure sei nicht möglich. Die Untersuchung ist also konsequenterweise an die Textoberfläche gebunden. Umso komplexer wird der Gegenstand, wenn die Emotionen nur aus Handlungen, Verhaltensweisen und Gesten erschlossen werden; dann liegt sogar eine doppelte Brechung vor, die Hagen nicht vollends berücksichtigt.

Das zweite Kapitel (S. 67-319) der Untersuchung, das den Hauptteil des Buches bildet, liefert eine Vielzahl scharfsinniger Einzelbeobachtungen. Nach ersten Überlegungen zur Bedeutung von Tränen in den zentralen Schriften der römischen Redner (S. 67-74) widmet Hagen sich konsequenterweise zunächst den Schauplätzen des Weinens (S. 74-109), denn Rhetorik war vor allem im Gericht gefragt, aber auch in der Kurie, der contio, bei den ludi, zuweilen auch in der domus und später in der Kirche.

Im nächsten Punkt interessiert sich Hagen für die Akteure, die weinten, und für deren Publikum. Hier geht es vornehmlich um militärische Settings (S. 109-136)—etwa wenn Feldherren oder Kaiser vor ihren Soldaten weinen oder umgekehrt: die Legionäre weinen, manchmal sogar vor Freude oder Erleichterung, was die Bandbreite der Tränen auslösenden Emotionen anschneidet. Doch auch genuin politische Zusammenhänge kommen nicht zu kurz. So räumt Hagen Tränen bei der recusatio imperii und vergleichbaren Phänomenen wie der Verweigerung von Ehren oder Machtverzicht viel Platz ein (S. 138-163) und ordnet damit ihren Gegenstand auch in die politische Kultur der späten Republik und römischen Kaiserzeit ein.

Die Rolle von genderspezifischen Tränen und die Frage danach, ob Frauen mehr zum Weinen neigten bzw. ihre Tränen anders bewertet worden sind als die ihrer männlichen Pendants, untersucht die Autorin im folgenden Unterpunkt des Hauptteils (S. 164-194). Nicht überraschend gibt Weinen Auskunft über Tugenden und Untugenden von Frauen im Kreise der römischen Oberschicht, doch Hagen zeigt ein feines Gespür für die Nuancen antiker Tränen im Allgemeinen und weiblicher im Speziellen, die nicht per se gut oder schlecht sind.

Der vierte Punkt des zweiten Kapitels nimmt die Anlässe und Kontexte des Weinens in den Blick (S. 194-273). Besonders hier geraten Emotionen—vornehmlich Trauer um Feldherren, Politiker, Kaiser und deren Verwandte—als Motiv für das Vergießen von Tränen in den Fokus; denn Weinen selbst stellt kein Gefühl dar, sondern ist nur dessen sichtbarer Ausdruck und kann auf zahlreiche emotionale Dispositionen zurückgeführt werden, wie Hagen immer wieder unterstreicht. Besonders spannend sind die Passagen zu „geheuchelten“ (S. 202-204) und „verbotenen“ Tränen (S. 233-235), die nicht nur ein Panorama kaiserzeitlicher Historiographie zeichnen, sondern zudem das Klima der Angst und Denunziationen einfangen, das insbesondere Tacitus für die frühe Kaiserzeit herausarbeitet. Erhellend sind auch die Erläuterungen zu den verweigerten Tränen der Philosophen von Sokrates als Vorbild bis Julian. Besonders im Kontext des Weinens bei religiösen Anlässen spielt das Christentum in den von Hagen herangezogenen Materialien eine bedeutende Rolle (S. 260-271), während Tränen für pagane Götter in den Hintergrund treten.

Das letzte Kapitel des Hauptteils ist eines der stärksten der Untersuchung und stellt Tränen in einen Zusammenhang mit Charakterzeichnungen historischer Persönlichkeiten. Herrschertugenden wie clementia, pietas und misericordia, so zeigt Hagen überzeugend, schlugen sich häufig im Vergießen von Tränen für Verwandte, Gegner und ganze Städte oder Reiche, die besiegt bzw. von einer Katastrophe heimgesucht worden sind, nieder. Umgekehrt können Tränen auch Aufschluss über Charakterschwächen der beschriebenen Figuren geben—seien es Ängstlichkeit, Feigheit oder Heuchelei. Besonders in diesem Teil der Arbeit wird das Zusammenspiel von Faktizität und Fiktionalität beachtet, während diese sonst gelegentlich vermengt werden. Die besprochenen Akteure samt ihren Eigenschaften erscheinen in der Analyse als das, was sie sind: vor allem als literarisch ausgestaltete Charaktere, die freilich nur überzeugen, wenn ihre Eigenarten mit der Realität kompatibel sind.

Die kurze Zusammenfassung stellt die Sammlung all dieser Teilergebnisse dar (S. 320-327). Abgerundet wird der Band durch ein Personen- und Stellenregister. Ein Sachindex zu lose über die Studie verstreuten Institutionen (laudatio funebris, adoratio, Proskynese etc.) und Konzepten (Gefühl, Diskurs oder Kommunikation) wäre hilfreich gewesen.

Insgesamt erstellt Hagen eine feingliedrige Taxonomie des Weinens aus ihren Texten. Ausgehend von ihren Materialien entwickelt sie ein Gespür für die „feinen Unterschiede“ (P. Bourdieu) des Weinens in der römischen Kaiserzeit und wann Tränen als angemessen, übermäßig oder gar überflüssig angesehen wurden. Denn die Intensität des Weinens konnte stark variieren und sowohl von Anwesenden als auch Lesern eines Berichts als ebenso angebracht wie deplatziert empfunden werden, da Tränen, so Hagens Hauptthese, an Ritualisierungen zurückgekoppelt waren. Kontext und Situation sowie Hierarchien und Erwartungshaltungen galt es für die historischen Akteure und antiken Autoren sorgfältig abzuwägen, um ihr jeweiliges Publikum zu überzeugen und nicht zu verstimmen; daher konnten Tränen auch vollständig unterdrückt werden.

Dass Hagen jede Szene einzeln bewertet und keine generalisierenden Behauptungen aufstellt, ist lobend herauszustellen. Dabei beeindruckt die Fülle an Quellen ebenso wie das philologische Geschick, mit dem sie Autoren von der späten Republik bis in das frühe Mittelalter bespricht. Genau diese Bandbreite von Texten birgt aber auch ein ganz zentrales Problem der Studie; denn die Menge an herangezogenen Quellen hat zum einen zur Folge, dass einzelne Forschungsdebatten zuweilen auf der Strecke bleiben. So kommt beispielsweise die reichhaltige Forschung zur Grabrede des M. Antonius auf C. Julius Caesar kaum zu Wort (vgl. S. 92). Zum anderen überrascht das ausgewählte Textcorpus grundsätzlich, denn anders als der Untertitel des Buches suggeriert, beschränkt sich Hagen nicht auf die kaiserzeitliche Historiographie. Etwas knapp plädiert sie für den Einbezug von Lucan, Caesars Commentarii und der antiken Biographie, repräsentiert durch Autoren wie Plutarch und Sueton. Zwar enthalten jene Schriften durchaus Informationen, die sowohl von antiker als auch moderner Geschichtsschreibung genutzt werden, und in der Tat verfolgen—vielleicht mit Ausnahme der Commentarii—alle den Zweck, ihre Leser zu unterhalten oder den Urheber der Schrift in Szene zu setzen, doch ändert das nichts am jeweiligen Genre und dessen eigenen narrativen Gesetzmäßigkeiten, die Hagen herunterzuspielen versucht (S. 65-66). Entsprechend kurz kommt auch die narratologische Einordung der Tränen in die Gesamtkomposition eines jeden analysierten Werkes. Darüber hinaus werden im Verlauf der Arbeit auch Gattungen wie Briefe (S. 261-263) und Panegyrik (S. 288-290) auf einer Ebene mit der Geschichtsschreibung behandelt. Tatsächlich ist das Quellencorpus kein historiographisches, sondern an Politik und Gesellschaft interessierte Literatur.

Als ebenso auffällig erweist sich die zeitliche Spanne der herangezogenen Werke. So ist die Datierung von Caesars 'Commentarii', die ohnehin nur bedingt unter die Kategorie der Historiographie fallen, in die Kaiserzeit fraglich. Am anderen Ende der Skala steht die Betrachtung von Einhards Vita Karoli, was ein sehr breites Verständnis von „römischer Kaiserzeit“ voraussetzt und erklärungsbedürftig ist.2 Auch wenn angesichts der verfolgten Thematik die systematische anstelle einer chronologischen Anordnung deutliche Vorzüge aufweist, führt das Nebeneinander von Berichten zu Republik und Mittelalter einerseits zu irritierenden Leseeindrücken—etwa wenn auf eine Besprechung des Marcus Antonius bei Plutarch unmittelbar die Geschichte des oströmischen Feldherrn Philippikos aus dem Jahr 585 n. Chr. folgt (S. 111). Andererseits mündet gerade diese Parallelität zeitlich—und mitunter auch kulturell—ganz unterschiedlich angesiedelter Schriften in ein Fazit, dass die Kontinuität des literarischen und praktischen Auftretens von Tränen über eine Zeit von 600 Jahre postuliert (S. 324). Wenn aber Weinen Spiegel eines Charakters und Kaleidoskop in eine politische Kultur ist, wie Hagen zurecht behauptet, dann wäre die logische Schlussfolgerung, auch anzunehmen, dass der Mensch sich in einer zunehmend strukturell ausdifferenzierenden Gesellschaft ebenso wenig veränderte, wie sich die Regeln des politischen Miteinanders wandelten. Diese Konsequenz ist mindestens als gewagt zu bewerten und so vielleicht gar nicht beabsichtigt. Sie widerspricht dem konstruktivistischen Ansatz der Arbeit, der am Ende keine explizite Relativierung erfährt.

Hagens Studie zeigt, dass die Bedeutung von Gefühlen bei der Untersuchung von griechisch-römischer Geschichte und klassischen Texten nicht außer Acht gelassen werden darf. Die erhobenen Einwände verweisen aber auch darauf, dass das fruchtbare Feld der Emotionsgeschichte trotz einer zunehmenden Zahl von Veröffentlichungen noch längst nicht vollständig bestellt ist.


Notes:


1.   Vgl. zuletzt die Tagung „Pathos und Polis: Einsatz und Wirkung affektiver Elemente in der griechischen Welt“ an der Freien Universität Berlin [Pathos-und-Polis-Flyer], Stand: 06.08.2018; zudem vor allem Thorsten Fögen (ed.), Tears in the Graeco-Roman World, (Berlin; New York 2009).
2.   Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang auch, dass Titus Livius nur eine marginale Behandlung erfährt (S. 299-300), obwohl sein Werk die Kriterien „kaiserzeitlich“ und „historiographisch“ weitaus mehr erfüllt als andere untersuchte Autoren. An Tränen mangelt es in Ab urbe condita jedenfalls nicht; sie treten gleich zu Beginn an zwei zentralen Erinnerungsorten römischer Geschichte auf: bei den Sabinerinnen (Liv. 1,10,1) und dem Suizid der Lucretia (Liv. 1,58,7). Damit wirkt die Zusammenstellung des Textcorpus insgesamt etwas willkürlich.

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