Bryn Mawr Classical Review

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Bryn Mawr Classical Review 2018.09.07

Katharina Bracht (ed.), Methodius of Olympus: State of the Art and New Perspectives. Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur, 178.   Berlin; Boston:  De Gruyter, 2017.  Pp. vi, 319.  ISBN 9783110441093.  €129,95.  


Reviewed by Daniel Vaucher, Universität Bern (daniel.vaucher@cgs.unibe.ch)

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Katharina Bracht hat bereits eine Monographie zu Methodius von Olympus (gest. 311/312) veröffentlicht und gilt daher nicht nur als ausgewiesene Expertin des kleinasiatischen „Bischofs und Märtyrers“ (Hieronymus, de viris illustribus 83), sie hat auch die Forschung diesbezüglich in den vergangenen Jahren interdisziplinär vorangetrieben.1 Resultat dieses Engagements ist ein Sammelband, der aus einer internationalen Tagung an der Friedrich-Schiller-Universität anfangs 2015 hervorging. Dieser behandelt nicht nur das einzige in griechisch erhaltene Werk des Methodius, das Symposium, sondern auch die weitgehend vernachlässigte Überlieferung des Corpus in altslavischer und armenischer Sprache. Dafür findet sich auf S. 13-14 bereits eine hilfreiche Übersicht über die Überlieferung der verschiedenen erhaltenen Werke des Bischofs.

Methodius ist für das Frühchristentum eine wichtige Figur. Er ist einer der zentralen Denker des 3. und 4. Jahrhunderts aus Kleinasien und, abgesehen von Euseb von Caesarea, der einzige christliche Autor dieser Zeit aus der östlichen Kirche, dessen Schriften heute erhalten sind. Als Kritiker und Herausforderer des Origenes (s. unten) kommt ihm theologisch dabei eine wichtige Rolle zu. In ihrem Überblickskapitel stellt Katharina Bracht dann auch dar, dass die Erarbeitung und kritische Edition des altslavischen und armenischen Corpus sowie der syrischen Fragmente ein wichtiges Forschungsdesiderat darstellt. Denn zahlreiche Schriften des Kirchenvaters sind im Griechischen nicht erhalten und werden daher von der Forschung wenig wahrgenommen. Die Erschliessung der Texte wird Details der theologischen Ausrichtung des Methodius weiter klären können.

Gleichzeitig müsste die Rezeptionsgeschichte der altslavischen und armenischen Tradition ins Auge gefasst werden. Denn nicht nur sind die späteren Übersetzungen wichtige Textzeugen für im Griechischen verlorene Texte, sie stellen auch ein Zeugnis aus „for the church at the place and time of translation/transmission“ (Bracht, S. 12). Auch kirchenhistorisch, theologisch und liturgisch müssten die Übersetzungen daher untersucht werden – was freilich erst möglich ist, wenn die Grundlagenarbeit dafür geleistet ist.

Dafür ist einiges im Gange. Seit Bonwetschs deutscher Wiedergabe der altslavischen Texte (1917, GCS 27) wartet die Forschung auf eine kritische Edition. Einen Einblick in ihre aktuelle Editionsarbeit der altslavischen Version von de lepra gibt Anna Jouravel in ihrem Aufsatz, während Yannis Kakridis Probleme beleuchtet, die altslavische Übersetzer bei ihrer Arbeit mit den griechischen Vorlagen hatten. Die armenische Überlieferung fassen die beiden Aufsätze von Zeilfelder und Drost-Abgarjan ins Auge. Susanne Zeilfelder zeigt in ihrer Studie, dass der armenische Kirchenvater Eznik von Kolb (5. Jh.) in seiner Schrift de Deo (oder „wider die Irrlehren“) von Methodius’ de autexusio abhänge. Armenuhi Drost-Abgarjan untersucht dabei die übrigen Werke im Armenischen, die noch einiger Arbeit bedürfen: eine Apokalypse des Ps.-Methodius sowie ein „sermo in ascensionem D.N. Iesu Christi“.

Diese Beiträge sind interessante Einblicke in ein noch weitgehend unerforschtes Feld – und stehen sinnbildlich am Ende des Buches. Mehr Prominenz erhalten die theologischen Beiträge zum Hauptwerk des Methodius, dem Symposium. Zu Beginn steht der Aufsatz von Dawn LaValle Norman, die das Symposium im literarischen Kontext situiert. Das Gastmahl war eine Literaturgattung in der Antike, die seit Platon und Xenophon grosse Beliebtheit besass (vgl. darüber hinaus Plutarchs Quaestiones Convivales und Septem Sapientium Convivium, Athenaeus’ Deipnosophistae, Macrobius’ Saturnalia u.a.). Methodius ordnete sich hier ein, indem er sich am platonischen Vorbild orientierte, dessen Fokus auf den eros aber gezielt verdrehte und stattdessen die hagneia in den Mittelpunkt rückte. Die Welt der Jungfrauen und ihr Gastmahl stellten für die christlichen Leser der Antike ein Abbild dar des „heavenly symposium yet to come“. Hier bestehen Verbindungen zum Aufsatz von Miroslaw Mejzner, der die eschatologischen und milleniaristischen Aspekte des Gastmahls untersucht. Mejzner kommt zum Schluss, dass Methodius mit seinen eschatologischen Bildern, die in der Forschung kontrovers diskutiert worden sind, einen rein funktionalen Zweck verfolgte (nämlich das Anhalten seiner Leser zur Keuschheit) und nicht einen doktrinalen Milleniarismus verkünden wollte.

Zentral in den Aufsätzen ist dabei auch die Positionierung des Methodius in den theologischen Strömungen seiner Zeit. Mejzner betont, dass Methodius mit den eschatologischen Aussagen kleinasiatische und alexandrinische Positionen vereinte und dabei einen „third way between the Asiatic and Alexandrian traditions“ begehen wollte. Diese Erkenntnis untermauern auch die Aufsätze von Jon F. Dechow zu den Schriften de resurrectione und de autexusio (beide in altslavisch überliefert) sowie Roberta Franchi zu de autexusio: beide heben hervor, dass Methodius nicht einfach als Origenes-Gegner dargestellt werden sollte. Dechow schreibt, „Methodius distorts Origen’s authentic thought“, er sei ein „opponent of Origen, but not condemnatory but competitive.“ Franchi wiederum situiert Methodius in Auseinandersetzung mit der mittelplatonischen Philosophie einerseits, mit dem dualistischen Gnostizismus andererseits.2

Diese Überlegungen fallen aber nur am Rand der Spezialstudien an. Konkreter lassen sich die theologischen Debatten im Dialog de resurrectione greifen. Selene Zorzi zeigt in ihrer Untersuchung der Metaphorik des Todes, wie Methodius die asiatischen Vorstellungen der leiblichen Auferstehung innovativ überarbeitete. Dabei wies er einen gegnerischen Standpunkt dem Origenes zu; die Autorin weist jedoch nach, dass Methodius entweder die Lehren des Origenes falsch interpretierte oder aber Lehrinhalte von Origenes-Schülern wiedergab. Nikolai Kiels Artikel zeigt dabei, dass Methodius in de resurrectione die Auferstehungsschrift des Ps-Justin kannte und benutzte, um die Gegnerschaften der leiblichen Auferstehung, „die Schule des Origenes“ mit der Vorstellung der Auferstehung eines „pneumatischen Leibes“ sowie die „platonische Tradition“, zu widerlegen.

Die Körperlichkeit in dieser Welt und in der Auferstehung steht auch im Mittelpunkt des Aufsatzes von Amy Brown Hughes. Sie interpretiert die Jungfräulichkeit im Symposium als „performing Christology“, als verkörperte Transformation, die Christus mit der Auferstehung vorgezeigt habe. „It is a complete reorientation of immanent desire in order to gain true satisfaction via access to the transcendent. The care of the soul takes on a strong eschatological sense” (Hughes, S. 92).

Die Ausrichtung des Symposium auf die Überhöhung der christlichen Tugend hagneia ist Thema des Beitrags von Katharina Bracht. Sie untersucht die Transformation des paganen Mythos des Eros zur identitätsstiftenden, christlichen Tugend hagneia. Gleichzeitig betont Bracht, dass sich Methodius bei allem Lob für die Keuschheit von den kleinasiatischen „Enkratiten“, Vertretern extremer Askese, abzugrenzen versuchte: „At the same time, he turns against the radical encratic forms of piety.“ Dieser Ansatz ist vielversprechend und hätte weiterer Ausführungen bedurft. Hier sind diese Überlegungen aber skizzenhaft geblieben, eine vertiefte Auseinandersetzung mit der neueren Forschung zur Enkratie bleibt weitestgehend aus.3

So sind insgesamt die kirchen- und sozialhistorischen Fragen gegenüber den theologischen klar untervertreten. Eine erfreuliche Ausnahme bildet der Artikel von Federica Candido, die der Frage nach der Existenz von „ascetic woman circles in Asia Minor“ nachgeht. Dabei verfolgt sie Hinweise, dass Jungfrauen, wie sie im Symposium auftreten, als Lehrerinnen in der Kirche fungiert hätten. Doch ist Candido gezwungen, mit Texten aus dem 4. oder sogar 5. Jahrhundert zu argumentieren. Das Symposium allein ist nicht aussagekräftig genug, die Fiktion eines asketischen oder proto-monastischen Frauenzirkels bei einem Gastmahl kann nicht deren reale Existenz beweisen. Allerdings lässt sich Candidos Aufsatz mit Sicherheit entnehmen, dass Methodius’ Symposium Zeugnis ist für die wachsende Bedeutung der Jungfrauen (sowie der Witwen) in den Gemeinden.

Der Sammelband vereint eine Reihe von sehr spezialisierten und detaillierten Aufsätzen, die allesamt von einer hohen Qualität sind. Das Buch ist insgesamt gut redigiert, nur wenige orthografische Fehler sind dem Rezensenten aufgefallen. Der Band ist aber erwartungsgemäss nicht zum Einstieg in das Themengebiet geeignet: Zu spezifisch sind die meisten Aufsätze, und nur lose ist der Zusammenhang zwischen ihnen. Für Fachinteressierte und Spezialisierte vor allem der Theologie gibt es aber viel zu entdecken, nicht zuletzt die angesprochenen Forschungsdesiderata und die dabei erzielten Fortschritte. Von den Verfassern und Verfasserinnen der Beiträge dürfte in jedem Fall in den kommenden Jahren noch einiges zu erwarten sein.4

Table of Contents

Bracht, Katharina: Preface, VII-VIII
Bracht, Katharina: Methodius of Olympus: State of the Art and New Perspectives, 1-17
Norman, Dawn LaValle: Coming Late to the Table, 18-37
Bracht, Katharina: Eros as Chastity, 38-62
Mejzner, Mirosław: Methodius: Millenarist or Anti-Millenarist?, 63-84
Hughes, Amy Brown: Agency, Restraint, and Desire, 85-102
Candido, Federica: The Symposium of Methodius: A Witness to the Existence of Circles of Christian Women in Asia Minor?, 103-124
Dechow, Jon F.: Methodius’ Conceptual World in His Treatise De resurrectione, 125-148
Zorzi, Selene: Bilder und Vorstellungen des Todes in Methodius’ Schrift De resurrectione, 149-165
Franchi, Roberta: Where Does the Impulse to Evil Come from?, 166-197
Sieber, Janina: Methodius’ Symposium from a Philological Perspective, 198-206
Jouravel, Anna: Beobachtungen zu Methodius’ Schrift De lepra, 207-235
Kakridis, Yannis: Die argumentative Form von Methodios’ De autexusio in der slavischen Übersetzung, 236-253
Kiel, Nikolai: Die Rezeption von Ps-Justins Auferstehungsschrift bei Methodius von Olympus, 254-270
Zeilfelder, Susanne: Zum Problem der Willensfreiheit bei Eznik von Kołb und Methodius von Olympus, 271-283
Drost-Abgarjan, Armenuhi: Die Rezeption des Methodius von Patara in der armenischen liturgischen Literatur, 284-292
List of Figures, 293-293
List of Contributors, 294-294
Index of References, 295-307
Index of Subjects, 308-314
Index of Names, 315-320

Notes:


1.   Katharina Bracht, Vollkommenheit und Vollendung: Zur Anthropologie des Methodius von Olympus. Tübingen 1999; „Methodius von Olympus“, in RAC 24 (2011), 768-784 u.a.
2.   Insofern die beiden Strömungen klar voneinander getrennt werden können! Beim Gnostizismus setzt Franchi auch ein Fragezeichen, er könne de autexusio nicht eindeutig entnommen werde.
3.   Vgl. etwa Lawrence M. Wills, “Greek Philosophical Discourse in the Book of Judith?”, in Journal of Biblical Literature 134 (2015), 753-773; Hans Reinhard Seeliger, “Lehre und Lebensform. Über die „Hellenisierung“ und „Enkratisierung“ des antiken Christentums“, in Theologische Quartalschrift 196 (2016), 127-138; noch immer wertvoll ist der Sammelband Ugo Bianchi (Hg.): La tradizione dell’enkrateia: motivazioni ontologiche e protologiche: atti del colloquio internazionale: Milano, 20-23 aprile 1982, Rom 1985.
4.   Das gilt primär für Janina Sieber, die im vorliegenden Sammelband einen Einblick in ihre Editionsarbeit des Symposium gewährt und die Notwendigkeit einer neueren Übersetzung (gegenüber der antiquierten Übersetzung von Leonhard Fendt aus dem Jahr 1911 (BKV 2.2)) hervorhebt. Diese Arbeit ist mittlerweile abgeschlossen, wie sich der Website der Universität München entnehmen lässt. LMU Elektronische Hochschulschriften.

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