Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2018.02.43 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2018.02.43

Kerstin Brix, Sueton in Straßburg. Die Übersetzung der Kaiserviten durch Jakob Vielfeld (1536). Spolia Berolinensia, 36.   Hildesheim; Zürich; New York:  Olms-Weidmann, 2017.  Pp. 568.  ISBN 9783615004274.  €88,00.  ISBN 9783615401066.  ebook.  


Reviewed by Karl Gerhard Hempel, Università del Salento, Lecce (Gerhard.Hempel@web.de)

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Die Forschung zu frühneuhochdeutschen Übersetzungen antiker Werke – so genannter Übersetzungs- oder Rezeptionsliteratur – hat in den letzten fünfzehn Jahren einen überraschenden Aufschwung erlebt, der weiterhin anhält. Obschon sich langsam ein klareres Bild von der Übersetzungstätigkeit zwischen der Mitte des 15. und der Mitte des 16. Jh. ergibt, bietet dieses interessante Forschungsfeld jedoch immer noch Raum für eine Präzisierung des wissenschaftlichen Instrumentariums, vor allem aber auch für die Bearbeitung bislang nicht berücksichtigten Textmaterials. Ein Beispiel dafür ist die hier zu besprechende, umfangreiche Arbeit, die nur wenig überarbeitete Druckversion der in Würzburg entstandenen Dissertation von Kerstin Brix, denn zum Gegenstand hat sie die 1536 in Straßburg gedruckte erste vollständige deutsche Übersetzung der Kaiserviten Suetons durch Jakob Vielfeld, welche „die Forschung bislang völlig vernachlässigt hat“ (S. 13).1

Tatsächlich gibt es – wie dies bei frühneuhochdeutscher Rezeptionsliteratur des Öfteren der Fall ist – lediglich zwei fast bzw. mehr als hundert Jahre alte Beiträge, in denen Vielfelds Sueton eine mehr als nur beiläufige Erwähnung findet und die seine Übersetzung zudem mit eher kritischem Auge betrachten, ohne dies allerdings eingehend zu begründen. Der Verfasserin ist es daher, wie sie in der Einleitung ausführt (Kap. 1, S. 11-21), um eine korrekte Bewertung der Leistung des Übersetzers in ihrer kulturellen Funktion zu tun, wobei sich allgemein sagen lässt, dass dieser weder wörtlich übersetzt, noch den Stoff frei anpasst, sondern „sein Vorgehen gewissermaßen für jede Textstelle neu bestimmen“ musste (S. 20). Als übersetzungstheoretischen Bezugsrahmen wählt sie unter den zahlreichen modernen Ansätzen denn auch einen solchen aus, der das Vorgehen des Übersetzers in einem größeren Zusammenhang interpretiert und das Augenmerk dabei vornehmlich auf dessen Entscheidungsfreiheit richtet, nämlich die postkolonialen und z.T dekonstruktivistischen Vorstellungen verpflichtete Kulturtheorie des indischen Philosophen Homi K. Bhabha.

Vor der Untersuchung der Übersetzung als solcher werden zunächst kurz die literarischen und stilistischen Eigenheiten der Kaiserviten Suetons zwischen Biografie und Geschichtsschreibung behandelt (Kap. 2, S. 22-33), wobei Brix bereits an dieser Stelle darauf hinweist, dass sich bei der Übersetzung gegenüber dem Ausgangstext eine Verschiebung hin zu einer eher für die Historiografie typischen Textgestaltung feststellen lassen wird (S. 33). Danach erfolgt eine ausführliche Diskussion der Quellen sowie der direkten und indirekten Hinweise zum Leben des Übersetzers, wobei die Verfasserin u.a. zu dem bemerkenswerten Ergebnis kommt, dass dieser in Wirklichkeit mit dem Drucker Cammerlander identisch und der auch in zahlreichen latinisierten und gräzisierten Formen auftretende Autorenname „Vielfeld“ in Wirklichkeit ein aus dem Druckernamen übertragenes Synonym sei (Kap. 3, S. 34-91). Für die Einordnung der Sueton-Übersetzung von Interesse ist in diesem Zusammenhang insbesondere die Untersuchung des Verlagsprogramms (S. 66-91), das überwiegend deutschsprachige Schriften enthält und sich durch eine protestantische Tendenz auszeichnet; dies passt wiederum gut zu dem, was anderweitig über die Person des Druckers bzw. Übersetzers in Erfahrung gebracht werden konnte.

Was die Übersetzung der Kaiserviten selbst betrifft (Kap. 4, S. 92-116), so beobachtet die Verfasserin zunächst, dass der Text sich, dem damals üblichen entsprechend, durch die Beigabe von Paratexten wie Vorwörtern, Einleitungen und historischen Erläuterungen sowie durch einige Illustrationen mit Münzbildern der Kaiser auszeichnet (S. 92-95). Das von Brix als Grundlage für ihre Untersuchungen angefertigte Transskript der Übersetzung wird sinnvollerweise nicht gedruckt veröffentlicht, sondern der Forschung im Internet zugänglich gemacht.2 Im Sinne einer korrekten philologischen Arbeitsweise bemüht sich Brix anschließend auch um eine exakte Bestimmung der Textgrundlage, die Vielfeld für seine Übertragung benutzt hat (S. 96-116). Diese scheitert allerdings – wie dies auch bei anderen, ähnlich gelagerten Recherchen oft der Fall ist – an der großen Zahl der vorhandenen Ausgaben und dem z.T. schwer interpretierbaren Textbefund; sicher feststellen lässt sich nur, dass dieser – wie sich aus einigen Lesarten ergibt, die auf italienische Humanisten zurückgehen – nicht vor 1490 entstanden sein kann.

Das Herzstück des Buches bildet eine eingehende Untersuchung der von Vielfeld bei der Übersetzung am Text vorgenommenen Transformationen (Kap. 5, S. 117-344), wobei der Fokus vornehmlich auf solche gelegt wird, die nicht einfach durch sprachliche Erfordernisse erklärbar sind, lässt sich doch ohnehin grundsätzlich feststellen, dass es sich bei diesem deutschen Sueton um eine „sinngemäße, zielsprachenorientierte Translation“ handelt (S. 116). Bei den von ihr diskutierten Phänomenen spricht Brix denn auch konsequenterweise nicht von Übersetzungs-, sondern von „Aneignungsstrategien“. Zu diesen zählen einerseits Verkürzungs- und Verdichtungs- und Umstrukturierungstechniken, durch die der Text zwar weniger detailreich und poetisch wirkt, dafür aber klarer und prägnanter erscheint, andererseits aber auch solche, die den Text „narrativer“ machen oder etwa den Autor ausblenden, so z.B. der verstärkte Einsatz von Kohäsionsmarkern oder von direkter anstelle von indirekter Rede. Des Weiteren zu beobachten ist die auch bei anderen Übersetzern derselben Zeit zu beobachtende Tendenz zur Aktualisierung bzw. Kommentierung historischer Bezeichnungen und Realia bei gleichzeitiger Unterdrückung anstößiger Textstellen und gelegentlicher Anpassung von Bezugnahmen auf die heidnische Religion an die christliche Vorstellungswelt, auch bei den Jahresangaben, welche die geschilderten Ereignisse für den Leser historisch fassbar machen. Für die Intentionen des Übersetzung von Bedeutung ist auch die Beobachtung, dass gezielt Partien ausgelassen werden, in denen auf die literarischen Interessen der Kaiser Bezug genommenen wird, ein Umstand, welcher auf eine gewollte Anpassung des Inhalts hindeutet.

Im wohl interessantesten Teil ihrer Ausführungen (Kap. 6, S. 345-426) unternimmt Brix daher den Versuch, die Übersetzung Vielfelds vor ihrem kulturellen Hintergrund systematisch auf Rezeptionsmöglichkeiten hin zu untersuchen, welche der Übersetzer dem vorgestellten Leser anbietet, wobei insbesondere diejenigen im Ausgangstext angelegten Tendenzen eine Rolle spielen, die in der Übersetzung durch verschiedene Mittel verstärkt erscheinen. Dabei zeigt sich einerseits, dass der Text – wie dies auch bei anderen Werken häufig der Fall war – nicht nur der Unterhaltung diente, sondern an vielen Stellen gewissermaßen als Sittenspiegel verstanden werden kann, der zu moralisch korrektem Verhalten auffordert. Von Bedeutung sind aber insbesondere die Beobachtungen zu den politischen Aspekten des keinem Herrscher gewidmeten Textes, die sich überzeugend mit dem historischen Umfeld in der freien Reichsstadt Straßburg zur Zeit der Übersetzung in Verbindung bringen lassen. So erlauben etwa Paratexte und die häufig auftretenden lateinischen und deutschen Doppelbezeichnungen von Ämtern eine Konstruktion von Parallelen zwischen antiken und zeitgenössischen politischen Strukturen, bei denen eine städtische Verfassung auf der einen Seite der Figur des Kaisers auf der anderen gegenübersteht. Eine ähnliche für den Leser identitätsstiftende Funktion lässt sich auch beim vom Übersetzer favorisierten Germanenbild nachvollziehen.

Von Interesse ist außerdem der zum Abschluss des Buches angestellte Vergleich von Vielfelds Übersetzung der Cäsarvita mit der von Johann Adelphus Muling, welche der zweiten Ausgabe der bekannten Übersetzung des De Bello Gallico durch Mattias Ringmanns von 1508 vorangestellt war (Kap. 7, S. 427-472). Neben mancher Gemeinsamkeit bei den Übersetzungsstrategien lässt sich hier beobachten, dass in Mulings Version stärker die Figur Cäsars als ersten Kaisers im Mittelpunkt steht, wodurch die auf den städtischen Kontext ausgerichteten Tendenzen bei Vielfeld noch stärker hervortreten.

Insgesamt bietet die Arbeit von Brix eine umfassende und überzeugende historisch-philologische Interpretation eines bisher praktisch unbekannten, umfangreichen frühneuhochdeutschen Übersetzungswerks und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der frühneuzeitlichen Übersetzungsgeschichte, wobei die zahlreichen interessanten Beobachtungen eine Fundgrube für die Forschung darstellen und dieser gleichzeitig Anregung zur weiteren Beschäftigung mit frühneuhochdeutschen Übersetzungen bieten dürften. Der methodische Ansatz, bei dem übersetzerische Transformationen zunächst im jeweiligen Kontext und dann auch auf höherer Ebene erklärt werden, ist in der ganzen Arbeit konsequent durchgehalten. Dies stellt insofern eine Verschiebung des Erkenntnisinteresses gegenüber der bisherigen Forschung dar, als dass bei anderen, ähnlichen Untersuchungen sonst oft eher sprachhistorische Fragen wie die nach dem Einfluss des Übersetzens auf den frühneuhochdeutschen Wortschatz und die Syntax bzw. überhaupt deren übersetzerische Behandlung im Vordergrund standen, welche Brix nur äußerst kursorisch behandelt (S. 120-124). Was die Darstellung der Forschungsergebnisse betrifft, so ist die ausführliche Besprechung der einzelnen Textstellen m.E. bisweilen etwas langatmig, und angesichts des großen Umfangs des behandelten Übersetzungstextes hätten quantitative Untersuchungen oder auch tabellarische Darstellungen der Ergebnisse das Profil der Übersetzung Vielfelds für den Leser vielleicht besser nachvollziehbar machen können – auch im Hinblick auf einen leichteren Vergleich mit anderen Übersetzungswerken. In diesem Zusammenhang wäre auch eine Anwendung von im Rahmen der so genannten Descriptive Translation Studies für literaturhistorische Übersetzungsvergleiche entwickelten Kategorien, die neben dem kulturellen auch den zeitlichen Abstand zwischen Ausgangstext und Übersetzetzung thematisieren, oder von Methoden aus der Korpuslinguistik möglich gewesen. Dies ändert aber nichts an der positiven Bewertung des Werkes von Brix, dessen Lektüre jedem empfohlen sei, der sich mit Übersetzungen ins Frühneuhochdeutsche befasst.


Notes:


1.   Für einen Vorabbericht mit den wichtigsten Ergebnissen, s. Kerstin Brix, “Ein deutscher ‘Sueton’”, in Regina Toepfer, Johannes Klaus Kipf und Jörg Robert (Hrsg.), Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450–1620), Berlin; Boston: De Gruyter (2017), S.461-490.
2.   opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de (29.12.2017).

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