Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2018.01.26 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2018.01.26

Giulia Ecca, Die hippokratische Schrift Praecepta. Kritische Edition, Übersetzung und Kommentar. Serta Graeca, 32.   Wiesbaden:  Dr. Ludwig Reichert Verlag, 2016.  Pp. 424.  ISBN 9783954901548.  €119.00.  


Reviewed by Anne Liewert, Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf (Anne.Liewert@ulb.hhu.de)

Mit Die hippokratische Schrift Praecepta legt Giulia Ecca ihre Dissertation vor, die im Rahmen des Forschungsprogramms „Medicine of the Mind. Philosophy of the Body. Discourses of Health and Well-Being in the Ancient World” an der Humboldt-Universität zu Berlin entstanden ist.

Die kurze medizinische Schrift Praecepta, die gemeinhin dem Corpus Hippocraticum zugerechnet wird, stellt eine Sammlung von Vorschriften für praktizierende Ärzte hinsichtlich ihres Verhaltens gegenüber Patienten und Fachkollegen, aber auch allgemein in Bezug auf die ärztliche Kunst dar. Da sie in recht kryptischer Sprache abgefasst und somit nur schwer verständlich ist, widmete die altertumswissenschaftliche und medizinhistorische Forschung dieser deontologischen Schrift bislang nur sehr geringe Aufmerksamkeit. Andere hippokratische Werke wie Iusiurandum und Lex hingegen erlangten überaus große Bekanntheit und bilden stets einen wesentlichen Ausgangspunkt in der Betrachtung der medizinischen Ethik der Antike.

Durch Abfassung der hier besprochenen Publikation setzt Ecca sich zum Ziel „diese Lücke in der Forschung zur Geschichte der antiken Medizin [zu] füllen“ (S. XI). Das für dieses ambitionierte Vorhaben selbst auferlegte Programm stellt sich als durchaus beachtlich dar: Neben einer Textedition unter Berücksichtigung aller bekannten 20 Handschriften und sämtlicher neuzeitlichen Editionen sucht die Autorin durch Analyse des Werkes und seines kulturellen Hintergrunds zum besseren Textverständnis zu gelangen und dieses durch einen ausführlichen Kommentar und Begleitkapitel zu vermitteln.

Die Einleitung (S. 1–104) gibt eine knappe Einführung in die antike medizinische Deontologie sowie in den Inhalt der Praecepta und ordnet die Schrift in ihren geistesgeschichtlichen Kontext ein. Nach einer gründlichen Analyse inhaltlicher Bezüge und des zeitgeschichtlichen Entstehungshintergrunds kommt Ecca zu der vorsichtigen Hypothese, die Praecepta könnten im Rom des 1. Jahrhunderts n. Chr. verfasst worden sein. Diese Annahme ist gemäß den von ihr angeführten Anhaltspunkten plausibel, muss aber, wie die Autorin selbst einräumt, angesichts unzureichender Indizien spekulativ bleiben. Ecca klassifiziert den kurzen Text überzeugend als eisagogische Schrift, die an Studenten und Berufsanfänger der Medizin gerichtet ist, und schließt sich damit früheren Interpreten wie Bensel und Fleischer an. Als Zielsetzung der Praecepta kann es gemäß Ecca gelten, „möglichst viele Aspekte der ärztlichen Deontologie zu behandeln“ (S. 4).

Die Autorin zeigt eine versierte Herangehensweise an die Textedition und nimmt eine Kapiteleinteilung vor, die sich bewusst – aufgrund eines neuen Inhaltsverständnisses – von derjenigen früherer Editoren unterscheidet. Der Leser wird sehr strukturiert und systematisch anhand einer klaren Gliederung der Einleitung und auch der Hauptteile in und durch den Text geführt. Aufschlussreich sind die intertextuellen Bezüge, die die Autorin zu anderen Werken des Corpus Hippocraticum herstellt; da es sich bei den Praecepta um eine der spätesten Schriften der Sammlung handeln dürfte, lassen diese Verbindungen eine starke Anlehnung an die althergebrachte medizinische Lehre erkennen, die in der Kaiserzeit und darüber hinaus unter dem Namen des Hippokrates überliefert wurde. Ecca zeigt in dieser Analyse profunde Kenntnisse, nicht nur der ethischen Schriften, sondern des gesamten Corpus Hippocraticum.

Ein besonderes Kennzeichen der Praecepta stellt die Eigentümlichkeit der Sprache dar. Folgerichtig wird diese in der vorliegenden Publikation ebenfalls einer eingehenden formalen Analyse unterzogen, die jedoch etwas fruchtlos ausfällt. Es wäre an dieser Stelle wünschenswert gewesen, zu erfahren, welche Schlussfolgerungen sich hinsichtlich des Entstehungskontextes und Verfassers aus den sehr aufmerksam beobachteten und ausführlich dargelegten Besonderheiten des Stils und der Sprache ableiten ließen. W. H. S. Jones` Hypothese, all dies könne einen Hinweis auf einen Verfasser ohne griechische Muttersprache darstellen, zieht die Autorin als mögliche Erklärung für diese Besonderheiten in Betracht.

Dem eigentlichen Kernstück dieser Publikation, der Edition (S. 105–134), stellt die Autorin außerdem einen Abschnitt zur direkten und indirekten Überlieferung der Praecepta voran. Dieser zeichnet sich durch eine informative Einordnung der Überlieferungsträger und Textfassungen aus, die es dem Leser im Folgenden ermöglicht, die editorischen Entscheidungen und Kommentare nachzuvollziehen. Der Edition des obskuren griechischen Textes gibt Ecca eine deutsche und eine italienische Übersetzung bei, wobei sie in der Entscheidung zwischen einer textnahen (und damit schwer verständlichen) und einer sehr freien Übersetzung einen (in den Augen der Rezensentin) hervorragenden Mittelweg wählt. Neben den bereits genannten lesenswerten und nützlichen Einleitungspassagen und der leicht interpretierenden Übersetzung stellt besonders der umfassende Kommentar (S. 135–314) den großen Gewinn dieser Forschungsarbeit dar. Hier gibt die Autorin zu Beginn jedes Kapitels eine Paraphrase des folgenden Abschnitts, die das Verständnis des sperrigen Textes erleichtert, und erläutert anschließend eingehend und versiert kritische Textstellen, Begriffe, intertextuelle Bezüge und sprachliche Wendungen.

Im Anhang (S. 315–370) ergänzt Ecca den Text eines Scholions (15. Jh.), das der Autorin bereits in der Einleitung Anhaltspunkte zur chronologischen Einordnung der Praecepta bot und nun dem Leser zugänglich gemacht wird. Erneut stellt die Autorin dem Text eine deutsche und eine italienische Übersetzung an die Seite und erläutert in einem Anmerkungsabschnitt Besonderheiten des Textes. Ein Literaturverzeichnis (S. 371–396) und zwei Indices verborum (S. 397–407; zu den Praecepta und dem Scholion) schließen den Band ab.

Für die künftige Forschung über die hippokratische Deontologie ist durch Eccas Publikation Die hippokratische Schrift Praecepta ein zentraler und zuvor fehlender Grundstein gelegt worden. Ihr umfänglicher Kommentar demonstriert, dass ein tiefes Verständnis der zwar kurzen, aber sehr sperrigen und abstrakten Praecepta nur durch Hinzunahme eingehender Erläuterungen erfolgen kann – endlich stehen diese jedoch zusammen mit einer gründlichen Textedition in Form der hier besprochenen Publikation zur Verfügung.

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