Bryn Mawr Classical Review

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Bryn Mawr Classical Review 2017.02.56

Frank Kolb (ed.), Forschungen in Tlos und im Yavu-Bergland. Lykische Studien, 10.   Bonn:  Rudolf Habelt Verlag, 2016.  Pp. xiv, 74; 40 p. of plates.  ISBN 9783774939578.  €79.00.  


Reviewed by Matthias R. Nöth​, Münnerstadt-Reichenbach​ (matthias.noeth@gmx.de)

Table of Contents

Der von Frank Kolb in der Reihe Tübinger althistorische Studien herausgegebene aktuelle Band der Lykische Studien umfasst drei Beiträge. Diese befassen sich einerseits mit den vorhellenistischen Befunden und der Keramik des im Xanthos-Tal gelegenen Tlos, andererseits mit einem im Yavu-Bergland gelegenen Gehöftkomplex; letzterer Beitrag stellt einen Nachtrag zu den Tübinger Forschungen auf dem Gebiet der zentrallykischen Polis Kyaneia dar.

Der erste, von Ulf Hailer und Hilmar Klinkott verfasste Beitrag (S. 1-30) widmet sich den vorhellenistisch-lykischen Befunden von Tlos, einem in Tübingen angesiedelten Projekt, der vorhellenistischen Siedlungsausdehnung und dem außerstädtischen Wegenetz. Ein einführender Teil informiert über Zielsetzung und Durchführung der Arbeiten, zugleich werden Forschungsdesiderate zur Wohnbebauung von Tlos aufgezeigt. Die jüngsten Untersuchungen bauen auf Überlegungen auf, die Wolfgang Wurster bereits 1976 zur lykischen Siedlung von Tlos anstellte.

Es folgt eine ausführliche Beschreibung der vorhellenistischen Befunde. Die Hauptbefunde liegen dabei auf dem mehrfach überbauten Akropolisfelsen. Dort konnten drei hintereinanderliegende Räume, eine große Felstreppe sowie ein großes Felshaus festgestellt werden. Aufgrund entsprechender Balkenlöcher gehen Hailer und Klinkott von einer Erweiterung des auf dem Akropolisfelsen nur begrenzt zur Verfügung stehenden Platzes für Wohnraum durch „hängende Häuser“ an den Felswänden aus. Weitere vorhellenistische Befunde finden sich nördlich und nordwestlich der Burg. Es handelt sich im Norden um einen Raumkomplex mit fünf Räumen und einen seiner Lage an der Nordostecke der Akropolis nach möglicherweise dem fortifikatorischen Bereich zuzurechnenden Felsraum; im Nordwesten finden sich weitere Felsräume, Felstreppen, ein Felsrelief nahe eines vermuteten Zuganges und einen als Grablege zu identifizierenden „eingetieften ‘Raum‘ “. In den vorhellenistischen Bereich zählt auch eine große, in polygonaler Mauertechnik errichtete Mauer am Osthang der Akropolis, bei der es sich um die klassisch-lykische Siedlungsmauer handelt, der im Mittelbereich eine parallel verlaufende Treppe vorgesetzt ist. An ihr festgestellte mauertechnische Unterschiede erklären Hailer und Klinkott mit der Neuerrichtung eines Teilstückes in (früh)hellenistischer Zeit. Mit einer Ecke im Südosten der Akropolis ist die südliche Grenze der klassisch-lykischen Siedlung zu fassen. Unklar bleibt der Anschluss der Siedlungsmauer an das wohl interessanteste vorhellenistische Element, einer großen, westlich unterhalb der Akropolis gelegenen Toranlage, die zu den größten Stadttoren Lykiens gehört. Die Toranlage wurde unter Einbeziehung der natürlichen Gegebenheiten angelegt und zeigt eine von 14 Räumen und einem Brunnenhaus gesäumte, sich zum Innern verengende, rechtwinklig von Norden nach Osten führende Torgasse.

Im Umfeld von Tlos konnten Hailer und Klinkott vier antike Wegtrassen feststellen, die die Siedlung in vier Himmelsrichtungen mit dem Umland verbanden und von antiken Gräbern gesäumt werden. Durch die Wege konnten vereinzelt Rückschlüsse auf die Lage von Toren gezogen werden: so muss es ein Tor am Osthang der Akropolis gegeben haben, welches Hailer und Klinkott wohl in einer künstlich bearbeiteten und verbreiterten Felsöffnung fassen konnten. Als ein Forschungsdesiderat sehen Hailer und Klinkott sowohl den von Osten – aus dem Massiktos-Gebirge – herführenden Weg, da die ihn flankierenden archäologischen Reste „zahlreich und eindrucksvoll sind“, als auch die Erforschung des antiken Wegenetzes im Umland von Tlos.

Die Zielsetzungen des Projektes wurden einigermaßen erreicht. So lassen sich die von Hailer und Klinkott beschriebenen Felsraumkomplexe unter technischen Gesichtspunkten in die klassische Zeit datieren, gehören also zur vorhellenistischen Siedlung. Deren Ausdehnung lässt sich anhand natürlicher Geländeformationen, der lykischen Siedlungsmauer und dem Westtor gut fassen. Tlos biete, so Hailer und Klinkott, durch die singulär hier auftretenden ’hängenden Häuser‘ ein gutes Beispiel für die Beeinflussung der lokalen Bauformen durch die Topographie des Siedlungsgebietes. Mit ihrem Beitrag füllen Hailer und Klinkott eine Lücke in der Erforschung des antiken Tlos.

Birgit Rückert behandelt im zweiten Beitrag (S. 31-43) Keramik, die während des Tlos-Survey mit dem Ziel dokumentiert worden war, „Anhaltspunkte für die Ausdehnung und unter Umständen für die zeitliche Nutzung der untersuchten Siedlungsareale zu erhalten“. Nach Beschreibung von Lage und Ausdehnung der insgesamt sechs Sammelareale, die sich besonders auf den Burgberg und das unmittelbar umgebende Gebiet (Areale I-IV) sowie auf zwei nordöstlich davon gelegene Bereiche (Areale V und VI) verteilen, gibt Rückert Informationen zu den Sammelkriterien und der Geländebegehung. Es folgt eine zusammenfassende, nach Arealen getrennte Übersicht über Funddichte und zeitliche Verteilung der dort gefundenen Keramiken. Diese datieren v.a. in die spätklassische, hellenistische, frühkaiserzeitliche oder osmanische Epoche. Das Fundspektrum der insgesamt 542 inventarisierten Stücke reicht von Feinkeramik, Sigillata über Ziegel, Küchengeschirr, Vorratsgefäße und Transportamphoren. Die Mehrheit davon stellen früh- bis mittelkaiserzeitliche Sigillata, während sich auffallend wenige Stücke aus klassischer Zeit fanden. Es folgt ein chronologisch aufsteigend angelegter Katalog mit (nur) 48 Nummern, die – bis auf fünf Stücke – in Zeichnung oder Photo wiedergegeben sind. Leider bietet die Autorin keine konkrete Aussage, die ihren eingangs formulierten Fragestellungen entspricht. Ein Ansatz findet sich allenfalls auf S. 33, wenn sie bzgl. der Areale V und VI sagt: „Vielleicht dürfen die Scherben als Indiz gewertet werden, daß sich entlang der antiken Straße mit Blick auf die Felsengräber am Nordhang klassische bis hellenistische Bauten befanden – mithin in einem Gebiet, das bisher für die Siedlung in dieser Zeit noch nicht in Betracht gezogen wurde […]“. Auch ist anzumerken, dass die Verwendung des Begriffes „Firnis“ in Fachkreisen als überholt angesehen wird.

Der dritte Beitrag (S. 46-79) ist wiederum von Hilmar Klinkott. Hier stellt er den im Yavu-Bergland gelegenen Gehöftkomplex von Taşlıburun vor. Dieser liegt im Grenzgebiet der lykischen Poleis Kyaneia und Phellos, westlich des Kırandağı Tepesi, dessen Gebiet sich jedoch durch Bestattungsfunde aus benachbarten Siedlungen dem Polisgebiet von Phellos zurechnen lässt. Der Gehöftkomplex selbst liegt auf einem „kleinen Geländekamm mit zwei Hügelkuppen“, wobei die Befunde sich auf die östliche Hügelkuppe und auf den zwischen dieser und der unbebauten westlichen Hügelkuppe liegenden Geländesattel erstrecken und zwei getrennte bauliche Anlagen erkennen lassen. (S. 45 f.)

Es folgt eine ausführliche Beschreibung der Befunde. Die „östliche Gipfelanlage“ besteht nach der Befundanalyse aus einem an der höchsten Stelle der östlichen Hügelkuppe liegenden Turm, zwei Raumkomplexen und zwei Höfen sowie vier, die Bauten gestaffelt umgebende Terrassen sowie aus einer inneren und einer äußeren Umfassungsmauer. Der langrechteckige Turm verfügt jeweils im Süden und Norden über eine Tür. Nordöstlich des Turmes befindet sich Raumkomplex I mit den Räumen I A 1, I A 2, I B und I C. Diesem sind im Osten und Süden die jeweils L-förmig angelegten Terrassen 1 und 2 vorgelagert. An der Südostecke von Terrasse 2 ist außen ein Annexraum angesetzt. Westlich an Raumkomplex I schließt sich Hof 1 sowie ein kleiner, dem Turm vorgelagerter Raum an. Die Ost-, Nord- und Westwand, die Anschluss an die nördliche Turmmauer hat, von Raumkomplex I werden von der inneren Umfassungsmauer gebildet, die zugleich auch Stützfunktion hatte. Ihr nördlicher Bereich setzt sich als Hangmauer nach Westen fort und umschließt auch Hof 1. Westlich von Hof 1 und zugleich nordwestlich des Turmes liegt Raumkomplex II. Der Ost-West orientierte Bau verfügt über drei parallel nebeneinander angeordnete Raumeinheiten (II A, II B und III C), wobei die mittlere nochmals in einen nördlichen und einen südlichen Raum (II B 1 und II B 2) unterteilt ist. Die Räume sind untereinander nicht mit Türen verbunden, lediglich der im Osten gelegene Raum II A verfügt über eine Tür, über die der südlich von Raumkomplex II liegende Hof 2 und von diesem aus die südliche Turmtür zu erreichen sind. Südlich des Hofes 2, durch eine starke Hangmauer getrennt, haben sich Ansätze der Stützmauer von Terrasse 3 erhalten (mit einem Tor in der Westmauer); ihr Verlauf nach Osten lässt sich allerdings anhand von Abarbeitungen nachvollziehen. Diese Mauer stellt den südlichen Teil der äußeren Umfassungsmauer („große Umfassungsmauer“) dar, deren nördlicher Teil die den Raumkomplexen I und II sowie der Terrasse 2 nördlich vorgelagerte Terrasse 4 abschließt. Im Osten ist sie nur noch partiell zu fassen, umgab aber einst die gesamte Gehöftanlage. Auf Terrasse 3 konnten eine Mahltasse, eine Zisterne und eine Pressanlage festgestellt werden, woraus Klinkott hier die Verarbeitung der angebauten Produkte ansiedelt; Terrasse 4, die nichts dergleichen aufweist, sieht er aufgrund ihres großen Tores für die Viehhaltung. Aufgrund diverser Charakteristika – z.B. Höhenlage, Bautechnik, Eckgestaltung bei den Terrassen –, die sich an mehreren der von Ulf Hailer1 untersuchten Gehöften im Yavu-Bergland wiederfinden, scheint für Klinkott eine Datierung der „östliche Gipfelanlage“ in die klassische Zeit naheliegend. Er revidiert seine Aussage jedoch aufgrund der An- und Umbauten wieder, welche die Anlage erfuhr, und lässt, auch aufgrund fehlender Keramikfunde, eine „genauere zeitliche Einordnung“ offen. Lediglich eine relative Chronologie stellt Klinkott auf. Demnach sieht er in der Südmauer von Raumkomplex II den ältesten Kern der Anlage, der zwei (?) Erweiterungsphasen erfuhr, von denen er die letzte in „(spät)klassisch-(früh)hellenistischer Zeit“ ansetzt.

Die Befunde der „westliche Anlage“ finden sich nur 10 m von der „östlichen Gipfelanlage“ entfernt. Der Komplex ist im Süden, Osten und Norden von einer Umfassungsmauer umgeben und bildet dadurch eine geschlossene Einheit. Im Osten der Anlage liegt Hof 3, der im Süden und Norden über ein Tor verfügt; das nördliche war nach Klinkott mit dem Wagen zu befahren. Westlich des Südtores liegt, außerhalb der Umfassungsmauer, ein kleiner Felsraum, in dem Klinkott wohl zu Recht einen Wachraum für dieses Tor sieht. Auch diese Anlage verfügt über einen Raumkomplex (III). Er schließt unmittelbar westlich an Hof 3 an und besteht aus fünf Räumen. Zugang zu diesem erfolgte über eine Tür in der nördlichen Umfassungsmauer, über die ein zentraler Verteilerraum (III A) zu erreichen war, an den parataktisch rechts und links jeweils ein großer und ein kleinerer Raum anschließen (im Osten: III B, III C; im Westen: III D und III E).2 Aufgrund der Befundlage geht Klinkott davon aus, dass der Zugang zu den Räumen jeweils nur von III A aus erfolgte. Westlich an den Raumkomplex III schließt ein kleiner, im Westen und Süden durch den Fels der westlichen Hügelkuppe begrenzter „Hinterhof“ an. Auch er war, wie Hof 3, nicht direkt von Raumkomplex III aus zu betreten.

Im Anschluss an die Beschreibung der „westlichen Anlage“ geht Klinkott auf „Typus und Datierung der Gesamtanlage“ ein. Die Befunde der „östlichen Gipfelanlage“ gehören zu einem Turmgehöft, das aufgrund des Grundrisses des wohl mehrstöckig zu rekonstruierenden Turmes von Klinkott dem Typus des „Turmgehöft mit gelängtem Kernbau“ zugeordnet wird. Diesen umgeben „in agglutinierender Bauweise“ die beiden Raumkomplexe, die gestaffelten Terrassen und die Höfe. Ein ganz anderes Bild ergeben die Befunde der „westlichen Anlage“, bei der der parataktisch aufgebaute Raumkomplex III das beherrschende Bauwerk ist. Aufgrund des dort vorhandenen Verteilerraumes ordnet Klinkott diese Anlage daher plausibel im Ausschlussverfahren den Reihenraum-Gehöften zu, deren wichtigste Charakteristika sich in Raumkomplex III wiederfänden. Nach Abgleich mit anderen Reihenraum-Gehöften der Region aus klassischer, hellenistischer und römischer Kaiserzeit erscheint ihm eine Datierung in (spät-?)klassische Zeit am wahrscheinlichsten. Da jedoch auch hier Ziegel- und sonstige Keramikfunde fehlen, lässt Klinkott wiederum die Datierung offen.

Am Schluss bringt Klinkott nochmals Überlegungen zur zeitlichen Bauabfolge der beiden Anlagen und könnte sich vorstellen, dass das östliche „Turmgehöft Taşlıburun mit seinem klassischen Kern in hellenistischer Zeit ausgebaut“ und in „spätklassisch-hellenistische Zeit (?)“ durch die „westliche Anlage“ erweitert wurde. Allerdings lässt er offen, ob diese – als Erweiterung – unmittelbar zum Turmgehöft gehörte oder ob es sich um ein Doppelgehöft handelt, welches wegen der gemeinsamen Nutzung der Wirtschaftsflächen nur von einem Familienmitglied (Erbteilung?) errichtet worden sein konnte. Der in der Gesamtkonzeption der Anlage von Taşlıburun festzustellende Sicherheitsaspekt („Torsicherungen, verstärkte Gehöftmauer“) diente nicht, wie bei ihrer geographischen Lage zu vermuten wäre, der Kontrolle des Grenzgebietes, sondern es stand der des „eigenen landwirtschaftlichen Besitzes mit den zugehörigen Wirtschaftsanlagen“ im Vordergrund.

Der gut gemachte und reich bebilderte Band liefert neue Erkenntnisse zum antiken Tlos und ergänzt die von Hailer untersuchten Gehöfte Lykiens um ein weiteres Beispiel. Dennoch sind einige Kritikpunkte zu nennen: So finden sich im ersten Beitrag mehrere Platzhalter für Abbildungs- und Seitenverweis oder falsche Seitenverweise sowohl im Text als auch in den Anmerkungen; auf einigen Tafeln finden sich Flüchtigkeitsfehler (gespiegelter Nordpfeil, fehlender Maßstab). Zudem hätten einige zusätzliche Beschriftungen auf einzelnen Tafeln beim Lesen der Befundbeschreibung die Orientierung erleichtert, besonders bei den zahlreichen genannten Felskanten. Beim dritten Artikel stimmen einige Abbildungen nicht mit den Bildunterschriften überein, was leider offensichtlich zu erkennen ist.


Notes:


1.   Das für diesen Beitrag wichtigste Werk, auf das sich Klinkott bezieht, ist die 2008 publizierte Dissertation von Ulf Hailer zu den Gehöften Yavu-Bergland: U. Hailer, Einzelgehöfte im Bergland von Yavu, Teil 1 und Teil 2. Antiquitas R., Bd. 46 (Bonn 2008).
2.   Auf den im Plan eingetragenen Raum II-f wird nicht eingegangen. ​

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