Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2017.02.22 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2017.02.22

Alexandra Eckert, Lucius Cornelius Sulla in der antiken Erinnerung: Jener Mörder, der sich Felix nannte. Millennium-Studien / Millennium-studies, 60.   Berlin; Boston:  De Gruyter, 2016.  Pp. x, 264.  ISBN 9783110449815.  $112.00.  


Reviewed by Daniel Vaucher, Universität Bern (daniel.vaucher@cgs.unibe.ch)

Preview

In diesem Buch verfolgt Alexandra Eckert ein ambitioniertes Unterfangen. Die Überarbeitung ihrer Dissertation aus dem Jahr 2012 behandelt beinahe alle literarischen, epigraphischen, numismatischen und archäologischen Zeugnisse zu Lucius Cornelius Sulla und dessen Beurteilung in der spätrepublikanischen und kaiserzeitlichen Literatur. Dies führt zu der hochgesteckten Zielsetzung (S. 40), Spuren von Sullas Leben in der antiken Erinnerung des 1. Jh.v.Chr. bis ins 3. Jh.n.Chr. sichtbar zu machen. Die zahlreichen Quellen will die Autorin jeweils mit der Selbstdarstellung Sullas in dessen (heute nur noch fragmentarisch erhaltenen) Memoiren kontextualisieren, um dadurch Diskrepanzen zwischen Selbstdarstellung und Fremdurteilen herauszuarbeiten. Zweitens will die Autorin die historischen Konsequenzen der Aufnahme von Sullas Taten in das kulturelle Gedächtnis analysieren.

Damit ist der konzeptionelle Rahmen des Buches angesprochen. Teil I (S. 3-40) beinhaltet nebst einer knappen Einführung und des Forschungsstandes zu Sullas Nachwirkung eine ausführliche Besprechung des Konzeptes des kollektiven Gedächtnisses bei Maurice Halbwachs und Jan und Aleida Assmann,1 wobei auch kritischen Stimmen aus der althistorischen Forschung Platz eingeräumt wird. Eckert setzt sich selbst kritisch mit den Positionen auseinander und definiert eigene Schwerpunkte und Terminologien. Die althistorischen Forschungsbeiträge von Hölscher und Hölkeskamp / Stein-Hölkeskamp zu den Erinnerungsorten und –Räumen werden als wertvolle Ergänzungen genannt, Eckert hätte diese aber in ihrem analytischen Teil noch gezielter verfolgen können, wenn sie von Sullas Monumenten oder von der noch lange hin sichtbaren Zerstörung Athens berichtet.

Die methodischen Grundsätze werden im Hauptteil (S. 43-201) in acht Einzelstudien zu Teilaspekten von Sullas Leben und Handeln angewandt. Die Kapitel handeln von Sullas Beinamen „Felix“ und dessen Stigma, von Sullas Eroberung Athens im Jahr 86 v.Chr., von der Zerstörung böotischer Städte und der Plünderung griechischer Heiligtümer auf dem Kleinasienfeldzug, von der Bestrafung kleinasiatischer Poleis 85 v.Chr., vom griechischen Beinamen Epaphroditos und dessen möglichen Botschaften, von Sullas Vergeltungsmassnahmen nach der Rückkehr nach Italien und von Sullas politischem Handeln während seiner Diktatur und seiner Abdankung. Hier fragt sich Eckert jeweils, welche Erinnerungen an Sullas Gräueltaten in das kulturelle Gedächtnis eingegangen sind und welche Folgen die Normenverstösse im Sinne eines kulturellen Traumas hervorgerufen haben. Teil III (S. 205-217) fasst die Ergebnisse knapp zusammen. Den Abschluss (S. 218-265) bilden ein sehr umfangreiches Literaturverzeichnis und wertvolle Register, wobei ein Stellenregister vermisst wird.

Der Rezensent kann hier nicht auf alle Einzelergebnisse der Teilstudien eingehen; als Beispiel für Eckerts Buch seien die Abschnitte II.2 und II.7 besprochen. Die Eroberung Athens in der Selbstdarstellung Sullas und im antiken Urteil über ihn ist Thema des Kapitels II.2 (S. 86-102). Eckert betont in diesem Kapitel souverän zwei Problemfelder. Erstens arbeitet sie die dem ganzen Buch zugrunde liegende These heraus, Sulla habe in seinen Memoiren gezielt eigene Erinnerungen konstruiert, um seine Taten gegenüber Kritikern zu beschönigen. Tatsächlich erhielten sich aber kritische Stimmen gerade von griechischen Autoren, die die wahren Erinnerungen im kulturellen Gedächtnis bewahrten und so Sullas Vergehen an die Nachwelt weitergaben. Diese Tradition begründet die Autorin einerseits mit dem Ausmass der Zerstörung, die archäologisch nachweisbar sei2 und die den antiken Autoren von Cicero bis Plutarch nicht entgangen sei, andererseits mit dem schweren Normenverstoss, den Sulla mit der Zerstörung dieser ehrwürdigen Polis begangen habe. Hier verbindet Eckert gekonnt die Theorie der delegitimierenden Erinnerung mit den sullanischen Memoiren und den antiken Urteilen. Die Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung wird auf diesen Seiten gut sichtbar.

Im Kapitel zu den sullanischen Vergeltungsmassnahmen (II.7, S. 139-173) ändert sich die Gliederung. Statt einer teilweise unkritischen Anekdotensammlung mit einer Unmenge an indirekten Zitaten wählt die Autorin hier eine andere Gliederung, wägt die Quellen besser ab und fasst Ereignisse und Nachwirkung gezielt zusammen. Nach einem geschichtlichen Überblick stellt Eckert das für sie erkenntnisleitende Konzept des kulturellen Traumas des amerikanischen Soziologen Jeffrey Alexander vor.3 Im Folgenden überträgt die Autorin dessen Theorie gekonnt auf die Ereignisse nach Sullas Rückkehr nach Italien und auf die Aufarbeitung des Traumas bei den nachfolgenden Generationen. Auch setzt sich Eckert hier vermehrt mit der Sulla-Forschung auseinander und widerlegt die Thesen insb. von Francois Hinard, der den negativen Sulla-Mythos auf dessen Proskriptionen zurückgeführt hatte. Eckert legt dagegen viel mehr Wert auf die Willkür, den Terror in den Jahren 82 und 81 v.Chr. und die Massenexekutionen, was schliesslich zu einem kulturellen Trauma geführt habe. Diese Normenverstösse—willkürlicher Mord an den eigenen Bürgern—wurden in den folgenden Jahrhunderten vielfach erinnert und aufgearbeitet, um die Identität zu stärken und vor Wiederholungen zu warnen. Treffend formulierte so Cicero bereits, „die unsterblichen Götter mögen verhindern, dass es einen zweiten Sulla gebe!“ (Cic. Verr. 2.3.81, zitiert S. 167).

Eckert ist in ihrer Behandlung der antiken Quellen sehr gewandt und schöpft das Corpus an literarischen Quellen voll aus. Dennoch bleiben viele Probleme ungelöst oder unangesprochen. Sullas Memoiren sind immer wieder substantieller Teil der Abhandlung und Eckert nennt die wichtigste Literatur, die gerade im letzten Jahrzehnt massiv zugenommen hat. Aber gerade nach dem Vorsatz (S. 40), für jedes Kernthema die Selbsteinschätzung Sullas zu untersuchen, fehlt eine einführende Besprechung dieser kritischen Literaturgattung. Es fehlt eine Darstellung dessen, wie Autobiographien in jener Zeit funktionierten4 und wie die Nachwirkung von Sullas Memoiren zu beurteilen ist. Im Hauptteil nennt die Autorin in zahlreichen Fussnoten sichere und mögliche Memoirenfragmente und beleuchtet damit indirekt, welche antiken Autoren von Sullas Selbstdarstellung beeinflusst gewesen sein könnten. Aber um die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremddarstellung herausarbeiten zu können, wäre eine klare Analyse der Nachwirkung dieses zentralen, nur fragmentarisch erhaltenen Texts notwendig gewesen. Dies zeigt sich natürlich an den direkt zitierenden Autoren wie Plutarch, an Appian, der die Memoiren mit Gewissheit gekannt hat, aber es wäre zu fragen, welche lateinischen Autoren der Kaiserzeit von Livius oder dessen Periochae abhängig waren. Dieser hatte die Memoiren Sullas mit Sicherheit benutzt und damit eine möglicherweise bereits verfälschte Darstellung der Ereignisse der Nachwelt übermittelt.5 Nur die möglichen Zitate aus den Memoiren zu nennen, genügt in diesem Fall nicht, um der komplexen Nachwirkung von Sullas Memoiren durch Livius gerecht zu werden. Ein antiker Autor konnte von Sullas Selbstdarstellung beeinflusst worden sein, ohne ihn direkt zu zitieren. Diese mögliche Komplikation ergibt sich auch aus der Besprechung der sullanischen Zerstörung Athens. Eckert betont zurecht die sehr vernichtenden Stimmen aus der griechischen Literatur, die mit den Rechtfertigungsversuchen von Sulla im Widerspruch stehen. Um das Schweigen der römischen Autoren zu diesem Thema zu erklären, spricht Eckert von einem Tabuthema oder von einem beschämten Schweigen (S. 100-102). Gerechter wird Eckert dem Problem im Schlussteil, wenn sie zugibt, dass sich aus der römischen Überlieferung schlicht „keine Hinweise auf eine Kritik an Sullas Eroberung“ finden lassen (S. 215).

Eckert verfolgt das Ziel, die antike Erinnerung an Sulla zu fassen. Es bleibt der Eindruck, dass sie nicht nur die Erinnerung, sondern auch das Werturteil der antiken Autoren teilt. Das Buch hat ein mit dem Titel festgesetzten voreingenommenen Standpunkt, den Sulla als Mörder und Henker bezichtigt.6 Ihr Fazit und ihr Titel für Teil III bezeichnet Sulla als „Wende zum Schlechteren“ (S. 203-205). Dieser und ähnliche Standpunkte sind unglücklich gewählt und werden nicht der gesamten Überlieferung gerecht. Die Auswahl der Einzelstudien weist in dieselbe Richtung, so dass Sulla-günstige Aspekte wie seine Feldherrentaten ausgeklammert werden. Dieses Vorgehen ist unter Berücksichtigung des theoretischen Rahmens nachvollziehbar, schadet aber einer neutralen, ausgewogenen Darstellung.

Das Buch ist aufgrund der Auswahl des Stoffes nicht als Einführung in das Gebiet konzipiert, sondern besticht durch seine anspruchsvollen Fallstudien, die sehr gelehrt, angenehm lesbar und inhaltlich anregend einzelne Aspekte aus Sullas Leben behandeln. Ungeachtet der genannten Kritikpunkte dürfte das Buch für viele Lesergruppen eine spannende Lektüre bieten.


Notes:


1.   S. nebst vielen Beiträgen v.a. J. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen (München 1992).
2.   Zur Beurteilung der Zerstörung Athens gibt es auch kritische Stimmen, die Eckert nicht berücksichtigt, s. bsp. F. de Callataÿ, L’histoire des guerres mithridatiques vue par les monnaies (Louvain-La-Neuve 1997) 313-314.
3.   J.C. Alexander, Trauma. A Social Theory (Cambridge 2012).
4.   Als Ergänzung zu Eckerts umfangreichen Bibliographie wäre noch zu nennen C. Pelling, „Was there an ancient genre of autobiography? Or, did Augustus know what he was doing? “ in: C. Smith & A. Powell (Hg.), The lost memoirs of Augustus and the development of Roman autobiography (Swansea 2009), 41-64.
5.   Römische Autobiographien dienten schliesslich unter anderem auch als Grundlage der annalistischen Geschichtsschreibung, s. hierzu A.H. MacDonald, „The Style of Livy“, Journal of Roman Studies 47 (1957), 155-172, und bezüglich Sullas commentarii, A. Mastrocinque, Studi sulle guerre Mitridatiche (Stuttgart 1999), insb. S. 64 ff.
6.   Vgl. Karl Christ, Sulla, eine römische Karriere (München 2002) 9, der von einem „römischen Monster“ spricht.

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