Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2014.08.14 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2014.08.14

Timothy Michael Law, When God Spoke Greek: The Septuagint and the Making of the Christian Bible.   Oxford; New York:  Oxford University Press, 2013.  Pp. ix, 216.  ISBN 9780199781720.  $24.95 (pb).  


Reviewed by Christian Schäfer​, Septuaginta-Unternehmen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen​ (Christian.Schaefer@mail.uni-goettingen.de)

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Die im 3. Jh. v. Chr. begonnene Übersetzung der hebräischen Bibel, genannt Septuaginta (= LXX), steht an der Schnittstelle zwischen Judentum und Christentum. Für die Textgeschichte und Textkritik des hebräischen Alten Testaments ist die einst für den jüdischen Gebrauch in der Diaspora bestimmte LXX von größter Bedeutung. Im 1. Jh. n. Chr. wurde sie zur heiligen Schrift des entstehenden Christentums. Schon im Neuen Testament wird nach der LXX zitiert. Auch die Kirchenschriftsteller der späteren Jahrhunderte beziehen sich in ihren Predigten und Kommentarwerken auf den Text des griechischen Alten Testaments.

Im vorliegenden Buch legt der Verfasser, Timothy Michael Law, eine Erzählung über die Rezeptionsgeschichte der LXX vor, der nicht nur seine eigenen Forschungsergebnisse zugrunde liegen, sondern – vor allem – die bisher oft nur in Fachkreisen rezipierten Erkenntnisse anderer.1 Ziel des Buches ist es, „to take scholarly language and break it down for the benefit of even more readers“, „to explain it [sc. das Spezialwissen] more clearly to those who are interested in the history of the Bible and in its use in the early centuries of the Christian Church but who never have considered the Septuagint’s role in that story“ (S. 4), wobei vornehmlich an ein amerikanisches Publikum gedacht ist.2

Die Resonanz auf „When God Spoke Greek“, das seit Kurzem bereits in spanischer Übersetzung3 vorliegt, ist schon jetzt bemerkenswert. Laws Darstellungen sind Inhalt zahlreicher amerikanischer Blogs, die sich oft mehr oder weniger intensiv mit den Thesen des Verfassers z.B. zur einstigen Textpluralität des hebräischen Alten Testaments auseinandersetzen. Die dort geführten Diskussionen übergehen jedoch häufig die im ersten Kapitel des Buches vom Autor dezidiert benannte Zielgruppe (eben keine Fachleute) und daher auch das von dieser notwendig abhängige inhaltliche Niveau: Laws Buch ist keine neue ‚Einleitung‘ resp. ‚Einführung in die LXX‘, sondern versteht sich als eine (fachlich fundierte) Erzählung von der Geschichte der griechisch überlieferten Heiligen Schriften des Judentums, die für die Entstehung der Alten Kirche (und damit für Christen aller Konfessionen) von nicht zu überschätzender Bedeutung sind. Meiner Rezension dieses Sachbuchs liegen daher folgende Leitfragen zugrunde: Wird Law seinem eigenen Anspruch gerecht, Spezialwissen und Fachsprache auf ein allgemeinverständliches Level zu reduzieren? Und: Behält er seine Zielgruppe auch inhaltlich im Blick, indem er den roten Faden seiner Erzählung an den „at least four major reasons why the Septuagint deserves our attention“4 ausrichtet?

Diese vier Hauptgründe, derentwegen sich die Lektüre des Buches lohne, seien:
(1) Die Bedeutung der LXX für das Verständnis der Entwicklung jüdischer Theologie zwischen dem 3. Jh. v. Chr. und dem 1. Jh. n. Chr. und deren Einfluss auf die Gedankenwelt der neutestamentlichen Verfasser: „[…] the New Testament cannot be read apart from its context in Hellenistic Judaism, and one comes closer to understanding that context by reading the Septuagint“ (S. 4).
(2) Die Bedeutung der LXX für ein adäquates Verständnis des Neuen Testaments und der Entstehung der Alten Kirche, das durch reinen Vergleich mit modernen, in der Regel auf dem Hebräischen basierenden Übersetzungen des Alten Testaments nicht möglich ist und das Law durch konkrete Beispiele zu fördern sucht.
(3) Die Bedeutung gerade der LXX (und nicht des hebräischen Textes) als biblische Grundlage der theologischen Debatten der frühen Kirchenschriftsteller und Konzilien, die sich häufig ohne Kenntnis des griechischen Textes nicht nachvollziehen lassen.
(4) Schließlich die Bedeutung der LXX für die Textkritik des hebräischen Textes: „The Hebrew Bible in the editions we now use is often not the oldest form of the Hebrew text, and in fact it is not a singular text at all but an amalgamation of similar though not identical sources. In many cases the Septuagint provides the only access we have to the oldest form“ (S. 5).

Auf die Betonung der Pluralität und ‚Fluidität‘ des hebräischen Bibeltextes und seiner erst relativ späten Fixierung ab dem 2. Jh. n. Chr. richtet sich das Hauptaugenmerk5 des an sich chronologisch angelegten Buches: Law eröffnet seine Erzählung von der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der LXX mit einer Beschreibung ihres historischen ‚Setting‘ (Kapitel 2: „When the World Became Greek“)6 und widmet sich dann (Kapitel 3: „Was There a Bible before the Bible?“) explizit der Hauptthese des Buches, indem er unter Bezug auf die Funde vom Toten Meer ausführlich die Genese der hebräischen Übersetzungsvorlage der LXX und der innerhebräischen Textentwicklungen („The Multiple Forms of the Hebrew Scriptures“, S. 20) darstellt. Von dieser Voraussetzung ausgehend beschreibt er – nach knappen Überlegungen zur Übersetzungstheorie an sich – die eigentliche Entstehung der LXX als zwar nicht des ersten, in seiner Anlage und aufgrund seines Gegenstandes jedoch einzigartigen Übersetzungsvorhabens der Antike (Kapitel 4). Dabei geht es ihm darum, nachzuweisen, dass und auf welche Weise die hebräischen und griechischen (‚kanonischen‘ und ‚apokryphen‘) Schriften des Judentums voneinander abwichen und wie sie sich bis ins 2. nachchristliche Jh. hinein rezensionell entwickelten, bevor die hebräischen Texte schließlich in ihrer letztgültigen Form fixiert wurden (Kapitel 5–7). Einen weiteren Schwerpunkt legt Law sodann auf die Betonung des Einflusses, den der LXX-Text und die jüdische Exegese des 1. Jh.s n. Chr. auf Theologie und Sprache des Neuen Testaments und dadurch auf die christliche Kirche genommen haben (Kapitel 8–10) und weshalb die LXX, nachdem sie sich als inspiriert geltender und kanonisierter Bibeltext der Alten Kirche bereits etabliert hatte (Kapitel 11), später im Westen wieder in der Versenkung verschwunden ist (Kapitel 12 und 13). Der Autor stellt also im Gegensatz zu fast allen klassischen Einleitungen ganz bewusst nicht die komplizierte Entwicklungsgeschichte des LXX-Textes selbst in den Mittelpunkt seiner Darstellung (obgleich er – ganz am Rande – die bekannten rezensionellen Überarbeitungen wie die ‚hexaplarische‘ oder die ‚lukianische Rezension‘ durchaus erwähnt). Stattdessen versucht er zu verdeutlichen, dass, ganz allgemein gesprochen, die LXX an sich eine große Bedeutung für das Christentum besessen hat und deshalb auch heute wieder besitzen könnte:

„What would modern Christian theology look like if its theologians returned the Septuagint to the place it occupied at the foundation of the church, or at least began to read alongside the Hebrew Bible, as a witness to the story of the Bible and in acknowledgment of its role in sharping Christianity?“ (S. 171)

Der Titel des Buches, „When God Spoke Greek“, ist vom Verfasser sehr treffend gewählt, beschreibt Law hier doch den Wandel der „Sprache Gottes“, zuerst vom Hebräischen zum Griechischen7, ablesbar an dem Einfluss der LXX auf das griechische Neue Testament und der Aneignung des griechischen Alten Testaments durch die Alte Kirche,8 um daran die Schilderung einer weiteren Kehre der „Sprache Gottes“, diesmal vom Griechischen zum Lateinischen,9 anzuschließen. Dabei bedient sich der Autor mit Blick auf seine Leserschaft nicht wissenschaftlich nüchterner, sondern vieler durchaus ‚reißerischer‘ resp. journalistischer Formulierungen und sucht durch Verwendung des Textes der New Revised Standard Version und New English Translation of the Septuagint, aber auch durch das Herstellen aktueller Bezüge seine Zielgruppe anzusprechen:

„Even the great Hellenistic kings heard their own demise in the rhythmic thump of the sandals of the approaching Roman soldiers“ (S. 18) – „Alexandria was an exciting city of culture and learning, and translation and textual scholarship was in the air“ (S. 41) – „When Jesus and Peter sat down for fish and chips at a coastal café in the first century to contemplate the scriptures, they wouldn’t have brought a bound copy of the Hebrew Bible with them“ (S. 82) – „Christ is not part of the name of the man from Nazareth, as if ‘the Christs’ were written above the door of his family home“ (S. 97) – „The modern Syrian town of Homs received global attention as the capital of the Syrian uprising that began in 2011, but in the fourth century it was the Greek city of Emesa […]“ (S. 152) – „The monk-turned-scholar [Hieronymus] became like a first-year student with a semester of Hebrew under his belt. He just knew enough to be dangerous“ (S. 156).10

Gelingt Law in weiten Teilen seiner Erzählung (besonders in den Kapiteln 12 und 13 über die Rezeption der LXX bei den frühen Kirchenschriftstellern) die Balance zwischen Vorwissen der Zielgruppe und seinem eigenen Spezialwissen,11 so hält er sie letztlich doch nicht konsequent. Teilweise bietet er zu detaillierte Informationen und setzt oft noch zu viele Fachbegriffe voraus,12 so dass der Leser bereits einiger Vorkenntnisse im Bereich des hellenistischen Judentums, des Hellenismus überhaupt sowie der Geschichte der Alten Kirche bedarf und auch zahlreiche Fachtermini der LXX- Forschung beherrschen sollte, um nach der Lektüre des Buches die von Law eingangs genannten vier Hauptgründe für die Relevanz der LXX tatsächlich bestätigen zu können.

Durch konsequenteres Einhalten des eigenen (die Innovation dieses Buches ausmachenden) Anspruchs, Fachsprache zu vermeiden und Fachinhalte in ihrer Komplexität und ihrem Umfang auf ein zielgruppenorientiertes Maß zu begrenzen, hätte „When God Spoke Greek“ – ebenso wie durch Vermeidung inhaltlicher Wiederholungen13 – sicherlich noch einmal deutlich an Stringenz und Lesefreundlichkeit gewonnen. Trotzdem ist Law dafür zu danken, dass er sich hier der nicht zu unterschätzenden Aufgabe der didaktischen Reduktion einer derart hochkomplexen Materie auf ein allgemeinverständliches Niveau erstmalig angenommen hat, um so auf populäre Weise die historische Relevanz eines der – an seiner Wirkungsgeschichte gemessen – bedeutendsten Werke der Antike14 evident zu machen. ​


Notes:


1.   Vgl. S. 4. Die folgenden (dem interessierten Forscher zur Lektüre empfohlenen) Standardeinleitungen wurden von Law verwendet: N. Fernández Marcos, The Septuagint in Context. Introduction to the Greek Versions of the Bible, Leiden 2000; J. M. Dines, The Septuagint, London/New York 2004; K. H. Jobes and M. Silva, Invitation to the Septuagint, Grand Rapids 2005.
2.   Vgl. S. 4 sowie Clearing up some things about When God Spoke Greek.
3.   Erschienen unter dem Titel Cuando Dios habló en griego. La Septuaginta y la formación de la Biblia cristiana.
4.   So in der Zusammenfassung des ersten Kapitels.
5.   Außer in den Kapiteln 12 und 13 ist die These passim wiederholt.
6.   An dieser Stelle sei auf die online zur Verfügung stehenden Zusammenfassungen jedes einzelnen Kapitels verwiesen. Meine Rezension beschränke ich auf einen nur sehr knappen Abriss des (bequem auch andernorts einsehbaren) Inhaltes zugunsten einer genaueren Auseinandersetzung mit meinen beiden Leitfragen.
7.   „As God did for the Jews in Hebrew and Aramaic, so now he had spoken in Greek for the church“ (S. 118).
8.   „This was the time when God spoke Greek“ (S. 131).
9.   Vgl. Kapitel 13.
10.   Vgl. außerdem z.B. die Überschriften der Kapitel 12 („The Man of Steel and the Man Who Worshipped the Sun“) und 13 („The Man with the Burning Hand versus the Man with the Honeyed Sword“).
11.   So erklärt Law seiner Leserschaft z.B. Begriffe wie „Second Temple Period“, „Hellenistic“, „Torah“, „Pentateuch“, „Decalogue“, „Synoptic Gospels“ oder „Coptic“ und bietet auch sonst leicht verständliche Informationen.
12.   Nicht (oder nicht bei ihrer ersten Erwähnung, sondern erst an späterer Stelle) erklärt werden z.B. die Fachtermini „corruptions and errors“ (S. 50) oder „Antiochian form of the Septuagint“ (S. 110), nicht näher erläutert werden außerdem u.a. „Aquila“, „Symmachus“ und „Theodotion“ ebenso wie „Philo“ und „Josephus“ oder das Aussehen der aristarchischen Zeichen „Asteriskus“ und „Obelus“. Auch findet die Tatsache, dass „Septuaginta“ das lateinische Wort für „Siebzig“ ist, erst relativ spät, im 11. Kapitel, Erwähnung. Zu detailliert fallen schließlich z.B. Laws Zusammenfassung der ‚apokryphen‘ Schriften in Kapitel 6 aus, wenn dort u.a. vom Alpha-Text des Buches Esther die Rede ist, aber auch gerade im ersten Teil des Buches insgesamt einige Abschnitte, in denen Law biblische Inhalte referiert (so z.B. S. 47, 52–53, 103, 105–111).
13.   Besonders auffällig (neben der nahezu allgegenwärtigen Hauptthese des Buches) auf S. 56/57 in Bezug auf die Übersetzungsweise der Megillot und S. 130/131 in Bezug auf Philos Hebräischkenntnisse.
14.   Vgl. W. Bauer, Die Göttinger Septuagintaausgabe. Septuaginta XIV. Isaias edidit Joseph Ziegler, in: Göttingische Gelehrte Anzeigen 201 (1939), 273–278, bes. 274–276. ​

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