Bryn Mawr Classical Review

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Bryn Mawr Classical Review 2014.02.50

Gernot Michael Müller, Lectiones Claudianeae: Studien zu Poetik und Funktion der politisch-zeitgeschichtlichen Dichtungen Claudians. Bibliothek der klassischen Altertumswissenschaften, Bd 133.   Heidelberg:  Universitätsverlag Winter, 2011.  Pp. 495.  ISBN 9783825358174.  € 58.00.  


Reviewed by Claudia Schindler, Universität Hamburg (claudia.schindler@uni-hamburg.de)

Die Frage nach der generischen Einordnung von Claudians politischen Gedichten gehört zu den in der Claudian-Forschung am intensivsten traktierten Fragen. Während die ältere Claudian-Forschung die Opera maiora in „Panegyriken“, „Invektiven“ und „historische Dichtungen“ einteilt, betrachtet Hofmann (1988) den Claudianus maior als poetische Innovation, die eine bis zu Coripp reichende Traditionslinie „Panegyrischer Epik“ initiiere.1 Gernot Michael Müller geht in seiner Monographie wiederum von der Frage nach der literarischen Verortung von Claudians politischen Dichtungen aus. Er beanstandet, dass in den frühen Versuchen einer generischen Zuordnung der Gedichte formale und funktionale Aspekte getrennt behandelt worden seien, was zu Unschärfen in der Gattungsbestimmung führe. Sein Vorhaben ist demgegenüber eine gattunsgtypologische Analyse von Claudians politischen Dichtungen, die auf den bisherigen Ergebnissen der Claudian-Forschung einerseits zur Gattungsfrage einerseits und andererseits auf Ansätzen der modernen Gattungstheorie basiert.

Nach einem Abriss über den Stand der Claudian-Forschung nähert sich Müller dem Phänomen der Gattungsgenese anhand von zwei modernen Ansätzen: Voßkamps Theorie von Gattungen als literarisch-gesellschaftlichen Institutionen und den Ansätzen strukturalistischer Gattungstheorie nach Hempfer et al. Aus dem ersten Ansatz leitet Müller die Klassifikation von Claudians Gedichten als „erfolgreiche historische Bedürfnissynthese“ (48) ab: Claudians Dichtungen beginnen in politischen Standardsituationen, von denen sie sich mit einem wachsenden Erfolg des Dichters emanzipieren, so dass sie schließlich Stilichos „Bedürfnis“ nach einer positiven Darstellung seines politischen Handelns befriedigen. Aus dem zweiten ergibt sich für ihn die Notwendigkeit, nicht einzelne Formelemente einer literarischen Gattung, sondern die Beziehungen dieser Elemente untereinander zu analysieren. Er will auf dieser Basis eine „strukturale Poetik der politisch-zeitgeschichtlichen Dichtungen Claudians“ (57) schreiben, indem er die Relation zwischen epischen und epideiktischen Elementen herausarbeitet und die Interaktion von konstitutiven Elementen und Wirkkontext sichtbar macht.

Der Hauptteil des Buches gilt den „Lektüren“ der einzelnen Claudian-Gedichte, die Müller in der Reihenfolge ihres (mutmaßlichen) Entstehens einer Analyse unterzieht. Dabei gelingen ihm neue und interessante Blicke auf die carmina maiora Claudians. Für das erste erhaltene Auftragsgedicht Claudians, den Panegyricus auf die Anicier-Brüder Olybrius und Probinus (Prob.), zeigt Müller, dass „panegyrischer“ und „epischer“ Teil sinnvoll ineinandergreifen und sich der Dichter so nicht nur als Panegyriker, sondern auch als historischer Berichterstatter über die Leistungen des Theodosius profiliert. Prob. sei nicht von Claudians späteren Dichtungen zu trennen, so dass Camerons Trennung zwischen dem Panegyriker („panegyrist“) und dem Propagandisten („propagandist“) Claudian zu kurz greife.

Für den ersten Panegyricus auf einen Angehörigen des Kaiserhauses, den Panegyricus auf das dritte Konsulat des Honorius (3 cons. Hon.) erkennt Müller eine ähnliche Technik: Auch wenn das Gedicht seiner allgemeinen Grundstruktur nach dem basilikos logos folge, lassen sich zwei Inhaltslinien ausmachen, von denen die eine den Honorius betreffe und nach den Prinzipien des basilikos logos gestaltet sei, die andere einen episierenden Tonfall aufweise und auf Theodosius bezogen sei. Die „epische Szene“ am Schluss des Panegyricus, in der Theodosius dem Stilicho die Vormundschaft für Honorius und Arcadius anvertraue, gebe sich als historischer Tatsachenbericht, der dem Postulat Glaubwürdigkeit verleihe. Müller erkennt also für Prob. und 3 cons. Hon. eine gemeinsame Funktion, die hinter dem panegyrischen Schema, das jeweils den Adressaten der Gedichte gelte, in den epischen Teilen jeweils ein Lob des Theodosius sichtbar werden lasse. Dabei sei 3 cons. Hon. strukturell komplexer als Prob., und während in Prob. die epische Handlung durch einen Musenanruf eingeleitet werde, um anzuzeigen, dass hier die „innere Motivation des Theodosius“ offengelegt werden solle, sei die Rolle des Erzählers in 3 cons. Hon.die eines reinen Berichterstatters; ein Musenanruf fehle, weil er der Intention des Dichters zuwiderliefe.

Im Falle der Invektive gegen den oströmischen praepositus sacri cubiculi Rufinus (Ruf.) wagt sich Müller an das vieldiskutierte Problem der Datierung und der Zusammengehörigkeit der Gedichte. Er sieht eine konzeptionelle Ähnlichkeit zwischen Ruf. 1/2sowie zwischenProb. und 3 cons. Hon.: Ruf. 1 biete eine Götterhandlung, Ruf. 2 eine historische Erzählung. Gegen Döpp argumentiert Müller für die Trennung bzw. die Eigenständigkeit der beiden Gedichte: Ruf. 1 solle Stilichos Sieg über Rufin feiern, obgleich ein solcher Sieg faktisch nicht existiert habe. Es gebe kompositionelle Unterschiede zwischen Ruf 1 und Ruf. 2; so bleibe zum Beispiel die Handlung von Ruf. 2 ganz ohne mythische Elemente. Ruf. 2 sei in das Jahr 397 zu datieren, das Gedicht diene dazu, Stilicho von der Verantwortung für das „noch immer ungelöste Gotenproblem“ zu entlasten. Gegen die Trennung von Ruf. 1 und Ruf 2 ist allerdings einzuwenden, dass sich die beiden Rufin-Gedichte zumindest ihrer literarischen Konzeption nach als Einheit präsentieren, wie aus zahlreichen konvergierenden Vergil-Reminiszenzen2 und den komplementären Eingangs- und Schlussszenen deutlich wird. Selbst wenn die beiden Rufin-Gedichte also in einem zeitlichen Abstand zueinander entstanden sein sollten, müssen sie aufeinander bezogen werden, wie Müller auch selbst erkennt. Dass die innere Diversität der beiden Rufin-Bücher so markant ist, dass sie eine unterschiedliche Datierung rechtfertigt, scheint mir der Text nicht herzugeben.

Den Panegyricus auf das vierte Konsulat des Honorius (4 cons. Hon.) stuft Müller als eher „konventionell“ und als „weniger komplex“ als die beiden vorausgegangenen Konsulatspanegyriken ein. Müller zeigt, dass hier eine Dreieckskonstellation zwischen Theodosius, Honorius und Stilicho vorliegt: Honorius solle als die Geschicke der westlichen Reichshälfte souverän lenkender Regent vorgestellt werden; daher werden die Leistungen des Theodosius in den Hintergrund gerückt, und auch Stilichos Kampagnen erscheinen als von Honorius initiiert. Dennoch werde Honorius noch nicht vollkommen autark dargestellt, sondern als eine Figur, in der Theodosius‘ Programm seine Wirkung zeige; Stilicho fungiere als Bindeglied zwischen Theodosius und der strahlenden Zukunft des Honorius.

Ebenfalls überzeugend werden die Beziehungen zwischen 3 Cons. Hon., Ruf. und dem Gedicht über den Gildo-Krieg (Gild.) herausgestellt. Müller zeigt dabei, wie Claudian seine Position im Laufe seiner Dichtungen subtil modifiziert und an die veränderten Verhältnisse anpasst, wobei Arcadius und der oströmische Hof immer stärker in den Fokus der Kritik geraten. Sicher ist Müller darin zuzustimmen, dass ein in der Forschung bisweilen angenommenes „zweites Buch“ von In Gildonem nicht existiert hat. Ob der Dichter jedoch tatsächlich von einer Beschreibung der Schlacht von Theveste absieht, weil er nicht von dem Blick auf Konstantinopel, das er für den Gildo-Konflikt verantwortlich machen will, habe ablenken wollen, wäre zu diskutieren.

Für das Gedicht zum „Lob eines Ersatzmanns“, den Panegyricus auf Mallius Theodorus (Mall.), beobachtet Müller, dass die episch-narrative Szenenfolge wider Erwarten nicht die Designation des Mallius biete, sondern die Rückkehr des Mallius ins politische Leben in den Mittelpunkt stelle. Er vermutet hierfür (überzeugend) politische Gründe: Mallius war Ersatzkandidat für Stilicho, der 399 selbst Konsul werden wollte, was angesichts der prekären außenpolitischen Situation - Stil. war vom Osten zum hostis publicus erklärt worden - nicht möglich war. Claudian mache sich in Mall. Stilichos Defensivposition zu eigen, indem er Mallius‘ Konsulat als Höhepunkt einer individuellen Erfolgsgeschichte darstelle und die aktuelle politische Situation weitestgehend ausblende. Dennoch werde durch Mallius‘ Entscheidung, aus dem otium in die Politik zurückzukehren, implizit eine Bewertung von Honorius‘ und Stilichos Politik vorgenommen, die wiederum zu einer indirekten Rehabilitierung Stilichos führe.

Das erste Buch der Invektive gegen den oströmischen Eunuchen Eutropius (Eutr.) will Müller gegen die gängige Forschungsmeinung nicht in den Sommer 399, sondern in das Jahr 398 und nach Gild. und Mall. setzen, da die Offenheit, mit der der Dichter hier Kritik übe, Eutrops Sturz voraussetze und Stilicho vom Makel der Verurteilung zum oströmischen hostis publicus befreit werden solle. Dieses geschehe, indem Stilichos militärische Leistungen hervorgehoben und das Scheitern des Ostens mit den weströmischen Erfolgen konfrontiert werden. Auf die Verbindung zwischen der Götterhandlung von Eutr. 2 und Ruf. 1 weist Müller zu Recht hin; ebenso beachtenswert ist seine Beobachtung, dass in Eutr. 2 die Verantwortung für den Aufstieg Eutrops viel stärker als in Ruf. dem Osten angelastet werde, Stilicho hingegen als vir vere Romanus erscheine.

Für die drei Bücher auf Stilichos Konsulat im Jahre 400 (Stil.) arbeitet Müller unterschiedliche Darstellungsstrategien heraus: In Stil. erkennt er eine Kombination von narrativer Darstellung und epideiktischer Rede. Durch die chronologische Episodenfolge von Stil. 1 werde das systematisch aufgebaute Lobgedicht zur „panegyrischen Biographie“ (293) umgestaltet; dies ermögliche, die Entwicklung Stilichos zu einem „Helden von historischer Größe“ (312) nachzuzeichnen. In Stil. 2 erkennt Müller eine „paradoxe Signatur“ (327): Einerseits werde Stilicho als Herrscherpersönlichkeit gezeigt, deren Konsulat ein ganzes Zeitalter prägen werde, andererseits als „zufriedene[r] Vormund“ (327), es gehe also in Stil. 1 und 2 darum, unter dem Eindruck, Stilicho gebe sich als Berater des Honorius zufrieden, seine Position als Machthaber festzuschreiben. Stil. 3 schließlich mit seinem römischen Bezugsrahmen - die Abgrenzung von den beiden früheren Büchern ist plausibel - solle Stilicho als Erneuerer erweisen, der die römische Macht dauerhaft wiederherzustellen vermöge. Durch Anspielungen auf die Aeneis, v.a. in dem Jagd-Epyllion, und die Reminiszenzen an das Augustus-Lob im sechsten Buch werde Stilicho als alter Augustus eingeführt.

Das Bellum Geticum (Get.) verzahne durch eine Durchdringung epischer und panegyrischer Strukturen historisches Geschehen mit mythisch-kosmischer Sphäre und zeige Stilicho als Vollstrecker der fata. Das Gedicht auf das sechste Konsulat des Honorius (6 cons. Hon.) sei eng mit Get. verbunden. Claudian marginalisiere die Schlacht von Verona und stelle Alarich als vertragsbrüchigen Barbaren dar, der von den fata zum Untergang verdammt sei. Zugleich weise der in dem Gedicht beschriebene processus consularis starke Bezüge zu3 cons. Hon. auf; doch erscheine in dem späteren Gedicht Honorius als der Hauptprotagonist des Festzugs: Hier sei das Ende von Stilichos „Betreuungsauftrag“ (383) erreicht, Honorius werde als autarker Herrscher gezeigt.

Die wesentlichen Ergebnisse der „Lektüren“ werden durch einen systematischen Teil vertieft. Müller weist hier nochmals auf das Ineinandergreifen von epischen und panegyrischen Elementen in Claudians zeitgeschichtlichen Dichtungen hin, die eine Trennung in „panegyrische“ und „zeitgeschichtliche“ Dichtungen nicht plausibel erscheinen lassen. Überzeugend arbeitet er heraus, dass Claudians politische Dichtungen trotz ihres individuellen Rezeptionsrahmens nicht isoliert zu betrachten sind, sondern sich zu größeren erzählerischen Einheiten zusammenfassen lassen, die über die Gedichtgrenzen hinweg aufeinander bezogen werden können. Weiterhin kann Müller im Œuvre von Claudians zeitgeschichtlichen Dichtungen drei Themenfelder isolieren: Die frühen Gedichte von Prob. bis Ruf. 1 befassen sich mit dem Gedenken an Theodosius und der Legitimation Stilichos. Ab Ruf. 2 spiele der Konflikt mit dem Osten eine wichtige Rolle. Zentral für die späteren Claudian-Gedichte seien die Gotenproblematik und der vom fatum garantierte Bestand Roms. 6 cons. Hon. wird von Müller überzeugend als „Abgesang auf Stilichos Herrschaft“ (429) gedeutet; Claudian formuliere hier seine eigene „Entlassungsurkunde“ (ebd.) – eine Deutung, die die vieldiskutierte Frage nach dem „Verstummen“ Claudians nach 404 beantworten könnte. Müller zeigt schließlich, dass Claudian seine zeitgeschichtlichen Dichtungen durch die intensive Episierung zu überzeitlichen poetischen Modellen umgestaltet.3

Dass Claudian in der öffentlichen Wahrnehmung als Nachfolger Vergils positioniert werde, während er sich selbst durch pr. Stil. 3 zwischen Ennius und Vergil verorte, nimmt Müller als Hinweis darauf, dass Claudian mit seinem Werk die von Ennius und Vergil dargestellte Geschichte habe fortschreiben und seine eigene Zeit als wichtige Epoche der römischen Geschichte habe kenntlich machen wollen. Die Rezipienten sollen zugleich davon überzeugt werden, dass Claudian vor einem gemeinsamen traditionellen Wertekonsensus agiere. Formal will Müller die zeitgeschichtlichen Stücke in Claudians Œuvre als „episch-panegyrische Dichtung“ (457) ansprechen, da keines der beiden Elemente prävalent sei und dies auch in der Terminologie zum Ausdruck kommen müsse.

Insgesamt handelt es sich bei Müllers Claudian-Buch um eine gründliche und lesenswerte Studie, die durch die Verbindung der Betrachtung von historischen Kontexten und literarischer Technik die Darstellungsstrategien Claudians überzeugend aufzuschlüsseln vermag. Gelegentlich wirkt die Darstellung etwas redundant, was ihr aber angesichts der Komplexität der historisch-literarischen Verflechtungen, die Müller in Claudians Dichtungen offenlegt, nicht unbedingt zum Nachteil gereicht. Ob man Müllers Vorschlag, Claudians politische Dichtungen als „episch-panegyrische Dichtung[en]“ zu benennen, tatsächlich folgen wird, ist ebenso nachrangig wie die Frage nach der gattungsmäßigen Einordnung der Gedichte, die zwar den Rahmen von Müllers Untersuchungen bildet, für die Interpretationen jedoch faktisch keine Rolle spielt. In jedem Fall bieten seine Lectiones Claudianeae viele bedenkenswerte Ansätze und eine Reihe innovativer Interpretationen der Gedichte, die wesentlich zum Verständnis dieses zentralen spätantiken Autors beitragen.


Notes:


1.   H. Hofmann, Überlegungen zu einer Theorie der nichtchristlichen Epik der lateinischen Spätantike, Philologus 132 (1988), 101-159.
2.   Vgl. C. Schindler,Est mihi prodigium cunctis inmanius hydris. La poétique de l‘ adversaire politique dans l‘ invective épique de Claudien In Rufinum’, in: La lyre et la pourpre. Poésie Latine et politique de l’ antiquité tardive à la Renaissance, hg. v. N. Catellani-Dufrêne et M. Perrin, Rennes 2012, 148-150.
3.   Hier berühren sich seine Ergebnisse mit C. Schindler, Tradition-Transformation-Innovation. Claudians Panegyriken und das Epos, in: Aetas Claudianea, hrsg. v. W.-W. Ehlers, F. Felgentreu, S.H. Wheeler, München/Leipzig 2004, 37.

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