Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2013.09.43 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2013.09.43

Alberto J. Quiroga Puertas (ed.), The Purpose of Rhetoric in Late Antiquity: From Performance to Exegesis. Studien und Texte zu Antike und Christentum / Studies and Texts in Antiquity and Christianity,72.   Tübingen​:  Mohr Siebeck, 2013.  Pp. 280.  ISBN 9783161522697.  €65.00.  


Reviewed by Grammatiki Karla, University of Athens (gkarla@phil.uoa.gr)

Table of Contents

Der Herausgeber dieses Bandes, Alberto J. Quiroga Puertas, ist bereits für seine Bücher zur Rhetorik der Spätantike bekannt,1 weshalb die Herausgabe dieses Sammelbandes nur wenig überrascht. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Anwendung der Rhetorik im 4. Jh., innerhalb verschiedener literarischer Gattungen (Kommentare, Essays, Reden, Romane, Dichtung), bei lateinischen und griechischen Autoren, bei Heiden und Christen. Die Analyse der Rhetorik in einer Mikro- und /oder Makrostruktur innerhalb dieser Texte bietet eine willkommene Gelegenheit, nicht nur die Funktion der Rhetorik in einer Vielfalt von Gattungen zu erhellen, sondern auch zu beobachten, wie sie auf die religiösen, politischen und kulturellen Gegebenheiten des 4. Jhs. eingewirkt hat. Auf diese Weise wird die zentrale Rolle der Rhetorik im religiösen und kulturellen Milieu der Spätantike aufgezeigt. Es ist eine Übergangsphase der Geschichte, in der die Rhetorik in Interaktion mit anderen Faktoren tritt und zu einem exemplarischen Träger des Zeitgeistes des 4. Jhs. gemacht wird.

Dem Vorwort des Herausgebers folgt der Prolog von Robert J. Penella (1-7). Der Autor geht von der zunehmenden Zahl der Studien sowohl über Rhetorik als auch über die Spätantike in den letzten Jahrzehnten aus. Er stellt wichtige Fragen vor, wie die der chronologischen Grenzen der „Dritten Sophistik“, ob sie ein griechisches oder ein lateinisches Phänomen ist und ob die Christen darin einbezogen werden müssen. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Terminus der „Dritten Sophistik“ und kommt zu dem Schluss, dass dieser nicht notwendig sei, da er keine besonderen Differenzen zur Zweiten Sophistik aufweise und man daher auf frühe und späte „Imperial Sophistic“ verweisen könne.

Die Aufsätze werden in drei große Kategorien eingeteilt. Die erste Kategorie (Words and the Word: Rhetorical Strategy and Theology) richtet den Fokus auf theologische Texte und beginnt mit dem Aufsatz von Philip Rousseau („Homily and Exegesis in the Patristic age: comparisons of Purpose and Effect“, 11-29). Schwerpunkt seiner Analyse sind literarische Sub-Gattungen, wie Kommentare, Homilien und Exegesen. Es handelt sich dabei um Werke, die nicht nur literarisch betrachtet werden können, da Absicht und Ergebnis mit tieferen religiösen Themen verwoben sind, die Gott, Propheten, Autor und Empfänger verbinden. Die Veränderungen in den biblischen Kommentaren und Homilien werden auf das neue Konzept der christlichen Gelehrten des 4. und 5. Jhs. zurückgeführt. Einen wichtigen Aspekt der Untersuchung von Rousseau bildet die Frage, inwieweit Kommentare, Homilien und Exegesen miteinander in einem Dialog stehen.

Der Hauptgewicht des nächsten Aufsatzes von Nicholas Baker-Brian („Between Testimony and Rumour: Strategies of Invective in Augustine’s De moribus Manichaeorum“, 31-53) liegt auf der Person des Augustin als Rhetor beim Angriff auf die Manichäer in dessen frühem SchriftDe moribus Manichaeorum. Dieses Werk wird als ein Exempel der Anwendung der Invektive in der Zeit der Spätantike angesehen. Zahlreiche Topoi der politischen und religiösen Invektive werden gebraucht, um die Polemik effektiver zu gestalten. Satirisch setzt Augustin gegen die Manichäer skatologische Redewendungen, Gerüchte und Flüche ein.

Ilaria L.E. Ramelli („A Rhetorical Device in Evagrius: Allegory, the Bible, and Apokatastasis“, 55-69) beschäftigt sich mit der Allegorie im Werk Kephalaia gnostika des Evagrius Ponticus und legt dar, dass die Allegorie für Evagrius nicht nur ein wichtiges Instrument der Auslegung darstellt, sondern dass er sie darüber hinaus auch zur strukturellen Gliederung einsetzt. Anhand zahlreicher Beispiele, vorwiegend Passagen aus der Bibel mit allegorischer Bedeutung, wird aufgezeigt, wie sehr Evagrius von Origenes’ Verwendung der Allegorese beeinflusst war und dass viele Allegorien eine Art Kontrast zwischen Tugend und Kenntnis einerseits und Bosheit und Unwissenheit andererseits darstellen. Die Allegorie wird im Werk des Evagrius zuweilen zu einem Medium, um eschatologische Wahrheiten zu präsentieren.

Josef Lössl („Profaning and Proscribing. Escalating Rhetorical Violence in Fourth Century Christian Apologetic“, 71-87) befasst sich nach einer kurzen Beschreibung der Karriere und des Werks des lateinischen Rhetors Iulius Firmicus Maternus mit dessen Werk De errore profanarum religionum, welches nach der communis opinio aus christlicher Perspektive gegen die pagane Religion argumentiert. Es richtet sich an die beiden Kaiser Constans und Constantius II., um sie davon zu überzeugen, strengere Gesetze gegen die Heiden einzuführen. Nachdrücklich betont er darin die sexuelle und obszöne Natur der paganen Kulte und Rituale. Die rhetorischen Strategien seines Werkes stützen sich auf bekannte und bewährte Motive, die sowohl christliche Autoren gegen die Häretiker als auch Firmicus selbst in früheren Schriften angewandt hatte. Insgesamt erweist sich Firmicus in diesem Werk als ein nicht unbedeutender Vertreter der lateinischen Rhetorik des 4. Jhs.

Die zweite Kategorie unter dem Titel Sacred and Profane in Late Antique Literature beleuchtet die unterschiedlichen literarischen Gattungen (Reden, Romane u.a.) paganer oder christlicher Autoren und analysiert, wie in diesen die Rhetorik als literarisches Vehikel fungiert. Laura Miguélez-Cavero („Rhetoric for a Christian Community: The Poems of the Codex Visionum“, 91-121) beschäftigt sich mit den Dichtungen des Codex Visionum, die aller Wahrscheinlichkeit nach ins 4. Jh. zu datieren sind. Nach einer kurzen Darstellung des Inhalts der Dichtungen wird das Augenmerk auf ihren rhetorischen Diskurs, den Einfluss der Biographie, den Gebrauch anderer rhetorischer Strukturen, wie Vergleich, Paraphrase und Ethopoiia, und auf die Verwendung von Versen als Ausdrucksmittel des Codex gerichtet. Daraus ergeben sich interessante Schlussfolgerungen bezüglich des kulturellen und geistlichen Kontextes der Autoren sowie der Adressaten, bezüglich des Bildungsniveaus und insbesondere der Beziehung zur klassischen Paideia und zur Rhetorik.

John W. Watt unternimmt in seinem Aufsatz („Themistius and Julian: their Association in Syriac and Arabic Tradition“, 161-176) den Versuch, anhand arabischer und syrischer Quellen die historischen Persönlichkeiten des Julian und des Themistius sowie deren Beziehung zueinander zu beleuchten. Diese Quellen bilden in erster Linie Übersetzungen zumeist griechischer Texte, die heute nicht mehr existieren (z.B. risāla, ein Brief mit Antwort des Themistius an Julian). Der Autor untersucht zunächst die Authentizität der Quellen, wobei er alle Argumente zum Pro und Contra gegeneinander abwägt, und analysiert im Anschluss daran die Darstellung politischer und religiöser Ansichten. Auf diese Weise treten bemerkenswerte Aspekte nicht nur des Lebens beider historischer Figuren zutage, sondern auch der Einfluss dieser Männer auf die nachfolgenden Generationen.

Manfred Kraus („Rhetoric or Law? The Role of Law in Late Ancient Greek Rhetorical Exercises“, 123-137) bemüht sich in seinem Artikel darum, das wachsende Interesse an der Gesetzgebung in den Progymnasmata-Sammlungen des Libanius und des Aphthonius zu interpretieren. Er demonstriert, wie Libanius im Laufe der Zeit eine immer defensivere Haltung gegenüber den neuen Disziplinen des römischen Rechts einnimmt, die mit der Anziehungskraft der neu gegründeten Rechtsschulen in Rom und Berytos in Verbindung gebracht wird. Darüber hinaus konstatiert der Autor, dass die Hinwendung der Rhetoren des 4. Jhs. zu den griechischen Gesetzestraditionen nicht als klassizistische Nostalgie angesehen werden könne, sondern vielmehr mit den lokalen Gesetzestraditionen zu tun habe, die insbesondere in den griechisch-sprechenden Regionen nach der Anwendung der Constitutio Antoniniana im Jahr 212 noch im gesamten Reich fortbestanden.

Aglae Pizzone („When Calasiris got Pregnant: Rhetoric and Storytelling in Heliodorus’ Aethiopica“, 139-159) setzt sich mit dem narrativen Diskurs bei Heliodor auseinander und verdeutlicht, wie dieser sich im rhetorischen Vokabular (z.B. ἀφήγησις, ἀφήγημα, διήγημα, διήγησις, πλάσμα) seiner intradiegetischen und extradiegetischen Erzähler wiederspiegelt. Einen besonderen Schwerpunkt legt die Untersuchung auf die Beziehung zwischen Kalasiris und Knemon, auf die von ihnen diskutierten Themen, auf ihr Verhalten als Erzähler-Hörer, ihre jeweiligen Reaktionen und auf ihre Entwicklung als Charaktere. Diese Beziehung wird mit derjenigen zwischen Sokrates und Phaidros im Werk Platons parallelisiert. Anhand ihrer Ähnlichkeiten und Differenzen können so die manipulative Technik des Kalasiris sowie einige Motive in den Reden des Kalasiris und des Knemon neu erklärt werden.

Die dritte Kategorie (Rhetoric and Political Speeches) umfasst Aufsätze, deren Schwerpunkt auf einem bestimmten Autor oder einem bestimmten Werk (insbesondere der politischen Rede) liegt. David Konstan („Themistius’ on Royal Beauty“, 179-188) richtet das Hauptaugenmerk seiner Untersuchung auf die Rede des Themistius an den Kaiser Gratian. Der Redner hebt nicht nur die virtutes des jungen Kaisers, sondern auch dessen physische Schönheit (κάλλος) hervor. Das verwendete Vokabular verdeutlicht das Ziel des Themistius, sich selbst als Liebhaber (ἐραστής) darzustellen und insgesamt eine erotische Atmosphäre zu erzeugen. Die Assoziationen zu Platons Werken und vor allem zum Symposion werden klar herausgearbeitet und der Gebrauch des Wortes κάλλος durch Themistius in die literarische und philosophische Tradition eingebettet. Konstan kommt zu dem Schluss, dass die Verwendung dieses Topos für Themistios’ Zeit ein mutiger Schritt war, gleichzeitig aber auch der Versuch war, seine Intention, philosophischer Berater des Kaisers zu werden, indirekt auszudrücken.

Guardalupe Lopetegui („The Panegyrici Latini: Rhetoric in the Service of Imperial Ideology“, 189-207) setzt sich mit drei Reden im Corpus der Panegyrici Latini auseinander: die Rede des Eumenius von Autun für die Restaurierung der Scholae Manianae (V) und zwei Reden des Marmetinus, eine zum Jubiläum der Gründung Roms (II), die andere zum Jubiläum der Herrscher Diokletian und Maximian (III). Die Analyse dieser Reden zeigt, dass sich die Redner der gleichen Technik bedienen, die vorwiegend auf griechischen rhetorischen Handbüchern basiert, dass sie jedoch ihre je eigene Weise finden, um den politischen und ideologischen Zielen des jeweiligen Herrschers zu dienen. Die Redner betonen den göttlichen Aspekt der Herrschaft des Kaisers und legitimieren sich selbst dazu, quasi die Rolle seines Priesters einzunehmen. Der Panegyrikos wird ein Vehikel zur Vereinfachung der Kommunikation zwischen Kaiser und Volk und zur Erweiterung der moralischen und politischen Ideologie des Kaisers.

Das Hauptthema des Aufsatzes von Lieve Van Hoof und Peter Van Nuffelen („‘No stories for old Men’: Damophilus of Bithynia and Plutarch in Julian’s Misopogon“, 209-222) bildet die Untersuchung der Erwähnung und Verbindung des Julian mit dem exemplum Catos des Jüngeren im 29. Kapitel des Misopogon. Die Verwendung der Quellen (Plutarch, Damophilos) durch Julian zeigt, wie er den großen Differenzen zwischen sich und den Bewohnern von Antiochia auf meisterhafte Weise Gewicht verleiht. Das Ziel der intertextuellen Referenzen ist nicht philosophischer, sondern rhetorischer Art, was zur Erschaffung eines Literaturwerks von feiner rhetorischer Konstruktion führt.

Alberto J. Quiroga Puertas („Libanius’ Horror Silentii“, 223-244) betrachtet den Topos des Schweigens in den Briefen und Reden des Libanius aus drei unterschiedlichen Perspektiven: 1. in Bezug auf die Erzählung der Taten des Kaisers, 2. in Bezug auf die Wirksamkeit seines Werkes und 3. in Bezug auf die Rolle des Libanius innerhalb der Konkurrenz unter den Rhetoren der Spätantike. Hieraus wird ersichtlich, wie bedeutsam diese Allusionen im Werk des Libanius für unser Verständnis der politischen, religiösen und kulturellen Gegebenheiten des 4. Jhs. sind.

Die meisten Aufsätze sind gut strukturiert und ihre jeweilige Zielsetzung klar und verständlich. Der Band ist sorgfältig gestaltet (lediglich im Aufsatz von Aglae Pizzone sind einige Tippfehlern, wie auf S. 142 Dionisus statt Dionysus, ἀφηγέσεως statt ἀφηγήσεως; in der Bibliographie wird der Aufsatz aus Mnemosyne 53, 1-11 J. Alvares statt Robert D. Luginbill zugesprochen). Der Titel des Bandes ist treffend, nicht jedoch sein Untertitel. Die Phrase „From Performance to Exegesis“ weckt insbesondere hinsichtlich der Performanz große Erwartungen, die leider unerfüllt bleiben, da sich hierzu nur in wenigen Aufsätzen spärliche Informationen finden.

Dessen ungeachtet leistet dieser Sammelband zweifelsohne einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der Rolle der Rhetorik in einer für die europäische Kultur so wichtigen Periode, wie sie das 4. Jh. darstellt. ​


Notes:


1.   Er ist Verfasser der Monographie La retórica de Libanio y de Juan Crisóstomo en la Revuelta de las Estatuas. Salerno: Helios, 2007 und Herausgeber von ἱερὰ καὶ λόγοι. Estudios de literatura y de religión en la Antigüedad Tardía. Zaragoza: Pórtico Editorial, 2011. ​

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