Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2013.08.26 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2013.08.26

Florence Gherchanoc, L'Oïkos en fête: Célébrations familiales et sociabilité en Grèce ancienne.   Paris:  Publications de la Sorbonne, 2012.  Pp. 265.  ISBN 9782859446901.  €25.00 (pb).  


Reviewed by W. Schmitz, Universität Bonn (wschmitz@uni-bonn.de)

Die Leitidee der Arbeit von Florence Gherchanoc ist, die antike Familie über feierliche Zeremonien zu beschreiben, also durch eine Geschichte der Gesten die Verbundenheit innerhalb der Familie und eine Integration in größere soziale Verbände zu untersuchen. Die stets symbolisch vermittelte Herstellung und in täglichen Ritualen sich vollziehende Erneuerung der sozialen Beziehungen einerseits innerhalb des Hauses, andererseits der Familie mit Verwandten, Freunden und Gefährten, Gastfreunden und Nachbarn bezeichnet die Autorin mit dem Begriff sociabilité. Sie hält fest, dass Gesten und symbolische Akte den sozialen Raum der Familie strukturierten. Durch sie würden Grenzziehungen vorgenommen, weil durch Feste und feierliche Zeremonien Neugeborene, die Ehefrau oder ein Sklave in das Haus aufgenommen und die häusliche Gemeinschaft neu definiert werde, aber auch nicht dem Haus angehörende Personen temporär, z.B. durch die Teilnahme an Mahlzeiten, integriert werden könnten. Haus und Familie seien also fluide soziale Institutionen mit hoher Integrationskraft, demnach ein wichtiges Grundelement antiker Gesellschaften. Durch die Ritualisierung werde eine Handlung aus der Alltäglichkeit herausgehoben und bleibe in der Erinnerung präsent. Auch die bei den Feiern ausgetauschten Geschenke könnten Träger einer solchen Erinnerung sein. Gesten und Rituale seien darauf ausgerichtet, die Kohäsion in der Familie und in der Gesellschaft zu stärken. Da der Hausvater die Möglichkeit hat, ein neugeborenes Kind auszusetzen oder aufzunehmen, bestimme letztlich nicht die Geburt, sondern das Aufnahmeritual über die Zugehörigkeit zum Haus. Weil das Neugeborene um den häuslichen Altar herumgetragen, der neue Sklave dort mit katachýsmata empfangen werde, kann das Haus durch Herd und Altar symbolisiert werden. Im alltäglichen Umgang, also durch die Teilnahme an den Mahlzeiten und am Hauskult, erneuerten sich die Beziehungen ständig. Zeremonien, bei denen Verwandte, Freunde oder Mitglieder der Phratrie hinzugeladen werden, machen die Aufnahme eines neuen Mitglieds des Hauses öffentlich und haben daher einen performativen Charakter.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, denen eine Einleitung (13-21) vorangestellt ist, in der das Erkenntnisziel, die Begrifflichkeit, die Quellensituation und der Aufbau der Arbeit erläutert werden. Auffällig ist der Befund, dass es im Griechischen viele Begriffe gibt, die sowohl auf Verwandte als auch auf Nahestehende und Freunde bezogen sein können, wie oikeíoi, proshékontes, epitédeioi und phíloi. Die griechische Begrifflichkeit unterscheidet sich dadurch stark von der präzisen römischen Abgrenzung von Agnaten und Cognaten gegenüber nicht verwandten Personen. Feste und Zeremonien, die die Neuformierung des Hauses markieren und das tägliche Leben rhythmisieren, unter dem Aspekt der sociabilité zu untersuchen ist nach Ansicht der Autorin ein neuer Ansatz, auch wenn sie auf einige Arbeiten zur häuslichen Religion verweisen kann.1 Aufgrund der disparaten Quellenlage hat Florence Gherchanoc ihre Arbeit weitgehend auf das archaische und klassische Athen beschränkt, verweist aber an mehreren Stellen auf Praktiken in Sparta, auf Kreta oder auf den Inseln in der Ägäis, auch in hellenistischer Zeit.

Die ersten drei Kapitel des ersten Teils wenden sich den Zeremonien bei der Heirat (23-34), nach der Geburt (35-48) und bei der Bestattung (49-65) zu. Eng an den Quellen beschreibt Florence Gherchanoc minutiös die protéleia als „rites preliminaires“ vor der eigentlichen Hochzeit mit einem Opfer und einer Mahlzeit, dem Schmücken der Braut im elterlichen Haus, denen der in der Öffentlichkeit vollzogene Hochzeitszug folgt, der der neuen Verbindung Legitimität vermittelt und zu einer „mémoire sociale“ führt. Durch die Einbeziehung der Götter und von Verwandten und Freunden werde die neu geschlossene Verbindung besiegelt, den in der Ehe geborenen Kindern ein rechtlicher Status gesichert. So sind protéleia, gámos und die nächtliche Feier einer pannychís für Florence Gherchanoc Ausdruck einer sociabilité familiale.

Dies gelte in gleicher Weise für die Zeremonien, die die Aufnahme eines neugeborenen Kindes begleiten. Das Kind vom Boden aufzuheben, es um den Hausaltar zu tragen und am zehnten Tag das Fest der Namengebung zu feiern bedeuten, es als Mitglied des Hauses aufzunehmen. Erneut begleiten Gastmahl und Opfer die Zeremonie und werden Geschenke überreicht. Die durch die Geburt verursachte Befleckung wird getilgt.

Die Trauerzeit nach dem Tod eines Hausangehörigen könne als Gegenfolie zu fröhlichen Feiern gewertet werden. Tanz und Musik ruhen in dieser Zeit, das Haus nimmt keinen Gastfreund auf, kómos, Gesang und Lachen sind eine Zeitlang suspendiert und nur Trauerklagen und -gesänge zugelassen. Die bunte Kleidung ist der schwarzen Trauerkleidung gewichen. Erst die rituelle Beendigung der Trauer trennt die Welt der Toten wieder von der Welt der Lebenden. Auch in diesem Kapitel zieht Florence Gherchanoc ein reiches Quellenmaterial aus klassischer Zeit heran, doch bleibt die Frage unbeantwortet, ob die in den Tragödien bezeugten Trauerformen ohne weiteres als reale für das 5. Jh. zugrunde gelegt werden können und nicht übersteigerte Trauerformen aus episch-heroischer Zeit übernehmen (vgl. dazu auch 144f.). Zuzustimmen ist der Autorin aber darin, dass die bezeugten Trauerformen keine spontane, sondern eine stark ritualisierte Trauer darstellen, die den Zusammenhalt der Familie demonstriert. Trauer und Trauerlösung führen am Ende zu einer Erneuerung der kollektiven Identität der Familie, jetzt vermindert um die Person des Verstorbenen. Interessant wäre unter diesem Gesichtspunkt, wie eine häusliche Gemeinschaft mit dem Tod eines Sklaven umgeht, ob dieser in ähnlich ritualisierter Form begangen wird, doch fehlt es wohl an einschlägigen Quellen, um Gemeinsamkeiten oder Unterschiede herauszuarbeiten.

Im zweiten Teil ihrer Arbeit wendet sich Florence Gherchanoc dem performativen Aspekt feierlicher Zeremonien zu. Als Feiern innerhalb des Hauses (67-79) behandelt sie Opfer an die Herdgöttin Hestia, an Zeus Herkeios und Zeus Ktesios und das zusammen mit den Sklaven am Ende des landwirtschaftlichen Jahres gefeierte Fest der Kronia, das mit einem Rollentausch verbunden ist und damit dazu beitragen soll, die konventionellen Rollen zu verinnerlichen. Die Verbindungen des Hauses mit den außerhalb lebenden Verwandten (81-105) werden durch gemeinsame Mahlzeiten und Geschenke jeweils erneuert, so z.B. beim Fest der Diasien. Verbindungen ähnlicher Art bestehen zu Nachbarn und Nachbarinnen, die allerdings nur sehr kurz behandelt werden, und zu auswärtigen Gastfreunden, die durch philía an das Haus gebunden werden und als „parents par contrat“ angesehen werden können. Im Verhältnis zwischen Gastgeber und Gast gelte ein „code moral de l’hospitalité“, der ein gegenseitiges angemessenes Verhalten und ein reziprokes Verhältnis sicherstellen solle. Im dritten Kapitel dieses Teils (107-125) wendet sich Florence Gherchanoc den performativen Akten von Familienfeiern anlässlich einer Heirat und einer Geburt zu, geht auf die Bedeutung der Anwesenheit von Verwandten, Phratrie- und Demosangehörigen als Zeugen des Vorgangs ein, die die Zugehörigkeit neu ins Haus gekommener Personen und deren Legitimität öffentlich bestätigen sollen. Feste dieser Art sind z.B. das Fest der dekáte und die Genethlia.

Im dritten Teil ihres Besuches beschäftigt sich die Verfasserin mit dem Verhältnis von „identité familiale“ und „identité civique“, um deutlich zu machen, welche grundsätzliche Bedeutung die sociabilité für den Zusammenhalt der Polisgemeinschaft hat. Sie behandelt zunächst Rituale beim Ausscheiden aus dem Haus (127-138), also z.B. die Verabschiedung der Braut aus dem Elternhaus und die öffentliche Demonstration von Trauer durch Aufstellen von Reinigungswasser vor dem Haus, Trauerkleidung und Verbergen körperlicher Schönheit. Diese Gesten richten sich nicht nur an die Öffentlichkeit, sondern bezeugen auch den Respekt gegenüber dem Toten und stellen eine Verbindung mit ihm her. Zeremonien dieser Art haben sowohl eine komplementäre als auch eine konkurrierende Komponente (147-168). Die komplementäre Komponente kommt z.B. bei den Feiern in der Phratrie, bei den Gamelien und Apaturien, zum Ausdruck, bei denen auch der verstorbenen gemeinsamen Vorfahren gedacht wird. Als Beleg verweist sie auf die einzelnen Bestimmungen, wie sie im Dekret der Demotioniden aus Athen und der Labyaden aus Delphi inschriftlich überliefert sind. Die ebenfalls als Inschrift erhaltene Liste von Phratriemitgliedern IG II2 2344 vermittelt wichtige Hinweise über die patrilinearen und endogamen Verbindungen, die unter den Mitgliedern bestehen. In hellenistischer Zeit kommt mit testamentarischen Stiftungen, wie sie für Kos, Thera und Halikarnass bezeugt sind, eine neue Form einer häuslichen sociabilité auf. Der Stifter oder die Stifterin legten dabei durch die Statuten in allen Einzelheiten fest, wie ihrer gedacht werden und wer zu dem Kreis der beteiligten Familienmitglieder gehören sollte. Ein weiteres Kapitel (169-185) behandelt politische Heiratsallianzen, wie sie schon in den homerischen Epen und in der Zeit der Tyrannis gut bezeugt sind, während sie sich in klassischer Zeit nur noch vereinzelt nachweisen lassen. Neben der politischen Allianz als solcher sollten Macht und Reichtum demonstriert werden, und so verwundert es nicht, dass sie mit einem Euergetismus verbunden sein können. Nützlich konnten solche Verbindungen zu Freunden, Verbündeten, Verwandten und Nachbarn in der Politik und vor Gericht werden, während auswärtige Gastfreunde im Ernstfall eine Zuflucht bei Exil und Verbannung sein konnten. Das letzte Kapitel (187-203) widmet sich gesetzlichen Bestimmungen hinsichtlich Hochzeitsfeiern und Bestattungen, deren Hauptintention Florence Gherchanoc in einer Begrenzung von Luxus und Prunk sieht. Dies komme vor allem in den theoretischen Entwürfen eines Platon zum Ausdruck, der bestrebt war, durch Gesetze jeglichen Gegensatz zwischen Oikos und Polis auszuschließen. In der Praxis wurde eine Kontrolle der Feierlichkeiten durch die seit dem späten 4. Jh. in vielen Städten nachweisbaren gynaikonómoi ausgeübt. An diesen Regelungen wird deutlich, dass eine ostentative Zurschaustellung von Reichtum, wie sie in archaischer Zeit noch toleriert worden war, in klassischer Zeit nicht mehr in Einklang mit den Interessen der Polis stand. Konflikte, die durch eine übersteigerte Trauerbekundung ausbrechen konnten, sollten unterbunden werden, die städtische Gemeinschaft so zu einer eukosmía gelangen.

Florence Gherchanoc hat ein anregendes Buch vorgelegt, in dem es ihr um die Frage geht, was eine häusliche Gemeinschaft zusammenhält und wie sich diese in verschiedene Kreise der Gesellschaft integriert und so über die Familie hinaus eine soziale Kohärenz herstellt. Feiern, Kultfeste und Mahlzeiten werden mit Hilfe zahlreicher, auch abgelegener Quellen in ihrem Ablauf rekonstruiert. Weitgehend stützt sie sich auf die attische Tragödie und Komödie und auf Gerichtsreden, bezieht aber auch Einträge bei Lexikographen und Inschriften ein. Bei der Auswertung dieser Quellen stehen das Ritual und dessen symbolische Bedeutung im Vordergrund, also Fest und Mahlzeit als Ausdruck einer sociabilité, einer Neuformierung oder Affirmation einer Hausgemeinschaft. Florence Gherchanoc folgt dabei den Bahnen, die Pauline Schmitt Pantel in ihrem Werk La cité au banquet gewiesen hat,2 und ergänzt dieses den öffentlichen Banketten gewidmete Buch um eine Untersuchung, die häusliche Mahlzeiten und Familienfeiern zum Thema hat. Beiden Autorinnen geht es um die durch diese Gesten geschaffene Identität, die in diesen Beziehungen geltenden Codes und Werte. Florence Gherchanocs Buch ist stark von einer französischen Forschungstradition geprägt und vermittelt dem Leser einen guten Überblick über die vielfältige, in der deutsch- und englischsprachigen Welt oft zu wenig beachtete französische Forschung zu Haus und Familie, wie sie sich auch in dem umfangreichen Literaturverzeichnis niederschlägt.


Notes:


1.   J. Morgan: Women, Religion and the Home. In: D. Ogden (ed.), The Blackwell Companion to Greek Religion. Oxford 2007, 297-310; J. Morgan: Space and the Notion of Final Frontier: Searching for Cult Boundaries in the Classical Athenian Home. In: Kernos 20, 2007, 113-129; C. A. Faraone: Household Religion in Ancient Greece, and D. Boedeker: Family Matters: Domestic Religion in Classical Greece. In: J. Bodel, S. M. Olyan (ed.), Household and Family Religion in Antiquity. Malden-Oxford, 2008, 210-228 und 229-248. Hinzuzufügen wäre jetzt die Arbeit von M. Seifert: Dazugehören. Kinder in Kulten und Festen von Oikos und Phratrie. Bildanalysen zu attischen Sozialisationsstufen des 6. bis 4. Jahrhunderts v. Chr. Stuttgart 2011. Der Titel „Dazugehören“ deckt sich mit vielen Aspekten der sociabilité. Da es in dem Buch von M. Seifert um Bildanalysen geht, stellt es eine passende Ergänzung zur althistorisch ausgerichteten Untersuchung von Florence Gherchanoc dar.
2.   P. Schmitt Pantel: La cité au banquet. Histoire des repas publics dans les cités grecques. Rome 1992.

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