Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2013.06.12 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2013.06.12

Gianfranco Nuzzo, Publio Papinio Stazio, Achilleide.   Palermo:  Palumbo, 2012.  Pp. 232.  ISBN 9788860176592.  €30.00 (pb).  


Reviewed by Gregor Bitto, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (gregor.bitto@ku.de)

Über ein halbes Jahrhundert nach den Kommentaren von Jannaccone und Dilke blieb Statius’ unvollendete Achilleis abgesehen von den mehr oder weniger ausführlichen Notizen in Méheusts Budé-Ausgabe (Paris 1971) ohne neuen Kommentar.1 Im Jahr 2008 erschien die ausführlich eingeleitete und kommentierte französische Ausgabe von Ripoll und Soubiran. Für die nähere Zukunft ist ein Kommentar von McNelis für CUP angekündigt. Zusammen mit dem hier zu rezensierenden Buch wird Statius’ zweites Epos nun also bald in drei Sprachen seine verdiente Aufmerksamkeit erhalten.

Wenn in kurzer zeitlicher Folge mehrere Kommentare zum gleichen Werk erscheinen, so ist man zu einem vielleicht nicht immer angemessenen Vergleich geneigt. Ich werde im Folgenden zwar mehrfach auf die Vorgängerwerke von Nuzzo Bezug nehmen, allerdings in der Absicht, nicht so sehr auf das zu verweisen, was der Kommentar von Nuzzo nicht ist, als dessen Charakteristik stärker herauszustellen. Denn wie sich zeigen wird, stellt Nuzzos Kommentar in der Tat einen eigenständigen Beitrag dar, den man je nach persönlichem Erkenntnisinteresse gewinnbringend bei der Statius-Lektüre wird heranziehen müssen.

In seiner Einleitung (1-37) geht Nuzzo zunächst auf die erwartbaren, aber wohl auch unverzichtbaren Stellen zu Achill und zur Achilleisin den Silven ein (1-3). Er widmet sich in der Folge der Frage nach dem Verhältnis zum mehrfach, u.a. auch im Proöm der Achilleis, angekündigten Domitian-Epos (4-7). Fraglich bleibt, ob es Statius allerdings so ernst mit der Ankündigung ist, wie Nuzzo es meint (p.7), oder ob es sich nicht doch vielmehr um eine typische recusatio-artige Finte handelt, die mehr über das gegenwärtige als das folgende Werk aussagt. Anschließend stellt Nuzzo in einer nützlichen Übersicht die relativ abgesicherten Schlussfolgerungen über die Fortsetzung bzw. den inhaltlichen Umfang des geplanten Werkes zusammen (8-10), votiert aber schließlich überzeugend für eine Konzentration auf das Erhaltene statt sich in Spekulation über vermeintliche Fortsetzungen zu verlieren (10f.).

Der größte Teil der Einleitung nimmt dann die einzelnen Figuren und ihre Charakterzeichnung in den Blick (11-30). Dem Hauptcharakter Achill ist die erste Hälfte dieser Ausführungen gewidmet (11-21), es folgen die wichtigsten Nebencharaktere in wesentlich knapperer Abhandlung (Thetis, Deidamia, Odysseus, Chiron, Lycomedes). Im Unterschied zur Forschung der letzten Jahrzehnte sieht Nuzzo in Statius’ Achill keinen Konflikt zwischen epischem und elegischem Charakter, sondern betont, dass es sich um die Darstellung eines jugendlichen Helden handele, die sich an die Darstellung von Epheben anlehne und daher anders als der Charakter der Ilias sein müsse. Außerdem habe die ‚Vermenschlichung‘ (umanizzazione, p.12, allerdings in Anführungszeichen) des epischen Helden Achill schon früher eingesetzt (nämlich in der Nekyia der Odyssee). Dieser Prozess habe sich bei epischen Helden überhaupt in der Folge fortgesetzt (Apollonios, Vergil). Insgesamt habe Statius sich zwar auch von anderen Achill-Darstellungen wie auch der elegischen bei Properz oder Ovid anregen lassen, aber dabei keine Widersprüche zur Konzeption eines epischen Helden erzeugt (p.20). Dementsprechend lautet Nuzzos Verdikt gegenüber anderen (modernen) Forschungsmeinungen abschließend: „Tutto il resto, e soprattutto la compiaciuta morbosità con cui certi interpreti moderni guardano al ‚travestitismo’ dal protagonista, non appartengono a Stazio, ma solo a una lettura deviata da deformazioni ideologiche.“ (p.21).2 Ob man dem nun folgen mag oder nicht, ist in das Belieben jedes Einzelnen gestellt (der Rezensent hat Zweifel an diesem Absolutheitsanspruch). Anregend ist es aber allemal, wenn der bzw. ein Mainstream der gegenwärtigen Forschung hinterfragt wird.3 Auch bei der Besprechung der anderen Charaktere wird insgesamt Nuzzos Tendenz deutlich, Auffälligkeiten der Achilleis aus vorangegangenen Entwicklungen der epischen Gattung abzuleiten (vgl. z.B. p.4 zur Kompositionsweise oder p.30 zu Lykomedes, explizit gegen Ripoll/Soubiran, p.47f.). Diesen Teil der Einleitung beschließt eine Zusammenfassung der zentralen Ansichten Nuzzos zur Konzeption der Achilleis (31f.). Das Ende der Einleitung (33-37) bildet ein Abschnitt zur Überlieferungsgeschichte (inklusive Siglenverzeichnis und Stemma), wobei sich Nuzzo an der bisherigen Forschung auf diesem Gebiet orientiert.

Der eigentliche Text- und Kommentarteil bietet auf gegenüberliegenden Seiten den lateinischen Text bzw. die italienische Übersetzung. Über diese möchte ich mir als Nicht-Muttersprachler zumindest in stilistischer Hinsicht kein Urteil anmaßen. Sie erscheint mir aber klar und verständlich sowie, soweit möglich, um Nähe zum lateinischen Original bemüht, was sich auch in der an den Versen orientierten Zeilenaufteilung widerspiegelt.4

Unter dem Text folgt, unglücklicherweise zweispaltig auf der Doppelseite verteilt, ein positiver kritischer Apparat (zum Vergleich: Jannaccone bietet nur einen sehr knapp gehaltenen Apparat, etwa mit Nuzzo vergleichbar ist Dilke (allerdings negativ), ohne Apparat der Text von Ripoll/Soubiran). In wesentlich kleinerer Schriftgröße befindet sich darunter der Kommentar, ebenfalls auf der Doppelseite verteilt. Nicht ganz geglückt erscheint die Lemmatisierung: Es werden jeweils mehrere Verse (zwei bis sieben) in einem Absatz zusammengefasst und eine Versnummerierung nur für diesen Textblock gegeben. Die folgenden Lemmata sind dann nur noch fettgedruckt, aber ohne Verszahl. Gerade bei größeren Textblöcken von fünf oder mehr Versen wird so die Übersichtlichkeit zugunsten der Platzersparnis eingeschränkt. Insgesamt ähnelt das Layout mit der gleichzeitigen Präsentation von Text und Kommentar auf einer Seite dem Kommentar von Jannaccone, wohingegen Dilke und Ripoll/Soubiran Text und Kommentar getrennt bieten und dadurch m.E. die Übersichtlichkeit des Kommentarteils erhöhen. Allerdings sind es zugegebenermaßen verlegerische Vorgaben und durchaus subjektive Vorlieben des jeweiligen Lesers, die hier eine Rolle spielen.

Die Stärken von Nuzzos Kommentar liegen insbesondere bei verbalen Parallelen, die von ihm auch als solche und nicht primär als intertextuelle Bezüge verstanden werden.5 Besonders auf der Ebene von Junkturen an Hexameterenden und -anfängen kann Nuzzo Parallelen zu Vergil und den anderen flavischen Epikern bieten, die bei Jannaccone, Dilke oder Ripoll/Soubiran nicht zu finden sind.6 Außerdem ist Nuzzo auch am Fortwirken solcher Junkturen bei spätantiken Dichtern wie Dracontius oder Claudian gelegen (man sehe hierzu den Index ein). Darüber hinaus erhalten auch einzelne Wörter bei Nuzzo eine besondere Aufmerksamkeit und werden mit aufschlussreichen Bemerkungen bedacht.7 Auch die Diskussion schwieriger und/oder textkritisch unsicherer Passagen ist in diesem Zusammenhang als Stärke hervorzuheben.8

Während Nuzzos Kommentar sich in diesen Aspekten als wertvolle Ergänzung insbesondere zum umfangreichen Kommentar von Ripoll/Soubiran erweist, so zeigt das stark am Einzellemma orientierte Vorgehen von Nuzzo im Vergleich gerade mit dem Kommentar der beiden französischen Gelehrten doch auch einige Defizite. Szenenvorbilder und -analogien, bes. der griechischen und lateinischen Epik, finden sich in geradezu mustergültiger Sorgfalt und Ausführlichkeit durchgehend bei Ripoll/Soubiran bedacht (z.T. auch schon bei Dilke).9 Auf diese verzichtet Nuzzo mit Ausnahme einiger Hinweise bei der Besprechung der Charaktere in der Einleitung nahezu vollständig.

Beschlossen wird der Band durch eine knappe Bibliographie (193-202), einen ausführlichen Stellenindex (203-227) und einen Index antiker mythologischer Figuren (229-32).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Nuzzo in seiner Einleitung durch das Hinterfragen der gegenwärtigen Forschung Überlegungen zur Konzeption der Achilleis und ihrer Hauptfigur bietet, die auch unabhängig davon, ob man ihnen letztlich zustimmt oder nicht, eine anregende Lektüre darstellen. Durch den starken Fokus im Kommentar auf das sprachliche Material gelingt Nuzzo eine Profilierung gegenüber den bisherigen Kommentatoren, besonders angesichts des jüngsten Werkes von Ripoll/Soubiran. Dies führt allerdings auch zu einer gewissen Vereinseitigung, so dass man Nuzzos Kommentar am besten als Ergänzung oder bei entsprechend orientierten Detailfragen mit Gewinn wird nutzen können.


Notes:


1.   S. Jannaccone, Firenze 1950; O.A.W. Dilke, Cambridge 1954 (Nachdruck Bristol 2005, mit neuer Einleitung von R. Cowan).
2.   Das richtet sich insbesondere, wie p.32 deutlich wird, gegen P.J. Heslin, The Transvestite Achilles, Cambridge 2005.
3.   Nuzzos Ablehnung der neueren Forschung bedeutet hingegen nicht, dass er mit dieser nicht vertraut wäre. Denn die Bibliographie ist zwar selektiv, aber gut ausgewählt und z.T. sehr aktuell: So werden z.B. 2012 erschienene Aufsätze von Ripoll oder Moul zitiert.
4.   Vgl. z.B. die Initialposition von Patroclus in 1,175, aber dagegen die syntaktisch am Italienischen orientierte Übersetzung von 1,662. Wohl unbeabsichtigter Zufall ist Änderung der Reihenfolge wie in 1,181f.: nunc pectora mulcens/nunc fortis umeros zu carezza/ora le forti spalle ora il petto.
5.   Vielsagend ist in diesem Zusammenhang der Kommentar zu 1,147 nescio quid magnum: Hier werden andere Parallelen im Sinne eines Standardausdrucks gegen eine mögliche intertextuelle Parallele zu Properz 2,34,66, wie sie der von Nuzzo hier nicht erwähnte Heslin (p.296) plausibel gemacht hat, in Anschlag gebracht. Es gibt jedoch auch Ausnahmen: vgl. z.B. Nuzzo zu 1,76.
6.   Vgl. z.B. zu 1,174; 1,835; 2,143; 2,166. Umso überraschender ist ein Fehlen wie die Vergilparallelen zu 1,20f. (vgl. dazu Ripoll/Soubiran) oder auch die nicht ganz korrekte Anmerkung zu 1,187 pollice chordas: Es handelt sich nicht allgemein um eine bei elegischen Dichtern häufige Klausel. Denn außer der zitierten Tibullstelle (2,5,3) findet sie sich bei Properz gar nicht, allerdings häufiger bei Ovid (Am. 2,4,27; Met. 5,339; in der zweiten Pentameterhälfte: Fast. 2,108). Ripoll erwähnt noch eine Statiusparallele: Silv. 4,4,53.
7.   Vgl. z.B. nutritor in 1,276 oder qualiter 1,332.
8.   Vgl. z.B. zu 1,233 oder 1,723.
9.   Vgl. nur die Aufzählung der acht principaux intertextes latins zu 1,514-37 bei Ripoll/Soubiran. Davon finden sich bei Nuzzo nur zwei als verbale Parallelen zu einzelnen Lemmata erwähnt. Immerhin verweist Nuzzo als einziger auf eine Coripp-Parallele zu 1,516-22.

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