Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2013.04.25 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2013.04.25

Peter White, Cicero in Letters. Epistolary Relations of the Late Republic (paperback reprint; first published 2010).   New York; Oxford:  Oxford University Press, 2012.  Pp. 250.  ISBN 9780199914340.  €26.99 (pb).  


Reviewed by Bianca-Jeanette Schröder, Ludwig-Maximilians-Universität München (BiancaSchroeder@lmu.de)

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Ciceros Briefe sind ein faszinierendes Textcorpus, an dem noch immer unendlich viel zu entdecken ist. Immerhin ist ja mit diesen Briefen eine wichtige Kommunikationsform authentisch und reichhaltig dokumentiert, so dass tiefer Einblick genommen werden kann in die Themen, Ausdrucksweisen, Umgangsformen und Strategien der Interaktion innerhalb der römischen Elite am Ende der römischen Republik.

White präsentiert im zu besprechenden Band ebenso fundiert und kenntnisreich wie unterhaltsam und leserfreundlich eine Einführung in Ciceros Briefe und zugleich eine in vieler Hinsicht weiterführende Studie. An prägnanten und aus dem umfangreichen Corpus treffsicher ausgewählten Beispielen (die in Original und Übersetzung geboten werden) zeigt White wichtige und erhellende Aspekte der Briefe auf, die zum Weiterlesen und -forschen anregen. White geht es in erster Linie darum, die auffälligen Verhaltensweisen bzw. unausgesprochenen Regeln zu beobachten, die die briefliche Kommunikation bestimmen. Er untersucht diese unter Einbeziehung historischer und prosopographischer Fakten und sprachlich-rhetorischer Analyse. Dadurch wird schnell deutlich, wie viele hochinteressante Details zutage treten, sobald man historische, literarische und kommunikationstheoretische Ansätze verbindet. White entfaltet ein überzeugendes Bild davon, wie sich in der Oberschicht, trotz aller Konkurrenz, konstruktiv miteinander agieren und kommunizieren ließ, nicht nur über räumliche und in entsprechendem Maße auch zeitliche Entfernung hinweg, sondern auch in extremen Krisensituationen wie z.B. der Zeit nach Caesars Ermordung.

Das Buch besteht aus einer Einleitung und zwei Hauptteilen, von denen sich der erste („Reading the Letters from the Outside in“, Kapitel eins bis drei) vor allem den grundlegenden Bedingungen des antiken Briefwesens und der Briefsammlung Ciceros widmet und der zweite („Epistolary Preoccupations“, Kapitel vier bis sechs) inhaltlichen Aspekten; ein Nachwort, zwei Appendizes (mit unterstützendem Material zu zwei Kapiteln), Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Personen- und Stellenverzeichnis runden den Band ab.

Im ersten Teil geht es um die Rahmenbedingungen des Briefwesens in der Antike: Das 1. Kapitel („Constraints and Biases in Roman Letter Writing“) bietet (wie alle Kapitel anhand von interpretierten Textpassagen) eine knappe einführende Übersicht über die Realien (Material; Sekretäre; Transport; Zuverlässigkeit der Boten; mündliche und schriftliche Kommunikation; Bedeutung der Kontaktpflege bei längerer Abwesenheit von Rom).

Das 2. Kapitel („The Editing of the Collection“) diskutiert die Frage der Herausgabe der Briefe und die Kriterien des (mutmaßlichen) Editors. Da es kein Vorwort o.ä. zu den Briefen gibt, ist dies ein in der Forschung vieldiskutierter, aber bislang ungeklärter Fragenkomplex, dem sich White daher besonders intensiv zuwendet. Zunächst stellt White deutlich heraus, dass alle bisherigen Hypothesen über Zeitpunkt und Person des Editors problematisch bis äußerst fragwürdig sind; Anhang I („Quantifying the Letter Corpus“) bietet eine überaus nützliche Zusammenfassung zu den Fragen, wie viele Bücher ursprünglich in Umlauf waren, wie viele Briefe an wie viele Adressaten erhalten sind, wie viele Briefe an Cicero darunter sind, und welche Hinweise auf Ciceros Briefe sich in der antiken Literatur finden. – White selbst kommt zu dem Ergebnis, dass ein Editor (oder mehrere) aus der Menge der Briefe ausgewählt habe (er formuliert dies z.B. auf S. 34 zunächst sehr vorsichtig, im Laufe der Argumentation allerdings immer zuversichtlicher, z.B. S. 61). Zunächst zeigt White an drei Beispielen (an der Korrespondenz mit Dolabella, mit Plancus und mit Quintus), wie viele Briefe erhalten sind und wie viele weitere in den erhaltenen Briefen zwar erwähnt werden, aber nicht überliefert sind. Dadurch wird deutlich, wie groß die „Lücken“ mindestens sind (selbst wenn man Whites Begründung für die Lücken skeptisch sieht, siehe weiter unten). Aus dem Erhaltenen schließt White, dass vom Herausgeber ausgewählt wurde, was von dauerhaftem Interesse war, Ciceros hohen Status beweisen konnte und sein umfassendes Netzwerk in der Oberschicht belegte; zudem offenbare der Editor an manchen Stellen einen Sinn für Dramatik, der sich in der Anordnung der Briefe zeige (z.B. als Abschluss der Korrespondenz mit Marcellus der Brief über seinen Tod, S. 54).

Im 3. Kapitel („Frames of the Letter“) geht es wieder um einige Rahmenbedingungen von Korrespondenz, zunächst um die gravierenden Unterschiede, die zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation bestanden – allen brieftopischen Behauptungen des Gegenteils zum Trotz. Weiter geht es um den äußeren Eindruck, der durch das gewählte Material, durch die Handschrift (des Verfassers persönlich oder des Sklaven) oder auch durch die Verwendung eines Siegels durchaus auf den ersten Blick unterschiedlich sein konnte. Besonders interessant sind Whites Ausführungen über die bisher wenig beachteten Besonderheiten in der Grußformel: Er zeigt Beispiele auf, wie durch die Nennung oder Auslassung von Namensteilen oder Titeln noch vor dem eigentlichen Brief dessen Tonfall – formal, intim oder unmarkiert (mit vielen Differenzierungen zwischen den Extremen) – feststand und welch subtile Nuancen auf diese Weise möglich waren.

Der zweite Teil ist drei inhaltlichen Komplexen gewidmet: Im 4. Kapitel wird der Diskurs über Literatur in den Briefen untersucht, im 5. Kapitel die Bedeutung von „Rat geben und erbitten“ und die dabei angewandten Strategien; Kapitel 6 beschäftigt sich mit Briefen nach Caesars Tod. – Das 4. Kapitel („The Letters and Literature“) stellt die bisher so noch nicht in den Blick genommene Frage, inwieweit die Tatsache, dass nicht nur Cicero an Literatur interessiert und selbst Schriftsteller war, sondern auch viele seiner Adressaten literarisch tätig waren, in den Briefen erkennbar wird. Zunächst prüft White unterschiedliche Definitionen von „literarisch“ an den Briefen (u.a. hinsichtlich von Publikation; Themenzentrierung) und erweist sie als unergiebig für seine Fragestellung. In einem nächsten Schritt betrachtet er, inwieweit die Briefe Ciceros Interesse an Literatur bzw. sein eigenes literarisches Schaffen widerspiegeln. Dabei wird überraschend deutlich, dass die Briefe den Schriftsteller Cicero in keiner Weise repräsentieren. Zwar erwähnt Cicero zuweilen, an welcher Schrift er gerade arbeite, aber ausführlichere Äußerungen zum Thema oder zur Arbeitsweise sind vergleichsweise selten. Literarische Aktivität war offenbar kein Thema für Briefe (wobei relativierend immer die Frage des aussortierenden Herausgebers bzw. der Aufbewahrung in Betracht gezogen werden muss, um die es in Kapitel I.2 geht). Ergänzend zu diesem Kapitel bietet White in Anhang 2 eine Aufstellung der zeitgenössischen literarischen Werke, die in den Briefen erwähnt bzw. zitiert werden („Contemporary Works mentioned in the Letters“).

Das 5. Kapitel („Giving and Getting Advice by Letter“) widmet sich dem Phänomen, dass in den Briefen auffallend oft um Rat gefragt, Rat gegeben oder auf Ratschläge reagiert wird. Solche speziellen Gesprächssituationen zu untersuchen ist deshalb interessant, weil Ratschläge weder für den Ratgebenden noch für den Beratenen unproblematisch sind, da leicht der Eindruck von Arroganz auf der einen bzw. von Unterlegenheit auf der anderen Seite entsteht. Es kommt hinzu, dass diese Risiken in der schriftlichen Kommunikation noch größer sind, weil das Geschriebene fixiert ist und sich nicht spontan zurechtrücken lässt, wenn die Reaktion des Gegenübers nicht den Erwartungen entspricht. Die Situation, Rat zu geben bzw. zu bekommen, war daher für die Konkurrenten innerhalb der römischen Oberschicht einerseits bedrohlich, andererseits aber in gleichem Maße wünschenswert als Pflicht unter amici. In diesem Spannungsfeld von amicitia und Konkurrenz beobachtet White die verschiedenen Taktiken, die beiden Seiten dabei helfen, ihr Gesicht zu wahren, z.B.: Der Ratgeber spielt seine eigene Position herunter; er betont, dass der Adressat eigentlich keinen Rat benötige und sicher dieselben Gedanken habe; er verwendet nicht die zweite Person Singular, sondern die erste Person Plural und bezieht sich so mit ein. Eine Bitte um Rat erscheint so als Ausdruck von Respekt, als ein besonderes Kompliment. White arbeitet außerdem u.a. heraus, dass Cicero in schwierigen Situationen mit seinen Korrespondenten weniger die Details der anstehenden Handlungen als vielmehr die Auswirkungen seiner Entscheidungen auf seinen Status und sein Image (dignitas, auctoritas, honestum) bedenkt.

Im 6. Kapitel („Letter Writing and Leadership“) stehen einige Briefe aus der Zeit nach Caesars Ermordung im Zentrum. In diesen Briefen geht es nun um mehr als um das Aufrechterhalten freundlicher Beziehungen, nämlich um die Positionierung im Bürgerkrieg. White untersucht die Briefe als ein im Bürgerkrieg ebenso wichtiges wie auch besonders heikles Medium, da die verschiedenen Korrespondenten an verschiedenen Orten auf unterschiedlichem Informationsstand waren und Seitenwechsel nie auszuschließen war. Die Briefe zeigen Ciceros Führungsrolle in Rom, obwohl er keine offizielle Funktion hatte; es wird deutlich, wie er aufgrund seiner auctoritas in einem Netzwerk, zu dem alle wichtigen Akteure gehörten, brieflich agierte. White stellt die ausgewählten Briefe (v.a. aus der Korrespondenz mit Decimus Brutus und mit Munatius Plancus) gut verständlich in den komplizierten historischen Kontext und arbeitet heraus, dass Cicero weniger über konkrete Handlungsschritte diskutiert als über Auswirkungen der Handlungen auf die dignitas und gloria seiner Adressaten. Die Briefe dieser Zeit geben daher weniger Auskunft über Taten und Fakten als vielmehr über die Mentalität und die auf dem Spiel stehenden Werte, die Cicero je nach Adressat unterschiedlich betont bzw. geradezu leitmotivisch einsetzt: So wird z.B. das Handeln von Decimus Brutus immer wieder daran gemessen, dass er durch den Mord an Caesar die Republik befreit habe; diesen Weg müsse er beharrlich weiter beschreiten.

Etwas skeptisch sehe ich nur die Ergebnisse des 2. Kapitels über die Gründe für die Lücken innerhalb der überlieferten Briefe; mögliche Einwände seien hier kurz skizziert: Whites Vorgehen und seine Schlussfolgerungen beruhen auf der Voraussetzung und allgemein akzeptierten Annahme, dass Cicero selbst so gut wie alle Briefe systematisch nach Adressaten archiviert habe (siehe z.B. S. 39, 60). Da in den Briefen häufig Kopien versandter Briefe erwähnt werden, geht man in der Forschung davon aus, dass i.d.R. von jedem versandten Brief eine Kopie angelegt und auch dauerhaft aufbewahrt wurde (wobei die verstreuten Hinweise auf gezieltes Verbrennen oder Zerreißen einzelner heikler Briefe durchaus wahrgenommen werden). Wer aber hat die Kopien von Briefen bzw. einzelnen Passagen heikleren Inhalts angefertigt, die eigenhändig geschrieben wurden, damit nicht der Sklave beim Diktat davon erfuhr? Grundsätzlicher wäre weiter folgende Frage, die meines Wissens bisher nicht diskutiert wurde, ob Cicero ein einziges Archiv an einem Ort hatte, in das dann der gesamte Schriftverkehr übertragen wurde, der an anderen Orten, d.h. auf den verschiedenen Landgütern und auf Reisen (in den Extremfällen im Exil, in Kilikien, in Pharsalos) entstanden war. Konnten bei der Einordnung der vielen Briefe in das angenommene Archiv nicht auch Fehler passieren? Wurde wirklich alles auf Dauer archiviert, oder wurde zwischenzeitlich aussortiert? Meines Erachtens ist es durchaus denkbar, dass Cicero selbst z.B. nicht alle Glückwunsch-, Kondolenz- und Empfehlungsschreiben aufbewahrt hat, da sie schon für ihn selbst nicht von weiterem Interesse waren, sondern nur die für bedeutendere Persönlichkeiten. Denn dass Cicero unzählige Empfehlungsschreiben verfasst hat, steht ebenso außer Frage, wie dass er nicht für jeden beliebigen Bittsteller denselben sprachlichen und gedanklichen Aufwand betreiben musste. Im Sinne des Austauschs von officia unter Gleichgestellten konnte es nützlich sein, manche Empfehlungsschreiben aufzubewahren; zum einen, um die eigene Bedeutung zu dokumentieren, aber sicher vor allem, um sich nachträglich vergewissern zu können, welcher Art das eigene officium war. Auch dass Cicero selbst in manchen Fällen eine themenbezogene Anordnung vorgezogen hat, die die Anordnung nach Adressaten durchkreuzt (z.B. der bereits erwähnte Brief über Marcellus' Tod), erscheint mir durchaus vorstellbar.

Diese Einwände sollen und können die Bedeutung von Whites Analysen nicht schmälern; ich würde allerdings eher von „Ciceros Kriterien der Aufbewahrung“ sprechen als von den „Kriterien der Auswahl durch den Editor“. Oder andersherum: Die Beweislast scheint mir auch nach Whites intensiven und scharfsinnigen Beobachtungen weiterhin auf der Seite derer zu liegen, die einen (über das Abschreiben weit hinausgehenden) aktiven, bewusst nach bestimmten Kriterien (wie z.B. Status der Adressaten) auswählenden, aus Gründen der Dramatik eingreifenden, sortierenden Herausgeber ansetzen. Alle Lücken, Auffälligkeiten in der Reihenfolge, thematischen Schwerpunkte etc. ließen sich m.E. mühelos auf Cicero selbst und in ebenso großem Maße auf die praktischen Umstände und äußeren Einflüsse zurückführen (deren Auswirkungen White eher auf Einzelfälle beschränkt, S. 41).

„Cicero in Letters“ ist eine äußerst gewinnbringende Lektüre nicht nur für diejenigen, die sich für Briefe und/oder für Cicero interessieren, sondern für alle, die etwas über die Gesellschaft der späten Republik erfahren wollen, d.h. nicht nur über Cicero, sondern auch über die vielen Akteure, mit denen er korrespondierte. Man lernt nicht nur erhellende Textbeispiele kennen, sondern bekommt durch diese Beispiele auch das nötige Instrumentarium für die eigene weitere Lektüre und Analyse des Corpus an die Hand.

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