Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2013.03.42 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2013.03.42

Pierluigi Leone Gatti, Nina Mindt (ed.), Undique mutabant atque undique mutabantur. Beiträge zur augusteischen Literatur und ihren Transformationen. Vertumnus, Bd 8​.   Göttingen​:  Edition Ruprecht, 2012.  Pp. 221.  ISBN 9783767530904.  €39.90.  


Reviewed by Christian Zgoll, Universität Göttingen​ (czgoll@gwdg.de)

Table of Contents

Der anläßlich des 50. Geburtstages von Ulrich Schmitzer entstandene Sammelband vereinigt unter dem eher lose verbindenden, in verschiedenem Sinn verwendeten Begriff „Transformationen“1 sieben deutsche und zwei italienische „Beiträge zur augusteischen Literatur“ und ihrem Fortleben, wobei allerdings ein deutlicher Schwerpunkt auf Ovid liegt. Acht Aufsätze befassen sich mit Ovid oder stellen Bezüge zu Ovid her, nur ein Beitrag handelt ausschließlich von Horaz (Schubert). Literarische Prätexte werden in den Beiträgen von Mundt und Seng in den Blick genommen, ovid-intern bleibt die Interpretation der Gestalt der Livia in Ovids Werk von Koster, rezeptionsgeschichtlich ausgerichtet sind die Aufsätze von Šterbenc Erker, Mindt, Gatti, Janka und Barchiesi. Der Band wird gerahmt durch ein Vorwort und eine knappe Einleitung und durch ein Personen- und Sachregister sowie ein Stellenregister; der Satz wurde von der Mitherausgeberin Mindt besorgt.

In dem Aufsatz „Kompositionelle Exposition und Reprise. Strukturanalysen zu Catull und Ovid“ versucht Seng an Catull 68 aufzuzeigen, wie die Einleitungsverse 1-40 den Aufbau des gesamten Gedichtes kompositorisch vorwegnehmen, was er als „kompositionelle Exposition“ bezeichnet. Ausführlicher widmet er sich dem Aufbau von carmen 64, in dem er die Wiederaufnahme einer dreigliedrigen Großstruktur des Gedichtes in den einzelnen Gedichtteilen eine „kompositionelle Reprise“ nennt. Es folgt eine „darauf sich stützende Analyse“ (S. 12) des kompositionellen Aufbaus von Ovids drei Amoresbüchern im einzelnen und abschließend der Amores insgesamt, ohne daß der Sprung von der Beobachtung gedichtinterner Strukturen zu der Behauptung einer mehrere Gedichte und schließlich sogar Bücher übergreifenden kompositionellen Gestaltungsabsicht hermeneutisch plausibilisiert würde. Angesichts der äußerst komplexen Motivvernetzungen und der zahlreichen Detailprobleme in den Amores, die zu diskutieren wären und die nach wie vor umstritten sind (Einheitlichkeit von am. 2,9, Echtheit von am. 3,5 etc.), bleiben bei der Amores-Analyse viele Beobachtungen assertorisch. 2

Schubert konstatiert in seinem Beitrag „Die 8. Epode des Horaz – eine Provokation“ zunächst die eher verhaltene Rezeption der Epode. Es folgt eine formal und inhaltlich sehr sorgfältige, trotzdem flüssig und sogar vergnüglich zu lesende Detailanalyse, sodann ein Blick auf die Gesamtkomposition der Epode (u.a. Entsprechungen zur Rhetorik), so daß man Schuberts abschließendes Urteil – „perfekte Invektive nach allen Regeln und mit allen Mitteln der Kunst“ (S. 45) – bestens nachvollziehen kann. Nach einer Einordnung des Gedichtes in die Gattungstradition und in die thematische Komposition des Epodenbuches fragt Schubert weiter, ob nicht trotz aller „Gattungszwänge“ und der Entlastung Horazens durch eine Abtrennung des lyrischen Ichs vom Autor der anstößige „pornographische Charakter des Stücks“ (S. 50) doch bestehen bleibe. Im Anschluß führt Schubert ein ganzes Spektrum verschiedenster Erklärungsmöglichkeiten für die 8. Epode vor Augen: ein biographisch-psychoanalytischer Interpretationsvorschlag, die Epode „als Dokument einer Frustration zu lesen, die sich letzten Endes aus einer gestörten Mutter-Sohn-Beziehung herleitet“ (S. 54), eine moralphilosophische Annäherung („Elemente einer kynisch-stoischen Hauspredigt“, S. 56), ein rezeptionsästhetischer Ansatz (zu Ergänzungen durch den Leser anregendes „Fragment eines Schlafzimmergesprächs“, S. 61) und schließlich symbolische oder allegorische Interpretationsansätze (vetula als poetologische Chiffre für „alte“, schlechte Dichtung, als Personifikation Roms, als Symbol für die Oberschicht, als allegorische Figur der Voluptas oder der kynischen Philosophie). Die „Fülle der Möglichkeiten“, die leicht noch erweitert werden könnte, so schließt Schubert seine facettenreichen Ausführungen, sei „leicht verstörend“; in jedem Fall aber bleibe die Epode ein „faszinierendes und provozierendes Stück“ (S. 65).

Der Beitrag „Femina sed princeps – Livia bei Ovid“ von Koster untersucht die Figur der Livia Drusilla, Augustus’ langjähriger dritter Ehefrau, in der augusteischen Dichtung, wobei Livia in größerem Umfang erst bei Ovid in Erscheinung tritt. Es gelingt dem Autor aufzuzeigen, daß die Livia-Panegyrik bei Ovid an etlichen Stellen so ambivalent formuliert ist, daß hier Seitenhiebe auf ihre nicht unproblematische Verheiratung mit Octavian, auf ihre Machtposition als erste Frau im Reich (und ihre Mitverantwortlichkeit für Ovids Relegation) oder auf ein sexualmoralisch anstößiges Verhalten des princeps zumindest erahnt werden können.3

Mundt zieht in seinem Aufsatz „Von Solon zu Ovid. Transformationen der Auseinandersetzung mit archaischer griechischer Dichtung in der augusteischen Renaissance“ v.a. aus dem Corpus Theognideum Parallelen zu Ovids Exilpoesie heran, um aufzuzeigen, daß Ovid dort „ganz bewusst die Gattung der Elegie … zu ihren Anfängen zurückführt“ und deutliche Kritik an Augustus übt (S. 92). Ein Rückbezug auf die „Anfänge der Elegie“ (die nach Mundt für Ovid in der Auffassung von Elegie als Klagegesang lagen) mag gerade in der Exildichtung aber auch situationsbedingt begründbar sein, und die für die Augustuskritik als Kronzeugin herangezogene Stelle (Ov. trist. 1,1,75-78) „muss“ (S. 92) keineswegs so gelesen werden, wie Mundts eigener Verweis auf die abweichende Interpretation von Luck (Anm. 40) zeigt. Im weiteren versucht Mundt „ähnliche Transformationen“ (S. 93f.) in der Dichtung von Horaz ausmachen, am Beispiel des Themenkomplexes „Recht und Gerechtigkeit“ und Bezügen zu Solon. Forschungsliteratur wird durchwegs ausgesprochen sparsam rezipiert. Recht zu geben ist sicherlich Mundts allgemeiner Behauptung, daß in literarischen Diskursen „trotz aller Vermittlung durch spätere Epochen auf das früheste Auftreten bestimmter Gedanken Bezug genommen“ werden kann (S. 97), und berechtigt ist auch sein grundsätzliches Anliegen, implizit wertende Begriffe wie imitatio, aemulatio, Rezeption, Allusion o.ä. durch neutralere Begrifflichkeiten wie Transformation oder relationship (nach Feeney) zu ersetzen.4

Šterbenc Erker verweist in ihrem Beitrag „Transformation des poetologischen Programms: Ovid und die Epigramme Martials“ auf die Fiktionalität der Epigramme Martials, die aber doch auch Bezüge zur römischen Alltagswelt hätten, in denen sich das „poetologische Programm“ (S. 102) des Dichters besonders deutlich zeige – im Unterschied zu Ovid, der seine Elegien nicht in „spezifische Situationen aus dem römischen Alltag“ einordne (S. 106). Durch Bezugnahmen auf das Fest der Floralia und den Mimus, auf die Spottgedichte beim Triumphzug und auf die Saturnalia weise Martial seine Dichtung speziell solchen Bereichen zu, in denen Elemente wie Freizügigkeit, Laszivität und Verspottung eine institutionalisierte Rolle gespielt haben und toleriert wurden, gerade weil sie, wie Martials Dichtung, nicht wirklich ernst gemeint seien. „Der größte Unterschied in der Poetik beider Dichter“, so versucht die Autorin dann anhand einer Interpretation der Passagen Ov. trist. 3,1,37-42 und Martial 8,82 zu zeigen, liege darin, „dass die Panegyrik in Martials Epigrammen humorvoll ist, die Exil-Poesie Ovids jedoch nicht“ (S. 118). Es erscheint sehr fraglich, ob dies tatsächlich aufgrund dieser Ausschnitte so verallgemeinerbar ist; ob es bei Herrscherpanegyrik wirklich um „Poetik“ und nicht vielmehr um „Politik“ geht; und ganz grundsätzlich: ob sich Unterschiede in der Behandlung politischer Themen, zu denen auch die von der Autorin untersuchte Ehegesetzgebung gehört, nicht allein schon aufgrund der unterschiedlichen Gattungstraditionen (Elegie vs. Epigramm) ergeben, worauf Šterbenc Erker nur an einer Stelle hinweist (S. 122).5

Mindt bietet in ihrem Aufsatz „Ovidius exul bei Theodulf von Orléans und Modoin von Autun“ zunächst eine konzise Einführung in die literarische Welt der karolingischen Zeit. Anhand einer luziden, textnahen Interpretation von Passagen aus den Eklogen von Modoin beleuchtet sie dann die Art und Weise, wie dort eine schon durch die Spätantike überformte, biographistische Sichtweise auf antike Autoren zu einer komplexen Adaption antiker Vorstellungswelten führt. Die reflektierten und kreativen Anspielungen auf Ovids Werke, aber auch auf die darin enthaltenen, biographisch aufgefaßten Informationen prägten Modoins poetologische Aussagen, seine Selbstdarstellung und bspw. seine Positionierung Kaiser Karl gegenüber in hohem Maß, so daß Modoin „seinen Spitznamen Naso wirklich verdient“ habe (S. 144). Die Funktionalisierung der Ovidvita zeigt Mindt im weiteren anhand des Briefwechsels zwischen Modoin und Theodulf von Orléans auf, „wo Theodulfs biographisches Schicksal in poetische Parallelität zum Leben Ovids gekleidet wird“ (S. 137).6

Der Fokus von Gattis Beitrag „Da impudicitiae praedicator a princeps della narrazione: Ovidio fra Medievo e Rinascimento“ liegt auf dem Nachleben Ovids vom Mittelalter bis in die Renaissance. Nach einem äußerst knappen Überblick über die Entwicklung der Ovidrezeption vom 1. Jahrhundert n. Chr. an folgt eine längere, vor allem Ovids Weltsicht in den Metamorphosen kritisierende Passage aus Konrad von Hirsaus literaturhistorischer Abhandlung Dialogus super auctores, eine Passage aus dem Römerbrief-Kommentar von Petrus Abaelardus, in der sich die Wendung impudicitiae praedicator Ouidius findet (eine Bezugnahme auf Ovid als Autor der Ars) und eine Einführung zu den Werken Heroides und Amores aus dem 13. Jahrhundert, die Ovid als ethischen Schriftsteller empfiehlt, um ihn, so Gattis Interpretation, den Fängen der Zensur zu entziehen. Im Hinblick auf die Renaissance konstatiert Gatti einen entscheidenden Einschnitt und Wechsel in der Haltung, die man Ovids Werken gegenüber einnimmt. Zur Veranschaulichung kontrastiert Gatti die Beschreibung von Ovids Exil in einer mittelalterlichen Ovid-Einführung aus dem 14. Jahrhundert mit einer entsprechenden Darstellung von Bonus Accursius aus Pisa, letztere nach Gatti „praticamente coincidente con le biografie leggibili in qualsiasi odierno manuale di storia della letteratura latina“ (S. 157). In einem dritten Abschnitt widmet Gatti sich Leben und Werk des aus Sulmo stammenden Humanisten Ercole Ciofano, der sich als Ovid-Kommentator einen Namen gemacht hat und dessen Ovidii defensio et metamorphoseos laus als Abschluß im Original mit Übersetzung präsentiert und kurz analysiert wird.

Ein Beispiel für eine modernste „Transformation“ augusteischer Literatur ist das Ovid und sein (Verbannungs-)Schicksal aufgreifende und neu interpretierende Erstlingswerk „The Love-Artist“ (publiziert 2001, bei Janka in der deutschen Übersetzung von Martin Ruf, 2003, zitiert) der 1961 geborenen Schriftstellerin Jane Alison. In Jankas klar gegliedertem Aufsatz „Ovidische Bio-Mythographie im postmodernen historischen Roman: Metamorphosen von Ovids Leben und Werk in Jane Alisons Der Liebeskünstler“ folgt nach einer kurzen Einführung in die moderne Ovidrezeption und in die Typologie des „postmodernen historischen Romans“ sowie der Zuweisung von Alisons Roman zum „revisionistischen Typus“ (nach Nünning) zunächst eine Makroanalyse der narrativen Strukturen und Zeitebenen des Romans, dann exemplarische Einzeluntersuchungen zu zwei Leitthemen (Verhältnis von Wirklichkeit und künstlerischer Darstellung; Ewigkeitsanspruch von Dichtung). Durch Textvergleiche unternimmt es der Autor nachzuweisen, daß Alison „direkt aus Ovids Textcorpora und damit aus dem Quellenfundus mit dem höchsten Authentizitätsgrad geschöpft hat“ (S. 172), daß sie dann aber diese „Textwirklichkeiten … ironischerweise als Grundierung und Motor einer Gegengeschichte zur philologisch überprüfbaren ‘Realität’ einsetzt“ (S. 180). In summa zeige Alisons Roman, „dass Ovid Vergil nicht nur als Vater des Abendlandes abgelöst hat, sondern durch seine schier grenzenlose Wandelbarkeit gerade dem postmodernen Literaturverständnis als ein echter Seelenverwandter Pate gestanden hat“ (S. 195).7

Barchiesi reklamiert in seinem Aufsatz „Il prossimo Ovidio“ eine neue Ära in den „studi classici“, in welcher das von ihm in die Bereiche „trasmissione“ und „ricezione“ unterteilte Forschungsfeld des „Fortlebens“ immer größere Bedeutung erhalte, wobei er das 2005 erschienene Buch Ovid and the Moderns des amerikanischen Germanisten und Komparatisten Theodore Ziolkowski zum Ausgangspunkt für seine Beobachtungen wählt. Die wachsende Produktion in Literatur, Film und Kunst, die Ausweitung des Blickwinkels der Forschung auch auf außereuropäische Literaturen, die Vielzahl der Bezüge und Bezugsmöglichkeiten auf antike Werke (nicht zuletzt begünstigt durch eine „Google-Mentalität“ mancher moderner Autoren) und die (teilweise) zunehmende Subtilität der Anspielungen mache letztlich eine umfassende Aufarbeitung des Materials kaum mehr möglich. Die Ausführungen schließen mit Überlegungen zu Periodisierungsversuchen der Moderne, die einerseits konsum-/körper- und generationenorientiert seien (was eine Rezeption der Metamorphosen Ovids begünstige), sich andererseits nach (welt)politisch einschneidenden Ereignissen richteten (wodurch sich eine Affinität zur Vergilrezeption ergebe).


Notes:


1.   Vgl. zu dem dahinterstehenden „Konzept“ den Sonderforschungsbereich 644 der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Transformationen der Antike“ an der Humboldt-Universität zu Berlin, dem u.a. die Beiträger Gatti, Mindt, Mundt und der mit dem Band geehrte Schmitzer angehören.
2.   Corrigendum: 16: „Hierarchisierung“ statt „Hierarchisisierung“.
3.   Corrigenda: 73: Fehlen der Fußnote 10. 76: „der Vorwurf der Blindheit … nicht gilt“ statt „Vorwurf der Blindheit … gilt“.
4.   Corrigenda: 84: γνῶμαι statt γνωμαί. 85: iuvenem fehlt in der Übersetzung. 89: 1.6.27-36 statt 1.6.27-42. 89-99: Die Verse 33-36 fehlen in der Übersetzung. 91: „verleihen und“ statt „verleihen_und“. 94: „Kodifikation“ statt „Kodifiktion“. 95: ἀθανάτων fehlt in der Übersetzung.
5.   Corrigenda: 102: corona civica statt corna civica. 108: „eines prüden Lesers“ statt „eines prüden Leser“. 115: „Siegessymbol Jupiters“ statt „Siegessymbol des Jupiters“. 121: Zu Martial 6,4,2: das cum ist hier nicht kausal, sondern konzessiv zu übersetzen.
6.   Corrigenda: 130, Anm. 15: „Mühen des Schicksals“ statt „Mühen des Schicksal“. 132, Anm. 25: sprevit et … delusit sind präsentisch übersetzt (vgl. aber nuper im Vorvers). 133: „verschönerte“ statt „verschönert“ (für mulcebat). 134: recte (5. Zeile von unten) ist zu tilgen. 134, Anm. 34: mihi ferre per orbem statt mihi referre per orbem. 135: „mögen … dringen“ statt „mögen … gedrungen sein“ (für perveniant). 137, Anm. 41: „die Problemlosigkeit“ statt „das für die Problemlosigkeit“. 138: pontificisque statt pontificque. 138, Anm. 46: „Salanus“ statt „Salenus“. 143: „ermunterst“ statt „ermunderst“.
7.   Corrigenda: 179: „im historischen Raum“ statt „Raums“. 181: amanti fehlt in der (gelungenen) Versübersetzung (Vers 3,12,1). 185, Anm. 42: „Ähnliches“ statt „Ähnlich“. ​

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