Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2013.02.40 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2013.02.40

Peter Van Nuffelen, Rethinking the Gods: Philosophical Readings of Religion in the Post-Hellenistic period. Greek culture in the Roman world.   Cambridge; New York:  Cambridge University Press, 2011.  Pp. viii, 273.  ISBN 9781107012035.  $99.00.  


Reviewed by Rainer Hirsch-Luipold, Universität Bern (rainer.hirsch-luipold@theol.unibe.ch)

Dass sich Philosophen mit Religion auseinandersetzen, ist keine Neuerung der nachhellenistischen Zeit. Seit jeher hat Religiöses auch die Denker fasziniert – oder ihnen Anlaß zur Kritik gegeben. In der frühen Kaiserzeit aber wird religiöse Überlieferung zunehmend explizit als Quelle von Erkenntnis verstanden und interpretiert. Diese Verbindung religiöser und philosophischer Traditionen, die Van Nuffelen als Entwicklung nicht erst des Neuplatonismus, sondern bereits der frühen Kaiserzeit profiliert, ist der Gegenstand von „Rethinking the Gods“. Mit einer breit angelegten Darstellung ausgehend von ausgewählten Autoren und Schriften von Varro bis Kelsos legt der Autor die enge Verbindung dar, die Religion und Philosophie in der Darstellung dieser Autoren der frühen Kaiserzeit eingehen. Es geht ihm dabei als Historiker nicht um eine allgemeine Mentalitätsgeschichte, sondern um die historische Konstruktion von Religion bei den betreffenden Autoren, unter denen Plutarch und Dion von Prusa eine herausgehobene Stellung einnehmen. Die Autoren sollen zunächst einmal gelesen werden “for what they are, philosophy and literature” (14), und nicht als Zeugen eines gesamt¬gesellschaftlichen Wandels des religiösen Gefühls.

Das reichhaltige und mit seinen 241 Seiten Text immer noch knapp gehaltene Buch gliedert sich in drei Teile mit insgesamt 11 Kapiteln sowie Einleitung und Epilog.

Van Nuffelen formuliert das Programm und die Grundthesen des Buches bereits auf der ersten Seite der Einleitung: er will die religiöse Tradition dezidiert als Teil des philosophischen Diskurses der “Post-Hellenistic period” verstehen, in dem die Philosophie in charakteristischer Weise externe, nichtphilosophische Quellen von Erkenntnis und Autorität neben dem Rückgriff auf die Schriften der zentralen philosophischen Autoritäten Platon und Aristoteles zum Ausgangspunkt der philosophischen Suche macht. “In particular, the book argues that although religion can be termed an external source of knowledge, it is not an independent one: religion is reinterpreted to fit the philosophical position of the interpreter and is allowed to enter the philosophical argument only when domesticated in that way” (1). Zu Recht weist Van Nuffelen darauf hin, dass die Implikationen dieser Öffnung der Philosophie in Richtung der religiösen Tradition als einer Begründungsinstanz in der philosophiegeschichtlichen Forschung in ihren vollen Implikationen erst noch bedacht werden muss. Durch sein Engagement in der Diskussion um das Aufkommen eines paganen Monotheismus in der Kaiserzeit bestens für eine solche Unternehmung ausgerüstet,1 greift Van Nuffelen zwei Kernthemen im philosophischen Diskurs über Religion und die Götter heraus: 1. die Vorstellung einer ancient wisdom, also der Überzeugung, dass die Religion von Weisen der Vergangenheit on purpose (4) geschaffen wurde, woher sich ihr Anspruch ableitet, philosophische Erkenntnisse zu enthalten; 2. die Vorstellung einer kosmischen Hierarchie, derzufolge das Götterpantheon als ideale Hierarchie aufgebaut ist, der menschliche Gesellschaftsordnungen zu entsprechen haben.

Der Vorstellung der „Ancient Wisdom“ ist Teil I des Buches gewidmet. Die dem Konzept zugrundeliegende Vorstellung, die Denker früherer Zeiten hätten ihre Philosophie in religiösen Überlieferung niedergelegt, die nun durch eine philosophische Interpretation wieder zum Vorschein gebracht werden müssen, arbeitet Van Nuffelen anhand einer detaillierten Interpretation der wesentlichen Fragmente Varros aus den Antiquitates heraus (Kap. 1). Bereits durch die Auswahl der Autoren Varro, Chaeremon und Cornutus setzt Van Nuffelen in diesem wegweisenden historischen Kapitel eine ausgesprochen römische (und bei den letzten beiden Autoren auch stoische) Brille auf. Es folgen Untersuchungen des Konzepts bei Plutarch (Kap. 2) und Numenios (Kap. 3) sowie in der rhetorischen Tradition, insbesondere in Dions Borysthenitischer Rede und Apuleius’ Metamorphosen (Kap. 4). Dieser Ausblick in die Rhetorik, der den ersten Teil beschließt, zeigt, wie eng religiöse, philosophische und rhetorische Diskussion verzahnt sind.

Kap. 2 zu Plutarch diskutiert zwei Schriften, die unmittelbar Traditionen gelebter Religion zum Gegenstand haben: die Schrift Über das Götterfestival der Bilder in Plateiai, die lediglich in zwei größeren Fragmenten bei Euseb erhalten ist, und die interpretatio Platonica der ägyptischen Religion in Über Isis und Osiris. Obwohl Van Nuffelen die gesamte Breite religiöser Phänomene im Blick hat, die Plutarch in De Iside thematisiert, erblickt er – wie in der Interpretation der Schrift üblich – in der Deutung des Mythos als eines hieros logos ihr Zentrum.

Ein weiteres Teilkapitel präsentiert Plutarch am Beispiel der Vita des Numa und von De superstitione als Religionshistoriker, der mit einer geschichtlichen Veränderung religiöser Traditionen rechnet. Religiöse Tradition, so Van Nuffelen, sei ihm Erfindung von Menschen und insofern zwar einerseits ein Bild der göttlichen Wahrheit, dem bei richtiger Interpretation philosophische Wahrheiten zu entnehmen sind, andereseits aber „a mere image of truth, ... thoroughly human and imperfect“ (233). Mögen religiöse Riten und Gebräuche ursprünglich rein gewesen sein, so wurden sie durch einen abergläubischen, nichtphilosophischen Gebrauch korrumpiert.

Mit dem von Van Nuffelen immer wieder hervorgehobenen Modell, dass Religion von den Weisen und Gesetzgebern der Vorzeit im Einklang mit ihren philosophischen Erkenntnissen geschaffen wurde, spielt Plutarch in der Tat verschiedentlich (etwa bei der Frage nach der Herkunft des rätselhaften E in Delphi oder in der Deutung der religiösen Gesetzgebung Numas). Mindestens ebenso zentral erwägt Plutarch jedoch die Möglichkeit, dass nicht irgendwelche Weisen, sondern die Götter (oder der Gott – hier schwankt der Autor wie viele seiner Zeitgenossen) selbst Funken seiner Wahrheit in der religiösen Tradition niedergelegt haben, um auf diese Weise den philosophischen Eros der Menschen zu entzünden und sie so auf das Göttliche hinzuführen (vgl. die einleitenden Kapitel zu De Iside und zu De E apud Delphos, wo Apollon als φιλόσοφος bezeichnet wird; De E 384E), eine Position, die sich von Klemens von Alexandrien in seiner Theorie der Gegenwart des göttlichen Logos in Welt ideal mit jüdisch-weisheitlichen Traditionen verbinden ließ: Religiöse Symbolik verdankt sich einem Impuls der Gottheit, der von den Weisen der Vergangenheit aufgenommen wurde. Durch den historischen Wandel oder auch die historisch kontingente Sprachfähigkeit der Pythia (die früher in Versen, jetzt nur noch in Prosa spricht) bleibt, wie sich ebenfalls in den Pythischen Dialogen zeigt, der göttliche Kern und die göttliche Herkunft der in den religiösen Traditionen aufbewahrten Wahrheit unberührt. Der von Van Nuffelen favorisierte Gedanke einer einst reinen Religion, von welcher der Philosoph gleichsam die äußere Haut des Irrtums abstreifen müsse (17), entspricht demgegenüber eher einem stoischen Dekadenzmodell.

Deshalb scheint mir nach wie vor Plutarchs Haltung zur Religion am besten von seinem platonischen Denkrahmen her verstanden: was dem Wandel unterworfen ist wie alle Aspekte der phänomenalen Welt, das sind menschliche Ausdrucksformen, was bleibt, ist die ewige Welt des Intelligiblen, die Welt des göttlichen Seins und seiner Wahrheit, die insbesondere in der Religion, aber auch in anderen Formen der Welt ihren körperlichen Ausdruck und Wiederschein findet. Gerade weil diese Formen des Aufscheinens des Göttlichen im Bereich des Werdens und Vergehens notwendig veränderlich sind, bedürfen sie der philosophischen Interpretation, um sie auf ihren wahren intelligiblen Ursprung zurückzuführen.

Interpretation und Konstruktion, Religion und Philosophie sind untrennbar einander zugeordnet, wie Van Nuffelen zu Recht nicht müde wird zu betonen. Die damit notwendig gegebene und von Van Nuffelen in seiner historischen Dimension angesteuerte Spannung zwischen Konstruktion und interpretativer Erhebung von Wahrheit, zwischen Ancient Wisdom und historischer Wandelbarkeit, zeigt sich m.E. am deutlichsten in dem Faktum, dass der Chaironeer in der Nachfolge Platons selbst Mythen schaffen und ihnen eine gleiche erkenntnistheoretische Würde beilegen kann wie dem ägyptischen Mythos von Isis und Osiris. Woher erhalten diese hieroi logoi ihre Würde, wenn nicht aus ihrem Alter?

Der Neupythagoreer Numenios, dem Kap. 3 gewidmet ist, bildet aufgrund der fragmentarischen Überlieferung seiner Werke einen steinigen Boden für philosophiegeschichtliche Rekonstuktionen. Wieder arbeitet Van Nuffelen an dem Fragment aus „Über die geheimen Lehren Platons“ den Aspekt der historischen Konstruktion religiöser Ausdrucksformen heraus mit der am Euthyphron entwickelten Theorie, Plato habe seine Lehre über die Götter – nach Numenios das Kernthema platonischer Philosophie – in verschlüsselter Weise formuliert, um die Wahrheit sagen zu können, ohne wie Sokrates den Tod fürchten zu müssen.

Teil II „Cosmic Hierarchy“ spricht mit der politischen Interpretation der Götterhierarchie kein vollkommen neues Thema an, sondern führt das Besprochene unmittelbar weiter.

Die Vorstellung einer cosmic hierarchy, so zeigt Van Nuffelen, enthält eine “doppelte Projektion”: zunächst wird eine idealisierte politische Struktur auf das Götterpantheon projiziert, und dieses dann wiederum auf die realen politischen Strukturen (109). Dies führt zu einer Hierarchisierung des Politischen mit dem Herrscher an der Spitze, der mit dem Göttlichen identifiziert wird; umgekehrt wird insbesondere der persische Großkönig mit seinen Satrapen zum Bild für das Göttliche, dem das 6. Kapitel gewidmet ist (nach einer Darstellung des Stoikers Poseidonios und seiner Vorstellung einer natürlich-hierarchischen Ordnung der Gesellschaft im Referat Senecas in Kap. 5). Hier stehen Maximus von Tyros, die Romrede des Aelius Aristides und insbesondere Ps.-Aristoteles De mundo im Zentrum. Wiederum folgt je ein Kapitel zu Dion (Kap. 7), das den Königsreden gewidmet ist und aufzeigt, wie Dion zwischen zwei Polen – einer Darlegung königlicher Tugenden und dem Preis Trajans als der Inkarnation solcher Tugenden aufgrund seiner Stellung in der kosmischen Hierarchie – hin und hergeht, und zu Plutarch, inbesondere seinen politischen Schriften (Kap. 8).

Teil III „Polemic and prejudice: challenging the discourse“ ist den „outsiders“ gewidmet: Epikureern, Juden und Christen. Den Auftakt macht Lukian. In seiner feinen Analyse des großen Spötters legt Van Nuffelen offen, wie Lukian konsequent sämtliche Erwartungen seiner Leser unterläuft. Van Nuffelen bleibt nicht dabei stehen, die in Alexander der Lügenprophet unter dem Mantel epikureischer Kritik präsentierte Bloßstellung eines dogmatischen Religions- und Götterbildes und seines Repräsentanten herauszuarbeiten. Vielmehr zeigt er, wie Lukian auch das Epikureerbild wieder satirisch unterspült und auf diese Weise die dogmatischen Elemente selbst einer religiösen Skepsis vorführt. Fazit: „Lucian is consequently not a crusader against the two discourses set out in the first two parts of this book. Rather, he is writing from within the discourses and capitalising on their polemic and images.“ (198).

Folgt man dieser Interpretation, dass es sich um eine Argumentation von innen handelt, kann sie gerade als eine Bestätigung des gängigen Diskurses über die Götter gelesen werden. Und dies scheint mir genau die Perspektive zu sein, unter der sich auch die beiden restlichen Kapitel über „Philo of Alexandria. Challenging Graeco-Roman Culture“ und „Celsus and the Christian superstition“ am schlüssigsten hätten einordnen lassen. Man ist besonders dankbar dafür, dass Van Nuffelen jüdische und christliche Autoren einbezogen hat, um das Bild zu vervollständigen. Und gerade in diesem Teil findet sich manche Interpretationsperle. Indes: wenn die Autoren im Gegenüber als „outsiders“ wahrgenommen werden (wenn auch in rhetorischen Anführungszeichen), so stellt sich doch die Frage: außerhalb wovon? Außerhalb des Diskurses über Ancient Wisdom und die Göttliche Hierarchie? Das legt die Formulierung „challenging the discourse“ nahe. Aber Van Nuffelens Darstellung Lukians ist gerade darin besonders stark, dass sie diese Kategoriserung selbst in Frage stellt und aufzeigt, wie der Satiriker den Diskurs von innen her angreift. Gerade unter dem formalen Aspekt einer Ancient Wisdom (es gibt eben eine ganze Gattung jüdischer Literatur, die unter diesem Namen firmiert) zeigt sich, wie sehr Juden und Christen zu diesem Diskursfeld der religiös-philosophischen Literatur der frühen Kaiserzeit gehören. M.E. wäre noch mehr zu gewinnen, wenn man die im 3. Abschnitt diskutierten Autoren nicht von vorne herein einem anderen Diskursfeld zuordnet (auch der interessante Zugriff, die Christen als ‚outsider’ wiederum über ihre Wahrnehmung durch einen ‚insider’, nämlich Kelsos, in den Blick zu nehmen, würde dadurch noch an Schärfe gewinnen). Entscheidend scheint mir ein Satz Van Nuffelens, der in einer Anmerkung in seinem „Epilog“ fällt (234 Anm. 7), freilich in etwas anderem Zusammenhang: „Rather than being an exception Christianity and Judaism are part of a shared culture“. Der Satz kann nicht genug unterstrichen werden.

Nach einer umfangreichen Bibliographie schließt ein sehr nützlicher, auf das Wesentlichste beschränkter und sinnvoll systematisierter Index (allerdings ohne Stellenverzeichnis) das Werk ab. Die Darstellung besticht neben einer Fülle von pointierten Einzeldiskussionen durch eine klare Fokusierung und ist zudem ausgesprochen gut lesbar.

Die Lektüre dieses überaus anregenden, eigenständige und breit angelegten Beitrags zur Diskussion um das Verhältnis von Religion und Philosophie bereits in der frühen Kaiserzeit fordert mit einer Vielzahl neuer Impulse in unterschiedliche Richtungen heraus und sei der Lektüre wärmstens empfohlen.


Notes:


1.   Stephen Mitchell, Peter Van Nuffelen (ed.), One God. Pagan Monotheism in the Roman Empire, Cambridge, New York 2010; Stephen Mitchell, Peter Van Nuffelen (ed.), Monotheism between Pagans and Christians in Late Antiquity. Interdisciplinary Studies in Ancient Culture and Religion 12, Leuven: Peeters, 2010.

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