Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2012.11.03 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2012.11.03

Catherine Collobert, Pierre Destrée, Francisco J. Gonzalez (ed.), Plato and Myth: Studies on the Use and Status of Platonic Myths. Mnemosyne. Supplements, 337.   Leiden; Boston:  Brill, 2012.  Pp. viii, 476.  ISBN 9789004218666.  $222.00.  


Reviewed by Christian Schäfer, University of Bamberg (christian.schaefer@uni-bamberg.de)

Preview

Im Verlauf der vergangenen zehn Jahre sind verschiedene umfassendere Studien und Sammelbände zum Thema der platonischen Mythen erschienen.1 Die Probleme, die dabei diskutiert werden, scheinen jedoch schon seit weit längerer Zeit immer wieder die gleichen zu sein: Wie verhalten sich mythisch-narrative und dialogisch-argumentative Stücke in Platons Werken zueinander? Wo ist die Trennlinie zwischen Mythos und Gleichnis oder Allegorie zu ziehen? Erreicht das Mythische bei Platon ein anderes Verständnis der Wirklichkeit, oder haben wir es sogar mit einer Art „zweiter Rationalität“ gegenüber dem Diskursiven zu tun, womöglich mit einer „besseren“ oder „tieferen“ Einsichtsmethode? Schließlich versuchen sich alle Veröffentlichungen zum Thema zumeist in einer beispielhaften Auslegung einzelner Mythen auf ein übergeordnetes Applikationsschema hin, in Proben aufs Exempel, die als Bestätigungsverfahren oder Anschaulichkeitsbeweise ihren Dienst an der Gesamtinterpretation tun sollen (bzw. an „den Gesamtinterpretationen“, wie man besser sagen sollte, denn wirklich einheitliche Deutungsansätze und gut konturierte Trennlinien der Forschungsmeinungen lässt das Thema nach wie vor weitgehend vermissen). Um es vorweg zu nehmen: Auch die innere Anlage von Plato and Myth gehorcht diesem etablierten Schema. Einem generelleren Teil „Reflections on the Nature of Platonic Myths“ folgt ein längerer spezieller Teil der Auslegung verschiedener Mythen in „Approaches to Platonic Myths“. Dies ist nicht als Vorwurf gemeint, sondern zeigt wohl vor allem, dass der Diskussionsstand zur Interpretation von Platons Mythen gewissermaßen stagniert und eines grundlegend neuen und aufschlussreicheren Deutungsschlüssels noch harrt. Angesichts dieser Problemlage ist eine Binneneinteilung wie in Plato and Myth nach wie vor der gangbarste Weg. Der Sammelband von Collobert, Destrée und Gonzalez, hervorgegangen aus einer Tagung im Mai 2008 an der University of Ottawa und für die Publikation um einige zusätzliche Stücke angereichert, bildet also den status quaestionis der Platonforschung zum Thema der Mythen in recht konservativer methodischer Darbietung ab, doch ist er gleichzeitig auch ein schöner Beleg für den state of the art auf gutem und teilweise sehr gutem Niveau. Das Thema von Platons Mythen birgt zudem die Gefahr in sich, dass es von Interpreten häufig als Tummelplatz für Stellungnahmen im Stile eines „Was ich immer schon mal zu Platon sagen wollte“ missbraucht wird. Dieser Gefahr hat der hier zu besprechende Band erfolgreich entgegengewirkt, und das ist dem Herausgeberteam hoch anzurechnen. Dies vor Augen, sollen im Folgenden Potential und Qualität der Beiträge wie des Bandes insgesamt betrachtet werden. Es bietet sich dafür an, überblicksartig vorzugehen und dann innerhalb dieses Überblicks anhand einiger ausgewählter Beispiele aus beiden thematischen Blöcken auf einige der interessanteren Wortmeldungen besonders aufmerksam zu machen.

Der „Reflections“-Teil eröffnet mit einem Beitrag von Glenn W. Most zu Platons „exoterischen Mythen“ (S. 13-24),2 gefolgt von Monique Dixsauts Bestandsaufnahme des Wortgebrauchs von „Mythos“ bei Platon (S. 25-46), einem Skrutinium des mythischen Wahrheitsanspruchs durch G.R.F. Ferrari (S. 67-86), einer Untersuchung von Catherine Collobert zur Frage, ob Platons Dichterkritik auch das eigene Mythenerzählen trifft (S. 87-108), und Pierre Destrées Problematisierung der Unterscheidung von Gleichniserzählung und Mythos (S. 109-124). Deutlich ist in all diesen Wortmeldungen zu spüren, wie sehr die Forschung nach wie vor um eine klare Bestimmung von „Mythos“ ringt, wobei das Problem unter Umständen darin bestehen könnte, diese „Bestimmung“ im Sinne einer Definition geben zu wollen. Vielleicht wäre ein methodisches Ausweichen auf ein anderes Verfahren – etwa im Sinne von Wittgensteins Familienähnlichkeits-Konzept – für einige Fälle in mancher Hinsicht vielversprechender. Mosts Beitrag etwa beschränkt sich, methodisch vernünftig, auf eine Bestandsaufnahme der Erkennungsmerkmale platonischer Mythen, um das Phänomen zumindest extensional einzugrenzen. Besonderes Augenmerk verdient innerhalb dieses ersten Themenblocks aber vor allem der Beitrag von Harold Tarrant: „Literal and Deeper Meanings in Platonic Myths“ (S.47- 66). Tarrant zeigt sehr einleuchtend und mit einer Fülle von Beobachtungen, die, weit über sein engeres Thema hinausgehend, auch für andere Aspekte des platonischen Mythenerzählens hilfreich sind, wie die antike neuplatonische Auslegung der platonischen Mythen auch für die gegenwärtige Diskussion ein bedenkenswertes Korrektiv und einen guten Anhaltspunkt für die Interpretation bieten kann. Ein Schlüssel dazu ist nach Tarrant die methodologische Leistung der neuplatonischen Exegeten, in den Mythen eine tiefgehende Sinnstruktur offenzulegen, die aber gleichzeitig – ähnlich wie etwa bei der patristischen Schriftauslegung – die wörtliche Bedeutung des Erzählten nicht obsolet macht, sondern ausgesprochen ernst nimmt und womöglich noch stärken soll.

Im zweiten Teil („Approaches“) lassen die Beiträge einzelne Mythen und ihre Bedeutung Revue passieren: die Beiträge von Claude Calame (S. 127-144) und Gerd Van Riel (S. 145-164) den Prometheus-Mythos im Protagoras, Radcliffe G. Edmonds III (S.165-185) und Christopher Rowe (S.187-198) den Schlussmythos des Gorgias, Elizabeth Pender (in einer etwas sehr „naturalistischen“ Deutung S. 199-233) den Jenseitsmythos des Phaidon und Annie Larivée (S. 235-257) und Francisco J. Gonzalez (S. 259-278) die Er-Geschichte aus der Politeia. Wie Christopher Moore (S. 279-303) und Elsa Grasso (S. 343-367) wendet sich auch Franco Trabattoni (S. 305-321) dem Phaidros zu: In „Myth and Truth: The Case of the Phaedrus“ zieht er aus interessanten Vergleichen zwischen dem Wahrheitsanspruch der Orakel und dem Wahrheitsanspruch der Mythen den Schluss, dass das mythische Erzählen bei Platon die spezifische Form des „meta-physischen“ Sprechens ist, für deren Bestimmung nicht die Plastizität oder der Stoff der Erzählung, sondern der konstitutive Bezug zum außerweltlichen Objekt den Definitionspunkt markiert. Wie für viele andere Beiträge des Bandes gilt auch für diesen das Lob: Selbst wer (wie der Rezensent) die These nicht für richtig hält, wird dennoch in der Qualität der Machart und in der Textkompetenz der Beiträge viel Erwägenswertes und erstaunliche Detailinformationen finden, was den Band zu einer erfreulichen Lektüre werden lässt. Anhand des Timaios und des Politikos klären zwei weitere Altmeister der Platonstudien, Luc Brisson (S. 369-392) und Christoph Horn (S. 393-417) zwei prominente Einzelprobleme der Debatte um die Mythen Platons.

Ein abschließender Blick auf den letzten Beitrag soll die Stärken und Probleme sowohl des gesamten Themenfeldes wie des hier besprochenen Bandes nochmals vor Augen führen: Aufgrund der im ersten Beitrag von Glenn Most vorgelegten Ingredienzienliste von Kennzeichen des platonischen Mythenerzählens versucht Louis-André Dorion in „The Delphic Oracle on Socrates’ Wisdom: A Myth?“ (S. 419-434) die bekannte Orakelprüfungs-Episode aus der Apologie als „not only a Platonic fiction, but also a Platonic myth“ (S. 432) zu erweisen – und macht damit genau den Fehler, Definition und Erkennungsmerkmale von platonischen Mythen zu verwechseln denn das Vorhandensein einer Reihe von „Mythos-Merkmalen“ bedeutet noch nicht, dass damit ein vollständig ausgebildeter Mythos vorliegt. Die eigentlich gute und recht originelle Idee der Prüfung dieser Prüfungsgeschichte bringt somit am Ende des Bands als Klammer mit dem Eröffnungsbeitrag nochmals beispielhaft zutage, wie leistungsfähig der state of the art in der Diskussion um Platons Mythenerzählungen ist, aber auch, welche Gefahren er birgt.

Der Band ist schön gemacht, praktisch fehlerfrei im Formalen, eine umfassende Gesamtbibliographie ökonomisiert lesefreundlich die Zitierweise innerhalb der Beiträge, und ein beeindruckender Index locorum unterstreicht die vorbildliche Arbeit des Herausgeberteams.

Angesichts des steinigen Diskussionsgeländes und der Qualität der Beiträge muss das Fazit zu Plato and Myth lauten: Für jeden, der sich mit Platons Mythen befasst, ist dies ein empfehlenswertes Buch.


Notes:


1.   Zu nennen sind hier vor allem: Markus Janka, Christian Schäfer (Hgg.): Platon als Mythologe. Neue Interpretationen zu den Mythen in Platons Dialogen. Darmstadt: 2002; Marlis Colloud-Streit: Fünf platonische Mythen im Verhältnis zu ihren Textumfeldern. Freiburg (Schweiz): 2005; Catalin Partenie (Hg.): Plato’s Myths. Cambridge: 2009.
2.   Dies ist einer von zwei Beiträgen des Bands, die als englische Übersetzung von bereits in Janka/Schäfer [2002] erschienenen Artikeln vorgelegt werden. Der andere ist der von Christoph Horn. Soweit ich sehe, sind in beiden Fällen die Modifikationen gegenüber den deutschen Originalversionen nur sehr geringfügig.

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