Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2012.10.60 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2012.10.60

Eckart Olshausen, Vera Sauer (ed.), Die Schätze der Erde – Natürliche Ressourcen in der antiken Welt. Stuttgarter Kolloquium zur Historischen Geographie des Altertums 10, 2008. Geographica Historica, Bd. 28.   Stuttgart:  Franz Steiner Verlag, 2012.  Pp. 425.  ISBN 9783515101431.  €64.00 (pb).  


Reviewed by Lukas Thommen, University of Zurich (Lukas.Thommen@access.uzh.ch)

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Der jüngste Band des Stuttgarter Kolloquiums zur Historischen Geographie, der sich den natürlichen Ressourcen in der Antike widmet, ist gerade aus umwelthistorischer Sicht von besonderem Interesse. Die 24 Beiträge decken zwar völlig unterschiedliche Bereiche ab und haben divergierende Anliegen, sind aber in vieler Hinsicht eine Fundgrube, v.a. auch zu weniger aufgearbeiteten natürlichen Materialien und anderen Facetten der Umweltgeschichte. In der Einleitung wird offen dargelegt, dass das breite Spektrum gewollt ist und gar nicht speziell nach gemeinsamen Nennern gesucht wurde. Dennoch lassen sich verschiedene Beiträge bestimmten Sachthemen zuordnen, die auch über den Index zu erschliessen sind und Einblick in neue Forschungen geben. Insgesamt geht es um „Fragen des Vorkommens, der Gewinnung und Nutzung von Rohstoffen“, um Technologisches, Organisatorisches, Handel, Eigentumsrechtliches und Wirtschaftliches, also um den Umgang mit Ressourcen, nicht zuletzt unter dem Stichwort der Nachhaltigkeit (p. 8).

Eine wichtige Grundlage dazu bildet der kurze Beitrag von Herbert Graßl (p. 137–141), der Belege zu der antiken Vorstellung vom Nachwachsen von Metallen und anderen Rohstoffen vereinigt. Auf diesen Sachverhalt verweist auch Ulrich Fellmeth im Zusammenhang mit den Silberminen von Laureion (p. 123), auf die er im Rahmen der natürlichen Ressourcen Athens eingeht (p. 119–125). Graßl hält zudem fest, dass mit der Zeit auch die Erschöpfung von Ressourcen festgestellt wurde, was im 3.Jh. n.Chr. zu einem Bewusstseinswandel geführt habe — ein Thema, zu dem man gerne Ausführlicheres erfahren würde. Peter Emberger rechnet in seinem Beitrag zur antiken Bodennutzung (p. 87–101), auf die in der Agrarliteratur immer wieder grosse Aufmerksamkeit verwendet wurde, durchaus mit „Nachhaltigkeit“ (p. 100), freilich ohne dies mit dem Problem des Raubbaus aufzuwiegen.

Naturwissenschaftlich interessant ist der Beitrag von Svenja Brockmüller & a. zum Sund von Lefkada in Nordwestgriechenland (p. 49–66), in dem sowohl eine Hebung des Meeresspiegels als auch Verlandung im Zusammenhang mit Übernutzung der angrenzenden Landstriche festzustellen sind. Einen guten Überblick zu den Methoden der Vegetationsgeschichte bietet Ulrich Kull (p. 221–243), der darauf verweist, dass in der Antike kaum Holzwirtschaft, aber auch kein Kahlschlag betrieben wurde und erst späte Schäden seit dem 19.Jh. das karge Bild südlicher Landschaften prägen (p. 231. 233f.).

Unter den Beiträgen zu den Rohstoffen stechen zunächst diejenigen zu den Metallen hervor. Iris von Bredow befasst sich auf schwer verständliche Weise mit dem Transport von Metall bzw. metallenen Gegenständen im östlichen Mittelmeer, von dem die Griechen in früharchaischer Zeit ausgeschlossen gewesen sein sollen, während die Phöniker gerade auch Rohmaterial aus Südostkleinasien und Zypern verschifften (p. 37–48). Sven Günther (p. 143–154), Matthäus Heil (p. 155–173) und Alfred M. Hirt (p. 193–203) wenden sich in ihren Artikeln der Organisation des Bergbaus zu, den die Römer in der Regel verpachteten und im Falle von Vipasca (Lusitanien) von den Erträgen 50% an Abgaben erwarteten (p. 147f.). Ein ausführlicher Beitrag von Denis Morin und Adonis Photiades (p. 281–335) beschäftigt sich eingehend mit der Geologie von Laureion und der beachtlichen antiken Ingenieurstechnik in den neu erforschten Tiefenschächten, die auch im Bildmaterial auf der dem Band beigelegten DVD reichhaltig dokumentiert sind. Die Beiträge von Josef Fischer (p. 127–135) und Hans-Peter Kuhnen (p. 205–219) befassen sich mit Metallabbaugebieten nördlich der Alpen und stellen diese mit der Besiedlungsgeschichte in Zusammenhang, während Peter Rothenhöfer und Micheal Bode (p. 345–360) sich zu Herkunft und Verteilung von Blei in Germanien Gedanken machen. Verdienstvoll ist der Aufsatz von Johannes Engels (p. 103–118) zu den in der Literatur meist übergangenen fossilen Werkstoffen (Asphalt, Pech, Teer etc.), die vielfältige Anwendungsbereiche kannten. Wichtig ist auch Peter Herz’ Abhandlung zu den Gerb- und Färbstoffen (v.a. Alaun), die in der Antike ebenfalls in grossen Mengen benötigt wurden (p. 175–191). Eine gute Einführung zur Gewinnung und Verwendung von Salz bietet schliesslich Isabella Tsigarida (p. 377–396).

Erfreulich ist die internationale Zusammensetzung der Autorschaft, wobei die fremdsprachigen bzw. übersetzten Beiträge allerdings auch sprachliche Probleme mit sich bringen. Ivan A. Ladynin setzt die im Bosporanischen Reich gefundenen ptolemäischen Fingerringe zu dem Getreideexport in Beziehung (p. 245–260). Anna Maria Seminara beschäftigt sich mit Olivenöl in Linear B-Täfelchen (p. 361–376), dessen Einsatz als Zahlungsmittel freilich erhebliche Deutungsprobleme aufwirft.

Nach dem reichen Spektrum wissenschaftlicher Beiträge zu natürlichen Ressourcen endet der Band mit einem durchaus gedankenreichen und anregenden Festvortrag des Ökonomen Siegfried F. Franke (p. 397–415), der bei dem Historiker allerdings auch einen schalen „neoliberalen“ Beigeschmack hinterlässt. Die Rede zieht in Anlehnung an einen Artikel von Christian Bartsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.3.2007 (elektronische Version 3.4.2007) wenig differenziert über die Arbeit und Bedeutung des Weltklimarates IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) her. Es ist zwar durchaus berechtigt, auf fehlerhafte Zukunftsprognosen und den teilweise religiös anmutenden Nimbus von Umweltberichten sowie deren politische Instrumentalisierung hinzuweisen, doch führt die geforderte Deregulierung etwa der Gentechnik nicht selbstredend zu einem besseren Umgang mit den Ressourcen und mehr Wohlstand. Historiker und Ökonomen können sich kaum aus der Verantwortung beim Klimawandel ziehen, indem der diesbezügliche Anteil des Menschen für unerheblich erklärt wird. Wir bleiben als Zeitgenossen weiterhin gefordert, auch mit Erkenntnissen aus der Vergangenheit zu einem reflektierten Verhalten in der Gegenwart beizutragen und dafür lassen sich in diesem Band viele wertvolle Informationen finden.

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