Bryn Mawr Classical Review

Bryn Mawr Classical Review 2011.07.27

Francesca Mestre, Pilar Gómez (ed.), Lucian of Samosata, Greek Writer and Roman Citizen.   Barcelona:  Publicacions i edicions de la Universitat de Barcelona, 2010.  Pp. 290.  ISBN 9788447534067.  €23.00 (pb).  



Reviewed by Serena Pirrotta, Georg-August-Universität Göttingen (spirrot@uni-goettingen.de)

In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Forschung immer intensiver mit Lukian von Samosata beschäftigt. Man könnte beinahe von einer Renaissance der Lukian-Studien sprechen, die u.a. zur Organisation zahlreicher Symposien und Konferenzen geführt hat: 1993 veranstaltete z.B. die Universität von Lyon ein internationales Colloquium, dessen Ergebnisse 1994 publiziert wurden (Lucien de Samosate: Actes du colloque international de Lyon organizé au Centre d'Études Romaines et Gallo-romaines le 30 septembre-1er octobre 1993, ed. A. Billault. Lyon 1994), und zwei Jahre später, 1995, fand ein Colloquium über Lukians Rezeption am Warburg Institute statt (Lucian of Samosata Vivus et Redivivus, ed. Ch. Ligota & L. Panizza. Warburg Institute Colloquia, 10. London/Turin 2007; vgl. BMCR 2008.08.11).1

Auch das hier rezensierte Buch ist aus einem internationalen Colloquium hervorgegangen, das von der Forschungsgruppe Graecia Capta der Universität von Barcelona im November 2006 organisiert wurde. Der 2010 erschienene Sammelband ist in zwei Hauptteile gegliedert, die den zwei Schwerpunkten der Konferenz entsprechen und gleichzeitig die zwei Hauptrichtungen der Lukianforschung widerspiegeln: Der erste Teil, „Lucian the writer“, untersucht verschiedene Aspekte der literarischen Produktion Lukians, seiner Beziehung zu den Modellen der Tradition sowie zu den philosophischen und literarischen Tendenzen seiner eigenen Epoche; der zweite Teil, „Lucian the citizen“, ist der Stellung Lukians als Bürger des römischen Reiches gewidmet. Den Herausgebern und Autoren des Bandes gelingt es somit, den brennenden Fragen der wissenschaftlichen Diskussion über Lukian ein Forum zu bieten: Der Leser bekommt einen Einblick in die Vielseitigkeit dieses Autors und in die neuesten Tendenzen der Forschung. Der Band enthält außerdem die Eröffnungsrede von Prof. Carles Miralles („Del meu tracte amb Llucià“) und am Schluss einen interessanten Bericht über sämtliche Lukian-Ausgaben des 16.-18. Jh. im Bestand der Universitätsbibliothek von Barcelona.

Obwohl der Band einen englischen Titel trägt, sind die meisten Beiträgen in anderen Sprachen verfasst (Französisch, Katalanisch, Spanisch und Italienisch), jedoch mit einem kurzen Abstract auf Englisch bzw. Französisch versehen. Aufgrund der Vielzahl der Beiträge werden wir uns hier auf eine kurze Beschreibung und ggf. Bewertung ihrer Inhalte beschränken müssen.

M. Bonazzis Beitrag „Luciano e lo scetticismo del suo tempo“, der den 1. Hauptteil „Lucian the writer“ eröffnet, untersucht die komplexe Beziehung Lukians zum zeitgenössischen Skeptizismus. Mit überzeugenden Argumenten zeigt der italienische Gelehrte, dass Lukian mit der Terminologie der Skeptiker vertraut war und sie zu parodistischen Zwecken zu verwenden wusste. Nach Bonazzi ist Lukians Haltung dem Skeptizismus gegenüber als positiv zu bewerten, obwohl es sich nicht behaupten lässt, dass der Autor ein Vertreter dieser philosophischen Strömung war. Man könnte höchstens von einer moderaten Form der Skepsis oder besser von einem Interesse Lukians an der „ negativen“ bzw. kritischen Seite dieser Philosophie im Allgemeinen sprechen, durch welche er die Argumentationen der Philosophen als bodenlos demontiert, um die Werte der „vita comune“ wiederzuentdecken.

B. Decharneux widmet seinen Aufsatz „Lucien doit-il être rangé dans la boîte des philosophes sceptiques?“ ebenfalls Lukians Haltung zum Skeptizismus. Er untersucht vor allem den Hermotimus, die Verae historiae und die Vitarum auctio, zeigt, wie Lukians Werk sich jeglicher Form philosophischer Kategorisierung entzieht und betont die Komplexität seiner Beziehung zu den philosophischen Schulen seiner Zeit.

Die zwei „philosophischen“ Aufsätze sind durch einen Essay über die Rezeption von Lukians Totengesprächen im 18. Jh. und vor allem über die Erneuerung dieser Gattung durch Bernard Le Bovier de Fontenelle (J. Carruesco und M. Reig „Fontenelle i els Nous Diàlegs dels morts: unes Vides paral•leles a la manera de Llucià“) getrennt. Die einzige Kritik, die man zu diesem ansonsten sehr interessanten und gelungenen Beitrag äußern könnte, gilt seiner Stellung innerhalb des Bandes. Der Schwerpunkt dieses Essays liegt nämlich mehr auf Fontenelle als auf Lukian: eine Einordnung am Ende des ersten Teils bzw. des Bandes, als eine Art Appendix zur Lukian-Rezeptionsgeschichte, wäre m.E. angebrachter gewesen.

M. García Valdés („Luciano: Diálogo y compromiso intelectual“) bietet einen Überblick über sämtliche Dialoge und einige prolaliai. Die Autorin konzentriert sich insbesondere auf die Selbstpositionierung Lukians in Bezug auf die eigene literarische Innovation. Ihrer Ansicht nach zielt Lukians Erneuerung der Gattung „Dialog“ darauf, mit einem einfacheren Stil ein breiteres Publikum zu erreichen: Lukian erfinde eine neue Art und Weise, mit dem Publikum zu kommunizieren, indem er eine spielerische Haltung als „sentido carnevalesco del mundo“ entwickele.

I. Gassino („Par-delà toutes les frontières: le pseudos dans les Histoires vraies de Lucien“) befasst sich vor allem mit den Verae historiae. Die Autorin erklärt die Bedeutung des Wortes ψεῦδος als „Fiktion“ anstatt als „Lüge“ und analysiert die Beziehungen dieses Begriffes einerseits zur Realität (ἀλήθεια), andererseits zum „discours raisonné“ bzw. „scientifique“.

P. Gómez und M. Jufresa widmen ihren Beitrag dem Symposium („Llucià a taula: aliments i simposi“), das als parodistisches „Antisymposion“ sowohl im literarischen Sinne (Parodie der Symposionliteratur) als auch im gesellschaftlichen Sinne (Parodie der zeitgenössischen Gastmahle) interpretiert wird. Die zwei Autorinnen fassen den Dialog sehr richtig als gelungene Mischung zwischen Philosophie und Komödie, wobei die Beziehungen zu Plato einerseits und zur alten Komödie andererseits hätten noch vertieft werden können.2

Aus einer genauen Betrachtung der Stellen, in denen Lukian die Christen und Jesus erwähnt, schließt O. Karavas („Luciano, los cristianos y Jesucristo“), dass unser Autor genaue Kenntnisse über das Phänomen „Christentum“ besaß, so dass sein Zeugnis sich als ernst zu nehmendes Dokument zum Frühchristentum erweist. Karavas deutet außerdem im positiven Sinne das Wort „Sophist“, mit dem Lukian in De morte Peregrini § 13 Christus bezeichnet; Lukians Haltung dem Christentum gegenüber sei nicht, wie oft behauptet, parodistisch oder abschätzig, sondern offen und durchaus neugierig.

K. Ní-Mheallaighs „The game of the name: onymity and the contract of reading in Lucian“ und T. Whitmarshs „The Metamorphoses of the Ass“ thematisieren unter verschiedenen Perspektiven das Spiel mit den auktorialen Identitäten und Namen in Lukians literarischer Strategie. Ní-Mheallaigh untersucht anhand der Verae historiae die Rolle von metonymity (das Zitieren von Namen anderer Autoren innerhalb des Textes) und onymity (Präsenz des Autorennamens) bei der Bestimmung des contract de lecture zwischen Autor und Leser. Whitmarsh stellt sich der Problematik der Identität(en) in der (pseudo-)lukianischen Schrift Lucius sive asinus und bespricht die verschiedenen Versionen der Eselsromane: Die Identitäten-Konfusion in dem Zeugnis des Photios (Bibliotheca codex 129) bei der Unterscheidung zwischen den verlorenen Metamorphosen des Lukios von Patrai und der kürzeren, Lukian zugeschriebenen Version der Eselsgeschichte (Lukis bzw. Lukios oder der Esel) beweise die Schwierigkeit der antiken Leser, sich mit dem fiktiv-autobiographischen Charakter dieser literarischen Werke auseinanderzusetzen. Das Spiel mit der Identität des Autors bzw. Erzählers, das für die Metamorphosen-Texte charakteristisch ist, sei als „reflection on the instability of the self“ zu betrachten. In dieser Hinsicht plädiert Whitmarsh für eine „Rehabilitierung“ der (pseudo-)lukianischen Lukiosgeschichte, die – alles andere als „paraliterary fluff“ – dieser Tradition völlig zu Recht angehöre. In Bezug auf die Authentizität der Schrift Lucius sive asinus schließt Whitmarsch Lukians Autorschaft nicht aus; im Gegenteil spreche Lukians Vertrautheit mit Mimesis und Masken für die lukianische Urheberschaft dieses Textes.

Der Beitrag von A. Billault „Lucian, Lucius Verus et Marc Aurèle“ eröffnet den zweiten Teil des Bandes: „Lucian the citizen“. Im Mittelpunkt steht Lukians Beziehung zu den Kaisern Lucius Verus und Mark Aurel, die anhand der Werke De saltatione, Imagines, Pro imaginibus, Quomodo historia conscribenda sit und Apologia analysiert wird. Nach Billault versucht Lukian in diesen Schriften, die Gunst des jeweils amtierenden Kaisers für sich zu gewinnen, indem er die von Lucius Verus geliebte Kunst der Pantomime preist (De saltatione), die Schönheit der Pantheia, der Geliebten des Lucius Verus, lobt (Imagines, Pro imaginibus), die schmeichelhafte Haltung der Geschichtsschreiber gegenüber den militärischen Erfolgen des Lucius Verus kritisiert (Quomodo historia conscribenda sit) und sich als Verehrer des Kaisers Mark Aurel präsentiert (Apologia). Während die Überlegungen zu Lukians Einstellung Lucius Verus gegenüber in De saltatione, Imagines, Pro imaginibus und Quomodo historia conscribenda sit keinen wesentlich neuen Beitrag zur bereits bestehenden wissenschaftlichen Diskussion darstellen,3 enthält die Analyse der Apologia interessante Beobachtungen zu Lukians Verwendung „stoischer“ Argumentationen im Zuge seiner „Selbstverteidigung“, die Billault als Versuch interpretiert, sich der Philosophie Mark Aurels, so wie diese in den Selbstbetrachtungen ausgedrückt wird, zu nähern.

Die zwei folgenden Aufsätze (C. Darbo-Peschanskis „L’historia d’un citoyen romain de langue grecque“ und J. Gómez Espelosíns „Luciano y el viaje: una estrategia discursiva“) würden m. E. eher in den ersten Teil des Bandes gehören. Nach einem Überblick über die unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffes historia untersucht Darbo-Peschanski Lukians Stellung zu dieser Gattung am Beispiel der Schrift Quomodo historia conscribenda sit. Espelosíns Beitrag ist hingegen der Reisethematik in Lukians Werk gewidmet, die unter dem Gesichtspunkt ihrer literarischen Funktionalität als rhetorische Strategie interpretiert wird.4

D. Konstan („Anacharsis the Roman, or Reality vs. Play“) bietet eine neue Deutung des Anacharsis. Als zentrales Thema des Dialogs sei nicht so sehr der Vergleich zwischen einer griechischen (Solon) und einer römischen (Anacharsis) Sicht auf athletische Aktivitäten (gymnasia) anzusehen, sondern vielmehr die Gegenüberstellung von einer „ernsten“, utilitaristischen Auffassung der sportlichen Tätigkeit (Solon und Anacharsis) und einer, die den Sport als reine Unterhaltung versteht (Lukian): (S. 189) „The Anacharsis is to gymnastic sport what the True History is to literature; an argument that παιδεία is not, in the end, so very different from παιδιά.“

Lukians Beziehung zu Ägypten ist Thema des Beitrags von A. Martin („Lucian et l’Égypte“). Der Autor teilt Pflaums Hypothese, Lukian habe als archistator des Präfekten in der römischen Provinz (und nicht als εἰσαγωγεύς, wie neuere Studien behaupten) gewirkt, und stellt die von Schwartz vorgeschlagene Chronologie 171-175 in Frage.5 Außerdem betont er durch den Vergleich von Luc. Luct. 21 mit archäologischen und papyrologischen Quellen die Glaubwürdigkeit Lukians als Zeugen ägyptischer Realien.

Die letzten zwei Beiträge des zweiten Teils beschäftigen sich aus verschiedenen Perspektiven mit der Präsenz und der Thematisierung der nicht-griechischen Sprachen in Lukians Werk: F. Mestre und E. Vintró („Lucien ne sait pas dire bonjour...“) untersuchen die Schrift Pro lapsu und betrachten den sprachlichen Fehler, den der Ich-Erzähler bei einer morgendlichen salutatio begangen hat (Verwendung der falschen Grußformel) als Folge der Interferenz zwischen den zwei Amtssprachen des römischen Reiches, Latein und Griechisch. B. Rochette („La problématique des langues étrangères dans les opuscules de Lucien et la conscience linguistique des Grecs“) analysiert die komplexe Beziehung Lukians zu den fremden Sprachen. Als Nicht-Hellene zeige Lukian Interesse und Respekt vor den nicht-griechischen Sprachen bzw. den Nicht-Muttersprachlern, wie er selbst es war, die sich die Sprache der paideia angeeignet haben. Seine Kritik richte sich vielmehr gegen jene Vertreter der paideia, deren Griechisch nicht korrekt ist: diese werden häufig als βάρβαροι bezeichnet.

Zusammenfassend handelt es sich bei diesem Band – abgesehen von den wenigen Einwänden, die hier vorgebracht wurden – um einen nützlichen Beitrag zur Lukianforschung, der interessante Ansatzpunkte für weitere Diskussionen bietet.

Inhaltsverzeichnis:

Preface

Introduction

Opening lecture:

Carles Miralles, Del meu tracte amb Llucià (On my dealings with Lucian)

I. Lucian the writer:

Mauro Bonazzi, Luciano e lo scetticismo del suo tempo

Jesús Carruesco & Montserrat Reig, Fontenelle i els Nous Diàlegs dels morts: unes Vides Paral•leles a la manera de Llucià

Baudouin Decharneux, Lucien doit-il être rangé dans la boîte des philosophes sceptiques?

Manuela García Valdés, Luciano: Diálogo y compromiso intelectual

Isabelle Gassino, Par-delà toutes les frontières: le pseudos dans les Histoires vraies de Lucien

Pilar Gómez & Montserrat Jufresa, Llucià a taula: aliments i simposi

Orestis Karavas, Luciano, los cristianos y Jesucristo

Karen Ní-Mheallaighs, The game of the name: onymity and the contract of reading in Lucian

Tim Whitmarsh, The metamorphoses of the Ass

II. Lucian the citizen:

Alain Billault, Lucian, Lucius Verus et Marc Aurèle

Catherine Darbo-Peschanski, L’historia d’un citoyen romain de langue grecque

Javier Gómez Espelosín, Luciano y el viaje: una estrategia discursiva

David Konstan, Anacharsis the Roman, or Reality vs. Play

Alain Martin, Lucian et l’Égypte

Francesca Mestre & Eulàlia Vintró, Lucien ne sait pas dire bonjour

Bruno Rochette, La problématique des langues étrangères dans les opuscules de Lucien et la conscience linguistique des Grecs

III. Lucian in the Library of the University of Barcelona:

Lluís Gonzáles & Laia Bofill, Edicions conservades al Fons Antic de la BUB


Notes:


1.   In jüngster Zeit wurde eine internationale Konferenz an der University of Kent veranstaltet (2007), deren Akten 2009 publiziert worden sind (A. Bartley (ed.), A Lucian for Our Times. Newcastle 2009; vgl. BMCR 2010.05.26); 2008 fand ein internationales Symposium in Adiyaman (Türkei) statt (vgl. http://www.adiyaman.edu.tr/gunluk/?p=771).
2.   Sie betonen z.B. die Berührungspunkte mit dem Dialog De parasito und zeigen, wie die Haltung der Philosophen im Symposium jener der Parasiten gleichzusetzen ist, ohne aber zu erwähnen, dass die Assimilation zwischen Philosophen und Parasiten/κόλακες schon in der ἀρχαία zu finden ist (vgl. z.B. Eupolis’ Kolakes).
3.   Vgl. z.B. J. Hall, Lucian’s Satire, New York 1981, S. 20ff.; J.P. Jones, Culture and Society in Lucian, Cambridge Mass./London 1986, S. 68ff. und S. Swain, Hellenism and Empire, Oxford 1996, S. 314f.
4.   Auf S. 170 bezieht J. Gómez Espelosín Nigrinos’ Worte in § 19 (εἰ γὰρ χρὴ καὶ κακῶν ἔπαινον εἰπεῖν, μὴ ὑπολάβῃς μεῖζόν τι γυμνάσιον ἀρετῆς τῆς ψυχῆς δοκιμασίαν ἀληθεστέραν τῆσδε τῆς πόλεως καὶ τῆς ἐνταῦθα διατριβῆς) fälschlicherweise auf Athen: mit τῆσδε τῆς πόλεως ist Rom gemeint, wo der Philosoph lebt.
5.   Vgl. J. Schwartz, Biographie de Lucien de Samosate, Bruxelles 1965.

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