Bryn Mawr Classical Review

Bryn Mawr Classical Review 2011.06.18

Paola Radici Colace, Silvio M. Medaglia, Livio Rossetti, Sergio Sconocchia (ed.), Dizionario delle scienze e delle tecniche di Grecia e Roma (2 vols.). Biblioteca di Technai 1.   Pisa/Roma:  Fabrizio Serra editore, 2010.  Pp. 1343.  ISBN 9788862271844.  €295.00 (pb).  



Reviewed by Peter Kritzinger, Friedrich-Schiller-Universitaet, Jena (peter.kritzinger@uni-jena.de)

In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Wissen um die Technik und die Wissenschaft in der antiken Welt durch zahlreiche Einzelstudien vorangetrieben.1 Dazwischen erschienen auch Einführungen und Handbücher, die jeweils den aktuellen Stand der Wissenschaft wiedergeben.2 In diesen Kontext fügt sich nun auch das zu besprechende Werk ein. Die Intention des Dizionario delle Scienze e delle Tecniche di Grecia e Roma (= Diz.) wird von der hauptverantwortlichen Herausgeberin Paola Radici Colace in einer kurzen Einleitung formuliert (S. 9-14). Danach wolle der Diz. "colmare una lacuna nel campo degli studi dell'antichità, costituita dalla mancanza di un Dizionario organico della Scienza e della Tecnica relativo al mondo classico, che metta insieme gli autori, i testi, le pratiche e i processi produttivi (Realien)" (S. 9). Ziel des Werkes scheint also zu sein, theoretisches und praktisches Wissen antiker Technik vereint in einem Nachschlagewerk zu präsentieren. Während in jüngerer Zeit vor allem unter dem Eindruck Moses I. Finleys einflussreicher Studien die Entwicklung antiker Technik häufig in Wechselwirkung zur wirtschaftlichen Genese betrachtet und dargestellt wurde, scheint das vorliegende Werk die Dialektik von praktischer Technik und theoretischer Wissenschaft in den Vordergrund rücken zu wollen.3 Darüber hinaus versteht sich der Diz. "come collettore di quanto già acquisito e come punto di partenza per nuove indagini" (S. 10). Zudem möchte der Diz. "die klassische Kultur in ihrer Gesamtheit beleuchten" (S. 11).

Folgendermaßen ist der Diz. aufgebaut: Er umfasst zwei Bände zu insgesamt 1343 Seiten. Einige Präliminarien sind der Materialpräsentation vorgelagert (S. 1-22). Dem lexikalen Teil ist ein nützlicher Index der Lemmata vorangestellt (S. 17-20). Das Material zu den weitgefassten Themenbereichen wird in nur 455 alphabetisch angeordneten Stichworten präsentiert (S. 23-1037). Das Material wurde auf 29 thematische Bereiche verteilt, für die jeweils ein "curatore" verantwortlich zeichnet (S. 12). Die Lemmata wurden indes von insgesamt 82 Autoren ausgearbeitet (S. 4; 1275-88). Dem Hauptteil schließen sich ein Literaturverzeichnis und ein Glossar an (S. 1039-1274). Beschlossen wird der Diz. von drei Aufsätzen (S. 1291-1343).

Beim Umfang des vorliegenden Werkes liegt es auf der Hand, dass nur eine kursorische respektive punktuelle Besprechung des Inhalts möglich ist. Bereits die Durchsicht des Index offenbart drei inhaltliche Schwerpunkte. Ein erstes Hauptaugenmerk des Diz. liegt augenscheinlich auf den schriftlichen Quellen, den Autoren und Denkern. Deutlich über 150 Einträge entfallen auf diesen Themenkomplex. Ein weiteres Themengebiet stellen die "Realien" dar, dem sich circa 100 Lemmata zuordnen lassen. Auf die "Wissenschaften" ("scienze") entfallen wieder etwa 150 Schlagworte. Weitere 50 Einträge lassen sich keinem dieser Bereiche zuordnen.

Zunächst ist festzuhalten, dass die Beiträge in durchweg routinierter Form verfasst sind. Die Ausführungen entsprechen dem State of the Art und geben im Allgemeinen die sententia communis zum jeweiligen behandelten Gegenstand wieder. Es ist freilich unvermeidbar und liegt wohl in der Natur eines solch großen Projektes, dass die Qualität der Beiträge zum Teil variiert.4 Einige Einträge wurden skrupulös mit Verweisen auf Literatur und Quellen versehen; sie entsprechen durchaus dem selbstformulierten Ziel und können zum Ausgangspunkt für weiterführende Studien dienen.5 Andere Autoren hingegen verzichten leider weitestgehend auf Belege und/oder Verweise.6 Auch Umfang und Ausführlichkeit der Beiträge können beträchtlich voneinander abweichen. Während beispielsweise das Lemma "Agostino" kaum mehr als eine Spalte umfasst, ist der Eintrag "Epicuro" neunmal so lang. Diese Diskrepanz lässt sich zwar ohne Weiteres durch die Ausrichtung des Diz. rechtfertigen; dann stellt sich aber die Frage, wie sinnvoll in einem Nachschlagewerk zu antiker Technik und Wissenschaft grundsätzlich Lemmata zu Augustinus vel simile sind.

Am Ende eines jeden Eintrags findet sich wie üblich jeweils eine kleine Auswahl an weiterführender Literatur.7 Ärgerlich sind jene Literaturangaben, die in der Bibliographie nicht aufgelöst werden.8

Zum ersten inhaltlichen Schwerpunkt (Quellen, Autoren, Denker) finden sich sowohl Lemmata bekannter Größen, wie "Agostino" oder "Platone", als auch etwas entlegenere Einträge, wie etwa "Asclazione" oder "Astrampsico". Häufig ist jedoch der Bezug zum eigentlichen Thema des Diz. kaum ersichtlich. Hier hätte mit Gewinn Raum eingespart und an andere Themen vergeben werden können. So hätte man sich den Sachbereich "Realien" umfangreicher behandelt gewünscht, dem eine sichtlich nachrangige Rolle zukommt. Die wenigen und zudem häufig recht speziellen Lemmata, wie "Strumenti chirurgici", "Tolleno", vermögen dieses umfangreiche Themengebiet nur punktuell und insgesamt unzureichend zu beleuchten. Die Einträge zum Themenkomplex "Wissenschaften" behandeln dagegen durchweg weitgefasste Lemmata, wie etwa "Embriologia", "Ginecologia", "Mantica", "Patologia", weshalb diese zu Recht verhältnismäßig umfangreich ausfallen. Die Schlagworte, die sich keinem dieser Themenkomplexe zuordnen lassen, weisen eine beeindruckende und zum Teil überraschende inhaltliche Bandbreite auf – z.B.: "Archeologia subacquea", "Caldei", "Capo", "Esplorazioni estreme", "Febbre", "Idrofobia", "Pestilenza", "Piante aquatiche", "Sessualità", "Sonno". Die Themenvielfalt geht dabei selbst über das Versprechen, "die klassische Kultur in ihrer Gesamtheit zu beleuchten" (S. 11), hinaus, sodass nicht selten der letzte Bezug zur antiken Wissenschaft und Technik verloren geht.

An den lexikalen Teil schließt sich die Bibliographie an, deren Umfang von beinahe 150 Seiten (S. 1039-1185) beeindruckt. Der schiere Umfang relativiert sich jedoch aufgrund der Tatsache, dass ein nicht geringer Teil der aufgelisteten Titel aus Lexikonbeiträgen besteht.9 Schwerer wiegt freilich, dass eine Reihe zentraler Werke nicht in der Bibliographie aufgeführt wird.10

Der Umfang des Glossars ist nicht minder imponierend und umfasst nahezu 100 Seiten (S. 1188-1274). Allerdings werden nicht eigentlich Stichworte erklärt, sondern lediglich sinnverwandte Begriffe aufgelistet, die dann auf bestimmte Kapitel im Diz. verweisen. Daraus ergibt sich gewissermaßen eine Schnitzeljagd, die zum Schmökern anregt, ja nötigt. Eine schnelle und effektive Begriffserklärung ist freilich kaum möglich.

Im Anschluss daran finden sich einigermaßen unerwartet noch drei wissenschaftliche Beiträge. L. Rossetti (Alle origini dell'idea occidentale di scienza e tecnica, S. 1291-1315) spürt dem Ursprung der Wissenschaften nach, den er zeitlich in der Archaik und räumlich in Milet zu erkennen glaubt. Ja, er macht als Schöpfer des "ersten wissenschaftlichen Traktates" Anaximander aus (S. 1307-10).11

Auch der Beitrag von P. Radici Colace (Metafore della scienza e della tecnica: Contributo alla lingua ed all'immaginario, S. 1317-1322), in dem vor allem der Quellenwert von Metaphern aus der Welt der Technik thematisiert wird, bleibt recht farblos.

Dagegen zeichnet V. Tavernese (Fortuna e valutazioni della scienza e della tecnica antiche nel pensiero medievale, moderno e contemporaneo, S. 1223-1343) überzeugend und pointiert die Rezeption antiker Technik und Wissenschaft bis in die Gegenwart nach.

Einem Werk diesen Umfangs in einem relativ kurzen Fazit gerecht zu werden, fällt schwer und muss wohl bis zu einem gewissen Grad subjektiven Charakters bleiben. Tatsache ist, dass bis dato kein Nachschlagewerk existierte, das in systematischer Weise sowohl theoretisches und praktisches Wissen wie auch Autoren, Texte und Realien zum Thema Wissenschaft und Technik in der Antike vereinte. Dennoch lässt sich hieraus keine "lacuna nel campo degli studi dell'antichità" (S. 9) ableiten. Denn zu antiken Autoren und Texten existieren durchaus aktuelle Nachschlagewerke.12 Auch die antike Technik- und Wissenschaftsgeschichte hat in den letzten Jahren eine Reihe vorzüglicher Handbücher hervorgebracht. Immerhin fehlt auf diesem Gebiet ein aktuelles, alphabetisch geordnetes Nachschlagewerk. Hätte man das Augenmerk auf dieses Defizit eingeengt (so wie es der Titel suggeriert), so wäre es dem Diz. wohl gelungen, eine veritable Lücke in der wissenschaftlichen Literatur zu schließen. So aber verstricken sich Realität und Anspruch des Diz. in eine Reihe von Widersprüchen: Ein alphabetisches Nachschlagewerk, in zwei kartonierten Bänden, zum stolzen Preis von 295 € empfiehlt sich (von der Verarbeitung) weder einer Bibliothek, noch (vom Preis) den meisten privaten Nutzern.13 Ähnlich gespalten erweist sich die Handhabung. Denn obwohl der Diz. als Lexikon konzipiert ist, eignet er sich aufgrund der eigenwilligen Lemmaselektion nur bedingt als Nachschlagewerk.14 Häufig endet die gezielte Suche denn auch in – zugegebenermaßen – kurzweiligem Schmökern. Möglicherweise war dies von den Herausgebern so intentioniert; die originelle Ausführung des "Glossars" legt diese Vermutung sogar nahe. Doch dann hätte sich eine Anordnung des Stoffes nach Themengebieten angeboten. Zudem stellt sich während der Lektüre nicht selten die Frage, worin eigentlich die Verbindung zu den scienze und/oder tecniche bestehen mag.15 Hier hält der Inhalt nicht immer, was der Titel suggeriert. Dass das Lexikon schließlich von drei Aufsätzen beschlossen wird, überrascht nach diesen denkwürdigen Widersprüchen kaum noch.

Am Ende steht die Frage, ob die häufig durchaus qualitätvollen Beiträge (potentielle) Nutzer über diese prinzipiellen Monenda des Diz. hinwegzutrösten vermögen. Wahrscheinlich dürften aber die Antinomien zwischen Titel und Inhalt, Konzeption und Handhabung, Anspruch und Wirklichkeit wohl eher dazu führen, dass man auch in Zukunft zu alternativen Handbüchern und Nachschlagewerken greift.


Notes:


1.   Standortbestimmung bei Greene K., Historiography and Theoretical Approaches, in: Oleson J.P. (Hg.), The Oxford Handbook of Engineering and Technology in the Classical World, Oxford, 2008, 62-90.
2.   Z.B. Forbes R.J., Studies in Ancient Technology, 9 Bde, Leiden 1964-1971; Landels J.G., Engineering in the Ancient World, London 1978; White K.D., Greek and Roman Technology, London 1984; Cech B., Technik in der Antike, Darmstadt 2010, und die in Anm. 10 genannten Werke.
3.   V.a. Finley M.I., Technical innovation and economic progress in the ancient world, in: Econ. Hist. Rev. , 2nd ser., xviii (1965), 29-45.
4.   Einige Beiträge bleiben sichtlich hinter den Ansprüchen des Diz. zurück, bspw.: "Astrologici manoscritti"; "Demetrio Falereo"; "Gladio"; "Piante acquatiche"; "Pugniale"; "Scudo".
5.   Z.B.: "Apollonio Mys"; "Fisica"; "Ottica"; "Veterinaria.
6.   So etwa die Beiträge aus der Feder Carmelo Lupinis v.a. zur Bewaffnung. Vgl. Anm. 4.
7.   Die jedoch nicht immer im strengen Sinn des Wortes weiterführend ist. Z.B.: "Simone"; "Teucro di Babilonia" und die in Anm. 4 genannten Beiträge.
8.   Blanck 1997; Blanck 2008; Burzachechi 1984; Callmer 1985; Canfora 1989; Canfora 1999; Casanova 2001; Dix 2000; Dix-Houston 2006; Dorandi 1995; Dziatzko 1897; Fedeli 1984; Fedeli 1989; Fehrle 1986; Froschauer-Römer 2008; Gamble 2006; Götze 1937; Hanoune 1997; Hoepfner 1996; Houston 1996; Houston 2002; Johnson 1978; Langie 1908; Makowiecka 1978; McCabe 2007; Müller-Graupa 1933; Nicolai 1987; Nicolai 1988; Nicolai 2000; Otranto 2000; Parsons 1952; Pasquali 1930; Perrotta 1928; Piacente 1988; Pinto 2006; Plathy 1968; Pütz 1925; Raeder 1988; Rapin 1987; Richter 1901; Rostovtzeff 1953; Sève 1990; Spallone 2008; Staikos 2000; Staikos 2004; Strocka 1981; Strocka 1994; Vössing 1997, Vössing 2005; Wendel 1943; Wendel 1954; Wendel-Göber 1951.
9.   Z.B. werden zu V. Nutton 35 und zu M. Stamatu 23 Lexikonbeiträge aufgelistet.
10.   Folgende Werke bleiben unberücksichtigt: Neuburger A., Die Technik in der antiken Welt, München, 1919; Forti U., Tecnica e progresso umano, Bd. 1: La tecnica nella preistoria e nell'antichità, Mailand 1963; Mondini A., Storia della tecnica, Bd. 1: Dalla preistoria all'anno mille, Turin 1973; Gille B. (Hg.), Histoire des Techniques, Paris 1978; Basalla G., The Evolution of Technology, Cambridge 1988; Schneider H., Die Gaben des Prometheus. Technik im antiken Mittelmeerraum zwischen 750 v.Chr. und 500 n.Chr. , in: Propyläen Technikgeschichte Bd. 1, Berlin 1990; Schneider H., Einführung in die antike Technikgeschichte, Darmstadt 1992; Chevallier R., Sciences et techniques à Rome, Paris 1993; Meissner B., Die technologische Fachliteratur der Antike, Berlin 1996; Lewis M.J.T., Surveying instruments of Greece and Rome, Cambridge 2001; Oleson J.P. (Hg.), 2008 (Anm. 1).
11.   Mit Verweis auf den berühmten, wenngleich wenig aussagekräftigen Passus bei: Them., or. 36 (sic!). Ebenso gut ließe sich Thales als erster "Wissenschaftler" ins Feld führen. Siehe Simpl., in Phys. 23,29 (gerade Rossetti gesteht Simplicius eine "particolarmente autorevolezza" zu, S. 1308, Anm. 3). Letztlich wird man mit der einen wie mit der anderen individuellen Benennung dem tatsächlichen Ursprung der "Wissenschaft" kaum gerecht werden. Auf S. 1294 bleibt ein Satz unvollendet.
12.   Einige Beispiele (ohne die großen Lexika): della Corte F. (Hg.), Dizionario degli scrittori greci e latini, 3 Bde, Mailand, 1988; Howatson M.C. (Hg.), The Oxford Companion to Classical Literature, Oxford 21991; Claussen W.V./ Kenney E.J.(Hgg.), The Cambridge History of Classical Literature, 9 Bde, Cambridge 1996; Schütze O (Hg.), Lexikon antiker Autoren, Darmstadt 1997; die Neubearbeitung des HAW Abt. 7-9.
13.   Zur Ausstattung ist zu erwähnen, dass die spärlichen, einfarbigen Abbildungen häufig von zweifelhafter Qualität sind.
14.   Die Zerschlagung eines einheitlichen Themas in viele Lemmata führt zu einer unüberschaubaren inhaltlichen Verzweigung. Zudem werden Schlagworte verschiedener Hierarchien nebeneinander angeführt. Zur Verdeutlichung ein beliebiges Beispiel: "Astrologia"; "Astrologica, letteratura (Grecia)"; "Astrologica, letteratura (Roma)"; "Astrologiche, metafore"; "Astrologiche, previsioni"; "Astrologici, compendi e compilazioni"; "Astrologici, manoscritti"; "Astrologico, lessico". Diese Organisation des Stoffes führt nicht nur zu weiträumigen inhaltlichen Überschneidungen; eine gezielte Suche ist so kaum möglich.
15.   Beispielsweise: "Archeologia subacquea", "Capo", "Caldei", "Idrofobia", "Febbre", "Pestilenza", "Piante aquatiche", "Sessualità", "Sonno" etc.

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