Bryn Mawr Classical Review

Bryn Mawr Classical Review 2010.08.16

Antonia Wenzel, Die Xandra-Gedichte des Cristoforo Landino. Kalliope 10.   Heidelberg:  Universitätsverlag Winter, 2010.  Pp. 329.  ISBN 9783825355630.  €45.00.  



Reviewed by Thomas Gärtner, th-gaertner@gmx.de (Universität zu Köln)

Als Ergebnis einer Dissertation an der Freien Universität Berlin aus dem Jahr 2007 legt Antonia Wenzel nunmehr eine neue Ausgabe von Cristoforo Landinos Gedichtsammlung unter dem Titel Xandra mitsamt deutscher Übersetzung und Kommentar vor.

Die Besonderheit dieser kommentierten Ausgabe besteht darin, daß hier nicht etwa die überarbeitete, aus drei Büchern bestehende Fassung von 1458/1459 ediert und kommentiert wird, die den meisten Arbeiten über die Xandra zugrundeliegt, sondern die frühere Version (genannt "Fassung B") von ca. 1444, die aus nur einem Buch besteht. In der früheren Ausgabe von Alessandro Perosa (Florenz 1939) ebenso wie in der neuen in der "I Tatti Renaissance Library" erschienenen lateinisch englischen Ausgabe von Mary P. Chatfield (London 2008), die textkritisch ganz auf Perosa fußt, wird zunächst jeweils die Dreibücherversion dargeboten, und dann folgen in einer Appendix nur diejenigen Gedichte der frühen Version, die nicht mit weitgehender wörtlicher Übereinstimmung in die endgültige Version übernommen wurden, wobei es sich um nur 29 von insgesamt 53 Gedichten der "Fassung B" handelt.

Einerseits bietet also Wenzel mit ihrer geschlossenen Darbietung der "Fassung B" ein willkommenes Novum gegenüber Perosa und Chatfield, andererseits ergeben sich aber gerade infolge der sehr eingehenden Kommentierung gewisse Schwierigkeiten in der Benutzung des Buchs: Wer sich mit einem Gedicht der endgültigen Fassung der Xandra befassen will, muß zunächst einmal feststellen, ob dieses Gedicht auch in der früheren "Fassung B" enthalten ist und ob er also den reichhaltigen neuen Kommentar benutzen kann. Dann muß er aber immer noch berücksichtigen, daß die Gedichte der späteren Fassung gegenüber B im Wortlaut oftmals modifiziert sind; er muß also damit rechnen, daß von Wenzel eine etwas abweichende Textversion kommentiert wird.

Die von Wenzel bearbeitete "Fassung B" ist im Gegensatz zu der wesentlich komplexer überlieferten späteren Version nur in einer in Lucca befindlichen Handschrift erhalten ("Lu"); diese Handschrift wurde (anders als bei Chatfield, die textkritisch ganz auf Perosa fußt) erneut kollationiert. Die schnellste Möglichkeit der Feststellung, ob ein Gedicht der Endfassung auch in "Fassung B" erhalten ist (und somit von Wenzel kommentiert vorliegt), besteht darin, die in Perosas Ausgabe unter den Gedichtüberschriften stehenden Überlieferungsträger des jeweiligen Stückes auf das Vorhandensein der Sigle "Lu" zu überprüfen--eine Konkordanz fehlt.

Nach kurzen Ausführungen zu "Leben und Werk" Landinos (11-14) bietet Wenzel einen Vergleich zwischen erster und zweiter Fassung (15-24). Das stärkere Hervortreten von Florenz als politischer Heimat in der zweiten Fassung erinnert den klassischen Philologen ein wenig an das vierte Properz Buch.

Im folgenden beschäftigt sich Wenzel mit "literarischen Topoi in Landinos Gedichtsammlung" (25-41). Das Kapitel "Antike Dichtung in Landinos Xandra" behandelt in eingängigen Einzelinterpretationen die Benutzung bestimmter antiker Vorbilder (die vor allem Catull und der augusteischen Klassik entstammen) in speziellen Gedichten der B Fassung (mit der Charakterisierung des Culex als eines "in tiberianischer Zeit entstandenen bukolischen Gedichts" [56] legt sich Wenzel in der diffizilen Culex-Frage wohl weitgehender fest, als es für ihre Zwecke erforderlich ist).

Das fünfte und letzte Kapitel der Einleitung (65-79) ist dem Einfluß zweier anderer Dichter der früheren Renaissance, nämlich Petrarcas und Antonio Beccadellis, auf Landino gewidmet. Über die Beeinflussung bestimmter, prinzipiell bereits in der Antike vorhandener, Topoi der Liebesdichtung wie etwa des Motivs des "Jochs der Liebe" durch diese zeitgenössischen Autoren mag man streiten. Unbestreitbar läßt sich ihr Einfluß aber in bestimmten eindeutigen Imitationen erweisen, am deutlichsten in der Nachdichtung eines Volgare-Gedichts Petrarcas (RVF 132) in Nr. 23 der B Fassung.

Man vermißt ein Kapitel, welches sich mit dem Gesamtaufbau der "Fassung B" befaßt, etwa der Frage nachgeht, inwiefern die Zusammenballung von distichischen Stücken am Anfang und von Polymetra am Ende der Sammlung vom Aufbau der catullischen Gedichtsammlung beeinflußt ist.

Der Text Wenzels beruht, wie gesagt, auf einer Neukollation von "Lu", wobei einige Irrtümer Perosas beseitigt werden. Insofern die Gedichte der B Fassung teilweise mit fast wörtlicher Übereinstimmung auch in die breiter überlieferte spätere Version übernommen wurden, ergibt sich durch Vergleich mit dieser späteren Fassung eine willkommene Möglichkeit, die unikale Überlieferung von "Lu" zu kontrollieren. Natürlich muß man sich hüten, spätere Modifikationen Landinos in die frühere Fassung hineinzukonjizieren, aber in zwei Fällen ergibt sich doch die Möglichkeit, den Text zu verbessern:

5, 7-9 Quod si te certa deus hic violare sagitta/ Ceperat et faculis urere corda novis,/ Tunc Titii duros poteris ridere dolores: Hier ist das Plusquamperfekt ceperat sprachlich nicht zu rechtfertigen und muß durch das Futur II ceperit (=coeperit) ersetzt werden, was sich durch A (spätere Fassung) I 4, 8 bestätigt.

44, 17-20 Nunc enim fugiente forma/ Cornibus spargi [vgl. Ov. met. III 194] comites stupebant;/ Hic sibi notis canibus revelli/ Viscere sensit. Hier wird der zuvor genannte Actaeon als Exempel der Macht Dianas herangezogen. Eine Hervorhebung der Gegenwart der Verwandlung durch Nunc (17) ist sinnlos; stattdessen hat man ein mit Hic (19) korrespondierendes Hunc herzustellen, was die mehrheitliche Überlieferung in A I 22, 17 bestätigt (Nunc nach Perosas Apparat nur in "Be" und "Lu"; daß Nunc dort auch bei Perosa im Text steht, ist vielleicht nur ein Versehen, wie die Reihenfolge seiner Apparateinträge nahelegt). Zur Korruptel vgl. auch die zweifellos korrekte Herstellung in 9, 9 (Hec in Nec verschrieben).

Auch in anderen Fällen scheint Mißtrauen gegenüber dem in "Lu" (und gelegentlich auch in der A Fassung) überlieferten Text angezeigt:

12, 9 f. Durior ergo petra nisi sis, durissima, dura,/ Licterulas cupies, candida Xandra, meas. Nach dem Inhalt des ganzen Gedichts geht es nicht darum, daß Sandra die Gedichte Landinos "begehren" soll, sondern nur darum, daß sie die Annahme nicht mehr verweigern soll. Also ist cupies in capies zu ändern, vgl. 28, 1 f. tabellas/ Cum capias, wo sich die Lage geändert hat.

22, 3 At tu subridens vicinam forte locasti/ Sperans me vocis flectere posse sono. Innerhalb des Gehabes einer Prostituierten, die Landinos Aufmerksamkeit erwecken will, ist Wenzels Lesung locasti gewiß eine Verbesserung gegenüber Perosas unverständlichem locuta. Aber die im Kommentar versuchte Deutung im Sinne von vicinam te locasti (mit Ellipse von te) ist doch härter als die angeführten Parallelen. Man mag locas te vermuten. Für das--auch bei Landino--ungewöhnliche Monosyllabon am Versende könnte man auf Cat. 107, 5 ipsa refers te verweisen.

35, 3 f. Quid laqueum texis, qui te mox, perdite, captet/ Et referas dextra vulnera facta tua. Es geht darum, daß der Dichter seinen Liebesschmerz durch das Dichten erneuert. Wenzel deutet im Kommentar das schon vom Modus her nicht neben texis passende referas poetologisch: "Landino erneuert, berichtet mit der rechten Hand, d.h. er schreibt über die ihm … zugefügten Wunden". Eher sollte man referas (auch in A I 17, 4 bei Perosa) in reseras ändern: "warum öffnest du mit deiner eigenen Rechten erneut die dir schon zugefügten Wunden"; zur Junktur vulnus/vulnera reserare vgl. Seren. med. 802.

48, 13 f. Queque sequenda forent, que sint vitanda vicissim,/ Ostendis nigros doctus defingere mores. Die nigri mores werden von einem guten Erzieher kaum "dargestellt” ("der du es verstehst, schlechtes Verhalten zu schildern" Übersetzung), sondern vielmehr umgebildet, vgl. 1, 18-20 (über carmina nigra), also steht defingere für diffingere (Chatfield: "reforming").

48, 18 f. Parnasia turba sororum/ Ora Meduseo prohibet me tingere (scripsi : tangere "Lu”) fonte. 52, 40 nec Aonium tangere passa nemus stützt die Überlieferung nicht.

48, 23-28 Non ego magnanimi cantarem Cesaris arma/ Prelia nec Magni laudatave facta Catonis/ Nec canerem predas referentem ex hoste Camillum/ Nec victum Hasdrubalem properataque castra Neronis./ Est quod pace queam de te memorare, tibique/ Quam sit firma fides, quam sit pia vita referrem. Mit Est quod … queam wird das irreale Gefüge unterbrochen, und pace im Sinne von "mit deiner Erlaubnis" (Kommentar; Übersetzung: "Es gibt etwas, das ich--mit deiner Erlaubnis--von dir erzählen könnte") erfordert ein tua. Ich erwäge eine Änderung von Est in Sed: "sondern (ich würde vielmehr das berichten), was ich dir im Frieden (im Gegensatz zu den vorher genannten Feldherren) nachrühmen kann, nämlich ( que epexegetisch)". pace i.q. in pace wie bei Ant. Becc. Herm. II 33, 5.

Einige weitere Bemerkungen zum Text:

1, 35 superque est/ Istis, si potes, ultimus sedere. So nicht zu konstruieren, da das Prädikativum ultimus im Akkusativ stehen müßte. In Wirklichkeit gehört sedere zu potes (richtig Chatfield).

9, 3 etenim für et enim zu schreiben (so Chatfield).

27, 12 quis neget gehört in Parenthese.

40, 25 magna et sapientia nostra est ebenfalls Parenthese.

47, 10 Rore als seltene mittelalterliche Graphie für Rure mutet dem Leser doch zuviel zu.

51, 33 nach Vidi ego sepe ist Doppelpunkt zu setzen.

51, 43 f. Xandra, precor, nostri veniat non immemor hora,/ Ulla tibi maneat non temerata fides. Im Gegensatz zu den bisherigen Ausgaben ist nach Ulla tibi zu interpungieren.

52, 1 ff. Mit Dum tu …/ Pellegis …,/ Ad Lisam properas würde Landino dem Bernardo unterstellen, während der juristischen Fachlektüre zu seiner Geliebten zu eilen. Tatsächlich will er den Gegensatz zwischen sich und dem Freund hervorheben, der seine Geliebte wenigstens für Mußestunden in der Nähe hat (grundsätzlich richtig erklärt 286 f.). Mit Pellegis (2) und discis (4) ist Ad Lisam properas (7) zu koordinieren, der si quando-Satz (5) dagegen unterzuordnen und V. 6 in Parenthese zu setzen. Dann folgt in 9-12 eine weitere ausgreifende Parenthese über Lisa, und erst mit Nos procul a nostra … puella (13) wird der anfängliche Dum-Satz aufgenommen. Der Versuch, Perosas prinzipiell richtige Interpunktion (dort A I 29) zu vereinfachen, schlägt fehl.

Die Übersetzung ist weitgehend frei von elementar-sprachlichen Irrtümern.

Der Kommentar ist überaus reichhaltig und umfaßt zahllose Belegstellen sowohl aus der klassischen Latinität wie aus der lateinischen Renaissancedichtung. Als besonderer Vorzug ist hervorzuheben, daß die von Wenzel (anders als bei Perosa) beibehaltenen mittelalterlichen Schreibweisen durch moderne Literatur (vor allem durch Peter Stotz´ "Handbuch zur lateinischen Sprache des Mittelalters") erklärt werden.

Hier nur noch einige wenige Bemerkungen zum Kommentar:

22, 1-2: Perosas unmetrisches prope limina gegenüber dem von Wenzel gelesenen propter limina ist kaum als "von Perosa vorgeschlagene Lesart" aufzuwerten, sondern schlicht Verlesung (ähnlich zu 52, 25, wo Wenzel ebenfalls eine Verlesung Perosas korrigiert).

37, 12: Das griechische Zitat aus Hes. Th. 121 f. ist durch zwei Schreibfehler entstellt.

37, 15 f. Et crinitus oves ad flumina pavit Apollo,/ Ut posset domine se refovere sinu. Neben dem obskuren Issa Mythos, auf den Wenzel zurecht rekurriert, dürfte hier sicherlich motivisch (Apoll als Hirte) auch die viel bekanntere Admet Geschichte eingewirkt haben, vgl. Tib. II 3, 11 Pavit et Admeti tauros formosus Apollo. Wollte Landino durch den Rekurs auf den entlegeneren Mythos dem Dichtergott eine homosexuelle Beziehung ersparen (vgl. den Ausfall in 39 gegen einen pedicator)?

40, 39-40: "Aietes hing es [das Goldene Vlies] im Hain des Ares auf; am Besitz des Vlieses hing Aietes´ Macht". Für das erste "hing" muß "hängte" stehen.

48, 24 (oben ausgeschrieben): Daß nach Caesar und Pompeius mit Catonis eher Cato Censorius als Cato Uticensis gemeint sein soll, wiederstrebt wohl nicht nur dem Lucan Leser.

Ich resümiere: Wenzel hat, aller Detailkritik zum Trotz, einen niveauvollen philologischen Kommentar vorgelegt, wie er in der Renaissance Dichtung, die ja meist erst in jüngerer Vergangenheit in den Focus der Latinistik tritt, eine Seltenheit bilden dürfte. Die oben angedeutete unumgängliche Mühe, Gedichte aus der späteren Fassung in "Version B" aufzusuchen, um Wenzels Kommentar benutzen zu können, wird sich mit Sicherheit lohnen.

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