Bryn Mawr Classical Review

Bryn Mawr Classical Review 2009.06.45

R. Tomber, Indo-Roman Trade: From Pots to Pepper. Duckworth Debates in Archaeology.   London:  Duckworth, 2008.  Pp. 216.  ISBN 9780715636961.  $24.00 (pb).  



Reviewed by Norbert Kramer, Rostock University (norbert.kramer@uni-rostock.de)
Word count: 875 words

Das kleine Buch von Roberta Tomber fügt sich ausgezeichnet in die Reihe "Duckworth Debates in Archaeology" ein, die keine systematische Abarbeitung der Archäologie anstrebt, sondern ganz gezielt aktuelle Forschungsbereiche in knapper Weise aufbereitet. Der römische Fernhandel mit Indien ist ein solcher Bereich. Seine altertumswissenschaftliche Relevanz und Faszination sind vor allem durch die Arbeiten von Sir Mortimer Wheeler zu den römischen Funden aus Arikamedu an der Ostküste Indiens und seine Monographie "Rome Beyond the Imperial Frontiers" von 1954 in den Blickpunkt gerückt. Das Problem dieses Forschungsfeldes liegt auf der Hand: Allein schon die Grösse des zu berücksichtigenden geographischen Raumes und die Länge des interessierenden Zeitraumes vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. -- von theoretischeren Fragen zum antiken Handel ganz abgesehen -- machen ein Einarbeiten in den aktuellen Forschungsstand überaus mühselig.

An dieser Stelle bietet das überaus verdienstvolle Werk von Tomber einen willkommenen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse und Grabungsbefunde von Ägypten bis Indien, wobei sich die Weite des Themas schon in der ausführlichen Bibliographie spiegelt. Das Buch ist klar gegliedert: Nach einer kurzen Hinführung inklusive der Nennung der forschungsgeschichtlichen Marksteine erfolgt die summarische Angabe der relevanten Quellen. Hierzu zählen Texte, vor allem der 'Periplus Maris Erythraei', und die Funde in den Handelsplätzen, vor allem Keramik und Münzen. Den Schwerpunkt der Arbeit bilden die Kapitel 3 bis 5, die in den drei Stufen "the Roman Red Sea", "Beyond the Roman World" und "Lands to the East" die bedeutenden Fundplätze, also zumeist Hafenstädte, und das hier zu Tage getretene Material vorstellen. Das abschliess ende Kapitel "Changing Scenes and Forces" versucht, unter allgemeiner Perspektive die Gesamtentwicklung des römisch-indischen Handels zu resümieren.

Das Buch wird vor allem durch zwei Leistungen geprägt: erstens eben die kompakte Darbietung der aktuellen Fundsituationen und dabei zweitens die gleichwertige Sicht auf die unterschiedlichen Teilnehmer an diesem Handel und somit die Vermeidung einer auf Rom fixierten Perspektive. Insbesondere wird so auf eine Vielzahl neuerer indischer Grabungspublikationen verwiesen, die sonst von klassisch-altertumswissenschaftlicher Seite kaum zur Kenntnis genommen werden. Demgegenüber leidet die Lesbarkeit der Darstellung insbesondere in den geographischen Kapiteln etwas an der ausgesprochenen Detailfülle und der Aneinanderreihung von Funden, wobei des Öfteren auch singuläre Scherbenbelege angesprochen werden. So ist nicht immer klar zu ersehen, welchen Stellenwert einzelne Befunde und Funde gegenüber anderen haben (etwa S. 80-82). Der Stand der Ausgrabungen und ihrer Publikationen, die Probleme bei der Identifizierung etwa von Terra Sigillata oder Amphoren und andere wichtige Punkte werden oftmals angesprochen, aber selten problemorientiert berücksichtigt.

Die Behandlung der "theoretical basis" (17) des Handels im letzten Abschnitt von Kapitel 5 (Trade and Traders) und im abschliessenden Kapitel 6 bleibt hinter der dichten Beschreibung der Orte und ihrer Funde zurück. Zum einen betrifft dies die konkrete Durchführung des Handels. Die Bedingungen der Navigation, der Monsunwinde oder die Frage der Rekrutierung der Seefahrer und ihrer Wissensvermittlung werden nicht thematisiert. Der 'Periplus Maris Erythraei' wird als "practical guide aimed at merchants" (20) angesprochen, ohne auf die Diskussion von Ziel und Zielgruppen antiker Fachschriftstellerei einzugehen. Zum anderen bleiben aber auch die Motive und Bedingungen der im Hintergrund stehenden Kräfte unterbelichtet. So wird zum Beispiel wenig zur Verwendung und zum Prestigewert der Verfügbarkeit exotischer Produkte im Römischen Reich gesagt. Tomber nennt in diesem Zusammenhang den Indienhandel zwar ein "expensive business that reaped great profit" (169), bleibt aber die Analyse der entsprechenden Mechanismen und des Organisationsgrades dieser Unternehmen schuldig.

Der indisch-römische Handel umfasst die Zeit vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 7. Jahrhundert n. Chr., mithin also den gesamten Zeitraum der römischen Herrschaft über das östliche Mittelmeergebiet. Diese lange Spanne wird von Tomber in zwei Abschnitte geteilt, nämlich in die vom 1. Jahrhundert v. bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. und vom 4. bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. Diese Zäsur im 3. Jahrhundert entspricht den allgemeinen Gepflogenheiten bei der Betrachtung römischer Geschichte und hängt mit der so genannten Reichskrise des 3. Jahrhunderts zusammen. Auch für den Indienhandel konstatiert Tomber einen Rückgang, etwa anhand des "dip in occupation from the mid-third century ... on the Red Sea coast" (161). Allerdings erweist sich die Beweiskraft des Rückgangs vor allem der Keramikfunde oftmals als trügerisch, da in dieser Zeit die Produktion etlicher signifikanter Keramikgattungen generell nahezu aussetzt, wie etwa die der östlichen Sigillaten. In Bezug auf das Für und Wider dieser Zäsur sollten also auch stärker andere äussere Bedingungen analysiert werden, wie etwa die Herrschaftsübernahme der Sasaniden in Mittelasien (100) oder die von Tomber ausführlicher thematisierte, aber später anzusetzende Zunahme des Einflusses der christlichen Kirche auch im Bereich des Handels (168 ff.).

Nicht zuletzt aus den genannten Punkten zur Präsentation der beeindruckenden Detailfülle und zu den weniger beleuchteten theoretischen Problemstellungen ergibt sich die Frage nach den Adressaten des Buches. Für interessierte Anfänger wären etwa strukturierende Kommentierungen zu den einzelnen Befunden und den entsprechenden, schlicht additiv angegebenen Literaturbelegen hilfreich. Fachleute, die sich auf den neuesten Stand bringen wollen, würden zum Beispiel umfassendere und differenziertere Belegtabellen für die Fundorte, die mehr als nur Häkchen für 'belegt' oder eben 'nicht-belegt' angeben, begrüssen. Nichtsdestoweniger ist das Buch sicher für beide Gruppen gedacht und Dank seiner beeindruckenden Informationsdichte für jeden, der sich mit antikem Fernhandel beschäftigt, eine unschätzbare Hilfe. Dass dabei an der einen oder anderen Stelle nicht jeder Informationsbedarf erfüllt wird, darf angesichts der intendierten Kürze des Buches nicht wundern und schmälert seinen praktischen Wert nicht.

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