Bryn Mawr Classical Review

Bryn Mawr Classical Review 2008.12.16

László Várady, Classical Political Thought at Work: Thucydides, Roman Convergence, Modern Challenges.   Budapest:  Akadémiai Kiadó, 2007.  Pp. 87.  ISBN 9789630585354.  $20.00.  



Reviewed by Wolfgang Polleichtner, Ruhr-Universität Bochum (wolfgang.polleichtner@rub.de)
Word count: 1742 words

In seinem Vorwort schreibt Várady (V.), dass er sein Buch als einen Beitrag zur angewandten politischen Theorie versteht, die in der Antike die organische Basis zum Verständnis aller späteren Zeitepochen bis hin zur Gegenwart sieht. Thukydides sei hier ein besonders untersuchenswerter Fall, da in seiner Person Historiker und Admiral zum Politiktheoretiker verschmelzen (so V.). V.s zweites Thema stellt der Zeitabschnitt dar, in dem Rom auf die Herausforderung durch Makedonien antworten muss. Vor diesem Hintergrund möchte V. zeigen, wie tagesaktuell die Erkenntnisse sind, die die Moderne hieraus ziehen kann und sollte, um eine historisch-politische Kultur zu schaffen, die in Zukunft dabei helfen soll, Katastrophen und Konflikte zu vermeiden. Ergänzt werden die beiden genannten Themenkreise durch drei Appendices zu ähnlichen Punkten, bei denen nach V.s Meinung die Moderne durch die Erfahrung der Antike etwas lernen könne: bezüglich der Universalisierung von Zivilisationen, hinsichtlich des Umgangs mit grossem Reichtum und im Umgang mit Image-Problemen von hochrangigen Politikern. Ob man V. zustimmt, hängt aufgrund seiner Themenwahl natürlich zwangsweise davon ab, ob man die Gegenwart, die beschriebenen Ereignisse der Antike und deren von V. als solche erkannte Parallelen oder Gegensätze genauso sieht wie er. V. jedenfalls ist davon überzeugt, dass sein Ansatz wichtige Politikregeln aufzeigen kann, die das menschliche Leben zu jeder Zeit bestimmt haben und weiter bestimmen. Das Buch bewegt sich also auf der einen Seite im althistorischen Bereich, versucht aber immer wieder den Schulterschluss mit der Politikwissenschaft. V.s Einsichten sind dabei sehr bedenkenswert und erwachsen stets aus reicher Kenntnis der besprochenen Sachverhalte.

Dennoch müssen zwei Bedenken gleich am Anfang vorgetragen werden. In seinem Buch von 20021 bringt V. auf Seite 14 vor, dass die in der heutigen Sekundärliteratur übliche Masse von Bezugnahmen auf Fachliteratur nicht von wirklichem Nutzen sei. Dieser Maxime ist V. auch in diesem Buch treu geblieben. So fehlen Fussnoten fast völlig, und Sekundärliteratur wird lediglich in kurzen bibliographischen Anmerkungen am Ende der Kapitel eingefügt. Was in Büchern legitim ist, die sich an einen grösseren Kreis von Nicht-Fachwissenschaftlern wenden, erscheint mir hier jedoch nicht unbedingt passend zu sein, da sich V.s Buch, nach seinem Duktus zu urteilen, doch wohl eher an den Fachwissenschaftler wendet. Nicht jeder Leser ist aber gleichmässig bewandert in moderner Politikwissenschaft und Altertumswissenschaft. Man hätte doch gerne bisweilen gewusst, wo V. seine eigenen Thesen in der modernen Forschung in beiden Feldern verortet, zumal sich die bibliographischen Angaben, die gegeben werden, auf die Altertumswissenschaft beschränken. Hier wäre also erstens "mehr" tatsächlich auch "mehr" gewesen.2 Zweitens hätte der Verlag das Buch besser lektorieren müssen. Zu viele äusserliche Fehler sind stehengeblieben.

V.s erstes Kapitel behandelt Präliminarien. V. möchte, dass der Leser dieses Buch und vier zuvor von ihm publizierte Bücher3 als eine inhaltliche Einheit betrachtet, die auf der Antike basierend mit der Moderne im Blick ein System der historisch-politischen Philosophie vorlegt (11). V. bezeichnet dieses System als "kasuistisch-kasuologisch historisches Denken". Dieses Denken, so V., lasse die "pragmatische Geschichte" des Thukydides und des Polybios weit hinter sich, sammle und untersuche ein Portfolio von wichtigen geschichtlichen Fällen. Die Übersicht über diese Fallstudien stelle dann eine "Kasuologie" für zukünftige Beurteilung von politischen Prozessen zur Verfügung, wobei V. vor einfachen Analogieschlüssen warnt. So einfach wiederhole sich Geschichte nicht. Die Antike stelle in diesem Zusammenhang ganz besonders gut verwendbares Material zur Verfügung, da sie deutlicher zu fassen, zugänglicher und exakter definiert sei als andere Zeitpochen, vielmehr sogar in allen anderen Epochen ihre zeitlose Gültigkeit durch ihr Alter bekräftige habe.

Die weniger als drei Seiten (11-13), die V. dieser Diskussion zur Verfügung stellt, reichen aber meines Erachtens mitnichten aus, um alle angesprochenen Themen ausreichend zu begründen. Vor allem die Grundannahme, dass die Antike wirklich ein Fundus sei, aus dem für den in aktuellen Entscheidungsprozessen stehenden Menschen von heute "besseres" Material geschöpft werden kann als aus anderen Epochen, erscheint merkwürdig. Aufgrund der spärlicher als etwa für zeitgenössische Ereignisse fliessenden Quellen kann man doch nicht annehmen, dass geschichtliche Ereignisse grundsätzlich besser erschlossen seien als heute. Wenn sie lediglich den Anschein erwecken, leichter zu beurteilen zu sein, dann sollte man demjenigen, der sich darum bemüht, etwas über bestimmte Ereignisse in der Antike zu erfahren, bestimmt nicht einreden, hier einfachere Zugänge zu finden. Gerade der Mangel an Quellen erschwert nicht selten das Verstehen.4 V. weist auch selbst auf diese grundsätzliche Schwierigkeit hin, dass geschehene Geschichte immer dazu tendiert, sich in ihren wirklichen Ausmassen vor dem Betrachter zu verbergen (13-16). Doch wo genau hier der Unterschied zwischen der Antike und anderen Zeitepochen liegt, wird nicht gesagt. Selbstverständlich soll hier nicht in Abrede gestellt werden, dass im Sinne V.s auch die Disziplin der Alten Geschichte Beiträge leisten kann. Doch muss gefragt werden, wo denn genau der angebliche Mehrwert der Theorie V.s gegenüber den Ansichten von Thukydides und Polybios über den Wert des Geschichtsstudiums liegt.

V. befasst sich in seinem zweiten Kapitel (17-37) mit "Facetten des politischen Denkens des Thukydides". V. geht davon aus, dass Thukydides' familiäre und persönliche Umstände ihm gute Bedingungen dafür lieferten, sich zum Historiker zu entwickeln. Seine soziale Stellung ermöglichte es Thukydides, so V., eine höhere, gewissermassen gesamtgriechische Perspektive, die jedenfalls über einen nur auf Athen eingeschränkten Blickwinkel hinausgeht, einzunehmen und auf hoher Ebene direkt in politische Prozesse selbst involviert zu sein. Bei der Besprechung der folgenden Fallstudien aus dem Werk des Thukydides geht V. davon aus, dass Thukydides' Äusserungen zur Frage der Originalität der in seinem Werk enthaltenen Reden (1.22.1) deswegen so gemacht sind, wie sie sich lesen, um Thukydides möglichst grosse Freiheit bei der Darstellung seiner eigenen politischen Analysen und Überzeugungen zu geben.5 V.s weiteres Vorgehen in diesem Kapitel besteht zunächst darin, die Abschnitte 1.66-69, 70-71.3, 73-78, 80-88 und 120-124 daraufhin zu untersuchen, welche Ansichten Thukydides hinsichtlich zwischenstaatlicher Konflikten und solcher zwischen Bundesgenossen hatte. Darauf folgt eine Auflistung derjenigen Charakteristika, die in der Interpretation V.s eine Demokratie nach Thukydides (2.47-46 und 64.3-5) haben sollte. Ein weiteres Augenmerk V.s liegt auf der Frage, welche Restriktionen es für die Macht und den Krieg geben sollte. Dazu untersucht V. den Melierdialog und die Reden in Kamarina. Die jeweils gezogenen Schlüsse V.s regen zweifellos zum Nachdenken an. Ebenso zweifellos sind die dargestellten Überlegungen, die Thukydides angestellt haben kann, ohne weiteres auch anhand von aktuellen Fällen nachvollziehbar.6 Allerdings gibt V. in dieser Hinsicht nicht zu erkennen, wo er mögliche Anwendungsbereiche dieser Überlegungen sieht.

Davon unabhängig aber sollte der Leser, wenn er die genannten Textpassagen nicht auswendig kennt, immer den Text des Thukydides parallel verfolgen. V. gibt nur bisweilen--und selbst dann auch nur sehr freie--Textparaphrasen, so dass er meist sofort unter Voraussetzung ziemlich genauer Textkenntnis die Ergebnisse seiner Analysen des thukydideischen Textes präsentiert.

Das dritte Kapitel ist überschrieben: "Oligarchic Competency for ars gubernandi in Rome's Great Macedonian Challenge" (39-57). In diesem Kapitel wird im Gegensatz zu Kapitel II sehr deutlich, worin V. die wichtigen Lektionen sieht, die die Moderne von der auch auf kulturellem Gebiet sehr bedeutenden Begegnung zwischen Rom und Griechenland seit der Zeit des ersten Makedonischen Krieges lernen kann: in der Immigrationspolitik auf dem Gebiet der Selbst- und Fremdwahrnehmung von indigener Bevölkerung und ankommenden Fremden. Während die von V. dargestellten Sachverhalte sicherlich in sich selbst stimmig sind, ist meines Erachtens doch zu fragen, ob heutige Migrationsproblematiken mit dem, was damals geschah, vollständig vergleichbar ist. Damals drang ein organisierter Staat mit Waffengewalt auf das Herrschaftsgebiet fremder Völker vor. Heute vollzieht sich Migration, wenn sie nicht durch Vertreibung oder ähnliche Vorgänge erzwungen ist, doch als weitgehend unorganisiert auftretendes Massenphänomen. Gerne hätte ich hierzu eine ausführlichere Analyse gelesen, auch wenn V. unbedingt zuzustimmen ist, dass die Römer in Griechenland einen sehr auf Integration und nicht auf Konfrontation setzende Politik betrieben. Wichtig ist für V. die Feststellung, dass es damals keine kulturelle Einbahnstrasse von den Griechen zu den Römern gab. Die philhellenischen Römer hatten nach V. den Griechen Einiges zu bieten: vor allem auf juristischem, natürlich auf militärischem und auch auf rhetorischem Gebiet.

An dieser Stelle hätte ich nun eine Zusammenfassung erwartet, die gezeigt hätte, inwiefern die beiden Kapitel II und III zusammenhängen. Die Erledigung dieser Aufgabe bleibt dem Leser überlassen und es wird ebenfalls nicht ganz klar, wieso die folgenden Kapitel als Appendices bezeichnet werden, während die vorigen Buchabschnitte als Kapitel kategorisiert wurden.

Es schliessen sich drei Appendices an. Der erste (61-70) behandelt "Experiences of Antiquity in Modern Civilizational Universalization". Ausgehend von der grundsätzlichen Annahme, dass die Moderne zu einem nicht geringen Teil letztlich auch aus der Antike hervorgegangen ist, beschreibt V. viele Phänomene, die es heute wie damals gegeben hat und gibt: eine ungleiche Verteilung von Reichtum und Ressourcen, ein Bildungsgefälle, einen Gegensatz zwischen weit entwickelten kulturellen Zentren und der Entwicklung weit hinterherhinkenden Peripherien, die Entwicklung von politischen Richtungen und Parteien usw. V. ist es ein berechtigtes und grosses Anliegen, hier sorgfältig zwischen moderner Begrifflichkeit und antiken Fakten zu unterscheiden. Die Entwicklung des Nationalstaats des 20. Jahrhunderts etwa wird genau abgegrenzt zu vergleichbaren Prozessen in der griechischen und römischen Antike. Für V. ist es am Ende wichtig, darauf hinzuweisen, dass derjenige, der politisch heute entscheiden muss, gute oder bessere Argumente finden und insgesamt ein fundierteres Urteil fällen kann, wenn ihm ein möglichst breites geschichtliches Wissen zur Verfügung steht. V. aktualisiert also einmal mehr, was auch zum Beispiel Johann Wolfgang von Goethes Einsicht im West-östlichen Diwan feststellte: "Wer nicht von dreitausend Jahren / sich weiss Rechenschaft zu geben, / bleib im Dunkeln unerfahren, / mag von Tag zu Tage leben."

Appendix II (71-76) trägt die Überschrift: "Spell of Megawealth in Society and Politics: A Span from Antiquity to Modernity (Additional Insights)."7 Hier entwickelt V. die These, dass in der Antike ohne eine ungleiche Verteilung von Vermögen ein wirklich einflussreiches politisches, soziales, kulturelles und wissenschaftliches Handeln nicht möglich war. Diese Tatsache sei auch heute gültig und dürfe nicht, wie bisher häufig geschehen, tabuisiert werden.

Der dritte Anhang beschäftigt sich mit Image-Problemen von hohen Politikern und zieht zur vergleichenden Diskussion Plutarchs Perikles heran (77-87). Plutarch zeige ein paar Fakten, die schon damals wie auch heute die Basis für das Leben eines Politikers bilden würden. Etwa könne ein Politiker sich nicht prinzipiell gegen das öffentliche Interesse wehren, das seinem Privatleben entgegengebracht wird. Es sei schliesslich seit der Antike ein mit dem öffentlichen Leben eines Politikers eng verwobener Teil desselben.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass V. hier ein kenntnisreiches und dicht, manchmal sehr dicht geschriebenes Buch vorlegt. Es enthält bei allen oben geäusserten Vorbehalten, welche die äusseren Eigenschaften und die Strukturierung des Buches betreffen, wie gesagt, so manchen bedenkenswerten Ansatz, auch wenn nicht alles, was hier präsentiert wird, ganz neu und auch in mancherlei Hinsicht, wie von V. selbst angekündigt, eine Fortsetzung von Gedanken ist, die bereits an anderer Stelle geäussert wurden.


Notes:


1.   L. Várady. Die anders verlaufene Geschichte. Antike und Geschichtsdeutung für heute. Anthologie von Mikro- und Makroanalysen. Budapest 2002.
2.   Die Literatur zum Thema, was wir für unsere heutige Zeit aus der Antike lernen können bzw. inwiefern es zwischen antiken und modernen Entwicklungen Parallelen oder Gegensätze gibt, ist mittlerweile vor allem, aber nicht nur in den USA recht zahlreich geworden. Vgl. etwa: K. Galinsky. Classical and Modern Interactions. Postmodern Architecture, Multiculturalism, Decline, and Other Issues. Austin 1992; P. Woodruff. First Democracy. The Challenge of an Ancient Idea. Oxford 2005; T. F. Madden. Empires of Trust. How Rome Built--and America Is Building--a New World. New York 2008. Zu Thukydides als Theoretiker der Politik vgl. z. B. L. S. Gustafson (Hg.). Thucydides' Theory of International Relations. A Lasting Possession. Baton Rouge 2000.
3.   Es handelt sich hier bei um den in Anm. N. 1 zitierten Titel sowie um: Die anders verlaufene Geschichte II. Kontroverse Bereiche im Politikum der Antike. Budapest 2003. Studies in Historico-Political Culture of Antiquity and Humanism. Budapest 2005. Antiquity Faced with Modernity. Studies in Arcana Historiae. Budapest 2006.
4.   Um hier nur ein Beispiel zu nennen, vgl. etwa die Debatte um die Bedeutung des senatus consultum de Cn. Pisone patre.
5.   Damit bezieht V. deutlich Position in einer Frage, die sehr umstritten ist und meist hinsichtlich dessen, wie weit sich Thukydides hier in die Karten blicken lässt, doch wesentlich differenzierter beantwortet wird. Vgl. aus der umfangreichen Literatur zu diesem Thema etwa S. Hornblower. A Commentary on Thucydides. Volume I. Books I-III. Oxford 1991, 59f. oder auch G. Gierse. Das spartanische Friedensgesuch bei Thukydides. Thukydides 4,17-20. Diss. Bochum 1971, 6-16.
6.   Dass gerade Thukydides immer wieder als ein die jeweiligen zeitgenössischen Fragen erhellender Autor gelesen wurde und werden kann, macht z. B. P. Zagorin (Thucydides. An Introduction for the Common Reader. Princeton and Oxford 2005, 1-6) deutlich. J. V. Morrison hat unlängst (Reading Thucydides. Columbus 2006) herausgearbeitet, dass Thukydides ein Werk verfasst hat, dass keine einfachen Antworten zulässt, sondern zum Dialog herausfordert, um verstanden zu werden.
7.   V. sieht dieses Kapitel als Fortsetzung der Seiten 111-113 seines Buches Antiquity Faced with Modernity. Budapest 2006. Aber meines Erachtens kann dieses Kapitel auch für sich allein stehend gelesen werden.

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