Bryn Mawr Classical Review

Bryn Mawr Classical Review 2007.12.32

Kresimir Matijevic, Marcus Antonius. Consul-Proconsul-Staatsfeind. Die Politik der Jahre 44 und 43 v. Chr. Osnabrücker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption 11.   Rahden/Westf.:  Verlag Marie Leidorf, 2006.  Pp. 545.  ISBN 3-89646-732-8.  €71.50.  



Reviewed by Sven Günther, Institut für Alte Geschichte, Johannes Gutenberg-Universität Mainz (guenthes@uni-mainz.de)
Word count: 876 words

Geschichte schreibt immer der Sieger. Dieses Diktum, dem nicht nur die Öffentlichkeit oft genug unterliegt, sondern auch so mancher Wissenschaftler, ist nicht erst in den letzten Jahren von verschiedensten Seiten ins Wanken gebracht worden.1 Dennoch ist es erstaunlich, wie sehr die vom Sieger und seinen Begünstigten gemalten Bilder fortwirken, manchmal, katalysiert durch eine dem Historismus verhaftete Geschichtswissenschaft, über sehr lange Zeiträume hinweg. So auch bei dem "Verlierer" Marcus Antonius. Von seinem Rivalen und Bezwinger Oktavian/Augustus mit keinem Wort in dessen Tatenbericht erwähnt, entwerfen die erhaltenen, Augustus positiv gesinnten Quellen das schillernde Mosaik eines von Lust wie Begierde getriebenen Mannes, der im Bann von Kleopatra grandios bei Actium scheiterte. Sein zweiter zeitgenössischer Widersacher, Cicero, tat mit seinen Philippiken ein übriges, um den modernen Historikern ein vorschnelles, vernichtendes Urteil über Charakter und Person des Antonius an die Hand zu geben, dem nur wenige, etwa Ronald Syme, nicht gefolgt sind. Zudem prägen das jeweilige Caesar- und Augustus-Bild auch die Forschungsmeinungen über Marcus Antonius.

So steht denn M(atijevics) Arbeit ganz im Zeichen des Perspektivwechsels. Im Bewusstsein der gefärbten Überlieferungslage und der oben skizzierten Forschungsurteile versucht er, die Ereignisse des Jahres 44 und 43 v.Chr. aus der Sicht des Marcus Antonius nachzuzeichnen. Dass M. dabei durch die kritische Wertung der reichen Quellenlage, den bisher vernachlässigten Einbezug der numismatischen Zeugnisse und die intensive Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur zu einer akzentuierten, jedoch keineswegs revolutionierenden Betrachtung der Dinge kommt, sei als abschliessendes Urteil vorweggenommen.

Nach eingehender und kritischer Würdigung der umfangreichen, aber dadurch auch unübersichtlichen sowie tendenziösen Quellen- und Forschungslage (11-27, 28-35) untersucht M. zunächst das Verhalten des Antonius als "Consul" (37-210), in einem zweiten Teil als "Proconsul und Staatsfeind" (211-370). Aus den zahlreichen Einzelergebnissen leitet M. insgesamt ein Antonius-freundliches Bild für die Jahre 44 und 43 v.Chr. ab.

So habe Antonius als Konsul, trotz aller Parallelen zum Konsulat Caesars in 59 v.Chr., nicht etwa -- wie stets von Cicero und im Nachgang von einigen Forschern proklamiert -- die Alleinherrschaft angestrebt, sondern sich der nach den Iden des März wiederhergestellten res publica weitgehend nahtlos, wenn auch mit herausgehobener Stellung, eingefügt. Der in Quellen wie Forschung oft skizzierten "Wankelmütigkeit" des Antonius setzt M. eine geradlinige, wenigstens zum Teil vorausschauend betriebene Politik entgegen. Antonius habe bis zum Eintritt des Caesarerben Oktavian den Rachegedanken der verschiedenen clientelae Caesars neutralisiert und eine Koexistenz zwischen "Befreiern" und "Caesarfreunden" herbeizuführen gesucht. Erst mit dem Auftauchen Oktavians habe er einen, wenn auch nicht revolutionären, Kurswechsel vollzogen. Antonius habe jedoch auch dann nicht durch -- von Cicero in den schwärzesten Farben gemalte -- Einschüchterungen und Rechtsbrüche agiert, sondern durch vorausschauende leges und Verpflichtung der machtpolitisch wichtigsten Klientel Caesars, der Veteranen. Hiermit habe er die aufkommende Gegnerschaft im Senat und der Person Oktavian aktiv angegangen.

Erst die Bestechung der Veteranen in Rom, später in den Kolonien und im Lager der macedonischen Legionen, die Oktavian (wohl noch) unabhängig vom zeitgleich handelnden Cicero vornahm, sowie die spätere Annäherung zwischen dem Caesarerben und dem selbsternannten Retter der res publica störten nach Auffassung von M. das Kalkül des Antonius empfindlich. Dennoch sei das Handeln des Antonius in der Folge alles andere als blindwütig gewesen. Entgegen bisheriger Forschungsmeinungen habe er wohl kein Ausschalten der Caesarmörder im Sinn gehabt. Eine direkte Reaktion der Caesarmörder M. Brutus und C. Cassius im Osten auf die Verlosung der Provinzen am 28.11.44 v.Chr. kann, nach eingehender Analyse durch M., ebensowenig nachgewiesen werden wie ein von Anfang an kompromissloses Vorgehen seitens Antonius gegen den abzulösenden Statthalter D. Brutus in seiner ihm durch die lex de permutatione provinciarum zugekommenen Provinz Gallia Cisalpina.

Das Vorgehen von Antonius gegen D. Brutus in der Gallia Cisalpina war nach M. zunächst abwartend und beschränkte sich auf die Verbreiterung der Machtbasis, indem er durch Ausprägung von Geld neue Truppen anwarb, ein Punkt, der in der Forschung bisher nicht beachtet oder abgestritten wurde. Zu diesem innovativen Ergebnis kommt M. neben einer genauen Analyse der literarischen Quellen aufgrund der Neudimensionierung zweier Münzzeugnisse (Kat.-Nr. 32 u. 37), wobei deren Deutung jedoch nicht abschliessend zu beweisen ist, aber einiges für sich hat. Die Nachrichten aus der Hauptstadt, die eindeutig zum Krieg gegen ihn wiesen, zwangen Antonius dann zu einer Umkehr und über einige Umwege zum Bündnis mit dem Caesarrächer Dolabella, dem eine neue, aggressive Phase der Auseinandersetzung mit D. Brutus folgte. Die Niederlage des Antonius bei Forum Gallicum und Mutina führte jedoch nicht zum Sieg der res publica, sondern ergab eine gefährliche Kehrtwendung: Wie M. detailliert beschreibt, brachte das Bündnis des Antonius mit Ventidius Bassus und Lepidus sowie die gleichzeitige Enttäuschung Oktavians durch Cicero Antonius und Oktavian näher zusammen, bis zum Triumvirat.

Dieses insgesamt positive Gesamtbild über den frühen Antonius, das M. gewinnt, ist sicherlich nichts Bahnbrechendes. Was will man auch noch grosses Neues herausfinden über einen Gegenstand, der hundertfach behandelt ist, wovon das stattliche Literaturverzeichnis (467-500) zeugt? So liegen denn die Fortschritte dieser Studie im Kleinen, bei den teils innovativen Einzelergebnissen2 und dem Einbezug der numismatischen Zeugnisse (385-451), die, leider ohne Abbildungen, intensiv gewürdigt werden. Ob durch die Fokussierung auf Antonius und der oft zu weitgehenden Nichtberücksichtigung der Politik des späteren Hauptkontrahenten, Oktavians, allerdings das gesamte Potential der überreichen Quellenlage ausgeschöpft ist, erscheint dem Rezensenten zumindest fraglich. Die Studie zeigt dennoch eindrucksvoll die reiche Quellen- und Sekundärliteraturkenntnis sowie intensive Beschäftigung des Verfassers mit der Materie und hat schon daher einen Platz im Bücherregal verdient.


Notes:


1.   Vgl. z.B. die Rezension von Reinhard Mehring, Rez. zu: H. A. Winkler (Hrsg.), Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland. Göttingen 2004. In: H-Soz-u-Kult, 17.4.2004 H-Soz-u-Kult.
2.   So bspw. bezüglich einer zweiten Wende in der Politik des Antonius (150-154), die von Cicero zum Entschuldigen seines Fernbleibens erfunden wurde, oder im Ringen um die Provinzen (213-224) -- neben der oben beschriebenen ausgebliebenen direkten Reaktion der "Befreier" im Osten nach den Beschlüssen vom 28.11.44 v.Chr. -- insbesondere die Herausarbeitung der Legalität der Ablösung von D. Brutus in der Gallia Cisalpina durch die lex de permutatione provinciarum. Die weiteren vielfältigen und beeindruckend tiefen Analysen der Quellen sowie der Forschungsliteratur können im Rahmen dieser Rezension nicht im Einzelnen nachgebildet werden.

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