Bryn Mawr Classical Review

Bryn Mawr Classical Review 2006.07.50

Klaus Rosen, Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser.   Stuttgart:  Klett-Cotta, 2006.  Pp. 580.  ISBN 3-608-94296-3.  €32.00.  



Reviewed by Jochen Lückoff, Bad Liebenwerda (J.Lueckoff@t-online.de)
Word count: 1020 words

Klaus Rosen, ausgewiesener Kenner der Spätantike und emeritierter Althistoriker der Universität Bonn, hat die lange Liste der wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Literatur über den römischen Kaiser Julian Apostata um ein weiteres Buch bereichert.

Unbestreitbarer Vorteil des Buches ist seine klare Gliederung in zehn Kapitel, wobei Kapitelüberschriften wie Der Verlierer oder Der Umstrittene recht plakativ und unpräzise daherkommen. Die gute Lesbarkeit und die immer quellenbezogene Interpretation machen das Buch für den Wisenschaftler wie für den historischen Laien zu einem Lesevergnügen.

Julian hat während seiner nur zwanzig Monate währenden Regentschaft (361-363 n.Chr.) Menschen zu allen Zeiten in seinen Bann gezogen. Der historischen Nachwirkung dieses, in Anlehnung an Markus Aurelius, der 200 Jahre zuvor das römische Weltreich regierte und ähnlich wie der Makedonenkönig Alexander das grosse Vorbild Julians war, Philosophen auf dem Kaiserthron mit seiner grossen Faszinationskraft für alle Epochen, schenkt Rosen in seinem letzten Kapitel (S.394-462) umfassende Aufmerksamkeit.

Warum allerdings Rosen im Untertitel seines Buches Julian in feuilletonistischem Sinne als Gott und Christenhasser ausweist, obgleich diesem Asketen auf dem Caesarenthron jede Apotheosierung völlig fremd war, und es unter seiner Regierungszeit im Gegensatz zu vielen seiner kaiserlichen Vorgängern zu keinerlei Christenverfolgungen kam, ist schwer ergründbar.

Julian, der im Jahre 331 n. Chr. als Sohn eines Stiefbruders Constantins des Grossen in Constantinopel geboren wurde, erlebte bereits in frühen Kindheitstagen die grausamen Geschicke des Lebens. Nach dem Ableben Constantins im Jahre 337 n. Chr. kam es zu einer Mordorgie unvorstellbaren Ausmasses, bei der dessen Halbbrüder und Neffen als potentielle Thronnachfolger ausgeschaltet wurden. Leider unterlässt Rosen die Feststellung, dass dies auf Geheiss von Constantins leiblichem Sohn und Nachfolger Constantius II erfolgte. Rosens Bemerkung, dass das Massaker am familiären Umfeld des verblichenen Constantins Männern im Heer zuzuschreiben sei (S. 50), die die Nebenlinien der constantinischen Sippe ausrotten wollten, ist bagatellisierend und nebulös, und verschleiert bewusst oder unbewusst die tatsächlichen spiritus rectores der unentschuldbaren brutalen Mordtaten, nämlich die christlich getauften leiblichen Söhne Constantins, Constantin II, Constantius II und Constans, die eigentlichen Nutzniesser dieser Untaten. Standen diese hierbei in bester Tradition ihres von den Christen ob seiner dem Christentum gegenüber toleranten Religionspolitik gefeierten Vaters Constantin des Grossen, der bekanntermassen zum Entsetzen der Öffentlichkeit im Jahre 326 n. Chr. zunächst seinen erstgeborenen Sohn Crispus und im Anschluss daran die Gattin Fausta kurzerhand ermorden liess. Bis auf den elfjährigen Gallus und den sechsjährigen Halbbruder Julian wurden alle nicht unmittelbaren Constantinverwandten im Auftrag der Constantinsöhne niedergemacht. Wahrscheinlich rettete diese ihr noch kindliches Alter vor der sicheren Ermordung. Dies ist die wohl wirkungsmächtigste Ursache für Julians spätere betont antichristliche Haltung und Einstellung, eine Feststellung, zu der sich Rosen expressis verbis nicht durchzuringen vermag.

Im Jahre 340 wird Julian dem Grammatiker und Heiden Nikokles, einem Spartaner, und den heidnischen Rhetoren Hekebolios und Mardonios zum Unterricht anvertraut, ein Umstand, der auch der Tatsache geschuldet war, dass auf Veranlassung des Kaisers Constantius II die besten heidnischen Lehrer in die neue Haupstadt Constantinopel geholt wurden, damit die junge und neue Metropole des Reiches mit den alten geistigen und kulturellen Zentren des Reiches, Rom und Athen, ebenbürtig und gleichberechtigt konkurrieren konnte. Der vierzehnjährige Julian, dem es zusehends gelang, die Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf sich zu konzentrieren, wird überraschend von dem kinderlosen und wohl misstrauischen Kaiser Constantius II im Jahre 345 n. Chr. von Constantinopel nach Nikomedia beordert. Von dort wiederum wird er gemeinsam mit seinem Halbbruder Gallus nur ein Jahr später in das ca. 500 km südwestlich in Kappadokien gelegene Macellum, eine abgeschiedene und weitläufige kaiserliche Residenz an den Hängen des Argaiosgebirges, entsandt. Die beiden Brüder verbrachten dort ihre wohl glücklichsten Jahre, zumal das ca. eine Stunde fussläufig entfernt liegende Caesarea, die Provinzhauptstadt Kappadokiens, mit ihrer gut sortierten Bibliothek dem bildungshungrigen Julian zur Verfügung stand. Der hier wirkende berühmte Kirchenlehrer Gregor von Nazianz wird der christlichen Überlieferung vom frommen Gallus und seinem jüngeren scheinchristlichen Bruder Julian eine nachhaltige Wirksamkeit verleihen. Überhaupt bildete Kappadokien mit dem christlichen Dreigestirn der Kirchenlehrer Gregor von Nazianz, Basileios der Grosse und Gregor von Nyssa das christlich-theokratische Epizentrum des römischen Reiches, dessen politisches Zentrum durch die Verlegung des Sitzes der Reichshauptstadt Rom nach Constantinopel im Jahre 330 n. Chr durch Constantin den Grossen gleichermassen der Osten manifestierte.

Durch die plötzliche Beförderung des Gallus zum Caesar im Jahre 351 n. Chr. endet -- trotz ihrer weltanschaulichen Divergenzen in Glaubensfragen -- die harmonische Zweisamkeit der beiden Brüder abrupt. Seine Leutseligkeit wird Gallus, im Gegensatz zum vorsichtigen Julian, nur drei Jahre später mit seinem Leben bezahlen. Julian hingegen verbrachte weiterhin ein unauffälliges Studentenleben und lernte unterdessen den ihn geistig prägenden und stark beeinflussenden heidnischen Philosophen und Rhetor Libanios kennen. Indessen allein der subtile Verdacht des Hochverrats und die allgemeine Tendenz zur Intrige und Denuntiation am christlichen Hofe zu Constantinopel waren ursächlich für die periodisch stattfindenden Säuberungen im Machtbereich des Kaisers Constantius II verantwortlich. Dennoch kann sich Rosen in seinem voluminösen Werk zu diesem unmissverständlichen und historisch belegbaren Urteil nicht durchringen.

Dass Julian kein weltfremder und weltentsagener Berufsgelehrter qua seiner Erziehung und Biographie war, beweist er einducksvoll nach seiner Ernennung zum Caesar im Jahre 355 n. Chr. in Gallien. Indem Julian durch energisches Durchgreifen auf administrativem Gebiet die Verwaltung von inkompetenten und korrupten Staatsbediensteten befreit und spürbar die Steuerlast der Einwohner der gallischen Reichsprovinz absenkt und im militärischen Bereich die auf linksrheinisches Gebiet vorgedrungenen germanischen Stämme der Alamannen und Franken wirkungsvoll zurückschlägt, dokumentiert er für alle Welt sichtbar seine eindrucksvollen Fähigkeiten und Klasse als Politiker und Militär. Die Ausrufung zum Kaiser im Jahre 361 n. Chr. durch seine gallischen Truppen und der vorzeitige Tod des amtierenden Kaisers Constantius II bewahren das Imperium Romanum vor einem zermürbenden Bürgerkrieg.

Julians kühnes Vorhaben, dem Rad der Geschichte in die Speichen zu greifen und gesetzgeberisch die Revitalisierung des Glaubens an die alten Götter und eine Renaissance der alten Kulte energisch voranzutreiben und somit dem alternden Reich innere Stabilität und eine ideele Perspektive zu verleihen, scheiterte an seinem frühen Tod auf einem Feldzug gegen die Perser im Jahre 363 n. Chr. mit nur 32 Jahren, und nicht an Julians Donquichotterie und dessen uneinsichtiger Ignorierung der stetig wachsenden gesellschaftlichen Realität und politischen Macht der aufsteigenden Kraft des Christentums, wie Rosen, der Julians ehrliches Streben nach der Wahrheit unbeteiligt unterschlägt, dies dem Leser glaubhaft zu machen versucht.

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