Bryn Mawr Classical Review

Bryn Mawr Classical Review 2006.05.20

Markus Sehlmeyer, Uwe Walter, Unberührt von jedem Umbruch? Der Althistoriker Ernst Hohl zwischen Kaiserreich und früher DDR.   Frankfurt am Main:  Verlag Antike, 2005.  Pp. 125.  ISBN 3-938032-08-1.  €27.90.  



Reviewed by Michael Hesse, Witten (sallustius-crispus@gmx.de)
Word count: 558 words

Der vorliegende Band ist durch das Jubiläumskolloquium zum 100jährigen Bestehen der Alten Geschichte als eigenständigem Fach an der Universität Rostock angeregt worden.

Markus Sehlmeyer (S.), Assistent am Institut für Altertumswissenschaften der Universität Rostock und Uwe Walter (W.), Professor für Alte Geschichte an der Universität Bielefeld, erinnern mit Ernst Hohl (1886-1957) an einen Mann, der das Fach dort von 1919 bis 1949 und damit auch in drei politischen Systemen vertreten hat und der trotz seiner unbestreitbaren Forschungsleistung im Fachgedächtnis unverdient gering präsent ist.

Zunächst umreisst S. in "Strassburg-Rostock-Berlin. Ernst Hohl zwischen Kaiserreich und früher DDR" die Vita Hohls, der u.a. Ernst Kornemann und Eduard Norden zu seinen Lehrern zählte. Bereits mit seiner Tübinger Dissertation von 1910 "Vopiscus und die Biographie des Kaisers Tacitus", machte er die Historia Augusta zu seinem grossen Thema. Auch seine Probevorlesung an der Universität Strassburg von 1914 behandelte "Das Problem der Historia Augusta". Nach der durch das Diktat von Versailles bedingten Abtretung des Elsass an Frankreich nahm Hohl 1919 den Ruf auf das Extraordinariat am Historischen Institut II in Rostock an. Die von Hohl1 besorgte Teubnerausgabe der Historia Augusta erschien 1927. Die besondere Wertschätzung der philologischen Arbeit drückte sich auch in der engen Zusammenarbeit der Rostocker Altertumswissenschaftler aus. So nahm der Latinist Rudolf Helm Anteil an Hohls Historia Augusta-Edition und Hohl seinerseits an Johannes Geffkens "Der Ausgang des griechisch-römischen Heidentums". Hohls Festhalten an Standards, standhaft auch gegenüber dem Zeitgeist und die innere Distanz zur nationalsozialistischen Ideologie verhinderten seine Berufung nach Breslau in Nachfolge Kornemanns. Daher zählte Hohl nach der Wiedereröffnung der Rostocker Universität 1946 zu den unbelasteten Professoren, die bleiben durften. Im November 1949 nahm Hohl den Ruf auf den Lehrstuhl Mommsens an der Universität Berlin an. Da er 1953 emeritiert wurde, hat er die Konsequenzen der 2. Hochschulreform vom Herbst 1952 mit der sozialistischen Umgestaltung auch der Hochschule nicht mehr aktiv erfahren müssen; sicherlich wäre für Hohl, der bis zuletzt keine Zugeständnisse gegenüber der SED machte, sonst grösseres Konfliktpotential entstanden.

W. "Vom Ethos des Historikers. Ernst Hohl als Geschichtsschreiber und Rezensent" sieht als Kontinuum der Tätigkeit Hohls die Verteidigung der "Wissenschaft als ein ihren eigenen, strengen Regeln gehorchender Teil von Staat, Kultur und Gesellschaft, als Teil des bonum commune" (S.39). Auch in seinen mehr als 170 Rezensionen über einen Zeitraum von 46 Jahren hinweg erweist sich Hohl als unbestechlicher Verteidiger von Regeln wissenschaftlicher Arbeit und rationaler Überlegung, der, wenn es die Sache erforderte, wie z.B. im Falle der Kontroversen mit Altheim, auch harte Kritik zu üben imstande war. Auch Persönliches findet Erwähnung, wenn etwa aus der Erinnerung Christian Meiers berichtet wird, dass Ironie ein wichtiges Mittel der Vorlesungen des auch literarisch gebildeten Prof. Hohl gewesen sei. S. "Ernst Hohl und die Historia Augusta" bietet eine gute Übersicht über den wesentlichen Beitrag Hohls zur Historia Augusta-Forschung und die Grundfragen der Historia AugustaProblematik bis hin zur Fortführung der Projekte Hohls v.a. durch Johannes Straub2 und zu den regelmässig stattfindenden Historiae Augustae Colloquia.

S und W. unternehmen sodann den "Versuch einer Bilanz".

Ein Verzeichnis der Schriften Ernst Hohls, eine Aufstellung der Bestände aus dem Nachlass Ernst Hohls in der Bibliothek des Seminars für Alte Geschichte der Universität Bonn und ein Personenregister schliessen einen Band ab, der mit Empathie gleichermassen Persönlichkeit und Forschungsleistung Hohls würdigt, eines Mannes, dem es zutiefst zuwider war, "die Wissenschaft nach den Wünschen politischer Machthaber auszurichten"3 und der eine Fundgrube für jeden wissenschaftsgeschichtlich Interessierten darstellt.


Notes:


1.   vielleicht auf Anregung Kornemanns.
2.   vielleicht gelangten deshalb zahlreiche Handexemplare und der Zettelkasten Hohls zur Historia Augusta an die Universität Bonn.
3.   M. Gelzer, Gnomon 29, 1957, 399; insgesamt zeigt sich auch bei Hohl, dass sich konservative Grundhaltung und liberales Denken nicht ausschliessen und totalitären Systemen gegenüber standhaft zu bleiben helfen.

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