Bryn Mawr Classical Review

Bryn Mawr Classical Review 2006.03.43

Charikleia Armoni, James M.S. Cowey, Dieter Hagedorn, Die griechischen Ostraka der Heidelberger Papyrus-Sammlung. Veröffentlichungen aus der Heidelberger Papyrus-Sammlung, 11.   Heidelberg:  Universitätsverlag Winter, 2005.  Pp. xxiii, 514.  ISBN 3-8253-5087-8.  €98.00.  



Reviewed by Thomas J. Kraus, Hilpoltstein (t.j.kraus@web.de)
Word count: 1269 words

Mit diesem grossformatigen Band liegt nun vor, was immerhin einen Entstehungsprozess von mehr als zwanzig Jahren hinter sich hat: Die Editionen aller 525 griechisch beschrifteten Ostraka der Heidelberger Papyrus-Sammlung. Diese beinhalten auch, soweit das aufgrund des Zustands möglich ist, eingehende Beschreibungen, Transkriptionen, Übersetzungen und Photographien aller Ostraka, bei denen es sich um alle bereits in P.Heid. III1 veröffentlichten, um einige Neueditionen und dabei dann auch um jene Stücke handelt, auf denen nur geringe Tintenspuren enthalten sind. Die meisten der Stücke stammen aus Oberägypten aus römischer, einige wenige aus ptolemäischer und byzantinischer Zeit. Grundsätzlich handelt es sich um Quittungen, Abrechnungen, Aufstellungen, Namenlisten, um wenigstens einige der Untergruppen dokumentarischer Papyri zu nennen, worunter sich auch vier Privatarchive einfacher Leute befinden, sowie einige Briefe. Die Beiträge sind in englischer und deutscher Sprache verfasst und chronologisch sowie thematisch angeordnet. Natürlich setzt die Fachsprache einiges Vorwissen auf Seiten der Leserschaft voraus, richtet sich der Editionsband allerdings als Grundlagenwerk ohnehin an Spezialisten in den relevanten Bereichen der Geschichtswissenschaften, der Altphilologie, aber auch der antiken Wirtschafts- und teilweise der Rechtsgeschichte. Endlich liegt damit eine noch dazu exzellente Bestandsaufnahme der Ostraka der wichtigen Heidelberger Papyrus-Sammlung in einem Band vor, die in Umfang, Genauigkeit und Verlässlichkeit ihresgleichen sucht2 und fortan mit der Kurzform O.Heid. bezeichnet werden kann.3

Die drei Herausgeber beschreiben in einem gemeinsamen Vorwort (v-vi) anschaulich den Entstehungsprozess des Bandes, der sich immer wieder zwischen den Polen Schwierigkeiten und Beharrlichkeit bewegt hat. Zudem geben sie einen kurzen Überblick über den Aufbau des Bandes und rechtfertigen die Auswahl der Ostraka. Besonders interessant ist dabei, dass die Entscheidung für die unmittelbare Nähe der Abbildungen zu den Transkriptionen und gegen einen eigenen Tafelteil am Ende aufgrund der Absicht zustande kam, in naher Zukunft digitale Farbabbildungen aller Ostraka im Internet verfügbar machen zu wollen. So kann durchaus geringere Qualität akzeptabel erscheinen, da doch so die direkte Überprüfbarkeit von Beschreibung und Transkription und damit eine grössere Benutzerfreundlichkeit erreicht wird. Gerade die Ankündigung der Digitalisierung des Ostraka-Bestands der Heidelberger Papyrus-Sammlung4 ist eine gute Nachricht, ist doch auf diesem Weg ein unkomplizierter und unabhängiger Zugang gewährleistet. Dies hat sogar den Vorzug vor der Beilage einer CD-ROM mit Qualitätsabbildungen, so wie dies für O.Kellis kürzlich erfolgte, die jedoch ihrerseits wiederum gegenüber gedruckten Abbildungen Vorteile haben kann.5

Neben einem Inhaltsverzeichnis (vii-viii) und einer aufgeschlüsselten Auflistung der publizierten Texte (ix-xx) erleichtern detaillierte Wort- und Sachregister (447-503), eine Übersicht über korrigierte bzw. diskutierte Stellen (504-505) sowie verschiedene Konkordanzen (506-514) die Orientierung in diesem umfangreichen Band ebenso wie dessen Benutzung. In der ersten Konkordanz wird nicht nur eine Aufstellung über Inventar- und Publikationsnummern aller Heidelberger Ostraka geboten, sondern auch knapp, wann diese Ostraka nach Heidelberg kamen (506). Darüber hinaus erhält die Leserschaft Kurzinformationen zu Beschriftung und/oder Sprache der nicht in O.Heid. publizierten Ostraka. Wort- und Sachregister sind wie in der Papyrologie üblich gegliedert nach Kaiser(namen), Datierungen, Regierungsjahren, Indiktionsjahren, Monaten und Tagen, Tagesdaten, Personen, Geographie, Massen, Geldbeträgen, Landflächen, Produktmengen, Religion, Ämtern, Steuern, Militär, Berufen und umfassen auch ein allgemeines, alphabetisches Wörterverzeichnis all jener Wörter, die nicht in die zuvor genannten Bereiche einzuordnen sind. Bei 525 Ostraka und damit einer adäquaten Anzahl von Einzeltexten ist ein so ausführlicher Index nicht nur wünschenswert, sondern vielmehr ein unerlässliches Instrumentarium. Eigene Stichproben bestätigten die erwartete Genauigkeit und Verlässlichkeit der dort gebotenen Angaben und Verweise.

Zusätzlich tragen eine Übersicht über abgekürzt zitierte Literatur (xxi-xxii), in der für diesen Bereich einschlägige Standardwerke aufgeführt sind, und eine Aufstellung kritischer Zeichen, Abkürzungen und Symbole (xxii) dazu bei, dass sich auch der mitunter nicht ständig mit den Gepflogenheiten und Konventionen der Papyrologie Vertraute in diesem Band zurecht finden kann. Dies betrifft insbesondere die Auflösung der Transkriptionen, für die selbstverständlich das Leidener Klammersystem Verwendung findet.

Die Anlage des Bands erfolgt sowohl nach zeitlichen als auch nach inhaltlichen Kriterien. So kommen zuerst Texte aus ptolemäischer (Nr. 1-29), dann römischer (Nr. 30-436) und schliesslich spätantiker Zeit (Nr. 437-453) zur Sprache. Innerhalb dieser drei grossen Blöcke werden die Ostraka entsprechend ihrem Inhalt und wiederum chronologisch gruppiert. Natürlich lassen sich in diesem System Ostraka mit geringem, bisweilen zweifelhaftem Textbestand nicht einordnen, weshalb sie konsequent an den Schluss (und damit als Nr. 454-525 vor das Register auf den Seiten 447-514) gerückt und mit der Bezeichnung Descripta gut charakterisiert werden.

Aufgrund der grossen Textfülle und ihrer gleichzeitigen Individualität macht eine Einzeldarstellung der Ostraka hier keinen Sinn. Deshalb sollen nur grundsätzliche Tendenzen und Auffälligkeiten dargestellt werden, bevor auf die vier Privatarchive noch kurz eingegangen wird.

Für jedes Ostrakon erfolgt die Darbietung wie folgt: Kurzbezeichnung des Inhalts (als Überschrift), Inventarnummer, Abmessungen, Datierung, Herkunft/Fundort, Kurzbeschreibung, Transkription, Zeilenkommentare zu den Lesungen und Übersetzung, das Ganze begleitet von einer Schwarzweiss-Abbildung. Jeder Beitrag ist durch ein Namenkürzel gekennzeichnet, so dass die Bearbeiterin/der Bearbeiter leicht identifiziert werden kann. Wie nicht anders zu erwarten, machen Quittungen, Empfangsbestätigungen und Aufstellungen den Grossteil der dargebotenen Ostraka aus. Untergruppierungen werden durch prägnante Vorbemerkungen näher erläutert, wie etwa für die Bestätigungen über Spreulieferungen aus ptolemäischer Zeit (Nr. 18-19), denen James M.S. Cowey sogar eine umfangreiche Auflistung weiterer solcher Bestätigungen zur Seite stellt. Ebenfalls aus jener Epoche stammen Nr. 23, das mit dem üblichen Briefformular eröffnet, sowie einige Abrechnungen (Nr. 25-28). Aus römischer Zeit fallen, neben den vier Privatarchiven (s.u.), die zahlreichen Quittungen für unterschiedliche Steuern auf. Darüber hinaus finden sich noch Speicherquittungen (Nr. 270-302), Quittungen für Praktoren (Nr. 303-309), für Spreulieferungen und Verwandtes (Nr. 310-323) und für Deicharbeiten (Nr. 324-327). Daneben sind noch Aufstellungen und Abrechnungen unterschiedlicher Ausrichtung (Nr. 329-396) und Namenlisten (397-427) zu vermerken. Unter den Briefen (Nr. 428-431) sind zwei fragmentarische (Nr. 429-430) an den imaginifer (Kaiserbildträger) Antistius Valens gerichtet, ein Dienstrang der in der Papyrologie "sonst recht selten bezeugt" (403) ist. Unter den spätantiken Ostraka sticht auch gattungstechnisch Nr. 437, Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum, aus dem 6. oder 7. Jahrhundert heraus, das bereits veröffentlicht war und hier unverändert wieder abgedruckt ist. Die Descripta mögen wohl angesichts ihres Erhaltungszustandes und des meist spärlichen Textbestands eine Herausforderung für zukünftige Bearbeiter darstellen. Für die meisten unter ihnen ist sicherlich richtig anzunehmen, dass sie ebenfalls Quittungen, Aufstellungen oder Listen sind. Wichtig erscheint insgesamt für die griechisch beschrifteten Ostraka der Heidelberger Papyrus-Sammlung herauszustellen, dass Nr. 2, 30 und 35 Zeilen auf Demotisch enthalten.

Besondere Bedeutung kommt den bislang ausgesparten Privatarchiven zu. Dabei handelt es sich um die umfangreichen Familienarchive der Nachfahren des Petemarsnuphis (Nr. 30-50) und des Herakles und der Senkametis samt Nachfahren (Nr. 58-132) sowie die Archive des Petemenophis, Sohn des Osorueris (Nr. 51-57), und des Mechphres, Sohn des Horos (Nr.133-144). Solche Archive ermöglichen einerseits tiefe Einsichten in das Alltagsleben einfacher Leute, andererseits auch den Lebensweg solcher Leute eine Zeitlang zu begleiten. Gerade die Familienarchive sind dabei besonders aussagekräftig, ergeben sich aus ihnen Familienstammbäume, Verflechtungen und Rückschlüsse über sozio-kulturelle Verhältnisse, wie beispielsweise für die Familie des Herakles und der Senkametis und deren Auf und Ab (vgl. Einleitung, 63-66). Letztlich lassen sich anhand konkreter Daten über reale Personen in einer bestimmten Umgebung einer vergangenen Welt Anhaltspunkte für eine exakte Sozialgeschichte herausfinden.

Eine Aufzählung der wenigen Tippfehler (z.B. Seite 20 recipts statt receipts) würde weder der Qualität des vorliegenden Bands gerecht, noch hätte sie den rechten Platz innerhalb einer angemessenen Würdigung der Gesamtleistung der Herausgeber (und des Verlags). Ebenso wenig ist die Verwendung eines anderen griechischen Fonts für den Wiederabdruck der Transkription von Nr. 437 ein bemerkenswerter Mangel. Vielmehr ist den Herausgebern und gleichzeitig Bearbeitern für ihre Arbeit zu danken, stellen sie doch ein Hilfsmittel für die Erforschung der Lebenswelten der Antike und Spätantike zur Verfügung, das vielfältiges und umfangreiches Datenmaterial beinhaltet. Eben jenes Datenmaterial in so methodisch einwandfreier und exakter Darstellung ermöglicht erst als Grundlage weitere Arbeiten. Gerade auch der Wert, der Ostraka als Zeugnissen des Alltagslebens zukommt, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, sowohl in archäologischer als auch kontextueller Bedeutung.6


Notes:


1.   P.Heid. III = P. Sattler, ed., Griechische Papyrusurkunden und Ostraka der Heidelberger Papyrussammlung. Veröffentlichungen aus der Heidelberger Papyrussammlung, 3. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 1963. Ostraka als Nr. 249-288.
2.   Hier ist zudem ein kürzlich erschienener Band mit griechischen Ostraka aus Kellis zu nennen, der auch grundsätzliche archäologische und methodische Informationen enthält: K.A. Worp, ed., Greek Ostraka from Kellis: O.Kellis, Nos. 1-293. Dakleh Oasis Project: Monograph, 13. Oxford: Oxbow Books, 2004.
3.   So von den Herausgebern vorgeschlagen (vi) und schon entsprechend aktualisiert in: Checklist of Editions of Greek, Latin, Demotic and Coptic Papyri, Ostraca and Tablets. Ed. J.F. Oates et al. Web Edition, last updated December 2005.
4.   Die Arbeiten am Projekt "Digitalisierung der Heidelberger Papyrus-Sammlung" wurden von 1999 bis 2002 gefördert, werden aber auch weiterhin fortgeführt.
5.   Vgl. Anm. 2. Die als pdf-Dateien gespeicherten Photographien lassen sich problemlos vergrössern bzw. in Detailausschnitten betrachten. Leider fehlen, neben allen Warenbegleitscheinen (Nr. 162-216), gerade die Fragmente mit kaum lesbaren oder unlesbaren Zeilen (Nr. 217-268), was jedoch die Qualität der Editionen in O.Kellis nicht schmälert.
6.   Vgl. die Darlegungen hinsichtlich der Ostraka aus Kellis von Colin A. Hope, Ostraka and the Archaeology of Ismant el-Kharab, in: O.Kellis (vgl. Anm. 2), 5-15.

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