Bryn Mawr Classical Review

Bryn Mawr Classical Review 2005.10.39

Kurt Latte, Opuscula inedita: zusammen mit Vorträgen und Berichten von einer Tagung zum vierzigsten Todestag von Kurt Latte. Edited by Carl Joachim Classen. BzA 219.   München/Leipzig:  K.G. Saur, 2005.  Pp. vi, 102.  ISBN 3-598-77831-7.  €49.00.  



Reviewed by Michael Hesse, Witten (sallustius-crispus@gmx.de)
Word count: 533 words

Kurt Latte (1891-1964) war einer der bedeutendsten deutschen klassischen Philologen des 20. Jahrhunderts.

Der vorliegende Band, hervorgegangen aus einem auf Anregung von Studiendirektor Dr. B. Meißner aus Anlaß des 40. Todestages Kurt Lattes veranstalteten Treffen ehemaliger Latte-Schüler am 4. und 5. Mai 2004 in Göttingen, stellt ein pietätvolles sincerae pignus amicitiae für den im besten Sinne preußisch geprägten1 großen Gelehrten dar.

Der Band versammelt neben der lateinischen consalutatio Meißners, einem Grußwort des ehemaligen Präsidenten der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Professor G. Patzig,2 Gedenkworten von Professor A. Dihle3 und einem Überblick des Herausgebers Professor C.J. Classen über den in Göttingen befindlichen Teil des wissenschaftlichen Nachlasses4 von Kurt Latte nebst einer Auflistung der Göttinger Lehrveranstaltungen Lattes von 1945 bis 1957 sieben bisher unveröffentlichte Texte Lattes, unter denen sich manche Perlen finden lassen.

"Sternsagen" lenkt das Augenmerk darauf, daß es zweierlei Sternsagen bei den Griechen gibt: Die echten Sternsagen, die den sinnlichen Eindruck des Gestirns unmittelbar zu einer Gestalt formen, die dann ihre Geschichte erhält (z.B. Orion und die Tauben, Endymion, Phaethon), und die andere Gruppe, bei der die Beziehung auf die Sterne sekundär ist und die Märchen und Sagen lediglich in den Himmel überträgt.

"Der Hades der Griechen" widmet sich der Entwicklung der Jenseitsvorstellungen der Griechen von der vorhomerischen Zeit bis zu den Ausläufern bei Vergil und noch bei Dante.

"Römerlegenden und Romgedanke" stellt die Frage nach Sinn und Problematik von Traditionen. Latte sieht die Hellenisierung der Römer als Auseinandersetzung mit einer geistigen Macht bei gleichzeitiger Wahrung der Traditionen und verfolgt die von ihm so genannte Römerlegende über Ennius, Cato maior, Cicero, den jüngeren Cato, Varro, Livius, Horaz, Vergil bis zur Erweiterung zu und Verschmelzung mit der Romidee in der Kaiserzeit und schließlich der Vollendung der pax Augustana in der pax Christiana und der Relativierung und Vollendung der Romidee zugleich in de civitate dei des Augustinus.

"Wandel des Glaubens in der Kaiserzeit" weist darauf hin, daß nach einer Periode religiöser Gleichgültigkeit der Oberschicht, die sich mit wachsendem Aberglauben der Massen paart, seit flavischer Zeit und mehr noch seit Hadrian mit einer neu einsetzenden religiösen Strömung einerseits die Philosophie ihren Gottesbegriff immer abstrakter gestaltet, andererseits von den Menschen ein Gott gesucht wird, zu dem man sich in allen Nöten und Gefahren flüchten kann. Zur Unterstützung dieses Glaubens werden die Mythen umgedeutet und Kultvorgänge erhalten eine neue Funktion. Etwa seit Commodus dringen die großen Kulte des Ostens auch in den Staatskult ein. Keine Religionsgemeinschaft vermag mehr, ein einigendes Band für das Reich darzustellen.

"Geist und Macht. Gedanken zum 2000. Todestag Ciceros" stellt die erweiterte Fassung des in der "Zeit" vom 5. September 1957 unter dem Titel "Das Wort Qualität hat Cicero erfunden. Vor 2000 Jahren starb der Römer, der die Philosophie dem Nichtfachmann zugänglich machte" veröffentlichen Artikels dar.

"Zwei Kapitel aus einer ungedruckt gebliebenen Literaturgeschichte: Ovid; Epigonen" und "Neronische Dichtung" beschließen einen Band, der eine in der heutigen Zeit selten gewordene Würdigung

philologo sagacitate doctrina iudicii integritate eximio

iuris Graeci religionis Graecorum et Romanorum

lexicographiae antiquae peritissimo5

darstellt und ein Manne in Denkmal setzt, der trotz der in der Zeit des Nationalsozialismus erlittenen Verfolgung stets Patriot war, in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit Maßstäbe gesetzt hat und dessen Werk und zeitlose Erkenntnisse noch kommenden Generationen Anregungen liefern werden.


Notes:


1.   Recensuit et emendavit Kurt Latte Regiomontanus steht noch auf dem Titelblatt seines Hesych.
2.   Leider konnten von Prof. Dr. G. Patzig und Prof. Dr. G. Priesemann (Kiel) vorgetragene persönliche Erinnerungen an Kurt Latte nicht abgedruckt werden.
3.   Professor Dihle zeichnet in anrührender Weise ein Lebensbild Lattes voller Einfühlungsvermögen und Empathie.
4.   Die Teile des Nachlasses, die Hesych betreffen, liegen bei der Dänischen Akademie der Wissenschaften; den Verbleib der übrigen Teile des wissenschaftlichen Nachlasses hat Professor Classen leider nicht ermitteln können.
5.   So die zeitlose Würdigung im Festheft Kurt Latte, Philologus 106, Heft 3/4, Berlin 1962.

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