BMCR 2022.11.36

Livius noster: Tito Livio e la sua eredità

, , Livius noster: Tito Livio e la sua eredità. Giornale italiano di filologia. Biblioteca, 26. Turnhout: Brepols, 2021. Pp. 901. ISBN 9782503592985 €130,00.

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Der hier zu besprechende wahrhaft monumentale Sammelband ist aus den Feierlichkeiten zum 2000. Todestag des römischen Historikers hervorgegangen, die 2017 in seiner Geburtsstadt Padua mit einigem Aufwand begangen wurden. Er basiert auf den Vorträgen, die auf einer in diesem Zusammenhang ausgerichteten internationalen Tagung gehalten wurden, und gibt daher – ebenso wie der von denselben Kollegen herausgegebene und mit 572 Seiten ebenfalls nicht dünne Vorläuferband[1] – einen guten Überblick über die Liviusforschung der letzten Jahre, wenn auch vor allem in Hinsicht auf eher traditionelle Fragen und Methoden. Wie in der zweisprachig (italienisch-englischen) Einleitung erläutert (S. 13-31) sind die insgesamt 37 (neben den beiden genannten Sprachen auf Französisch verfassten) Beiträge in fünf Rubriken angeordnet, die sich mit Livius‘ Werk zunächst aus philologischer, historischer und archäologischer Perspektive beschäftigen, bevor sie dann die literarische und künstlerische Rezeption in den Blick nehmen.

In der ersten Sektion (S. 33-300) widmen sich drei Beiträge unterschiedlichen Aspekten der Überlieferungs- und Editionsgeschichte von ab urbe condita (Briscoe, de Franchis, Palma) und ebenso viele einem quellenkritischen Vergleich mit anderen Werken aus der Antike (Guittard, Beltramini, Casapulla). In drei weiteren Aufsätzen stehen einzelne Episoden oder Personen und ihre Darstellung durch Livius im Zentrum (Ricchierei, Todaro, della Calce), während von den anderen drei Autorinnen und Autoren übergreifende Aspekte in den Blick genommen werden: So präsentiert Bernd Mineo einen neuen Vorschlag für die umstrittene Frage nach dem Aufbau des Werkes im Ganzen und unterscheidet dabei in Anschluss an seine früheren Arbeiten[2] zwischen einer expliziten architektonischen und einer impliziten dialektischen Struktur. Marine Miquel wertet die relativ wenigen über das Werk verstreuten auktorialen Kommentare für das Selbst- und Geschichtsverständnis des Autors aus und Virginia Fabrizi untersucht ausgehend von dem Beispiel der Schilderung von Schlachten auf dem Forum Romanum die Bedeutung des Raumes als narratologischer Kategorie für die livianische Erzählweise.

In der zweiten Sektion (S. 301-497) rückt anstelle der literarischen Form der historische Inhalt in den Mittelpunkt der Überlegungen, auch wenn die ersten beiden Beiträge, einerseits zur Rolle von Frauen für die Erzählung (Cenerini) und andererseits zur Darstellung der Ständekampfe im Vergleich mit Dionysios von Halikarnassos (Desideri) ihren Platz auch im vorherigen Abschnitt hätten finden können. Die nächsten zwei Autoren wenden sich dem dornigen Feld der periochae zu und versuchen Livius‘ Behandlung der Schlacht von Aktium (Marcone) und von Pompeius (Fezzi) zu rekonstruieren. Wiederum je zwei Beiträge widmen sich dann der Überlieferung von Gesetzen (Cavaggioni, Rocco) und der Darstellung kriegerischer Konflikte (Milivojević, Sans).

Die deutlich kürzere dritte Sektion (S. 499-580) nimmt die Schnittmenge von Livius‘ Werk und aktuellen Ansätzen der archäologischen Forschung in Blick. Die vier Beiträge behandeln dabei recht unterschiedliche, aber gleichermaßen interessante Aspekte: Zunächst wendet sich Paolo Carafa der umstrittenen Frage zu, wie sich Livius‘ Bild vom frühen Rom mit den Befunden zur Besiedlung in dieser Zeit in Einklang bringen lässt. Dann werden ausgehend von der Schlacht bei Cannae Livius‘ literarische Darstellungen von Niederlagen mit der Behandlung des gleichen Themas in der antiken Reliefkunst verglichen (Salvadori & Scalco). Schließlich werden mit der villa einerseits (Stella Busana & Forin) und den Abwasserleitungen andererseits (Furlan) zwei selten behandelte wirtschaftshistorische Themen in ab urbe condita näher beleuchtet.

Mit der vierten Sektion (S. 581-777) wird die reiche Rezeptionsgeschichte von Livius‘ Werk in den Blick genommen, und zwar zunächst in Form der Reaktionen späterer Leser und Autoren. Diese zeigen sich sowohl im häufig erstaunlich produktiven Umgang mit Zusammenfassungen (Pistellato, Tixi) als auch in den Bezügen auf sein Werk in der gelehrten Literatur (Longobardi). Am deutlichsten aber natürlich in den Reflexen, die sich in vielen literarischen Texten, z.B. aus dem spätantiken Nordafrika (Iulietto), dem arabischen Mittelalter (di Branco) und dem Italien der frühen Neuzeit (Vasaly) beobachten lassen. Mit einem verstärkten Interesse an der Antike setzte zur gleichen Zeit auch die reiche Tradition der Kommentierung von ab urbe condita und seiner Ausdeutung für die Herausforderungen der eigenen Gegenwart ein, für die hier Nicholas Trevet (Crevatin), vor allem aber Niccolò Machiavellis berühmte discorsi und ihr literarisches Umfeld eingehend in den Blick genommen werden (Salvo Rossi, Biasiori, van Heck, Biasutti).

Die kurze fünfte Sektion (S. 779-884) besteht zwar nur aus zwei Beiträgen, rundet das Bild aber mit zwei interessanten Fallstudien aus der ebenfalls sehr reichhaltigen künstlerischen Rezeption ab: Zum einen wird ein Beispiel für Illustrationen in mittelalterlichen Handschriften vorgestellt (Simeoni), zum anderen ein im 16. Jh. als Ausstattung einer Genueser Villa angefertigtes Fresko mit einer Darstellung des Raubes der Sabinerinnen präsentiert (Petraccia).

Der Band wird von ausführlichen Indizes und einer Zusammenstellung der englischen Abstracts aller Beiträge beendet und ist damit auch für eine punktuelle Nutzung gut erschlossen. Auch wenn sich die Artikel in ihrer Länge und Detailliertheit deutlich unterscheiden und sich einige stärker als andere an bereits publizierte Arbeiten ihrer jeweiligen Verfasser anlehnen, so bietet das hier vorgelegte Sammelwerk doch fraglos eine substantielle Summe der Forschung und legt zudem eindrucksvoll Zeugnis ab für die anhaltend große Bedeutung von Livius noster.

 

Authors and Titles

Maria Veronese, Premessa. Livius noster: le celebrazioni del bimillenario liviano
Gianluigi Baldo, Introduzione. Livio e i ‘liviani’: un orizzonte per la ricerca degli anni futuri / Introduction. Livy and His Heritage: A Horizon for Research in the Years to Come

PARTE I. Il testo di Livio tra filologia e critica letteraria
John Briscoe, Editing Livy, 1469-2016 (35-44)
Marielle de Franchis, Éditer la troisième décade de Tite-Live: bilan et perspectives (45-80)
Marco Palma, Antigrafo manoscritto / apografo a stampa. La princeps della quarta decade fra Bussi, Sweynheym e Pannartz (81-96)
Charles Guittard, Livius apud Livium. À propos du carmen de 207 (Liv. 27,37,7) (97-109)
Luca Beltramini, Livio e Polibio sull’assedio di Nova Carthago (111-138)
Vincenzo Casapulla, L’assedio di Locri nel libro 29 di Livio (139-157)
Tommaso Ricchieri, Lucio Quinzio Flaminino e Catone nella narrazione liviana fra tradizione e censura (39,42 – 43) (159-176)
Giovanna Todaro, Id quidem cavendum semper Romanis ducibus erit. Il caso dei fratelli Scipioni (177-196)
Bernard Mineo, Structure dialectique et structure architecturale dans l’Ab urbe condita de Tite-Live (197-220)
Marine Miquel, Histoire et vérité chez Tite-Live. Manifestations auctoriales et nœuds narratifs dans l’Ab urbe condita (221-248)
Virginia Fabrizi, La guerra nel Foro. Analisi e implicazioni di un ricorrente tema liviano (249-274)
Elisa Della Calce, Le virtù dei nemici di Roma nelle ultime decadi liviane. L’esempio della clemenza (275-300)

PARTE II. Livio come fonte storica e storiografica
Francesca Cenerini, Il ruolo delle donne nella narrazione liviana: alcuni esempi (303-314)
Paolo Desideri, Livio, Dionigi, e Machiavelli, sul conflitto patrizio-plebeo (315-330)
Arnaldo Marcone, A proposito della battaglia di Azio. Tradizione augustea e tradizione liviana (331-345)
Luca Fezzi, Gneo Pompeo ‘Magno’ nelle Periochae (347-368)
Francesca Cavaggioni, Storiografia e leges publicae. Il caso di Livio, AUC 21-30 (369-413)
Marco Rocco, Attività legislativa e ritratti di re in AUC 1 (415-444)
Feđa Milivojević, Livy and the Third Illyrian War – An Analytical Approach (445-475)
Benoît Sans, De Zama à Cynoscéphales. Étude comparée des stratégies rhétoriques de Tite-Live et Polybe (477-497)

PARTE III. Livio e l’archeologia
Paolo Carafa, Una nuova pagina di Livio. L’archeologia della prima Roma (501-520)
Monica Salvadori & Luca Scalco, Elementi iconografici della disfatta: il modello della Canne liviana (521-542)
Maria Stella Busana & Claudia Forin, La villa nell’opera di Tito Livio. Tra fonte letteraria e dato archeologico (543-565)
Guido Furlan, Costruzione e manutenzione dei condotti fognari delle città romane. Il contributo dell’opera di Livio all’interpretazione dei dati archeologici (567-580)

PARTE IV. Lettori di Livio dal Tardoantico all’Età Moderna
Antonio Pistellato, Additamenta storico-narrativi alla Periocha 49 di Livio (583-596)
Mariella Tixi, La ricezione dei prodigia liviani in Giulio Ossequente, tra persistenze ideologiche e novità narrative (597-608)
Concetta Longobardi, Velut Hannibalis verba sunt. Letture antiche di Livio (609-627)
Maria Nicole Iulietto, Una persistenza liviana a Cartagine (629-641)
Marco Di Branco, Livio e Orosio in al-Andalus (Cordova, X secolo d.C.) (643-652)
Ann Vasaly, Livy’s Preface and Petrarch, Fam. 1,1: Method and Meaning in Petrarchan imitatio (653-671)
Giuliana Crevatin, Nicola Trevet introduce alla lettura di Tito Livio. Proemio dell’expositio e expositio del proemio (673-692)
Andrea Salvo Rossi, Discorsi sopra la ‘terza’ decade. Machiavelli di fronte alla seconda guerra punica (693-713)
Lucio Biasiori, Discorsi mancati. Machiavelli e gli Homini illustri di Pietro Ragnoni (715-734)
Paul Van Heck, I Discorsi su Livio da Niccolò Machiavelli a Pietro Giannone (735-761)
Franco Biasutti, Livio fra traduzioni e teoria della storia. Machiavelli, Patrizi, Speroni (763-777)

PARTE V. Livio nelle arti figurative
Giulia Simeoni, I manoscritti medievali illustrati degli Ab urbe condita libri di Tito Livio. Il caso del codice Arch. Cap. S. Pietro C 132 (781-807)
Maria Federica Petraccia, Il recupero di un mito liviano. ‘Il Ratto delle Sabine’ (809-844)

 

Notes

[1] G. Baldo u. L. Beltramini (Hg.), A primordio urbis. Un itinerario per gli studi Liviani, Turnhout: Brepols, 2019.

[2] Vgl. v.a. B. Mineo, Tite-Live et l’Histoire de Rome, Paris 2006.