BMCR 2021.11.41

Musaeus’ Hero and Leander

, Musaeus' 'Hero and Leander': introduction, Greek text, translation and commentary. Routledge classical translations. Abingdon; New York: Routledge, 2020. Pp. 123. ISBN 9780815353249 $155.00.

Preview

Musaios’ Epyllion von Hero und Leander war zuletzt 1971 von Karlheinz Kost und 1994 von Neil Hopkinson kommentiert worden.[1] Silvia Montiglios Neuausgabe tritt nicht in Konkurrenz zu Kosts erschöpfender Ausführlichkeit, annotiert aber weniger selektiv als Hopkinson und glänzt vor allem mit einer hervorragenden Einleitung.

Diese nimmt nicht viel weniger als die Hälfte des Buches ein und informiert klar und präzise zu Mythos, Autor, Metrik und Sprache sowie einer Reihe sinnvoll ausgewählter Einzelthemen: Neben zentralen Motiven wie der Lampe oder dem „obstacle“, das einer regulären Ehe im Wege steht, wird das Verhältnis einerseits zur homerischen Odyssee (Odysseus gelangt schwimmend zu Nausikaa wie Leander zu Hero), andererseits zum Liebesroman beleuchtet (die engste Verwandtschaft besteht mit Achilleus Tatios’ Leukippe und Kleitophon). Der schließende, längste Abschnitt skizziert das vielgestaltige Nachleben des märchenhaften Stoffes bis in die Gegenwart. Die ganze Einführung liefert nicht nur die notwendigen Grundlagen für ein genaues Verständnis des Gedichts, sondern ist darüber hinaus reich an bemerkenswerten Einzelbeobachtungen (etwa 15: Das Meer wird im Verlauf der Erzählung immer lauter; „We hear the storm long before it strikes“). Nahezu jeder Satz verrät, wie vertraut sich die Verfasserin schon seit Jahren mit dem Gedicht und seinem Stoff gemacht hat.[2]

Der griechische Text ist leider nicht mit einem kritischen Apparat versehen, obwohl Montiglio ihren eigenen Text konstituiert. Die Zweifelsfälle werden aber im Kommentar besprochen.[3]

Welche Art von Übersetzung man wählt, ist immer eine Grundsatzentscheidung. Einen Königsweg gibt es nicht, und jede Schwerpunktsetzung hat ihre Vor- und Nachteile. Montiglio strebt danach, Musaios’ Geschichte in möglichst klaren, leicht verständlichen Worten wiederzugeben; dabei ahmt sie zwar die griechische Wortstellung soweit möglich nach, verzichtet aber darauf, genaue Wortbedeutungen oder Formulierungsnuancen nachbilden zu wollen. So schiene mir „imperishable“ für ἄφθιτος (3) eine getreuere Wiedergabe als Montiglios „immortal“ (Kost: „unvergänglich“), und „bridal“ für νυμφοστόλος (10) macht den Zusammensetzungsbestandteil -στόλος unhörbar (Färber[4]: „brautführend“). Ähnliches ließe sich aus fast jedem Vers anführen.

Der Kommentarteil bietet dann kaum noch Neues – alles Wichtige war bereits in der Einleitung dargelegt – und verweist für die Einzelheiten oft auf die älteren Ausgaben, zumal die von Kost. Das Referat der Vorgänger ist nicht immer zuverlässig; beispielsweise ist Kosts Ansicht zum Namenszusatz γραμματικοῦ im Gedichttitel in einem Teil der Überlieferung bei Montiglio 68 ganz mißverstanden. Wer sich vertieft mit dem Gedicht beschäftigen will, wird also weiterhin vor allem Kosts Werk in die Hand nehmen. Erstlesern bietet Montiglio aber genau die Hilfen, die sie brauchen: alle schwierigen Stellen sind überzeugend und verständlich erklärt und die wichtigen Parallelen vollständig und mit Übersetzung zitiert.

Umso bedauerlicher, daß das schöne Bändchen seinen Weg im wesentlichen nur in die Regale besonders gut ausgestatteter Bibliotheken sowie zu einigen wenigen Spezialwissenschaftlern finden wird; andere potentielle Käufer werden absehbar vor dem unverständlich hohen Ladenpreis kapitulieren müssen.

Notes

[1] K. Kost, Musaios, Hero und Leander. Einleitung, Text, Übersetzung und Kommentar, Bonn 1971; N. Hopkinson, Greek Poetry of the Imperial Period. An Anthology, Cambridge 1994.

[2] Der Neuedition voraus ging unter anderem eine Monographie zur Rezeptionsgeschichte: S. Montiglio, The Myth of Hero and Leander: The History and Reception of an Enduring Greek Legend, London 2018 (dazu BMCR 2018.07.18).

[3] In drei Versen fehlen Punkt oder Hochpunkt in der bukolischen Dihärese (59. 144. 241), und die Hochpunkte sind oft ohne folgendes Leerzeichen gesetzt. Im übrigen ist das Buch sorgfältig redigiert und enthält kaum Druckfehler.

[4] H. Färber, Hero und Leander. Musaios und die weiteren antiken Zeugnisse. Gesammelt und übersetzt, München 1961.