BMCR 2021.03.38

Lexicon of Argead Makedonia

, , , , Lexicon of Argead Makedonia. Berlin: Frank & Timme, 2020. Pp. 540. ISBN 9783732904051 €128,00.

Inhaltsverzeichnis

Ein neu erschienenes Lexikon zu besprechen, ist eigentlich eine unmögliche Aufgabe. Der Wert eines Lexikons erweist sich erst in der längerfristigen Benutzung. Das sei als caveat allem vorangestellt, was an vorläufigen Beschreibungen und Beobachtungen folgt.

Der handliche Band, der allerdings nur schwer dazu zu bringen ist, offen liegenzubleiben, enthält 247 Artikel und 33 Verweise, Photos von zwölf Münzen und fünf weitere Abbildungen. Abkürzungsverzeichnisse, eine Liste der Argeadenherrscher und eine der 44 Beiträger kommen hinzu, außerdem ein kurzes Vorwort. Im Vorwort erläutern die Herausgeber den Sinn dieses Lexikons, einige Konventionen, denen gefolgt wird, und betonen, daß das Lexikon den derzeitigen Forschungsstand in all seinen Widersprüchen und Uneindeutigkeiten widerspiegeln solle und daß keine einheitliche Meinung zu kontroversen Themen angestrebt sei. Die Frage, wozu ein Lexikon des argeadischen Makedonien eigentlich nötig sei, beantworten sie etwas zu bescheiden mit der Feststellung: „Although Argead Makedonia was a late bloomer, it played a certain role in Mediterranean history …“ Dennoch sollte man im Sinn behalten, daß sich die Gliederung der makedonischen Geschichte in eine Zeit vor Alexander III. und eine Zeit nach ihm nicht von selbst versteht und gerade von institutionengeschichtlich interessierten Forschern kritisiert wird.[1] Sie sollte also begründet sein und könnte gut begründet werden, hat doch gerade die Mitherausgeberin Sabine Müller in den letzten Jahren die Eigenständigkeit der Herrschaft des Argeadenclans über Makedonien eindrucksvoll herausgearbeitet. Und so ist dieses Lexikon auch weniger ein Makedonien- als vielmehr ein Argeadenlexikon.

Um bei der Gattungsfrage präziser zu werden, könnte man den Band auch als einen Hybriden aus Lexikon und Handbuch bezeichnen. Von der Anlage her nähert er sich dem Kleinen Lexikon des Hellenismus[2], das sich dadurch auszeichnete, daß längere Artikel Sinneinheiten zusammenfaßten und eher diskursiv präsentierten. So wurde vermieden, den Stoff allzusehr zu zersplittern. Diese Tendenz hat auch das Lexicon of Argead Makedonia, dessen Kern 22 je fünfseitige Artikel bilden; selten wird einem Stichwort weniger als eine Seite gewidmet. Die angeführte Literatur ist knapp, aber aktuell und stets für einen umfassenden Einstieg ins Thema geeignet.[3] Offensichtlich ist das Fehlen einer Karte; bisweilen wird in den Artikeln auf die (hervorragend brauchbare) Straßenkarte von Road Editions verwiesen.[4] Zudem fehlt eine Liste der Beiträge bzw. eine Zuordnung der Beiträge zu den Beiträgern. Gerade weil sämtliche der 44 Beiträger ausgewiesene Experten sind und durchaus unterschiedliche Meinungen vertreten, schiene mir ein solcher schneller Überblick hilfreich. Das gravierendste Desiderat ist jedoch ein Register. Die langen Artikel enthalten vieles, was sich nicht über die Lemmata erschließt; so ungelenke Verweis-Lemmata wie Anthemous zeigen deutlich, daß ein Register fehlt.

Durch die glückliche Auswahl der Beiträger ist sichergestellt, daß es inhaltlich nichts zu kritisieren gibt; die Darstellungen sind stets informativ und auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand. Bei aller gewünschten Meinungsvielfalt sind sie zumeist auch sehr ausgewogen, wie die Einträge zu so kontroversen Themen wie chiliarchos, hetairoi, Factions, Legitimization, Makedonia und proskynesis mustergültig zeigen, die in Darstellung und Literatur die unterschiedlichen Forschungsmeinungen auch abbilden und sich mit ihnen auseinandersetzen.[5] Diese erfrischende und angebrachte Offenheit gegenüber den verschiedenen Forschungsmeinung führt bisweilen zu Kuriosa wie dem, daß direkt anschließend an den Artikel basileus, basilissa, in dem die These vertreten wird, daß kein argeadischer Herrscher vor Alexander III., womöglich nicht einmal dieser selbst, den Königstitel getragen habe, die basilikoi paides als eine der zentralen Institutionen des argeadischen Hofs vorgestellt werden. Sapienti sat, und alle anderen werden gezwungen, sich eine Meinung zu bilden. In anderen Fällen führt die Vorsicht zu weit; was hat man sich etwa unter der im Lemma Acclamation erwähnten „representative group of assembled Macedonians“ vorzustellen?

Dem Charakter als Argeadenlexikon entsprechend sind Personen-Lemmata ein zentrales Element des Bandes. Natürlich werden nicht nur Argeaden besprochen, sondern auch andere bedeutende oder wichtige Personen. Befriedigend ist es zu sehen, daß dabei durchaus eine Art historischer Gerechtigkeit angestrebt wird und eine zentrale Figur wie Parmenion ebenso viele Seiten erhält wie Alexander III., der ohne die ständige Unterstützung durch Parmenion kaum irgend etwas erreicht haben dürfte. Unter den makedonischen Landschaften scheinen die „alten“ wie *Pieria und *Bottia nicht als Lemmata aufgenommen zu sein, erst Bisaltia erscheint, dann aber wiederum fehlt *Tymphaia. Rivers and lakes gibt es, die nicht minder prägenden *Mountains, bis auf den Olympos, allerdings nicht.

Wer wissen will, wer die über Makedonien herrschenden Argeaden eigentlich waren, findet in Argeads, terminology und barbaroi z. T. überschneidende Informationen. Weitere Überschneidungen bestehen zwischen Genealogy, Foundation Myth und Karanos. Das Lemma Language, zu dem es durchaus einiges zu sagen gäbe, erscheint lediglich als Verweis auf Calendar, Inscriptions und Names. Ein Artikel *Institutions fehlt; man muß nach einzelnen Bezeichnungen suchen. Dann wiederum sind die Lemmata chora basilike und dorea, obwohl von ein und demselben Autor stammend, nicht untereinander verzahnt. Ebenso fehlt, wenn man sich den Makedonen selbst zuwenden möchte, ein Lemma *Citizenship; der Artikel Makedones hilft hier nicht weiter. Wirtschaftliches wird meist nebenbei gestreift; nur timber hat einen eigenen Eintrag. Lediglich der Münzprägung und allem, was mit ihr zusammenhängt, wird größere Aufmerksamkeit zuteil (Coin hoards, Coin hoards from Eastern Makedonia, Coinage, Mines, mining). Einzelne ikonographische Elemente der Münzen sind ausgegliedert und bilden eigene Artikel (Animal scalps on coins, Eagle on coins, Rider, Makedonian, on coins). Einiges ist enthalten, was nur im Kontext des Alexanderzuges relevant ist und womöglich etwas abseitig erscheinen könnte – Malloi etwa könnte problemlos in India untergebracht werden. Ebenso dürfte kaum jemand in diesem Buch nach dem Stichwort kolakeia/kolakes suchen; die Informationen wären in Court gut untergebracht gewesen.

Diese Beobachtungen sollen unbedingt als Eindrücke beim ersten Lesen verstanden werden und dem Nutzer zur Orientierung dienen. Nochmals sei betont, daß es inhaltlich nichts an dem Band auszusetzen gibt. Auf dem neuesten Stand der Forschung werden nicht nur Erläuterungen und Orientierungen, sondern auch Diskussionen geboten. Das Lexikon wird zweifelsohne jedem, der sich mit dem argeadischen Makedonien und mit Makedonien überhaupt beschäftigt, sehr helfen, und den Herausgebern ist großer Dank zu zollen, daß sie es unternommen haben, mit diesem Werk eine Schneise in die in den letzten Jahrzehnten quantitativ stark angewachsene Forschung zum Thema zu schlagen und sowohl einen fundierten Einstieg zu ermöglichen als auch denjenigen, die selbst zu Makedonien forschen, ein sehr hilfreiches Nachschlagewerk an die Hand zu geben, das künftig unverzichtbar sein wird. Auch die Qualität der Redaktion ist hervorzuheben,[6] gerade heutzutage, wo Schnellschüsse an der Tagesordnung sind. Das Lexicon of Argead Makedonia sollte künftig jedem zur Hand sein, der sich mit Makedonien beschäftigt, vielleicht dann auch in einer dem Werk unbedingt zu wünschenden zweiten Auflage mit Register.

Notes

[1] Siehe etwa N. G. L. Hammond, The Continuity of Macedonian Institutions and the Macedonian Kingdoms of the Hellenistic Era, Historia 49, 2000, 141–160; 141: „The reign of Alexander is often treated as a watershed, and there is a tendency then for historians to limit their study to one side or other of the watershed. When Macedonian institutions are under consideration, this division is a disadvantage“.

[2] H. H. Schmitt/E. Vogt (Hgg.), Kleines Lexikon des Hellenismus, Wiesbaden 2003.

[3] Die bisweilen angeführten, oft an recht entlegenen Stellen publizierten Beiträge von Dimitrios Kanatsoulis, einem Pionier der Erforschung Makedoniens, liegen mittlerweile gesammelt und bequem zugänglich vor: Μικρά μελετήματα, hg. E. Sverkos, Kerkyra 2015.

[4] Womöglich sind aber die Karten von Anavasi noch besser.

[5] Eine gewisse Einseitigkeit ist lediglich dem Artikel Army Assembly nicht abzusprechen, der unbedingt zusammen mit einer Gegenposition gelesen werden sollte, etwa mit M. B. Hatzopoulos, Federal Makedonia, in: H. Beck/P. Funke (Hgg.), Federalism in Greek Antiquity, Cambridge 2015, 319–340.

[6] Einen einzigen unbedeutenden Rechtschreibfehler habe ich gefunden.