BMCR 2020.11.25

Lydien: ein altanatolischer Staat zwischen Griechenland und dem Vorderen Orient

, , Lydien: ein altanatolischer Staat zwischen Griechenland und dem Vorderen Orient. Berlin; Boston: De Gruyter, 2018. Pp. x, 510. ISBN 9783110439663 €99,95.

Das vorliegende Buch ist das Ergebnis einer gelungenen Zusammenarbeit zwischen dem Sprachwissenschaftler N. Oettinger, einem renommierten Forscher anatolischer Sprachen, und dem Althistoriker P. Högemann.

Das Hauptverdienst dieser umfassenden Studie besteht in der Rekonstruktion der Geschichte und Kultur des lydischen Reiches nicht aus rein griechischer Perspektive, sondern aus orientalischer bzw. anatolischer Sicht. Da die Geschichte des lydischen Reiches fast ausschließlich durch die Schriften griechischer Autoren (in primis Herodot) bekannt wurde, versuchen P. Högemann und N. Oettinger bei der Betrachtung dieser Quellen auch immer den ursprünglichen anatolischen Kern der jeweiligen Tradition herauszufinden. Mit anderen Worten: Sie enthellenisieren die griechischen Quellen zu diesem Volk.

Eine lange Einleitung eröffnet das Buch, in der ein Überblick über die griechischen Quellen, die lydischen Sprachdenkmäler (es handelt sich hier meist um Weih- und Grabinschriften) und assyrische Texte, welche die Lyder erwähnen, gegeben wird.

Das erste Kapitel behandelt die Tradition von Gyges’ Thronbesteigung, in welcher die (anonyme) Frau des letzten Königs der Heraklidendynastie eine zentrale Rolle spielt. Hierin wird (meines Erachtens mit überzeugenden Argumenten) die These aufgestellt, dass der Terminus tyrannos aus dem Luwischen tarwani (der Gerechte, der Gebieter) abgeleitet sei. Gyges könnte am lydischen Hof ein hoher Amtsträger gewesen sein, der den Ehrentitel tarrawanni trug. Infolge der Umstände seines Aufstiegesbis zum Thron wurde er von den Griechen als Usurpator wahrgenommen, was die Anfänge der negativen Konnotation des Terminus tyrannos bei den Griechen darstellt. Gyges soll zur sozialen Gruppe der mλimna (gr. Mermnadai) gehört haben, belegt in einer lydischen Inschrift (LW 22) aus der Zeit der persischen Herrschaft welche mit den stasiotai der herodoteischen Tradition identifiziert wird.

Das zweite Kapitel befasst sich mit der grundlegenden Frage: „Wer waren die Lyder?“. Wie die Inschriften und die archäologischen Artefakte belegen, waren die Lyder ein Volk mit einem stark ausgeprägten ethnischen Bewusstsein. Sprachwissenschaftlich betrachtet gehört das Lydische zum Zweig der anatolisch-indoeuropäischen Sprachen. Es wird vermutet, dass der Name Lydoi vom *Luwija abstammt, da die Lyder, welche laut der Tradition ursprünglich Maiones hießen, in die von den Luwiern bewohnten Regionen Zentralanatoliens eingewandert seien. Weiterhin wird angenommen, dass die Lyder im 2. Jtd. v.Chr. im nordwestlichen Kleinasien (Mysien und Bithynien) ansässig waren, bevor sie am Ende der Bronzezeit nach Lydien einwanderten. Einen Rückschluss auf diese Tradition lässt die herodoteische (7, 74, 2) Notiz zu, der zufolge die Myser apoikoi der Lyder gewesen waren. Die Ankunft der Phryger aus dem Balkan hätte in der Folge die Aufteilung der Myser und Mäoner bewirkt. Wenn dies auch höchst interessant ist, so lässt sich diese historische Rekonstruktion doch nicht mit Sicherheit nachweisen. Es fehlen beispielsweise archäologische Zeugnisse für diese Migration, wie auch nicht nachzuweisen ist, dass in Troia Lydisch gesprochen wurde.

Das dritte Kapitel trägt den Titel „Das lydische Reich in Statik und Funktion“ und befasst sich mit der Expansionspolitik des lydischen Reiches. Durch eine intelligente Parallele mit dem Kriegswesen des assyrischen Reiches wird nach meiner Überzeugung  nachvollziehbar dargestellt, dass die durch lydische Könige geführten Kriege gegen ionische Poleis keine Eroberungskampagne im griechischen Sinne waren, sondern Expeditionen, die zum  Ziel hatten, diese Städte tributpflichtig zu machen, was auch erreicht wurde. Als Parallele werden Kampagnen assyrischer Könige gegen phönizische Städte angeführt, welche ebenso zum Ziel hatten, diese urbanen Zentren tributpflichtig zu machen. Zu diesem Aspekt ist auch die Eroberung der Troas durch die Lyder zu rechnen, was in einer bei Anaximenes von Lampsakos (FgrHist 72 F 26) überlieferten Tradition zu finden ist. Strabo (13, 1, 42; 13, 1, 22) liefert dazu zwei wichtige Notizen: 1. der Athenatempel in Troia wurde durch die Lyder errichtet und 2. erst nach der Erlaubnis von Gyges haben die Milesier Abydos gründen dürfen. Eine lydische Vorherrschaft in der Nordägäis ist möglich, wenn dies auch archäologisch noch nicht nachweisbar ist. Sehr wahrscheinlich ist es, dass die Lyder besondere diplomatische Beziehungen mit Milet pflegten. Es ist jedoch nicht nachzuweisen, dass die milesische Kolonisation am Schwarzen Meer unter lydischer Ägide stattfand, wie die Autoren des Buches behaupten.

Das vierte Kapitel, welches den Titel „König, Heerwesen und Verfassung“ trägt, beschäftigt sich mit dem Charakter der lydischen Monarchie und deren Verhältnis zum Heerwesen. Es wird die Kontinuität der hethitischen Königsideologie sowie der Vorstellung des Königs als unbesiegbaren Ferldherrn dargestellt. Das geordnete Heerwesen wird interessanterweise als Antwort auf die nomadische Außenwelt betrachtet. Lobenswert in diesem Kapitel ist die weite Rekonstruktion des historischen Kontextes der späthethitischen und aramäischen Staaten sowie des Neuassyrischen Reiches. Dazu werden Typologien vorderorientalischer Staaten erstellt: Stadtstaat (griechische Poleis und Karkamis), kleine Territorialstaaten (Israel, Aram-Damaskus), große Territorialstaaten (Lydien, Urartu) sowie Großreiche (Assyrien und Babylonien).

Das fünfte Kapitel „Das Schatzhaus und die Eudaimonie der Könige. Griechische Moral vs. orientalische Pragmatik“ hat zum Kern die feine Untersuchung der Kroisos-Novelle im Kontext der orientalischen Kultur und hier insbesondere die sog. Weisheitsliteratur, sehr beliebt bei den Babyloniern, Assyrern und Juden. Hierbei wird die Rolle von Sardis nicht nur als Hauptstadt des lydischen Reiches hervorgehoben, sondern auch als der Ort, in welchem die Griechen mit dem orientalischen Kulturgut in Berührung kamen. Dass die Griechen diese Kultur allzu häufig nach ihren Maßstäben interpretiert haben, zeigt die herodoteische Erzählung von der Begegnung des Kroisos mit Solon, in welcher der lydische König mit Stolz dem athenischen Politiker sein Schatzhaus zeigt, was den Griechen als Symbol des Reichtums galt. Das Hervorheben dieses Hauses sollte im Kontext der orientalischen Diplomatie betrachtet werden, wie die beiden Autoren überzeugend darlegen. In der religiös geprägten politischen Ideologie des Vorderen Orients konnte ein König durch die entsprechende Ausübung von Gerechtigkeit – bei den Griechen als dikaiosyne bezeichnet – für lange Zeit Macht und Reichtum erwerben und dadurch die umfassende Unterstützung der Götter erhalten.

In diesem Kontext fand die Erfindung der Münze als Zahlungsmittel statt, was eine erhöhte Mobilität des Kleinhandels vom Osten nach dem griechischen Westen bedingte.

Das 6. (und letzte) Kapitel des Buches beschreibt die historische Rekonstruktion der letzten Phasen des lydischen Reiches bzw. den Versuch von Kroisos, durch ein Netz von Allianzen die Expansion der Meder nach Westen aufzuhalten.

Eine umfassende Zusammenfassung (Schluss: Versuch, eine Epoche darzustellen) beschließt das Buch.

Nach Meinung des Rezensenten handelt es sich im Ganzen um eine gewinnbringende Lektüre, welche das Verdienst besitzt, die Geschichte der Lyder und ihres Reiches aus orientalischer Sichtweise zu rekonstruieren. Aufgrund der Menge der zusammengestellten und besprochenen Zeugnisse der hebräischen, babylonischen und assyrischen Literatur ist es jedoch nicht immer einfach, einen roten Faden zu finden. So fehlt auch eine genaue Betrachtung der archäologischen Testimonia bezüglich des orientalischen Charakters der lydischen Kultur und Ideologie. So hätten die Autoren z.B. das Buch von C.H. Roosevelt mit Gewinn verwenden können.[1] Die Beziehungen zwischen Phrygern und Lydern – besonders in Bezug auf die Königsideologie und deren Kontinuität – werden ebenfalls nicht behandelt, obwohl die Lyder Elemente der phrygischen Kultur übernommen hatten und im Rahmen der mythischen Traditionen, untersucht beispielsweise von R. Baldriga[2], als die Nachfolger des phrygischen Reiches wahrgenommen und dargestellt wurden. Es handelt sich jedoch um ein so komplexes Thema, dass es alleine eine monographische Abhandlung verdient hätte.

Trotz dieser kleinen kritischen Anmerkungen stellt das Buch einen wichtigen Beitrag zur Erweiterung der Kenntnisse über dieses anatolische Volk dar.

Notes

[1] C.H. Roosevelt, The Archaeology of Lydia. From Gyges to Alexander, Cambridge 2009.

[2] R. Baldriga, Aspetti ideologici della presenza frigia nella tradizione greca sul regno di Lidia, in R. Gusmani – M. Salvini – P. Vannicelli (eds), Frigi e Frigio. Atti del 1 Simposio Internazionale. Roma 16–17 Ottobre 1995, Roma 1997, 279–286.