BMCR 2020.04.43

Verlierer und Aussteiger in der “Konkurrenz unter Anwesenden”: Agonalität in der politischen Kultur des antiken Rom

, , Verlierer und Aussteiger in der "Konkurrenz unter Anwesenden": Agonalität in der politischen Kultur des antiken Rom. . Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2019. 224 p.. ISBN 9783515121798 €49,00.

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Im politischen System des antiken Rom wurden Ämter über Wahlen vergeben. In der Regel standen bei diesen Wahlen mehr Kandidaten zur Verfügung, als es Posten zu vergeben galt. Das System produzierte damit notwendigerweise Verlierer. Diese Personen, aber auch deren Bewältigungsmöglichkeiten für erlittene Niederlagen standen – anders als Konkurrenz und Konsens sowie innerelitäres Konkurrenzverhalten in Republik und Prinzipatszeit – zumeist nicht im Fokus der antiken Überlieferung und späterhin der altertumswissenschaftlichen Forschung.[1] Diesem Desiderat nimmt sich nun der von Karl-Joachim Hölkeskamp und Hans Beck herausgegebene Sammelband an. Die Aufsatzsammlung geht auf eine im Jahre 2017 in Köln abgehaltene Tagung zurück, die ihrerseits wiederum erste Impulse einer mit dem Titel des Bandes gleichnamigen Sektion auf dem Deutschen Historikertag 2014 in Göttingen verdankt.

Der Sammelband besteht aus neun Aufsätzen, von denen sich fünf Beiträge auf die Zeit der römischen Republik und zwei Artikel auf die frühe römische Kaiserzeit konzentrieren. Ein Beitrag steht am Übergang. Die Spätantike und die spezifische Dimension des Verlierertums in dieser Zeitspanne werden nicht behandelt. Ein Aufsatz beleuchtet das Phänomen der Niederlage in antiken politischen Systemen zudem aus historisch-kultursoziologischer Perspektive und nimmt sich zugleich der begrifflichen Semantik von „Verlieren“ und „Scheitern“ an.

Dieser durchaus erhellende Aufsatz von Egon Flaig wäre gewiss besser direkt nach dem einleitenden Beitrag Karl-Joachim Hölkeskamps zur politischen Kultur des antiken Rom und zu dem Erfordernis einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit Verlierern, Niederlagen und Verfahren zur Bewältigung und Enttäuschungsabwicklung – wichtigen thematischen Voraussetzungen – und eben nicht erst an der dritten Stelle des Bandes platziert worden, liefert Flaig doch gleichsam wichtige, nicht zuletzt theoretische Grundlagen für die Gesamtthematik, die die Ausführungen Hölkeskamps adäquat ergänzen. Die begriffliche Differenzierung, die Flaig zwischen einem temporär zu verstehenden Verlieren und einem dauerhaften Scheitern vornimmt, das unter Umständen Anlass zum Verfolgen alternativer Lebensmodelle gab, hätte zudem sinnvoll in den anderen Beiträgen reflektiert werden können.

Hans Beck zeichnet in seinem Artikel den Verregelungsprozess und die Steuerungsversuche für den politischen Wettbewerb nach – beides Phänomene, die sich als Reaktion des Senats auf die Etablierung neuer Wettbewerbsparameter, wie einer zunehmenden Monetarisierung des Wahlkampfes, nach dem Hannibalkrieg deuten lassen. Ziel sei es in dem Zeitraum von etwa 200 bis 180 v.Chr. gewesen, das labile Gleichgewicht zwischen Konsens und Konkurrenz in den Kreisen der Senatorenschaft zu erhalten und auf diesem Wege eine gewisse Chancengleichheit herzustellen, die es auch Verlieren einer Wahl ermöglichen sollte, den Modus der senatorischen Konkurrenz letztlich zu akzeptieren beziehungsweise auf einen Wiederantritt bei den Wahlen im Folgejahr zu setzen.

Der Person des wohl jedermann als Fischteichbesitzer und Gourmet bekannten Lucius Licinius Lucullus gilt ein Beitrag Christoph Lundgreens. Lundgreen weist zu Recht darauf hin, dass Lucullus aufgrund seiner bedeutenden politischen Karriere keineswegs als Verlierer gelten könne, daher müsse eher die Frage diskutiert werden, inwiefern dieser Senator nach dem Verlust des Kommandos gegen Mithridates im Osten überhaupt als Aussteiger oder Umsteiger zu betrachten sei oder nicht vielmehr als eine Persönlichkeit, die trotz eines gewissermaßen räumlichen Rückzugs weiterhin diversen senatorischen Prominenzrollen gerecht wurde. Lundgreen deutet die Gemengelage im Falle des Lucullus überzeugend als Versuch von Konkurrenten, diesen im Diskurs auf bestimmte Rollen zu reduzieren. Dieser Sicht sei wiederum späterhin in der Regel die Forschung gefolgt.

Basierend auf der Zusammenstellung von Wahlverlierern in der Zeit der römischen Republik[2] liefert Amy Russell Überlegungen zu konkreten Diskursen, die nach Wahlniederlagen etabliert wurden, und zu Reaktionen und dem weiteren Verhalten derartiger Wahlverlierer. Damit steuert sie wichtige Erkenntnisse zum Verständnis impliziter und expliziter Normen des römischen politischen Systems bei. Francisco Pina Polo verfolgt sodann das Schicksal von Verlierern des Bürgerkriegs zwischen Caesar und Pompeius. Er betrachtet dabei die Situation einzelner Legionen sowie das Los von Personen konsularischen und niedrigeren senatorischen Ranges nach der Niederlage des Pompeius. Um Verlierer hat es sich dabei zumeist gewiss gehandelt, eine Konkurrenz zwischen Caesar und Pompeius würde wohl ebenfalls kaum jemand negieren. Für die konkreten von Pina Polo behandelten Einzelschicksale ist jedoch die Frage der Konkurrenz und des Wettbewerbs weit weniger relevant als die spezielle Situation und die spezifischen Bedingungen des Bürgerkriegs.

Elke Stein-Hölkeskamp rekurriert in ihrem Artikel auf die zunehmende Relevanz sogenannter alternativer Lebensmodelle, die aufgrund der Diversifizierung der elitären Prominenzrollen bereits seit der Spätphase der römischen Republik festzustellen sei. Voraussetzung dafür war, dass diese anderen senatorischen Bewährungsfelder konkurrenzwürdig wurden.[3] Dabei fällt auf, dass die behandelten Akteure – unter anderem Lucullus, für den Stein-Hölkeskamp zu einem anderen Urteil kommt als Lundgreen in dem vorliegenden Band, ferner der jüngere Plinius, Publius Pomponius Secundus, aber auch Arrius Antonius – mitnichten als Verlierer, aber auch nicht als Aussteiger oder Umsteiger gelten können. Sämtliche dieser Personen absolvierten einen erfolgreichen cursus honorum. Die Deklaration als Aussteigen oder Umsteigen impliziert aber von der Begriffslogik her, sich dem politischen Wettbewerb zu entziehen, wodurch zwangsläufig der Eindruck einer ausdrücklichen Loslösung anderer Aufgabenfelder vom politischen Bereich erweckt wird. Ein solcher gleichermaßen entpolitisierter Lebensentwurf, wenn er denn in dieser Zeit überhaupt existierte, ist jedoch für keinen der vorgestellten Akteure festzustellen. Stein-Hölkeskamp behandelt zwar eine gewiss wichtige Thematik, konkretisiert jedoch nicht, inwiefern es gerade Verlierer oder aber Aussteiger waren, die sich auf die zusätzlichen senatorischen Bewährungsfelder verlegten oder in diesem Bereich Chancen für das eigene Sozialprofil ausmachten.

Im folgenden Beitrag liefert Matthew Roller eine interessante Fallstudie zu Asinius Pollio, der sich nicht mit seiner unterlegenen Position im Vergleich zu der zumeist das rhetorische Stilideal repräsentierenden Person Ciceros zufriedengab. Roller verfolgt Pollios Verhalten, der durch Rezitationen und Deklamationen neue Wettbewerbsfelder erschloss – ein Aspekt, der im Zentrum des Aufsatzes von Elke Stein-Hölkeskamp stand. Pollios Ziel sei es dabei gewesen, auf diesen anderen Feldern Beweise seiner eigenen Eloquenz erbringen zu können und sich auf diese Weise dem konkurrenzorientierten Vergleich mit Cicero zu entziehen.

Im letzten Aufsatz des Bandes widmet sich Andreas Klingenberg dem Phänomen des sozialen Abstiegs, der in manchen Fällen ausdrücklich auf konkurrenzorientierte Auseinandersetzungen zurückzuführen gewesen sei und als drohende Gefahr stets im Raum gestanden habe.[4] Aufgrund der beständigen Gefahr des Scheiterns habe sich für den einzelnen Elitenangehörigen die Notwendigkeit ergeben, das eigene Agieren an allgemeine Rollen- und Verhaltenserwartungen anzupassen.

Die beiden Herausgeber Karl-Joachim Hölkeskamp und Hans Beck haben einen anregenden Sammelband zu einer in der Forschung bislang wenig berücksichtigen Thematik vorgelegt, der einen akteurszentrierten Zugang mit Mentalitäts- und Strukturfragen verknüpft. Diverse Beiträge verbinden Fallstudien zu Verliererpersönlichkeiten – so die Artikel aus der Feder von Beck, Flaig, Lundgreen und Roller; immanent spielt bei Russell, Stein-Hölkeskamp und Pina Polo vergleichbares Personal eine Rolle. Gemeinsam ist zudem sämtlichen Artikeln der Verweis auf die Notwendigkeit für die Akteure, nach dem Erleiden einer Niederlage Verfahren zur Bewältigung und zur Enttäuschungsabwicklung umzusetzen. Derartige Versuche der Sinnstiftung konnten höchst vielfältig aussehen und können zum einen als individuelle Anpassungsreaktionen im Bereich einer gewissen habituellen Dimension verstanden werden, die jeder römische Elitenangehörige mitbringen musste. Zum anderen geben solche Reaktionen Auskunft über die Akzeptanz des Ordnungsrahmens und über den Möglichkeitshorizont des politischen Systems an sich. Denn der politische Wettbewerb als solcher stand bei allen Veränderungen, denen sich das politische System des antiken Rom ausgesetzt sah, zu keiner Zeit zur Debatte. Weitere Anregungen und Vorhaben können und sollten daher von diesem Sammelband ausgehen. Zu denken ist beispielsweise an eine systematische Untersuchung zu den verhältnismäßig gut dokumentierten Wahlverlierern der mittleren und ausgehenden römischen Republik sowie zu deren Verhalten, Verfahrensweisen der Bewältigung und deren weiterem Karriereverlauf.

Inhalt

1. Karl-Joachim Hölkeskamp: Verlierer in der ,Konkurrenz unter Anwesendenʻ. Agonalität in der politischen Kultur der römischen Republik
2. Hans Beck: Pecuniam inlargibo tibi. Wahlbestechung und Wahlniederlage in der mittleren römischen Republik
3. Egon Flaig: Zum Verlieren und Scheitern römischer Senatoren. Überlegungen an den Rändern der historischen Kulturwissenschaft
4. Christoph Lundgreen: Lucullus und die politische Kultur der römischen Republik. Konkurrenz und Distinktion zwischen Feldherren, Feinschmeckern und Fischteichbesitzern
5. Amy Russell: The Rhetoric of Losing and the Construction of Political Norms
6. Francisco Pina Polo: Losers in the Civil War between Caesarians and Pompeians. Punishment and Survival
7. Elke Stein-Hölkeskamp: Aussteigen, Absteigen, Umsteigen? Die Entwicklung konkurrierender Felder der Distinktion von der späten Republik zum frühen Prinzipat
8. Matthew Roller: Asinius Pollio and the Emergence of New Arenas of Competitive Eloquence under Augustus
9. Andreas Klingenberg: Zwischen republikanischer Tradition und kaiserzeitlicher Realität. Der soziale Abstieg von Senatoren und die senatorischen Rollenbilder im frühen Prinzipat

Fußnoten

[1] Zur Konkurrenz in republikanischer Zeit vgl. u.a. Karl-Joachim Hölkeskamp: „Konsens und Konkurrenz. Die politische Kultur der römischen Republik in neuer Sicht“, in: Klio 88, 2006, 360–396; für die Zeit des Prinzipats vgl. Isabelle Künzer: Kulturen der Konkurrenz. Untersuchungen zu einem senatorischen Interaktionsmodus an der Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert n. Chr., Bonn 2016 (Antiquitas I 68).

[2] Unter anderem bei Thomas Robert S. Broughton: Candidates Defeated in Roman Elections. Some Ancient Roman “Also-Rans”, Philadelphia 1991 (Transactions of the American Philosophical Society 81,4).

[3] Vgl. zu dieser Thematik bereits Hans Beck: „Die Rollen des Adligen. Prominenz und aristokratische Herrschaft in der römischen Republik“, in: Ders. u.a. (Hgg.): Die Macht der Wenigen. Aristokratische Herrschaftspraxis, Kommunikation und ,edler‘ Lebensstil in Antike und Früher Neuzeit, München 2008 (HZ-Beihefte N.F. 47), 101–123; Elke Stein-Hölkeskamp: „Vom homo politicus zum homo litteratus. Lebensziele und Lebensideale der römischen Elite von Cicero bis zum Jüngeren Plinius“, in: Karl-Joachim Hölkekamp u.a. (Hgg.): Sinn (in) der Antike. Orientierungssysteme. Leitbilder und Wertkonzepte im Altertum, Mainz 2003, 315–334; Dies.: „Zwischen Pflicht und Neigung? Lebensläufe und Lebensentwürfe in der römischen Reichsaristokratie der Kaiserzeit“, in: Wolfgang Blösel/Karl-Joachim Hölkeskamp (Hgg.): Von der militia equestris zur militia urbana. Prominenzrollen und Karrierefelder im antiken Rom, Stuttgart 2011, 175–195; Sven Page: Der ideale Aristokrat. Plinius der Jüngere und das Sozialprofil der Senatoren in der Kaiserzeit, Heidelberg 2015 (Studien zur Alten Geschichte 24).

[4] Vgl. dazu Andreas Klingenberg: Sozialer Abstieg in der römischen Kaiserzeit. Risiken der Oberschicht in der Zeit von Augustus bis zum Ende der Severer, Paderborn u.a. 2011.