Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2019.07.25 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2019.07.25

Ioanna Kralli, The Hellenistic Peloponnese: Interstate Relations: A Narrative and Analytic History, 371-146 BC.   Swansea:  Classical Press of Wales, 2017.  Pp. xxxiii, 556.  ISBN 9781910589601.  $95.00.  


Reviewed by Michael Kleu, Universität zu Köln (mkleu@uni-koeln.de)

Preview

Gelegentlich erweist es sich als ebenso erfrischend wie gewinnbringend, (scheinbar) Altbekanntes aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Ein solcher Fall liegt auch mit Ioanna Krallis Studie zu den zwischenstaatlichen Beziehungen auf der hellenistischen Peloponnes vor, konzentriert man sich doch in wissenschaftlichen Untersuchungen gewöhnlich entweder auf einzelne peloponnesische Gemeinwesen – in der Regel Sparta oder der Achaiische Bund – oder betrachtet die Geschichte der Halbinsel aus der Sicht auswärtiger Mächte wie Makedonien oder Rom. So ist es das Ziel der vorliegenden Untersuchung, eine größtenteils chronologisch aufgebaute Geschichte der gesamten hellenistischen Peloponnes von der Schlacht bei Leuktra (371 v.Chr.) bis zur römischen Eroberung 146 v.Chr. zu schreiben, wobei Leuktra und Chaironeia (338 v.Chr.) miteinbezogen werden, da diese Ereignisse wesentlich erheblichere Auswirkungen auf das politische Gefüge auf der Peloponnes hatten als der Tod Alexanders des Großen 323 v.Chr. Dementsprechend spricht sich die Autorin dafür aus, den Hellenismus auf der Peloponnes mit dem Jahr 338 v.Chr. (Chaironeia) und somit etwas früher beginnen zu lassen als es gewöhnlich üblich ist. Aufgrund der Quellenlage möchte Kralli sich bewusst weniger auf die Motivation einzelner peloponnesischer Staaten für ihr jeweiliges Handeln als vielmehr im Hinblick auf freundschaftliche bzw. feindschaftliche Beziehungen auf mögliche Kontinuitäten fokussieren (S. xxi-xxiii).

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit dem Zeitraum von der Schlacht bei Leuktra (371 v.Chr.) bis zu Mantineia (362 v.Chr.) und untersucht in diesem Rahmen die jeweiligen Einstellungen gegenüber Sparta, die Geschichte des Arkadischen Bundes sowie die neuen politischen Gemeinwesen Messene und Megalopolis (S. 1-47). Kapitel 2 steht im Zeichen der Argeaden und ihres Einflusses auf die Peloponnes. Somit werden hier die Schlacht bei Mantineia, der Aufstieg Philipps II. sowie das Verhältnis der peloponnesischen Mächte zum makedonischen König behandelt, bevor neue Grenzziehungen nach der Schlacht bei Chaironeia und der Krieg des Agis ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken (S. 49-84). Mit Kapitel 3 erreichen wir dann den Zeitraum des „klassischen“ Hellenismus. Hier betrachtet Kralli zunächst den Lamischen Krieg (323-322 v.Chr.) und die zwischenstaatlichen Beziehungen auf der Peloponnes vom Tod des Antipater 319 v.Chr. bis zur Schlacht bei Ipsos 301 v.Chr., bevor ein letztes Unterkapitel den Zeitraum bis zum Ende der Diadochenkriege 280 v.Chr. behandelt (S. 85-113). Das vierte Kapitel zeichnet den Wiederaufstieg Spartas unter Areus I., die Invasion des Pyrrhos 272 v.Chr. und den Chremonideischen Krieg (268-262 v.Chr.) nach, wobei ein abschließendes Unterkapitel das Auftreten Spartas einerseits als Befreier und andererseits als Hegemonialmacht untersucht (S. 115-145). In Kapitel 5 geht es von den Spartanern zum Achaiischen Bund, dessen Entwicklung und Institutionen besprochen werden (S. 147-204). Das sechste Kapitel widmet sich dem Konflikt zwischen dem spartanischen König Kleomenes III. und dem Achaiischen Bund, der schließlich zum Eingreifen der Makedonen unter Antigonos Doson und der Schlacht bei Sellasia führt (S. 205-267). Mit Dosons Nachfolger Philipp V. geht es im folgenden Kapitel dann auf den Seiten 267-310 weiter zum griechischen Bundesgenossenkrieg (220-217 v.Chr.), bevor in Kapitel 8 die Römer als neue politische Macht erscheinen und die Peloponnes im Achaiischen Krieg schließlich unterwerfen (S. 311-397). Das neunte und letzte Kapitel bricht mit der chronologischen Struktur der Untersuchung, indem es anhand der Teilnahme an Festen und der Verleihung von Ehren die freundschaftlichen zwischenstaatlichen Beziehungen peloponnesischer Gemeinwesen über den gesamten im Buch besprochenen Zeitraum hinweg analysiert (S. 399-488). Die Studie endet schließlich mit einem Fazit (S. 489-496), einem umfassenden Literaturverzeichnis (S. 497-528) und einem Register (S. 529-556).

Ioanna Kralli gelingt es durch die ungewöhnliche Perspektive ihrer Untersuchung, neue Aspekte ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Dabei überzeugt ihr Buch mit klaren Gedankengängen und einem angemessen kritischen Umgang mit dem vorhandenen Quellenmaterial. Sehr positiv ist auch zu bewerten, dass die Autorin ein großes Spektrum an Forschungsliteratur einbezogen hat, das mehrere Sprachen und einen Zeitraum vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute umfasst. 16 Tabellen und zwei Karten illustrieren den Text, wobei die Karten jedoch etwas übersichtlicher hätten sein können. Zu den Ergebnissen zählt u.a., dass Sparta die Ereignisse auf der Peloponnes im hier relevanten Zeitraum in zweierlei Hinsicht prägte, indem es einerseits phasenweise als Führungsmacht agierte, aber andererseits immer wieder auch als eben solche innerhalb des peloponnesischen Staatengefüges fehlte. Bemerkenswert ist zudem, wie das jeweilige Verhältnis der peloponnesischen Poleis zu Sparta die Politik auf der Halbinsel dauerhaft prägen konnte. Der Achaiische Bund konnte nie die Rolle Spartas übernehmen und war immer auf die Hilfe auswärtiger Mächte angewiesen, was Kralli u.a. auf ein zu schnelles Wachstum des Koinon zurückführt, das die Entwicklung tragfähiger Strukturen für eine solche Position verhindert haben könnte. Kapitel 9 erweist sich mit seiner Betrachtung der Teilnahme an Festen und der Verleihung von Ehren als gewinnbringende Ergänzung zu den eher politisch-militärisch geprägten Kapiteln. Hier bleibt etwa festzuhalten, dass der betreffende Befund einzig in Arkadien starke Verbindungen zwischen den einzelnen Poleis nahelegt, während Korinth und Elis sogar eher außerhalb des peloponnesischen Staatengefüges gestanden zu haben scheinen. Argos hingegen pflegte zwar Beziehungen zu seinen Nachbarn, scheint aber auf Basis des epigraphischen Materials eher an Kontakten zu Poleis interessiert gewesen zu sein, die außerhalb der Halbinsel lagen.

Ioanna Kralli hat somit insgesamt betrachtet ein sehr zu empfehlendes Buch vorgelegt, das eindrucksvoll belegt, wie ergiebig es sein kann, sich mit einem frischen Blick einer scheinbar wohlbekannten Thematik zuzuwenden. Vermutlich betrachten wir die politisch-militärische Geschichte immer noch viel zu häufig aus Sicht einzelner – meist größerer – Akteure, wodurch die Gefahr besteht, im Detail wichtige Nuancen zu übersehen. Was die hellenistische Peloponnes angeht, ist unser Bild jetzt jedenfalls dank Krallis Studie um einiges ausgewogener.

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