Bryn Mawr Classical Review

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Bryn Mawr Classical Review 2019.05.29

Roland Glaesser, Lucan lesen - ein Gang durch das Bellum Civile. Sprachwissenschaftliche Studienbücher.   Heidelberg:  Universitätsverlag Winter, 2018.  Pp. 202.  ISBN 9783825368791.  €19,00 (pb).  


Reviewed by Matthias Heinemann, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (heinemam@uni-mainz.de)

Inhaltsverzeichnis

Roland Glaesser hat sich mit seinem Gang durch das Bellum Civile Lucans vorgenommen, das Publikum für das Epos von LucanspezialistInnen auf StudienanfängerInnen, LehrerInnen und Literaturinteressierte auszudehnen. Der Verfasser, der zum furor-Begriff bei Lucan promoviert hat und sich bereits zuvor für die Vermittlung Lucans in der Schule eingesetzt hat,1 sieht sein Werk entsprechend nicht als „Forschungsbericht oder eine eingehende fachwissenschaftliche Untersuchung“ (S. 9).

Eine Einführung zu Lucans Bellum Civile ist durchaus ein Forschungsdesiderat: Vergleichbar ist allenfalls Frederick M. Ahls nur auf Englisch erschienenes Werk Lucan – An Introduction (1976). Glaessers Lucan lesen dürfte also einerseits den Forschungsstand aktualisieren und beseitigt andererseits eine mögliche Sprachbarriere für das deutsche Publikum.

Glaesser gliedert sein Buch in zwei Hauptteile („Teil 1: Eine Werkschau – Das Bellum Civile Lucans“, S. 11-115; „Teil 2: Themen und Aspekte des Bellum Civile“, S. 116-157). Diesen schickt er eine anderthalbseitige Einleitung („Lucan und seine Zeit“, S. 10-11) voraus, in der er knapp Lucans Leben darstellt. Schon an dieser Stelle ergibt sich aber eine grundsätzliche Problematik, die in einer Einleitung zu einem Themenfeld vermieden werden sollte: In der Frage nach der Vollendung des Bellum Civile legt Glaesser sich dahingehend fest, dass das Werk als unvollendet zu gelten hat und suggeriert, dass dies die communis opinio der Fachwelt sei.2 Jüngst zeigte Christine Walde (2017) aber, dass die Diskussion um die Abgeschlossenheit des Bellum Civile zum einen nicht beendet, zum anderen aber auch insgesamt infrage zu stellen ist.3

Im ersten Hauptteil stellt Glaesser seine Werkschau vor (S. 11-115). Buch für Buch präsentiert er textchronologisch den Inhalt des Bellum Civile, indem er mit wenigen einleitenden Worten das jeweilige Buch in grobe Abschnitte gliedert: Seine Ausführungen zum ersten Buch Lucans etwa sind in drei Unterabschnitte („1,1 – 182: Das Proöm“, S. 12; „1,183 – 391: Rubico-Überschreitung und eine Redetrias“, S. 17; „1,466 – 695: Stimmung in Rom, Vorzeichen und Vorhersagen“, S. 21) aufgeteilt.4 Diese strukturschaffenden Grobabschnitte unterteilt er meist noch einmal feiner durch Kurzüberschriften, etwa „Die Patria und der fehlende Würfel“ zu 1,186-227 (S. 18).5 In den Unterkapiteln paraphrasiert Glaesser das Geschehen kommentierend („[Lentulus] ruft dazu auf, Pompeius den Oberbefehl zu übertragen. Diese nachgeschobene Ermächtigung erhebt diesen endgültig zum Vertreter der res publica d. h. der besseren Sache“ (S. 45)). Diese strukturierte Vorgehensweise leuchtet durchaus ein, da so der Inhalt des Epos kompakt dargestellt werden kann. Damit wird ein Desiderat des intendierten Zielpublikums erfüllt, das ein Interesse daran haben dürfte, die Handlung des Bellum Civile möglichst effizient erfassen zu können.6 Zudem verdeutlicht der Durchgang durch das gesamte Werk, dass Lucan nicht auf Auszügen oder Einzelszenen basierend interpretiert werden kann. Allerdings liefert Glaesser—und hier wiederholt sich, was sich schon an seiner Darstellung der Frage nach der Vollendung des Werkes in der Einleitung gezeigt hat—gleichzeitig zur Präsentation der Handlung häufig nur (s)eine Interpretation des Geschehens. Alternative Deutungen bleiben an vielen Stellen außen vor (oder werden allenfalls in den Endnoten gestreift). Dabei müsste doch gerade die Einführung in ein Werk nicht nur offen für Varianten abseits der eigenen Meinung sein, sondern den Rezipienten mögliche Ambivalenzen vor Augen führen; gerade diese Ambivalenzen zeichnen Lucans Epos ja aus, was die in der Forschungsliteratur vorhandenen Kontroversen deutlich zeigen. So erfährt etwa der Marsch Catos durch die Wüste (Luc. 9,371b-949, S. 94-104) nur wenig Problematisierung. Dass Cato im Namen der virtus seine Soldaten in einen grausamen Tod führt, erkennt Glaesser zwar auf der Handlungsebene als nichtige Tat des „vorbildlichen Feldherrn“ (S. 99), sieht aber dennoch eine erfolgreiche Sinngebung auf der Textebene. Auch die Parallelen und Unterschiede zwischen Cato und Alexander (und Caesar) werden sehr einseitig und vereinfacht präsentiert: Cato sei das „Gegenbild“ der zwei anderen Feldherren (S. 97). Dies entspricht nicht dem aktuellen Forschungsstand, da etwa Maes (2009) und Kimmerle (2013) aufgezeigt haben, dass durch diese Parallelen-Trias die Grenzen zwischen den drei Figuren eher verschwimmen, als dass scharfe Konturen entstünden.7 Bezeichnenderweise fehlen beide Werke im Literaturverzeichnis.

Dass Glaesser Alternativen, soweit er sie überhaupt aufzeigt, häufig in die Endnoten verlagert, wird etwa an der Szene des Abholzens des heiligen Hains bei Massilia (Luc. 3,372b-452) ersichtlich. Glaesser sieht Caesars Vorgehen als klar negativ an („Damit ist die Tat negativ gewertet“, S. 35f.). Schon Matthew Leigh (1999) interpretiert die Szene ganz im Gegenteil positiv; auch Dorothee Gall (2005) hat glaubhaft gezeigt, dass die Szene nicht negativ gewertet wird. Glaesser erwähnt beide Artikel in der Endnote 18 zu Buch 3 (S. 168), lässt im Fließtext aber weder eine mögliche Zweideutigkeit erkennen, noch bezieht er in seiner Endnote überhaupt Stellung zu den konträren Meinungen.8 Gerade weil dieses Buch kein wissenschaftliches Zielpublikum avisiert, müsste den Leserinnen und Lesern vermittelt werden, dass es durchaus Gegenentwürfe zu den vorgestellten Interpretationen gibt.

Der zweite Hauptteil („Themen und Aspekte“, S. 116-156) skizziert einige der vorherrschenden Forschungsfragen zum Bellum Civile: Das Fehlen des „traditionellen“ Götterapparates und die diffus auftretenden Schicksalsmächte interpretiert Glaesser unter Einbezug aktueller Forschungsmeinungen als Zweifel des Erzählers am Sinn des Weltgeschehens (S. 116-124). Er erkennt Lucan richtig als „frei gestaltende[n] Epiker“ (S. 124), der Historiographie zwar nutze, aber kein historisch „wirkliches“ Geschehen produziere. Im Folgenden charakterisiert Glaesser die Hauptpersonen des Epos („Figuren im Netz der Deutung“, S. 124-132). Caesar steigere sich im Verlauf des Werks zum „Dämon des alles zerstörenden furor“ (S. 125), Pompeius könne als tragische Gestalt gesehen werden, Cato sei ein idealer stoischer Weiser. Glaesser hält aber zurecht fest, dass eine Betrachtung der Hauptpersonen als Beispiele eines stoischen Menschenbildes fehlginge, da stattdessen die Sinnlosigkeit des Tuns Hauptthema ist. Nichtsdestotrotz wird auch an der nachträglichen Charakterisierung der Hauptfiguren noch einmal deutlich, dass Glaesser nicht die gesamte Bandbreite der zur Verfügung stehenden Forschung präsentiert: Die Figuren Lucans lassen sich, wie etwa Walde (2003 & 2006) und Maes (2009) aufgezeigt haben,9 nicht einfach und eindeutig charakterisieren. Im folgenden Kapitel („Dichterisches“, S. 132-137) skizziert Glaesser Komposition und Stil des Epos. Die Ausführungen zu den Möglichkeiten Lucans bei der erzählerischen Umsetzung von Historie in ein Epos (S. 136f.: Auslassung, Erweiterung, Umstellung) muten recht banal und damit überflüssig an. Glaesser schließt seinen zweiten Hauptteil („Gedankliches, Weitere Leitmotive“, S. 137-147) mit Hypothesen zur Intention des Autors: Die Darstellung der Zerstörung der Freiheit sei nicht nur eine Verurteilung Caesars, sondern eine Absage an den Prinzipat allgemein. Ob das Bellum Civile aber ein „Manifest politischen Widerstands“ (S. 140) ist, muss fragwürdig bleiben. Glaesser stellt dies zwar gleichfalls in Frage, differenziert aber nicht, ob der Erzähler des Epos (nicht zu verwechseln mit dem historischen Autor) nicht vielleicht gerade in seiner häufig übertrieben offensichtlichen Kritik an Caesar, die bei genauerer Betrachtung ambivalenter wird, Kritik an seiner eigenen Darstellung provozieren, also zum Nachdenken anregen will. Der Raum, den Glaesser großzügig auf den Ansatz zu einer Differenzierung der Schicksalsmächte verwendet hat, wäre vielleicht besser in der Ausführung einiger „Leitmotive“ angelegt gewesen: Die drei Frauenfiguren Marcia, Cornelia und Cleopatra charakterisiert er nicht, sondern versteht sie offenbar bloß als Beiwerk in den „Liebesszenen“ (Cato und Marcia: Luc. 2,326-391; Pompeius und Cornelia: Luc. 5,722-815; Caesar und Cleopatra: Luc. 10,53-171), die wiederum (anscheinend allein) der Charakterisierung der (männlichen) Protagonisten dienen (S. 135). Dies verwundert, da Finiello (2005) und Sannicandro (2010) zu diesen Aspekten schon wertvolle Vorarbeit geleistet haben (und Glaesser sie zu Erictho bzw. Marcia auch erwähnt).10

Glaesser schließt sein Werk mit einer kurzen Schlussbemerkung (S. 157), in der er knapp die offensichtlichste Rezeption Lucans skizziert (Dante, Shakespeare, Goethe); gerade für LehrerInnen sind solche Ansatzpunkte für Verknüpfungen im Schulunterricht sicherlich hilfreich, so knapp sie auch sind. Es folgen die Endnoten, die die Nachvollziehbarkeit des Textes erheblich erschweren (im Werkdurchgang beginnt bei jedem neuen Buch die Zählung von vorn; S. 159-189 für Hauptteil 1 und S. 189-194 für Teil 2), das unverständlich selektive Literaturverzeichnis (neben den oben genannten Arbeiten von Kimmerle, Maes und Walde fehlen etwa alle Publikationen von Paolo Esposito und noch der von Paolo Asso herausgegebene und absolut einschlägige Companion to Lucan;11 S. 195-201) und eine kurze Stichwortliste, die gruppenweise alphabetisch sortiert zu sein scheint: erst nach zentralen Begriffen des Epos (etwa furor und pietas), dann nach den Hauptpersonen (Caesar, Cato und Pompeius), und schließlich nach allgemeinen Stichwörtern (etwa „Auftritte“, „Exkurse“, „Tod“) (S. 202).

Einerseits bietet Glaessers Gang durch das Bellum Civile letztlich seinem Zielpublikum durchaus einen Zugang zu Lucan und seinem Werk. Andererseits ist fraglich, ob dieser Zugang Begeisterung für das grandiose Epos wecken kann; allgemein kulturwissenschaftliche Gedanken etwa zum Wesen von Bürgerkriegen, mittels derer man auch einen Aktualitätsbezug hätte herstellen können, sind nicht vorhanden. Dadurch, dass Glaesser außerdem Ambivalenzen sowohl des Bellum Civile als auch innerhalb der Forschung nur lückenhaft erwähnt, erzeugt er über weite Strecken einen recht eindimensionalen Eindruck von Lucans Werk. Das wird dem Bellum Civile jedoch nicht gerecht und ist auch kontraproduktiv für das selbstgesteckte Ziel, für das Epos zu werben.


Notes:


1.   Glaesser, Roland: Verbrechen und Verblendung: Untersuchung zum Furor-Begriff bei Lucan mit Berücksichtigung der Tragödien Senecas, Diss. Heidelberg 1983 und ders.: „Lucans Synkrisis des Pompeius und Caesar. Hinweis auf einen in der Schule - zu Unrecht - nicht gelesenen Dichter“, Der altsprachliche Unterricht 31.3 (1988) 53-67.
2.   In Endnote 12 zur Einleitung (S. 159) spricht Glaesser von einer erfolgten „Widerlegung der These“, dass das Bellum Civile als vollendet gelten könne; S. 115 konstatiert er, das Ende von Lucans Bellum Civile sei nur zufällig gleich mit demjenigen Caesars.
3.   Walde, Christine: „Tu ne quaesieris scire nefas quem finem … di dederunt …: Reflexionen zur Debatte um das Ende von Lucans Bellum Civile“, in: Schmitz, Christine; Kortmann, Jan; Jöne, Angela (Hrsg.): Anfänge und Enden. Narrative Potentiale des antiken und nachantiken Epos, Heidelberg 2017, 169-198.
4.   Allein die Gliederung zu Buch 1 umfasst nicht alle Verse. Der Truppenkatalog Caesars (1,392-465) wird zwar unter 2.4 geführt (S. 20); laut Überschrift (S. 17) soll der zweite Teil des ersten Buchs aber nur aus den Versen 1,183-391 bestehen.
5.   Auch hier weicht die Behandlung des ersten Buchs anscheinend grundlos von der sonstigen Vorgehensweise ab: Die Untergliederung des Prooemiums trägt bloß die jeweils besprochenen Verszahlen (1.1: „zu den Versen 1,1-7“, S. 12).
6.   Eine sehr lobenswerte Alternative in der Herangehensweise bietet Horsfalls Companion to the Study of Virgil (²2000), der im Falle der Aeneis auf die Zweiteilung von Inhaltswiedergabe und Behandlung der wichtigsten Themen verzichtet.
7.   Kimmerle, Nadja: Lucan und der Prinzipat. Inkonsistenz und unzuverlässiges Erzählen im 'Bellum Civile', Berlin 2015, 59-65, bes. S. 65 und Maes, Yanick: „One but not the Same? Cato and Alexander in Lucan’s Pharsalia 9,493-618 (and Caesar too)“, Latomus 68 (2009), 657-679.
8.   Leigh, Matthew: „Lucan's Caesar and the Sacred Grove - Deforestation and Enlightenment in Antiquity“, in: Esposito, Paolo; Nicastri, Luciano (Hrsg.): „Interpretare Lucano“, Quaderni del dipartimento di scienze dell'antichità 22, Napoli 1999, 167-205 und Gall, Dorothee: „Masse, Heere und Feldherren in Lucans Pharsalia“, in: Walde, Christine (Hrsg.): Lucan im 21. Jahrhundert, München 2005, 89-110.
9.   Vgl. Walde, Christine: „Le Partisan du mauvais goût? Anti-Kritisches zur Lucan-Forschung“, in: Schröder, Bianca-Jeanette; Schröder, Jens-Peter: Studium Declamatorium, Festschrift für Joachim Dingel zum 65. Geburtstag, Berlin und München 2003, 127–152 und dies., „Lucan’s Caesar and the Reception of the Bellum Civile“, in: Wyke, Maria (Hrsg.), Julius Caesar in Western Culture, Malden 2006, 45–61.
10.   Finiello, Concetta: „Der Bürgerkrieg: Reine Männersache? Keine Männersache! Erictho und die Frauengestalten im Bellum Civile Lucans“, in: Walde (2005), und Sannicandro, Lisa: I personaggi femminili del Bellum Civile di Lucano, Rahden 2010.
11.   Asso, Paolo (Hrsg.): Brill’s Companion to Lucan, Leiden 2011.

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