Bryn Mawr Classical Review

BMCR 2018.10.23 on the BMCR blog

Bryn Mawr Classical Review 2018.10.23

Ryan K. Balot, Sara Forsdyke, Edith Foster (ed.), The Oxford Handbook of Thucydides. Oxford handbooks.   New York:  Oxford University Press, 2017.  Pp. xvi, 773.  ISBN 9780199340385.  $150.00.  


Reviewed by Antonios Rengakos, Aristotle University of Thessaloniki (rengakos@the.forthnet.gr)

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[Authors and titles are listed at the end of the review.]

Man wird kaum fehlgehen, wenn man behauptet, daß Thukydides einer der aktuellsten antiken Autoren nach dem 2. Weltkrieg ist und daß seine Popularität und Autorität gerade in den drei letzten Dezennien nochmals stark gestiegen sind. Kaum eine internationale Krise wird nunmehr ohne Hinweis auf das Werk des Historikers und die z.T. sehr unterschiedlichen Lehren, die man daraus zu ziehen berechtigt zu sein glaubt, in ihren Gründen oder ihren zu erwartenden Folgen analysiert und „verstanden“.1 Thukydides ist bekanntlich besonders in Amerikas öffentlichem Diskurs heutzutage omnipräsent, gilt er doch seit langem als der „Erfinder der Politikwissenschaft“ und wird seine „Lehre“ von den verschiedensten Vertretern der Theorie der Internationalen Beziehungen (den Realisten, den Neorealisten, den Konstruktivisten, den Neokonservativen etc.) ständig in Anspruch genommen.

Die skizzierte Thukydides-Rezeption liefert zu einem erheblichen Teil den Hintergrund, vor dem der Aufbau und die anvisierte Leserschaft des anzuzeigenden stattlichen Bandes verstanden wissen wollen. Er enthält insgesamt 40 Beiträge und ist in vier Abschnitte geteilt: der 1. ist Thukydides‘ Methode und seinen Ansichten über wichtige Themen oder Perioden des Peloponnesischen Krieges (z.B. die Frühgeschichte Griechenlands, die sog. Pentekontaetie, die athenische Arche und die zwischenstaatlichen Beziehungen, die Kriegsursachen, der Archidamische Krieg, der Nikias-Friede etc.) gewidmet, der 2. befaßt sich mit verschiedenen literarischen und rhetorischen Mitteln des Werkes (u.a. Aufbau, Stil, auktoriale Bemerkungen, direkte Reden, Personencharakterisierung), im 3. wird hauptsächlich nach Thukydides‘ Ansichten in einer großen Zahl von mehr oder weniger mit der Politikwissenschaft zusammenhängenden Themen gefragt, und im 4. geht es um Thukydides‘ geistiges Milieu und das Nachleben seines Werkes von Xenophon bis Prokopios. Die Themen und deren Behandlung in den Abschnitten 1, 2 und 4 sind eher traditionell und alle Beiträge wurden von Klassischen Philologen oder Althistorikern verfaßt; fast alle 13 Beiträge von Abschnitt 3 stammen von amerikanischen political-science- Spezialisten und stellen zweifellos die wichtigste Innovation des Handbuchs dar, besonders im Vergeich zum 2006 erschienenen Brill’s Companion to Thucydides (vom Rezensenten und Antonis Tsakmakis herausgegeben). Die folgende Besprechung ist aus Raumgründen notwendigerweise selektiv. Ein Inhaltsverzeichnis folgt am Ende der Rezension.

Im 1. Abschnitt ragt zunächst der Beitrag von Hans van Wees hervor, in dem auf brillante Weise die Selektivität in der Behandlung der griechischen Frühgeschichte durch Thukydides in der sog. Archäologie demonstriert und das daraus entstandene verzerrte Bild mehrfach korrigiert wird; sein Fazit: „However impressive as an intellectual feat, as an account of events and developments before the Persian War, the Archaeology is highly selective and often misleading”. Mit der Glaubwürdigkeit der thukydideischen Darstellung des Archidamischen Krieges befaßt sich Peter Hunt, und zwar aus doppelter Perspektive: anhand einer Reihe von in der Forschung besprochenen Fällen weist er auf, daß das vom Historiker Erzählte sich meistens als zutreffend erwiesen hat oder zumindest nicht widerlegt wurde, sooft es mit den wenigen außerthukydideischen Zeugnissen konfrontiert wurde, und daß auch seine Gewichtung verschiedener Faktoren (z.B. die Finanzen Athens, Seemacht vs. Landmacht, Heloten, Perikles‘ Kriegsplan) nachvollziehbar ist, was freilich vereinzelt Ungenauigkeiten oder sogar „Fehler“ (z.B. in der Topographie von Pylos) nicht ausschließt. Emily Greenwood arbeitet (und zugleich beklagt) die athenozentrische Darstellung (die uns sehr selten einen Einblick in die Stimmungslage der etwa 52 an der Sizilischen Expedition beteiligten Volksstämme [nach 7.57ff.] erlaubt) heraus und betont zurecht die große spannungssteigernde Wirksamkeit des „war within the war“ im Rahmen der Gesamthistorie. Einige der übrigen Beiträge dieses Abschnitts beschränken sich entweder auf die Darlegung von Bekanntem oder Selbstverständlichem (Ellen Millender, Eric Robinson) oder auf die kommentierte Nacherzählung des jeweiligen Historie-Teils (so Cinzia Bearzot für den Zeitraum von 421 bis 413 v.Chr. oder Andrew Wolpert für Buch VIII mit einem Ausblick auf Athens Niederlage von 404).

Abschnitt 2 vereinigt einige der besten Beiträge des Bandes. Hunter R. Rawlings III betont2 die Bedeutung und Mannigfaltigkeit der sinnstiftenden Strukturierung der Erzählung für Thukydides‘ historiographisches Urteil („The levels of structuring seem almost limitless in Thucydides‘ text, so artful is his rhetorical sophistication ... Thucydides eschews didactism, always preferring the implicit method, always making the reader do the work of choosing. Structure rules.“); W. Robert Connor zeigt eindrucksvoll, wie Thukydides durch die verschiedenen Mittel des Ausbaus oder der Verdichtung der Erzählung (Reden, Dialoge, militärische Paränesen, emphatische Wiederaufnahme einer bereits fast vollendeten Darstellung, enargeia etc.) interpretatorische Zeichen setzt. Jeffrey Rusten analysiert sehr aufschlußreich die drei geläufigsten patterns im thukydideischen labyrinthartigen Periodenbau: die langen Sätze, in denen das Verb vorangestellt wird („the tree“), die charakteristisch thukydideischen langen Sätze, in denen das Verb an letzter Stelle steht („the funnel“), und schließlich diejenigen („diptych structures“), welche die ersten Satztypen kombinieren, indem sie ein Verb sowohl am Anfang als auch an deren Ende aufweisen (nach Rusten eine Erfindung des Thukydides). Rosaria Vignolo Munson zeigt durch eine ausgezeichnete Analyse von 2.14.2-15 (Theseus‘ synoikismos von Athen), daß die Ablehnung des Mythos bei Thukydides nicht absolut ist. Antonis Tsakmakis behandelt souverän eines der schwierigsten Probleme der Thukydides-Interpretation, die direkten Reden, ihre Funktion im Rahmen des Geschichtswerks und ihre Beziehung zur Wirklichkeit; zu Recht betont er, daß „Thucydides‘ speeches invite the reader to take a rather philosophical glance at the world“ und daß die Frage nach ihrer Historizität wahrscheinlich zu verneinen ist: „what is, then, left from what was really said? Indeed very little is guaranteed...“. Philip A. Stadter befaßt sich in einem sehr ausgewogenen Beitrag umfassend mit den verschiedenen Mitteln (z.B. direkte und indirekte Reden, Thukydides‘ persönliches Urteil, Partizipialsätze über die Motive und Gefühle der handelnden Personen etc.), die der individuellen Charakteristik der Protagonisten (Perikles, Kleon, Nikias, Alkibiades, Brasidas) dienen, und zieht die richtige Schlußfolgerung, daß die Charakteristik der Personen einen wesentlichen Bestandteil der thukydideischen Historiographie darstellt, die ja als Hilfe zum Verständnis der menschlichen Natur und der menschlichen Handlungen gedacht ist (1.22.4).

Gegen viele der im Abschnitt 3 zusammengestellten Beiträge, die, wie gesagt, zum großen Teil von amerikanischen Politikwissenschaftlern stammen, lassen sich aus der Sicht eines Klassischen Philologen zwei grundsätzliche Einwände erheben. Zum einen ist es wahrlich verblüffend, wie leicht (um nicht zu sagen leicht-fertig) Thukydides‘ eigene Meinung zu den verschiedensten Themen erschlossen wird und wie selbstverständlich diese besonders mit Aussagen verschiedener Redner identifiziert wird: besonders die Athenerrede in Sparta (1.73-78), die drei Periklesreden (bes. der Epitaphios), die Rede des Diodotos (3.42-48), der Melierdialog, die Reden des Alkibiades (6.16-18) und des Euphemos (6.82-87) dienen als Schatzhaus „thukydideischer“ „Lehren“, „Gnomen“, Ansichten etc. Daß die Forschung der letzten Jahrzehnte aber gezeigt hat, wie vielschichtig Thukydides‘Historie und wie problematisch die univoke Lesung dieses vielfältig interpretierbaren Textes sind, scheint die political scientists grundsätzlich nicht zu bekümmern. Zum anderen ist es evident, daß etliche Autoren dieses Abschnitts ihre Thukydideskenntnisse hauptsächlich aus diversen Übersetzungen (Crawley, Warner, Lattimore, Smith, Mynott) schöpfen; ob etwas derartiges bei einem der schwierigsten griechischen Texten ratsam ist, ist sehr stark zu bezweifeln. Hervorgehoben seien trotzdem aus diesem Abschnitt S. N. Jaffes durch akribische Textinterpretationen gewonnenes Bild der verschiedenen Regierungsformen („the regimes of the one, of the few, and the many“) und ihre Beurteilung durch Thukydides, sowie Victoria Wohls klare Behandlung der zentralen Rolle, welche die politischen Leidenschaften und die Gefühle in der Darstellung des Krieges spielen.

Mit Abschnitt 4 kehren wir auf festeren (und zugleich traditionelleren) Boden zurück. Rosalind Thomas zeigt souverän anhand von Einzelbeispielen auf, daß Thukydides in einem aktiven Dialog mit den Autoren der frühen hippokratischen Schriften und den Sophisten stand; Tobias Joho analysiert die vielfältigen Erzähltechniken, die Thukydides und der homerischen Dichtung gemeinsam sind; Jeffrey Henderson bietet einen klaren Überblick über Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Darstellung des Krieges (Einheit, Ursachen, Sizilische Expedition etc.) und seiner Protagonisten (Perikles, Kleon, Demos etc.) zwischen Thukydides und der Alten Komödie; Nicolas Wiater informiert umfassend über das vielbehandelte Thema des thukydideischen Einflusses auf Polybios und Sallust. Die Darstellung der antiken Thukydides- Rezeption endet leider mit einem eher enttäuschenden, weil zu oberflächlichen, Beitrag von Conor Whately zu Prokop und (sehr beiläufig) anderen frühbyzantinischen Historikern.3

Die größtenteils hohe Qualität seiner Beiträge wird das Handbuch zweifellos zur Pflichtlektüre der Thukydidesforschung machen; zugleich wird es auch die (besonders jenseits des Atlantiks herrschende) Thukydidomanie befriedigen, auch wenn dies auf eine für die Philologen nicht immer nachvollziehbare Weise erreicht wird. Daß aber dadurch Thukydides geholfen wird, in aller Munde zu bleiben, ist gewiß ein großer Gewinn.

Inhaltsverzeichnis

Introduction, p. 1
Section I : Thucydides as Historian
Sarah Forsdyke, “Thucydides Historical Method”, p. 19
Hans van Wees, “Thucydides on Early Greek History”, p. 39
Lisa Kallet, “The Pentecontaetia”, p. 63
Ellen G. Millander, “Sparta and the Crisis of the Peloponnesian League in Thucydides’ History”, p. 81
Polly Low, “Thucydides on the Athenian Empire and Interstate Relations (431-404)”, p. 99
Eric W. Robinson, “Thucydides on the Causes and Outbreak of the Peloponnesian War”, p. 115
Peter Hunt, “Thucydides on the First Ten Years of War (Archidamian War)”, p. 125
Cinzia Bearzot, “Mantinea, Decelea, and the Interwar Years (421-413 BCE)”, p. 145
Emily Greenwood, “Thucydides on the Sicilian Expedition”, p. 161
Andrew Wolpert, “Thucydides on the Four Hundred and the Fall of Athens”, p. 179
Section II : Thucydidean Historiography
Hunter R. Rawlings III, “Writing History Implicitly through Refined Structuring”, p. 195
W. Robert Connnor, “Scale Matters: Compression, Expansion, and Vividness in Thucydides”, p. 211
Jeffrey Rusten, “The Tree, the Funnel, and the Diptych: Some Patterns in Thucydides’ Longest Sentences”, p. 225
Mathieu de Bakker, “Authorial Comments in Thucydides”, p. 239
Rosaria Vignolo Munson, “Thucydides and Myth: A Complex Relation to Past and Present”, p. 257
Antonis Tsakmakis, “Speeches”, p. 267
Philip A. Stadter, “Characterization of Individuals in Thucydides’ History”, p. 283
Edith Foster, “Campaign and Battle Narratives in Thucydides”, p. 301
Section III : Thucydides and Political Theory
Ryan K. Balot, “Was Thucydides a Political Philosopher?”, p. 319
Arlene W. Saxonhouse, “Kinesis, Navies, and the Power Trap in Thucydides”, p. 339
Clifford Orwin, “Thucydides on Nature and Human Conduct”, p. 355
Mark Fisher – Kinch Hoekstra, “Thucydides and the Politics of Necessity”, p. 373
S. N. Jaffe, “The Regime (Politeia) in Thucydides”, p. 391
Michael Palmer, “Stasis in the War Narrative”, p. 409
Paul A. Rahe, “Religion, Politics, and Piety”, p. 427
Victoria Wohl, “Thucydides on the Political Passions”, p. 443
Mary P. Nichols, “Leaders and Leadership in Thucydides’ History”, p. 459
John Zumbrunnen, “Thucydides and Crowds”, p. 475
Arthur M. Eckstein, “Thucydides, International Law, and International Anarchy”, p. 491
Paul Ludwig, “Xenophon as a Socratic Reader of Thucydides”, p. 515
Gerald Mara, “Political Philosophy in an Unstable World: Comparing Thucydides and Plato on the Possibilities of Politics”, p. 531
Section IV : Contexts and Ancient Reception of Thucydidean Historiography
Leone Porciani, “Thucydides’ Predecessors and Contemporaries in Historical Poetry and Prose”, p. 551
Rosalind Thomas, “Thucydides and His Intellectual Milieu”, p. 567
Tobias Joho, “Thucydides, Epic, and Tragedy”, p. 587
Jeffrey Henderson, “Thucydides and Attic Comedy”, p. 605
Vivienne J. Gray, “Thucydides and His Continuators”, p. 621
Casper C. de Jonge, “Dionysius of Halicarnassus on Thucydides”, p. 641
Nicolas Wiater, “Polybius and Sallust”, p. 659
Cynthia Damon, “Writing with Posterity in Mind: Thucydides and Tacitus on Secession”, p. 677
Conor Whately, “Thucydides, Procopius, and the Historians of the Later Roman Empire”, p. 691

Notes:


1.   Einige Beispiele in rückblickender Folge: der Begriff der „Thukydides-Falle“ (Thukydides‘ Anayse der „im tiefsten Sinn wahren Ursache“ des Peloponnesischen Krieges) bringt nach Graham Allison (Destined for War: Can America and China Escape Thucydides’s Trap?, Boston; New York 2017) die Gefahren der amerikanisch-chinesischen Spannungen (Sparta vs. Athen) zum Ausdruck, der Melierdialog dient dem ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis zum Sinnbild für den Umgang des übermächtigen Internationalen Währungsfonds (und des ebenfalls selbstherrlichen Eurogroup der Finanzminister der Euro-Staaten) mit dem schwachen Griechenland (Athen vs. Melos), (And the Weak Suffer What They Must?, New York 2016), die athenischen Demagogen (allen voran Kleon) liefern den Prototyp für Donald Trump, der Umgang Athens mit seinen Verbündeten im thukydideischen Werk (Melierdialog, Mytilene-Debatte, Naxos, Thasos) wird in den Brexit-Debatten heraufbeschworen usw.
2.   Im Anschluß an sein bahnbrechendes Buch The Structure of Thucydides‘ History (Princeton 1981).
3.   Es sei ausdrücklich auf den ausgezeichneten Beitrag von D. Reinsch, „Byzantine Adaptations of Thucydides“ in Brill’s Companion hingewiesen (den Whately nicht einmal erwähnt). Für die spätere Thukydides-Rezeption vgl. K. Meister, Thukydides als Vorbild der Historiker. Von der Antike bis zur Gegenwart (Paderborn 2013) und Chr. Lee & N. Morley, A Handbook to the Reception of Thucydides (Malden, MA 2015).

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